13 Nov

Die Kraft des Geschichtenerzählens

Es begegnet uns überall. In unserer Kultur, unseren Mythen, unseren Liedern, in den Medien, der Politik, in all den bewegten und stillen Bildern, in Vorträgen, Präsentationen und in der abendlichen Erzählung von dem, was wir tags erlebt haben. Storytelling ist Teil unseres Lebens, denn wir alle sehnen uns nach berührenden Geschichten, die vermitteln, die Orientierung geben, Sinn unterstellen und uns bisweilen auf Gedankenreisen schicken.

Unter Anleitung des Filmproduzenten Ivan Engler wollen wir in einer Denkwoche vom 12. bis 18. Mai 2019 in die Kunst und der Kraft des Geschichtenerzählens eintauchen. Unsere Kolumnistin Lea Ransbach nahm dies zum Anlass, an einem Kurs für kreatives Schreiben teilzunehmen und hat eine Kurzgeschichte verfasst, die sich in Château d'Orion zuträgt. Lesen Sie selbst!

 

Sie löste den Knoten ihrer Schürze und warf sie auf die Holzbank, die an der hintersten Wand der alten Küche lehnte. Unruhig lief sie in der Küche auf und ab, unfähig ihrer Arbeit nachgehen zu können. Auf der Steinplatte in der Mitte des Raumes, die als Ablagefläche diente, türmten sich noch die dreckigen Teller und Töpfe, die sie nach dem Mittagessen hier abgestellt, aber noch nicht angerührt hatte. Die alte Küche, die der Wärme mit ihren kalten Steinwänden immer zu trotzen schien, war noch erhitzt vom Brodeln der großen Töpfe und in der Luft hing der Geruch von Kürbissuppe und Ingwer. Sie durchquerte den Raum mit klopfendem Herzen, das sich allmählich beruhigte, wenn sie sich vom Speisesaal nebenan entfernte und das sich wieder beschleunigte und ihr den Atem zu rauben schien, wenn sie sich dem Raum nebenan wieder näherte. Aufgeregtheit und Unentschlossenheit hatten sich in ihr breit gemacht, seit sie wusste, dass sie im Raum nebenan für ein letztes Gespräch zusammengekommen waren. Entfernte sie sich, so dachte sie, sie würde übertreiben und könne sich einfach dazusetzen. Näherte sie sich wieder, packte sie die Angst, machte einen Rückzieher und beschloss, eine weitere Runde zu drehen.

Heute war der letzte Tag eines Seminars, das in dem kleinen Schloss, in dem sie seit einiger Zeit lebte und arbeitete, stattfand. Sie veranstalteten häufiger solche Veranstaltungen und sie war jedes Mal aufs Neue fasziniert von diesen Zusammenkünften. Das Haus befand sich in einem kleinen Ort am Fuße der Pyrenäen, abgeschieden vom Rest der Welt. Darin lag sowohl sein Charme als auch sein Verhängnis. Hatten sie keine Veranstaltungen und keinen Besuch, dann fühlte sie sich schnell verloren zwischen all den Bergen. So nah am Atlantik konnte sich das Wetter außerdem schnell verändern. An Tagen, wo die Sonne hinter den Hügeln der Pyrenäen verschwand, Nebel und düstere Wolken sich über ihnen ausbreiteten und der Wind um das schöne Haus fegte, erlebte sie eine Einsamkeit, die sie zuvor nie gekannt hatte. Sie liebte es, wenn das Haus sich jedes Mal aufs Neue füllte, die Räume wieder wärmer wurden und das Stimmengewirr sie wieder aus ihrer Verlassenheit und zurück in die Realität holten. Mit jedem Mal entstand eine ganz neue Welt mit neuen Menschen und neuen Geschichten, die das Haus füllten und lebendig hielten. Sie hätte sich nicht erinnern können, einen anderen Ort gesehen zu haben, wo sich die Intimität zwischen den Menschen schneller einstellte als hier. Vielleicht lag es daran, dass die Menschen hier stärker das Bedürfnis hatten, näher zusammenzurücken. Vielleicht lag es daran, dass alle Tätigkeiten, auch wenn jeder seinen eigenen nachging, auf etwas Gemeinsames gerichtet waren. Vielleicht lag es daran, dass sich die Menschen während der Seminare, die hier stattfnden, leidenschaftlich auf ein gemeinsames Thema stürzten und das auf eine Weise, wie es den wenigsten in ihrem Alltag vergönnt war.

Dieses Woche lautete das Thema „Hannah Arendt in Südfrankreich“. Sie war während solcher Veranstaltungen meist ununterbrochen beschäftigt. Sie musste sich um die Gäste, das Essen und andere organisatorische Aufgaben kümmern. Trotzdem versuchte sie jedes Mal, die Menschen zu beobachten, ein paar Worte oder gar einen ganzen Gedanken aufzuschnappen, um diese Eindrücke dann mitzunehmen. Dieses Mal war es das Bild einer rothaarigen Frau, die leidenschaftlich und ohne jede Scham sprach. Und es waren Begriffe wie Handeln, Person sein, Geschichten erzählen und Welt, die sie immer wieder gehört hatte, ohne zu wissen, warum sie für die Rothaarige und die sechs Studenten, die immer an ihren Fersen hefteten, so wichtig waren. Es gab noch andere Teilnehmer, aber es war diese kleine Gruppe, der sie in den letzten Tagen immer wieder neugierig hinter hergeschaut hatte. Sie hatte beobachtet, wie diese sieben Menschen zwischen den Vorträgen und Diskussionen immer wieder in die Küche gekommen waren, um sich einen Tee zu machen, der die tiefsitzende Kälte vertreiben sollte. Vielleicht war die Kälte aber auch nur ein Vorwand, um sich von der Menschenmasse zurückziehen zu können und das immer in Bewegung bleibende Gespräch in der kleinen Gruppe fortsetzen zu können. Sie war hingerissen von ihrer Begierde, immer wieder aufeinanderzutreffen und an irgendeinem Punkt wieder einsetzen zu können. Sie hatte sie auch abends beim Abendessen im großen Speisesaal beobachtet, während sie immer wieder den Raum betreten hatte, um neue Speisen aufzutischen oder um den Tisch abzuräumen. Der Speisesaal war erhitzt, das Stimmengewirr jedes Mal laut und alle reichten sich fröhlich die Speiseplatten zu, um sich dann anschließend gierig auf ihre Teller zu stürzen als hätten sie seit Tagen nichts gegessen.

Diese sieben Menschen saßen nun am großen runden Tisch im Raum nebenan. Sie war begierig darauf, sich mit ihnen an den Tisch zu setzen und ihren Worten zu folgen, aber sie traute sich nicht. Die sieben waren so vertraut miteinander, wussten wovon sie sprachen, hatten alle eine eigene Meinung und hatten keine Probleme, diese auch laut zu auszusprechen. Sie selbst hatte nicht das Gefühl, mit ihnen mithalten zu können. Sie schämte sich sogar bei der Vorstellung, sich einfach dazuzusetzen. Was würden sie über sie denken? Sie würden sie vermutlich verwirrt anschauen und lachen sobald sie den Mund aufmachte. Aber das würde sie vermutlich sowieso nicht tun. Sie war es nicht gewohnt, vor anderen Menschen zu sprechen. Sie behielt ihre Gedanken zumeist für sich, schrieb sie in ihr Tagebuch oder redete manchmal mit einer einzelnen Person darüber. Vor einer Gruppe von Menschen zu sprechen machte ihr Angst. Sie hatte das Gefühl, es würde ganz still um sie werden und alle würden sie erwartungsvoll anschauen. Diese Stille, Aufmerksamkeit und Erwartung konnte sie schwer ertragen. So bevorzugte sie es meistens, im Hintergrund des Geschehens zu bleiben. Sie beobachtete lieber und hörte aufmerksam zu, brachte sich jedoch selten ein.

Diese junge Frau hätte später nicht sagen können, was ihre Entscheidung schließlich ausgelöst hatte, aber aus irgendeinem Grund griff sie nach einem Tablett, nahm acht Tassen aus dem Schrank, brühte Wasser auf und balancierte das Tablett auf zitternden Händen in Richtung des Speisesaals. Sie steuerte langsam auf den Tisch zu, stellte das Tablett ab, reichte jedem eine Tasse und nahm sich schließlich die letzte. Sie setzte sich, ihr Blick auf den Tisch gerichtet. Sie wusste, dass die Rothaarige ihr gegenüber saß. Sie traute sich nicht, ihren Blick zu heben. Schauten sie sie alle an? Oder, noch schlimmer: tauschten sie Blicke untereinander aus und machten sich über sie lustig? Es war eine Zeit lang still und sie versuchte es so aussehen zu lassen, als nippe sie konzentriert an ihrem Tee. Sie wusste, dass sie einen hochroten Kopf haben musste, das passierte ihr öfter. „Bitte, bitte, schaut mich nicht an. Redet weiter.“, dachte sie und das taten sie glücklicherweise tatsächlich. Als sie die Stimmen um sich herum wieder hörte und spürte, wie sich die Aufmerksamkeit von ihr abgewandt hatte, entspannte sie sich langsam. Sie konnte wieder Atmen, ihr Rücken wurde wieder weicher und die Röte in ihrem Gesicht schien langsam zu verschwinden. Jedenfalls fühlte sich ihr Kopf nicht mehr ganz so heiß an.

Ein Wort tauchte in dem Gespräch immer wieder auf. Handeln. Sie hatte es in diesen letzten Tagen schon öfters gehört. „Was Arendt unter Handeln versteht, versteht man nur, wenn man sich auch ihre Begriffe des Arbeitens und Herstellens näher anschaut.“, sagte die Rothaarige. „Arbeiten, Herstellen und Handeln sind diejenigen Tätigkeiten, denen sich kein Mensch enthalten kann. Der Mensch ist Mensch, indem er arbeitet, herstellt und handelt. Im Handeln entfaltet sich der Mensch im höchsten Maße. Im Handeln offenbart er vor anderen, wer er ist. Interessant, oder?“, sie machte eine Pause. „Die meisten Philosophen würden doch eher sagen, die Vernunft sei das, was den Menschen auszeichnet.“ Die Studenten nickten zustimmend. „Wer behauptet denn zum Beispiel, dass sich der Mensch durch Vernunft auszeichnet?“ Die junge Frau wusste es nicht, wandte ihren Blick von der Rothaarigen ab und schaute auf ihre Tasse Tee. „Kant.“, sagte eine Studentin. „Aristoteles.“, sagte ein anderer. „Zwei der größten Philosophen, genau. Und jetzt behauptet Arendt, der Mensch entfalte sich vor allem im Handeln? Das ist doch schon interessant…Aber was genau meint Arendt mit Handeln?“ Sie hielt kurz inne, bevor sie weiter sprach. „Vielleicht müssen wir noch einen Schritt vorher ansetzen. Arendt sagt, dass diese drei Tätigkeiten, das Arbeiten, Herstellen und Handeln, deshalb Grundtätigkeiten sind, also Tätigkeiten, an denen kein Mensch vorbeikommt, weil sie den Grundbedingungen menschlichen Lebens entsprechen.“ Sie machte wieder eine kurze Pause. „Was sind eurer Meinung nach die drei Grundbedingungen menschlichen Lebens?“ „Dass der Mensch genug zu essen hat.“, sagte ein Student und lachte. Die Rothaarige nickte. „Dass der Mensch sich weiter fortpflanzt.“, sagte eine andere. „Dass er ein Dach über dem Kopf hat.“, sagte wieder eine andere. Die Rothaarige nickte. Auch die junge Frau nickte interessiert, ihre Art zu zeigen, dass sie aufmerksam zuhörte und dem Gesagten zustimmte. „Ja, genau. Das würde auch Arendt sagen. Das Arbeiten sichert unser Überleben, z.B. dadurch, dass wir uns etwas zu Essen kaufen können. Das Herstellen errichtet eine Welt von Gegenständen, die uns überdauern und somit eine Welt, in der wir und auch nachfolgende Generationen zu Hause sein können. Sie spricht aber noch etwas an, was keiner von euch genannt hat. Etwas, was sich auch zwischen Vergangenheit und Zukunft bewegt, sich aber vor allem auf das Hier und Jetzt bezieht.“ „Spaß oder Glück.“, rief eine Studentin herein. Die junge Frau war genervt. So hatte sie gar keine Zeit sich ihre eigenen Gedanken zu machen. „Ja, so etwas wie Gut-Leben.“, stimmte eine andere Studentin zu. „Nicht ganz, auch wenn es sicherlich etwas damit zu tun hat…Pluralität, würde Arendt sagen.“ Alle schauten überrascht auf. „Ja, auch das scheint nicht der Common Sense in der Philosophie zu sein, nicht wahr?“, sagte die Rothaarige lachend. „Pluralität bedeutet für Arendt, dass nicht ein Mensch, sondern Menschen die Erde bevölkern.“, sie schluckte und sprach weiter. „Mehr noch: jeder Mensch ist jeweils einzigartig und so unterscheidet sich jeder Mensch von allen anderen Menschen.“ „Und inwiefern ist das eine Grundbedingung?“, fragte ein Student. „Naja, weil wir nichts dagegen tun können, dass wir in eine Welt unterschiedlichster Menschen hineingeboren werden. Wir müssen damit leben, mit anderen leben und Verständigung suchen.“ Die junge Frau schaute die Rothaarige an und nickte. „Wir sind also gewissermaßen gezwungen zu handeln.“

Die junge Frau war fasziniert von dieser Rothaarigen. Obwohl sie selbst nicht viel über Philosophie wusste, war dies nicht ihr erstes philosophisches Gespräch, das sie miterlebt hatte. Sie hatte zuvor in einem kleinen Café gearbeitet, in dem jeden Sonntagvormittag philosophische Diskussionen stattfanden. Es war eines derjenigen Ereignisse in dem kleinen Dorf, aus dem sie kam, bei denen sich die vermeintlich klügsten Köpfe der Stadt herausputzten und mit ihren schicksten Brillen und Notizblöcken in das kleine Café strömten. Sie hatte an diesen Diskussionen nie teilgenommen, empfand jedoch auch zu dieser Zeit schon eine gewisse Bewunderung für diese Leute, die sich provokativ zurücklehnten und nichts taten als zu denken. Sie musste schmunzeln als die daran dachte, wie sich ihre Chefin immer darüber aufgeregt hatte. „Und dann noch diese Arroganz.“ Sie wusste, was sie meinte. Es waren diese klugen Köpfe, die ganz besonders hohe Ansprüche an ihren Kaffee, die entsprechende Zubereitung und die Auswahl der Tassen hatten. Mit gespitzten Lippen nippten sie dann an ihren Kaffees und so manche hinterließ provokativ einen Rest roten Lippenstift.

Das Gespräch mit der Rothaarigen war jedoch anders als so viele dieser Gespräche, die sie aus dem Café kannte. Auch wenn sie dort immer nur mit halbem Ohr zuhörte, wusste sie ungefähr, wie die Gespräche abliefen. Es gab zwei bis drei Männer in der Runde, die irgendwann das Wort ergriffen und nicht mehr losließen. Ihr Vater hatte dieses Phänomen immer „Ko-Referat“ genannt und sie begriff erst jetzt, was er eigentlich damit meinte. Diese Männer, denn dieses Phänomen war bei Frauen tatsächlich seltener anzutreffen, wollten einfach gerne reden. Sie wollten gehört und gesehen werden. Jeden Sonntag suchten sie für diesen Anlass ihre schicksten Anzüge heraus. Dieses Gespräch aber war anders gewesen. Hier hatte keiner geredet, um zu reden. Sie hatten über etwas und miteinander geredet. Die Rothaarige leitete sie zwar, stellte Fragen, erzählte etwas, war dabei aber nie aufdringlich und gab ihnen Raum, darüber nachdenken zu können. Sie hatte noch nie zuvor das Gefühl gehabt, jemandem auf Schritt und Tritt in seinen Gedanken folgen zu können. Die Rothaarige ging vor, wartete kurz, sodass sie sie einholen konnte holte und jeder weitere Schritt machte Sinn. Sie wurde richtig gereizt, wenn einer der Studenten etwas dazwischen rief und dieses gemeinsame Denken mit der Rothaarigen störte. Sie hatte das Gefühl, die Rothaarige habe einen roten Faden, dem sie folgte. Sie hatte das Gefühl, bei jedem weiteren Schritt, jedes Mal, wenn sie etwas Neues verstanden hatte, mache es regelrecht „Klick“ in ihrem Kopf. Das gefiel ihr.

Wenn Stille eintrat, redete die Rothaarige weiter. Sie überrollte sie dabei jedoch nicht, sondern wählte behutsam ihre Worte. „Worte bringen das Denken in Gang.“, sagte sie manchmal. Und es war wirklich so. Es verschaffte Zeit, um noch einmal über das Gesagte nachzudenken, ohne dass sich sofort jemand anderes hätte zu Wort melden können. Das Gespräch kam nie zum Stillstand. Es pausierte, drehte sich im Kreis, ohne ununterbrochen nach vorne zu gehen, aber dennoch blieb es in Bewegung.

„Welche weiteren zwei Grundbedingungen könnte es geben, die die drei Grundtätigkeiten des Arbeitens, Herstellens und Handelns nochmal umschließen? Diejenigen Grundbedingungen menschlichen Lebens schlechthin?“, fragte sie nun. Die junge Frau dachte nach. Die Bedingungen des menschlichen Lebens schlechthin. War es nicht die Tatsache, dass alle Menschen irgendwann sterben müssen? Da hörte sie, wie eines der Mädchen, das ihr gegenüber saß, genau das sagte. „Ist es nicht unsere Sterblichkeit?“ „Ja, genau. Arendt nennt es unsere Mortalität.“, sagte die Rothaarige. „Neben dem Begriff der Mortalität verwendet Arendt jedoch noch einen weiteren Begriff, den der Natalität, d.h. der Gebürtlichkeit. Sie geht also, anders als andere Philosophen, nicht nur von der Tatsache aus, dass wir eines Tages sterben werden, sondern auch davon, dass wir eines Tages als Neuankömmling in die Welt gekommen sind. Mortalität und Natalität rahmen gewissermaßen unser Leben und somit die drei Grundtätigkeiten ein.“ Die Rothaarige schloss einen Kreis um ihre angelegte Begriffskette, indem sie noch einmal kurz zusammenfasste. „Arendt hat eine Stärke dafür, viele Begriffe schnell und einfach in Verbindung zu bringen.“, sagte sie anschließend. Die junge Frau lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und bemerkte, wie auch alle anderen für einen kurzen Moment Luft holten und in sich zusammensackten, um sich dann wieder konzentriert aufzurichten, die Köpfe auf den Händen aufgestützt. Die Rothaarige nahm einen Schluck aus ihrer Tasse, bevor sie wieder zum Reden ansetzte.

„Was aber versteht Hannah Arendt nun unter Handeln?“ Es war eine rhetorische Frage, denn sie setzte sogleich wieder an. „Ich hatte gesagt, es sei nur zu verstehen, wenn man weiß, was Arendt unter Arbeiten und Herstellen versteht. Das Arbeiten ist einem Kreislauf unterworfen. Wir arbeiten, um zu überleben. Das Herstellen hinterlässt eine Welt von Dingen, die überdauert und die uns ein Zuhause ist. Beide sind auf einen bestimmten Zweck hin gerichtet. Das Handeln hingegen ist etwas vollkommen Offenes und das, was für Arendt letztendlich Sinn stiftet.“ Sie machte eine Pause. Die junge Frau verstand nicht ganz. „Inwiefern ist es das Handeln, was Sinn stiftet und was bedeutet es überhaupt, dass das Handeln Sinn stiftet?“, fragte eine der Studentinnen. „Nun, das Arbeiten und Herstellen sichert gewissermaßen das Leben der Menschen. Würden Menschen aber immer nur arbeiten und Dinge herstellen, dann würde doch letztendlich überhaupt nichts mehr in der Welt passieren. Das, was die Welt der Menschen letztendlich füllt, sind die Geschichten, die Menschen hervorbringen oder die man sich über Menschen erzählt. Dafür aber müssen Menschen handeln und sprechen und zwar in einem Raum, wo sie gesehen und gehört werden. Das kann durchaus Mut erfordern, sagt auch Arendt.“ „Also zum Beispiel so, wie hier in unserer Gruppe?“, fragte ein Student. Die Rothaarige lachte. „Nein, nicht ganz. Für Arendt kann es das Handeln nur im öffentlichen, politischen Raum geben. Wir sind hier zwar immerhin schon umgeben von anderen und tauschen uns aus, aber hier sind wir doch noch recht abgeschnitten von der Welt. Man könnte vielleicht sagen, es ist einer jener Orte, an denen wir uns aufwärmen, Kraft tanken, neue Ideen entwickeln, um dann wieder nach draußen gehen zu können.“ „Das heißt, irgendwann muss jeder rausgehen?“ „Für Arendt ja. Irgendwann sollte jeder nach außen treten.“

Die junge Frau fühlte sich vollkommen erschöpft, seit die Rothaarige gegangen und das Gespräch am runden Tisch beendet war. Es war jedoch ein gutes Gefühl. Obwohl sie so viel aufgenommen hatte, fühlte sich ihr Kopf freier denn je an. Sie hatte das Gefühl, das Gespräch habe Platz geschaffen für etwas Neues. Ganz anders als nach den Gesprächen mit ihrem Vater, nach denen sie sich immer wie überfahren gefühlt hatte. Platt und zerdrückt. Wenn dieser seinen Monolog beendet hatte, und sie am Ende fragte: „Und, was sagst du denn dazu?“, blieben ihr immer die Worte im Hals stecken und sie war so blockiert, dass sie ihm nicht antworten konnte. Jetzt aber konnte sie frei atmen und die Masse an Sauerstoff, die sie einatmete, löste ein kribbeliges Gefühl in ihrem Bauch aus. Sie hatte große Lust, lauthals zu lachen. Sie verstand jetzt: ihr Vater war selbst einer der größten Ko-Referenten. Sie hasste Ko-Referenten.

Anders als die anderen hatte die junge Frau den Speisesaal sofort verlassen und sich nicht mehr von der Rothaarigen verabschiedet. Sie wusste nicht, wie sie der Rothaarigen gegenübertreten sollte. Sie hatte ihr die ganze Zeit über mit erhitzten Wangen an den Lippen gehangen. Während die Studenten dem Denken der Rothaarigen immer schon einen Schritt voraus waren und sie überrollten, hatte sie sich dem Denktempo der Rothaarigen vollkommen angepasst. Sie empfand es als eine unangenehme Störung, wenn einer der Studenten zu schnell war und sie einfach unterbrach. Sie hatte das Gefühl, jeden Schachzug, den die Rothaarige in ihren Gedanken vornahm, nachvollziehen zu können als sei es ihr eigener und dennoch fiel es ihr unglaublich schwer, ihre eigenen Gedanken dazu zu formulieren. Durch diese Verbundenheit in ihren Gedanken hatte sie das Gefühl, dass sich zwischen ihnen eine besondere Intimität eingestellt hatte. Nachdem das Gespräch beendet war, wusste sie nicht, wie sie mit dieser Intimität umgehen sollte. Und es kam noch etwas hinzu, für das sie sich zunächst schämte: sie hatte sich während des Gespräches gefühlt, als sei sie in einem Rauschzustand, als hätte sie sich vollkommen gehen und tragen lassen. Jetzt wo sie wieder kontrolliert war, schämte sie sich dafür. Sie schämte sich für noch etwas: dafür, dass sie sich selbst so schwer tat, vor anderen Menschen zu sprechen, selbstbewusst rauszugehen und dort zu handeln, wo sie jeder sah. Welche Geschichten würden die Menschen aber über sie erzählen?

Sie durchquerte den Hausflur in der Hoffnung, niemandem über den Weg zu laufen. Sie öffnete die Tür und spürte den kalten Wind auf ihren heißen Wangen. Sie setzte sich auf die Bank vor dem Schloss und das kleine Tal zwischen den Bergen tat sich unter ihr auf. Mit einem Mal packte sie endgültig ein gewaltiges Lachen. An diesem Nachmittag war jedoch niemand da, der sie auf der Bank sehen und ihr Lachen hören konnte. Keiner würde davon erzählen.

Doch sie hatte sich geirrt. In einem der Fenster des ersten Stockes trat eine alte Dame hinter dem grünen Vorhang hervor und schaute hinaus. Eine Frau, die beschlossen hatte, nicht nur das Haus, sondern auch ihr Zimmer nicht mehr zu verlassen. Ihre Chanel-Kostüme hatte sie sorgfältig in den Schrank gehängt. Den roten Lippenstift, den sie damals so gerne getragen hatte, hatte sie behutsam in eine Schublade gelegt. Und nun wartete sie, dass ihre Geschichte zu Ende ging. Als sie Marianne unten lachend auf der Bank sitzen sah, musste sie schmunzeln. Es hatte sich etwas verändert. Diese junge Frau würde das Schloss bald verlassen, dachte sie.

22 Okt

Grund zur Hoffnung – Albert Camus und die Überwindung des Absurden

Quelle: http://salon-litteraire.linternaute.com

 

What are we fighting for? What do we live for? What do we pray for? What do we die for? What are we doing here?

… Diese Zeilen singt Jocelyn B. Smith im Konzert in Château d’Orion und richtet die Fragen an ihre Zuhörer. Es war einer jener letzten Momente unserer Hauptsaison 2018. Sie bildeten das Ende einer wundervollen, aufregenden Zeit und leiteten eine neue Zeit ein. Eine ruhigere Zeit und damit eine Zeit, wo wir uns diesen existentiellen Fragen wieder verstärkt zuwenden können. Es handelt sich um die Frage nach dem Sinn in unserem Leben und damit die philosophische Frage schlechthin, auch wenn sie einige Philosophen zu umgehen versuchen. Vertreter des philosophischen Existentialismus hingegen machen diese Frage gerade zum Ausgangspunkt ihrer Reflexionen und über einen von ihnen werden wir in der kommenden Saison 2019 sprechen: Albert Camus – derjenige, der die Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens vielleicht am konsequentesten zu Ende gedacht hat.

„Nicht geboren zu sein, ist das Beste.“, sagt Camus. Wenn das wirklich so ist, dann stellt sich die Frage, ob es nicht besser ist, unserem elendigen Leben ein Ende zu setzen. Genau das ist für Camus die dringendste Frage, die die Philosophie zu beantworten hat. Ist Suizid besser? Und wenn nicht, was lässt uns dennoch weiterhin kämpfen, beten, leben und handeln? Wozu tun wir all das? Glücklicherweise ist Camus nicht einfach nur hoffnungsloser Pessimist, sondern hat eine Antwort für uns parat. Ob sie für jeden einzelnen von uns wirklich die Antwort ist, die wir brauchen, muss am Ende jeder selbst für sich entscheiden. In Vorbereitung auf unsere Denkwoche mit Camus und während der ruhigen Wintermonate ist es dieser Philosoph aber sicherlich wert, dass wir über seine Ideen ein wenig nachdenken.

Wie viele Existenzphilosophen geht Camus zunächst vom Individuum aus. Er fragt sich, was jeden einzelnen von uns am Leben hält, wo dieses Leben doch eigentlich sinnlos ist. Um zu verstehen, was er damit meint, hilft es, sich seine viel zitierte Metapher des Sisyphos vor Augen zu führen. Sisyphos wird von den Göttern bestraft und soll nun für den Rest seines Lebens einen schweren Stein einen Berg hochrollen. Oben angekommen, wird dieser Stein immer wieder nach unten rollen und Sisyphos ist sich dessen bewusst. Obwohl dieses Unternehmen zutiefst sinnlos ist, darf er nicht aufhören. Sinnlos ist es zum einen, da seine Anstrengungen zu nichts führen. Sinnlos ist es zum anderen, da er abgesehen von seiner Strafe nicht weiß, wozu seine Tätigkeit eigentlich gut sein soll. Sisyphos ist für Camus das Sinnbild für die im wahrsten Sinne des Wortes schwere Last des menschlichen Lebens, die wir alle zu tragen haben.

Es geht Camus nicht bloß darum, dass verschiedene Momente, Episoden oder Phasen des menschlichen Lebens als sinnlos empfunden werden. Dieses Gefühl kennen wir alle. Ihm geht es vielmehr darum, dass das Leben als Ganzes sinnlos ist und damit nicht um die Frage, warum soll ich dieses oder jenes tun, sondern warum soll ich überhaupt noch irgendetwas tun. Und kennen wir dieses Gefühl auch? Ich behaupte ja. Jeder, der ein einigermaßen ausgeprägtes philosophisches Gemüt hat, wird sich diese Frage in verschiedenen Momenten seines Lebens stellen. Wir sprechen dann oft von Sinnkrisen. Für Camus entstehen diese Krisen aber nicht bloß aufgrund bestimmter Ereignisse. Sie sind nicht neu und erscheinen uns nicht ganz plötzlich. Für ihn sind diese Fragen immer in uns und während derartiger Sinnkrisen nehmen wir sie wieder verstärkt wahr.

Wie genau ist diese Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens als Ganzes nun aber zu verstehen? Vielleicht wird sie deutlicher, wenn wir einen Blick auf einen anderen Existenzphilosophen werfen. Sartre sagt: Die Existenz geht der Essenz voraus. Diese These ist die Basis seiner Existenzphilosophie und sie lässt sich auch auf Camus anwenden. Sartre vergleicht das menschliche Leben mit einem Gegenstand. Nehmen wir beispielsweise einen Bleistift. Bevor dieser Bleistift überhaupt produziert wird und damit in der Welt existiert, gibt es bereits einen Hersteller, der weiß, wozu dieser Stift dienen soll und wie er dementsprechend beschaffen sein muss. Dies gilt nicht für den Menschen. Hier gibt es laut Sartre keinen Hersteller, sei es Gott, der bereits einen vorgezeichneten Plan für den Menschen hat. Der Mensch wird laut Sartre gewissermaßen in die Welt geworfen und erst dann beginnt er, sein Wesen nach und nach zu entwickeln. Das bedeutet aber, dass der Mensch, anders als ein Bleistift, in absoluter Freiheit in die Welt eintritt. Der Mensch hat zunächst keinerlei Orientierung. Er weiß weder, warum er überhaupt auf der Welt ist – ist es bloßer Zufall? – noch weiß er, wohin er gehen soll. Was ist der erste Schritt, den wir in unserem Leben tun und der uns dann weiterführt? Ist auch er Zufall? Diese Freiheit mögen die einen als bedrückend, die anderen als erleichternd empfinden. Tatsache ist jedoch, dass wir damit niemals einen anderen als uns selbst für unser Leben verantwortlich machen können. Spätestens hier kommt vermutlich bei den meisten ein beängstigendes Gefühl auf. Freiheit und Verantwortung sind für Existenzphilosophen zugleich die größte Chance und die größte Last des menschlichen Lebens. Camus geht jedoch noch einen Schritt weiter. Er spricht nicht nur von Freiheit und Verantwortung, sondern auch von einem Paradoxon. Das Paradoxon entsteht dadurch, dass der Mensch auf der einen Seite frei ist zu tun, was er möchte, dass er aber gleichzeitig immer mit einer Welt konfrontiert ist, die ebenfalls tut, was sie will. Der Mensch ist also frei, hat aber eigentlich nur bedingt Kontrolle über sein Leben, denn sein Leben unterliegt nicht nur seiner eigenen Zufälligkeit, sondern auch der Zufälligkeit der Ereignisse um ihn herum, die er nicht steuern kann.

Ich gebe zu, dass diese Überlegungen zunächst ernüchternd erscheinen. Die Existenzphilosophen sind nicht ohne Grund unbeliebt an deutschen Universitäten. Nichtsdestotrotz scheinen sie einen wunden Punkt zu treffen und wenn wir uns etwas näher mit ihnen beschäftigen, können sie einen unglaublichen Optimismus und eine neues Potential in uns wecken. Schauen wir uns also Camus Antwort an, warum Sisyphos angesichts seines trostlosen Schicksals dennoch nicht beschließt, sein Leben zu beenden. Camus behauptet doch tatsächlich, dass Sisyphos wieder zu einem glücklichen Menschen werden kann. Seine Philosophie ist also alles andere als ein Appell an den Suizid. Sie bringt uns vielmehr an den tiefsten Grund unserer Existenz, um uns dann mit voller Kraft wieder nach oben zu ziehen. Camus sagt, dass Sisyphos ab dem Moment wieder ein glücklicher Mensch wird, als er beschließt, sein Schicksal hinzunehmen und Camus bezeichnet das doch tatsächlich einen rebellischen Akt. Viel rebellischer wäre es doch, wenn Sisyphos den Göttern trotzt und einfach aufhört, den Stein nach oben zu rollen. Für Camus hingegen sieht der rebellische Akt eher folgendermaßen aus: „Ha! Ich weiß ganz genau, dass das, was ich da tue sinnlos ist, aber ich gebe nicht auf. Ich mache weiter und habe dabei sogar auch noch Spaß.“ Er trotzt den Göttern also, indem er seine Strafe gar nicht mehr als Strafe empfindet. Darüber sollten sie sich nun wirklich ärgern!

“Die höchste Form der Hoffnung ist die überwundene Verzweiflung.”

Übertragen auf unser eigenes Leben bedeutet das also, dass wir dann glücklich werden, wenn wir die Sinnlosigkeit in ihrem vollen Ausmaß erkannt haben und unser Schicksal hingenommen haben. Ich persönlich bin nicht sicher, ob mich diese Antwort befriedigt. Überzeugender finde ich seinen zweiten Schritt. Existenzphilosophen haben den Ruf, dass sie sich zu viel mit dem lieben Selbst auseinandersetzen. Camus verlässt jedoch die Perspektive des Individuums und spricht auch über die soziale Dimension der Sinnlosigkeit menschlichen Lebens. Während das Individuum mit der Frage nach Suizid konfrontiert ist, ist die Gesellschaft vor eine andere, genauso gefährliche Herausforderung gestellt. „Warum soll ich überhaupt noch irgendetwas tun?“ kann nämlich noch auf eine andere Weise interpretiert werden. Sie kann gewissermaßen als ein „Freifahrtschein für Unmoralisch sein“ verstanden werden. Camus möchte jedoch genau so wenig an Un- oder Amoralität appellieren. Es ist ihm zufolge gerade die Solidarität, die uns hilft, unser Schicksal hinzunehmen. Sein zweiter Schritt liegt also im Übergang von der rein individuellen auf die soziale Perspektive. Nicht nur ich muss mir diese unbequemen Fragen immer und immer und immer wieder stellen, sondern auch alle anderen – sei es mein Freund, mein Feind, mein Nachbar oder ein Fremder. Das Wissen darüber lässt laut Camus ein Gefühl der Solidarität entstehen, dass uns helfen kann, Sinnkrisen zu überwinden.

Die Revolte wird ebenfalls auf eine soziale Dimension übertragen. Nicht nur ein einzelner Mensch kann gegen sein Schicksal revoltieren, sondern auch eine ganze Gruppe von Menschen. Die Pest verkörpert für Camus das Leiden einer ganzen Gruppe von Menschen. Wie das ständige Hinunterrollen des Steines versinnbildlicht auch sie Sinnlosigkeit. Es scheint vergeblich, gegen sie anzukämpfen. Ist ein Mensch geheilt, wird der nächste krank. Die Menschen können dieses Schicksal jedoch hinnehmen und als geschlossene Gruppe weiterhin dafür kämpfen, dass sie eines Tages zurückgeht. Es kommt kurzum auf die richtige Haltung an. Für mich persönlich lässt sich diese Haltung nur als Hoffnung beschreiben. Es ist die Hoffnung darauf, dass der Stein eines Tages doch oben liegen bleibt und die Hoffnung, dass die Pest eines Tages allmählich abschwächt. Es ist die Hoffnung, die uns jeden Tag kämpfen, beten, leben und handeln lässt. Aber Hoffnung worauf? Sie scheint noch keine Antwort darauf zu sein, warum wir eigentlich am Leben sind und sie scheint auch nicht das zu sein, was uns Camus empfiehlt. Und gewissermaßen hat er Recht. Es gibt keine Antwort darauf. Das ist die schlimmste Erkenntnis des Philosophen und zugleich die Kraft, die ihn antreibt. Vermutlich müssen wir es einfach hinnehmen und eine positive Haltung dazu einnehmen. Aber wir sind so gerne Philosophen und damit Kämpfer und hoffnungsvolle Menschen.

Im Frühjahr 2019 werden wir uns mithilfe Rainer Moritz‘ im Rahmen einer Denkwoche intensiver mit Albert Camus auseinandersetzen. Bis dahin und vor allem in der gemeinsamen Auseinandersetzung in Château d’Orion kann sich jeder fragen, was er von diesen Antworten hält und was seine eigenen Antworten auf diese existentiellen Fragen sind. Rainer Moritz hat bereits angekündigt, dass Camus nichts von seiner Aktualität verloren hat. Das liegt zum einen mitunter daran, dass es sich um die zeitlosesten aller Fragen handelt. Zum anderen vielleicht aber auch am Stellenwert, den er der Solidarität beimisst und damit an etwas, was uns heutzutage wieder alle näher zusammen rücken lässt. Wenn es um den tiefsten Grund unserer menschlichen Existenz geht, sind wir doch letztendlich alle gleich. Oder nicht?

 

Von Lea Ransbach

01 Okt

Ist Kunst politisch?

„Ich mag es nicht, wenn Leute sagen, Künstler machen mit ihren Werken eine politische Aussage“, sagte Marie-Hélène eines Abends während eines gemeinsamen Essens. „Und was sagst du zu Dadaismus?“, war die Gegenreaktion. „Natürlich sind Künstler politische Menschen, so wie wir alle. Aber Künstler und ihre Werke müssen getrennt voneinander betrachtet werden.“ So nah liegen Kunst, Politik und Philosophie also beieinander und so vielfältig waren die Erlebnisse und Gespräche während der Malwoche und Kunstreise mit Marie-Hélène, Künstlerin und Kunstpädagogin in Karlsruhe.

Marie-Hélène hat unsere Teilnehmerinnen zunächst für eine Woche praktisch-künstlerisch begleitet. „Wege zum Bild, von der Skizze zum Großformat“ war das Thema und so haben sich die acht Frauen langsam vorgetastet: Angefangen bei kleineren Ausschnitten wie einem Stück Rinde eines Baumes oder einem Teil des Blätterwerks hin zu größeren Bildern auf Leinwänden, auf denen jede ihre eigenen Eindrücke des Ortes festhielt. Für einige war dies der Ausblick auf die Berge, der sich jeden Tag je nach Sonne, Wolken und Nebel verändert hat. Für andere war es die Grange mit ihren roten Fensterläden. Für eine Teilnehmerin war es eine weiße Kuh und eine andere malte, beinahe in mysteriöser Voraussicht, den rot-lila-gelb schimmernden Himmel, den wir am letzten Abend der Malwoche nach der Vernissage zu sehen bekamen. Château d’Orion war in dieser Woche die reinste Wonne für Künstler. Mitten im Indian Summer erstrahlten Haus und Umgebung jeden Tag aufs Neue in ganz unterschiedlichen herrlichen Farben, die sich auf eine Weise vermischten, wie sie es nur einmal im Jahr tun. Für Menschen, deren leidenschaftlichstes Handwerk der Umgang mit Farben ist, also die besten Voraussetzungen.

Die acht Frauen arbeiteten teils drinnen teils draußen, gingen ihren eigenen Projekten nach, taten sich jedoch in dieser Woche auch für ein gemeinsames Projekt zusammen. Neben Kunst, Politik und Philosophie spielte nämlich auch die Musik in dieser Woche eine wichtige Rolle. Am späteren Nachmittag wurden die Künstlerinnen gerne vom einzigen Mann in der Runde auf dem Flügel begleitet. Ein anderes, in die Jahre gekommenes Klavier, das in Château d’Orion seit Langem ruht, erstrahlte wiederrum in ganz neuem Glanz. Es entstand die Idee, dieses alte Klavier gemeinsam zu bemalen. Es wurde dem Kontext der Musik also für eine Weile beraubt und der Kunst einverleibt. Dekontextualisierung – wenn das nicht moderne Kunst ist. Jede der Teilnehmerinnen griff sich eine Farbe und malte drauf los. Um das Klavier herum tanzen nun schwarze Schemen auf buntem Untergrund. „Na das ist doch fast schon eine politische Aussage!“, sagte Elke also an besagtem Abend und so sind wir wieder bei der Frage nach Kunst und Politik angekommen.

Das Verhältnis zwischen Kunst und Politik hat uns auch während der anschließenden Kunstreise beschäftigt. An den drei darauffolgenden Tagen ging es nicht mehr darum, selbst künstlerisch tätig zu werden, sondern sich auf die Suche nach Kunst in der Region zu begeben. Der Ausgangspunkt dieser Reise war das Béret, die allseits bekannte Baskenmütze. Geschichte und Geschichten ranken sich um die Entstehung und Herkunft der tellerartigen Kopfbedeckung mit dem Nippel. Marie-Hélène hat ihre Diplomarbeit über das Béret geschrieben und uns im Gespräch mit Jean-Marc Terrasse einen Überblick über Mythos und Wahrheit der französischen Legende gegeben. Mir persönlich sind insbesondere drei Fakten bezüglich des Bérets im Gedächtnis geblieben. Erstens, die Art und Weise, wie ein Béret getragen wird, z.B. schräg, über beide Ohren gezogen oder platt am Hinterkopf, verrät etwas über den Charakter einer Person. Zweitens, obwohl das so ist, ist das Béret im Grunde unpolitisch, denn es wurde über die Geschichte hinweg sowohl von Vertretern rechter als auch linker Lager als Markenzeichen getragen. Drittens, die runde Form des Béret ist eine Form, die sich im Baskenland sowie in verschiedenen Kontexten oft wiederfindet. Am darauffolgenden Tag wurde in diesem Sinne das Béret-Museum in Nay sowie eine der letzten Béret-Manufakturen in Oloron-Sainte-Marie besucht.

Die runde Form und das Politische haben sich schließlich am letzten Tag im baskischenMuseum in Bayonne wiedergefunden. Wir haben dort die sehr empfehlenswerte Sonderausstellung „1966, GAUR. L’art basque sous le franquisme“ besucht. GAUR war eine Gruppe von acht baskischen Künstlern, darunter auch Eduardo Chillida, die 1966 ihre erste Ausstellung hatte und sich nach nur vier Jahren der Zusammenarbeit wieder trennte. Zu dieser Zeit herrschte Franco, der Spanien zu seinem alten herrschaftlichen, traditionellen und katholischen Glanz verhelfen wollte und die baskische Tradition unterdrückte. Diese Gruppe hingegen wollte die baskische Kultur wieder stark machen. Sie verfolgten zwei Ziele: zum einen wollten sie die Kunst modernisieren und zum anderen wollten sie eine baskische Künstlerschule errichten. Die runde Form tauchte bei dem ein oder anderen wieder auf, war sie doch eines derjenigen Motive, die Bestandteil der baskischen Kultur waren. Eine Zeit lang hatten z.B. auch die Grabsteine eine runde Form mit Sockel, die die Sonne repräsentieren sollte.

Es gelang diesen Künstlern leider nicht, eine eigene baskische Schule zu errichten. Wie so oft, kamen persönliche Konflikte innerhalb der Gruppe dazwischen. Dennoch finden wir ihre Werke auch heute noch in unterschiedlichen Kontexten wieder und nach dem Tod von Franco wurden manche ihrer Motive genutzt, um den Sieg zu feiern. Einige der großen Skulpturen finden sich heute in San Sebastian, aber auch in verschiedenen deutschen Städten wieder.

Und nun zurück zur Ausgangsfrage: Hat die Künstlergruppe GAUR politisch gehandelt? Sie haben sich mit ihrer Kunst nicht unmittelbar an Franco gerichtet. Sie gingen einfach ihren Zielen nach und wurden dabei glücklicherweise wenig von Franco gestört, da dieser sich mehr für Architektur, denn für Kunst interessierte. Trotzdem waren ihre Ziele, in diesem historischen Kontext, politische Ziele. Nicht die Rückkehr zu den Traditionen, die Franco forderte, sondern Modernismus. Nicht die Unterdrückung der baskischen Kultur, sondern deren Förderung. Hier musste auch Marie-Hélène einlenken: „Wenn Kunst eine Reaktion auf derartige Ereignisse ist, dann mag sie politisch motiviert sein. Was ich nicht mag ist, wenn Künstler sich hinsetzen, sich ein Thema überlegen und sich dann fragen, was male ich denn jetzt, um über dieses Thema etwas aussagen zu können? Es geht nicht immer um die Aussage, sondern meist nur um das Kunstwerk selbst.“

Für die Frage, ob Kunst politisch sei, lässt sich also sowohl positiv als auch negativ argumentieren. Es war weder meine Absicht, hier eine Antwort darauf zu geben, noch war es das Ziel unserer Malwoche und Kunstreise. Aber zweifelsfrei fasst diese Frage die rund zehn wundervollen, anregenden und spannenden Tage sehr gut zusammen, denn so oft es um die Kunst ging, so oft ging es auch um Politik, wenn wir abends an dem großen Tisch zum Essen zusammenkamen. So hat Marie-Hélène vielleicht recht, wenn sie sagt, natürlichseien auch Künstler politische Menschen wie wir alle. Aber manchmal malen sie eben auch einfach nur die Rinde eines Baumes oder das grüne Blätterwerk und der Beobachter begnügt sich lediglich damit, darüber zu staunen, wie unterschiedlich jeder Künstler Rinde und Blätter wahrnimmt.

 

Von Lea Ransbach

31 Aug

Was hat Montaigne uns heute noch zu sagen?

Lea Ransbach absolviert zurzeit ein Praktikum in Château d'Orion und hat an der letzten Denkwoche teilgenommen. Sie hat Französisch und Philosophie studiert und ihren Schwerpunkt dabei auf die praktische Philosophie gelegt. Ihre Sicht auf Michel de Montaigne, den die meisten Philosophen lieber als Schriftsteller denn als ihresgleichen bezeichnen würden, schildert sie im folgenden Beitrag. Viel Spaß beim Lesen!

 

„So bin ich selber, Leser, der einzige Inhalt meines Buches.“, schreibt Montaigne im Vorwort seiner Essais. Mutig? Innovativ? Provokativ? Oder vielmehr selbstverliebt und überheblich? Mit dieser Frage und damit mit der Frage danach, wer dieser Montaigne eigentlich war, sind wir in unsere Lesewoche mit Michel de Montaignes Essais eingestiegen. Gleich zu Beginn waren die Meinungen über diesen Montaigne also zwiegespalten. Die einen hielten ihn für überaus mutig und modern, die anderen waren skeptisch und ließen sich auch über die Woche hinweg nur schwer von ihm überzeugen.

Auch wenn Montaignes Versuch, sich selbst darzustellen, etwas narzisstisch anmuten mag, so lässt sich doch nicht leugnen, dass ein derartiges Unterfangen im 16. Jahrhundert durchaus etwas Neues darstellte. Modern ist es auch insofern, als der Rückbesinnung auf uns selbst heute wieder verstärkt ein positiver Wert beigemessen wird. Mehr noch: wer sich in seinem Leben nicht hin und wieder auf sich selbst besinnt, sei es durch eine Reise auf dem Jakobsweg, eine Reise allein durch Südost-Asien, einen Meditations- oder Achtsamkeitskurs, eine Entschlackungskur oder durch sonstige vielfältige Angebote, geht eigentlich nicht mit der Zeit, sprich: ist eigentlich unmodern. Die Angebote zur Besinnung auf das eigene Ich in unserer heutigen Zeit lassen sich natürlich durchaus kritisch hinterfragen. Dienen all diese Angebote wirklich einer Rückbesinnung auf uns selbst oder sind sie vielmehr weitere Freizeit-Angebote, die wir schnell hintereinander konsumieren. Schlimmer noch: die Meisten müssen sich vermutlich sogar noch dazu zwingen, für eine Schweige-Woche ins Kloster zu gehen. Aber was tun wir nicht alles, um von anderen bewundernde Blicke zugeworfen zu bekommen? „Eine Woche Schweigen im Kloster? Wirklich? Ich glaube, ich würde das nie schaffen…“ Und wir senken schmunzelnd den Blick: „Ja, leicht war es nicht. Aber ich habe es ausgehalten und so viele neue Dinge über mich gelernt.“Aushalten. Das trifft es vielleicht heute viel besser. Wir gehen den Jakobsweg häufig nicht mehr, um zu uns selbst zu finden, sondern um sagen zu können: „Ich habe es geschafft. Ich bin ganz alleine den Jakobsweg gelaufen.“ Sollten wir unsere Zeit nicht lieber mit spaßigeren Dingen zubringen?

Heutzutage strebt also alles danach, sich selbst zu entdecken und gleichzeitig scheinen alle verlernt zu haben, wie das eigentlich geht oder was das eigentlich bedeutet. Ja, was bedeutet es denn, sich selbst zu finden? Für Montaigne bedeutet Rückzug zunächst einmal tatsächlich räumlichen Rückzug von allen öffentlichen Angelegenheiten. Immer wieder tauchte in unseren Gesprächen das Bild des Turms auf, in den sich Montaigne für lange Zeit zurückgezogen hatte, allein umgeben von Büchern. Der „Elfenbeinturm“ sagen wir heute und meinen damit eigentlich immer etwas Negatives. Jemand, der für sich alleine forscht und scheinbar glaubt, er habe alleine, ohne den Einfluss anderer Menschen, die größten Einfälle und erschaffe alleine die größten Werke. Die Anderen sind ein Störfaktor und er schaut hoch erhoben von seinem Turm herab. Gilt das auch für Montaigne? Auch hier teilten sich die Meinungen. Immerhin, das muss man Montaigne lassen, hat er auch eine lange Zeit seines Lebens dem öffentlichen Leben und der Politik gewidmet. Man könnte also durchaus vermuten, so sagten einige, dass er einfach mal seine Ruhe haben wollte und weit weg vom Trubel seines Alltags über sich und das Leben nachdenken wollte. Aber was genau meint Montaigne nun, wenn er sagt, er möchte sich selbst darstellen, sich selbst finden und entblößen? Was finden wir denn, wenn wir eine Schicht nach der anderen lösen und schließlich splitternackt dastehen? Nun, Montaigne jedenfalls scheut sich nicht davor, auch seine Darmbeschwerden öffentlich darzustellen.

Trotz aller Bedenken lässt sich auch hier wieder sagen, dass Montaignes Gedanken einen Funken Wahrheit enthalten und insbesondere für unsere heutige Zeit ihre Berechtigung haben. Der Trubel des Alltags, der Montaigne möglicherweise in die Einsamkeit trieb, hat sich heute noch mindestens verdreifacht. Nicht nur, dass wir in der Politik Schwierigkeiten haben, bei all dem Trubel überhaupt noch durchzublicken. Wir werden zusätzlich von allen Seiten mit allen möglichen Informationen regelrecht zugeschüttet. Und was tun wir, wenn wir dann mal einen Moment der Ruhe genießen könnten? Wir scrollen ein wenig auf unseren Smartphones. Ruhige Momente werden also heute als nerviges Warten empfunden, das man irgendwie „rumkriegen“ muss. Es ist also durchaus interessant, sich mit Montaigne die Frage zu stellen, wie wir uns wieder auf uns selbst besinnen können und ob wir aus dieser Einsamkeit – oder doch eher Verlassenheit? – nicht wieder neue Kraft ziehen können.

Montaignes Essais erinnern an ein buntes Kaleidoskop. Er sammelt Eindrücke und schildert diese – oft zu Ungunsten des Lesers – zusammenhanglos. Bereits ein Ausschnitt aus seinem Reisetagebuch führte uns dies in aller Deutlichkeit vor Augen. Er springt von der Beschreibung technischer Installationen über die Beschreibung der zu seinem Leidwesen angeblich unschönen Frauen in Augsburg hin zur Beschreibung der Reinlichkeit der Deutschen. Diese Eindrücke werden vermischt und manchmal findet sich ein einzelner Satz über Augsburger Frauen inmitten eines Absatzes über die Beschreibung der Einrichtung einer Herberge. So schwer seine Essais oft zugänglich sind, desto mehr verraten sie uns jedoch bereits etwas über seine Vorstellung von der Wirklichkeit. Sie ist kein kohärentes Gebilde, das sich für jeden von uns auf gleiche Weise offenbart. Wir nehmen ausschnittsweise wahr, reihen in unserer je eigenen Logik assoziativ aneinander und erleben häufig Widersprüche. Insbesondere das Erleben von Widersprüchen und die Betonung der Natürlichkeit und Wichtigkeit von Widersprüchen, haben uns die ganze Woche über begleitet. Es gibt nicht Einsamkeit bzw. Alleinsein auf der einen und Geselligkeit auf der anderen Seite. Es gibt nicht die Stärken einer Person auf der einen und die Schwächen auf der anderen Seite. Es gibt nicht Wahrheit auf der einen und Lüge auf der anderen Seite. Montaigne hat diese Widersprüche offenbar in aller Deutlichkeit erlebt. Man könnte sagen, er hat uns über die Woche hinweg Mut gemacht, offen mit diesen Widersprüchen umzugehen und sie – wie wir heute so gerne sagen- auszuhalten. Das aber scheint in der Tat eine Fähigkeit zu sein, die wir in unserer heutigen Gesellschaft mehr und mehr erlernen müssen. Denn sie ist nicht einfach nur weiß, oder schwarz oder weiß auf der einen und schwarz auf der anderen Seite, sondern bunt gemischt.

Nach einem Sprung zum Thema Sexualität – denn auch dazu hatte Montaigne bereits viel zu sagen, ohne dabei in Verlegenheit zu geraten – haben wir uns dem wahrhaft letzten Thema angenähert. Das Thema, was uns am Ende unseres Lebens alle beschäftigen wird, ist der Tod. Und für Montaigne schließt sich hier der Kreis. Einsamkeit bzw. Verlassenheit ist mitunter deshalb so wichtig, weil wir diesen letzten Schritt in unserem Leben alleine gehen müssen. Das aber ist schwer und erfordert ungemein viel Kraft und Mut. Um diesen Mut aufbringen zu können, muss Einsamkeit gut gelernt sein. In diesem letzten Schritt findet sich der vielleicht größte Widerspruch unseres Lebens wieder: niemand möchte unendlich leben und doch möchte keiner endlich sein.

Einige Widersprüche konnten wir hier auf durchaus genussvolle Weise erleben: die Berge und das Meer, Abgeschiedenheit vom Alltag und intimer Austausch mit zu Beginn fremden Menschen, Diskussionen zu Themen, die schwer im Magen liegen und leckeres Essen, das den Magen angenehm füllte. Rainer Moritz hat uns auf sympathische Weise durch diese Themen geführt, stets mit einem Lachen und offenen Ohr für alle TeilnehmerInnen. Begleitet wurden wir in dieser Woche außerdem von zwei wundervollen jungen Köchen, die uns mit größter Freude und Lockerheit alle Spezialitäten aus der Region um Südfrankreich und Nordspanien haben kosten lassen.

Festhalten lässt sich vielleicht Folgendes: das Leben ist ein Versuch. Der Versuch, mit all den Themen, an denen wir nicht vorbeikommen, umzugehen. Der Versuch, sich der Wirklichkeit auf die je eigene Weise anzunähern. Der Versuch, uns selbst zu verstehen. Der Versuch, Widersprüche auszuhalten. Letztendlich der Versuch, dem Tod eines Tages gegenüberzutreten. Montaigne hat all dies versucht und in seinen Essais festgehalten.

 

Von Lea Ransbach

17 Aug

Doktor Faustus und die Musik

Vom 14. – 20. April 2019 findet unter Anleitung von Hans-Joachim Mattke eine Denkwoche mit Musik und Lesungen rund um Thomas Manns Epochen-Roman “Doktor Faustus” statt. In diesem Beitrag erzählt der Denkwochenreferent, was die Teilnehmer erwartet:

 

“Unsere Denkwoche thematisiert auf verschiedenen Ebenen Thomas Manns Roman „Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde“. In diesem Werk ist die Hauptfigur die nicht nur europäisch legendär gewordene und vielfach bearbeitete Gestalt: Faust. Bei Thomas Mann ist Faust kein Denker, forschend Strebender in Goethes Sinne oder, wie in anderen Werken, gewissenloser Verführer. Faust ist „Tonsetzer“, Komponist. Er ist Künstler. Musiker.

Es ist Manns letztes vollendetes Alterswerk. Er schrieb es zwischen 1943 und 1947 im kalifornischen Exil.

Vordergründig handelt es sich um einen an den Faust-Stoff anknüpfenden Künstlerroman. Diese Romanart stellt die menschliche und kreative Entwicklung eines Künstlers dar, insbesondere die Entwicklung seines Künstlertums und die Stellung sich und der Gesellschaft gegenüber.

Thomas Manns eigene Worte können als Schlüssel dienen:

„ Ich möchte gerne wieder etwas schreiben und verfolge einen sehr alten Plan (…): Eine Künstler-(Musiker-)und moderne Teufelsverschreibungsgeschichte aus der Schicksalsgegend Maupassant, Nietzsche, Hugo Wolf etc. , kurzum das Thema der schlimmen Inspiration, und Genialisierung, die mit dem Vom Teufel geholt Werden, d. h. mit der Paralyse endet. Es ist aber die Idee des Rausches überhaupt und der Anti-Vernunft damit verquickt, dadurch auch das Politische, Faschistische und damit das traurige Schicksal Deutschlands.“

Der Plan zu einem solchen Roman zeigt unglaubliche Kühnheit. Geht es doch darum, ein individuelles Künstlerschicksal als Spiegel der geistig politischen Entwicklung in Deutschland, „das in dieser Zeit buchstäblich vom Teufel geholt wurde“ (Mann) von vor dem ersten Weltkrieg bis hinein in die Katastrophe von 1939 bis 1945 zu schaffen.

Der Roman berührt viele Ebenen:

Die Musik spielt eine zentrale Rolle, insbesondere die Zwölftonmusik, die Adrian Leverkühn (im Roman) begründet. Musik ist hier ein Paradigma für die Kunst insgesamt.

Und wie Mann sagt, es ist die deutscheste aller Künste, so wie der Fauststoff ein typisch deutscher Stoff ist.

Im Falle des Doktor Faustus alias Adrian Leverkühn wird wie in keinem anderen Roman die Entwicklung der Musik von Beethoven bis Schönberg diskutiert und im verzweifelten kompositorischen Schaffen von Adrian dargestellt.

Unter dem Einfluss der beginnenden entzündlichen Gehirnzerstörung, der Syphilis, erfindet Leverkühn die Zwölftonmusik. In seinen Selbstkommentaren nennt Thomas Mann die Reihentechnik ‚Teufelswerk’ und befürchtet: «Schönberg wird mir die Freundschaft kündigen». Was wirklich geschah. In Adrian Leverkühns (Faustus’) musiktheoretischen Gedanken (die grösstenteils von Theodor Adorno stammen) tauchen vor allem die Reihentechnik und die Klaviersonate Op.111 von L. v. Beethoven immer wieder auf. Geradezu mythischen Charakter nimmt für Adrian Leverkühn diese letzte Klaviersonate Nr. 32, Opus 111 ein.

Gleichzeitig ist Manns Roman ein „Epochen-Roman“ über die Zeit von den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bis zum Zusammenbruch Deutschlands und aller bisheriger europäischer, ja abendländischer Werte am Ende des 2. Weltkriegs.

Immer wieder wird das romantisch-irrationale Denken, das ‚Gemüt’ dargestellt, das nach Thomas Mann einer der Nährböden für den Nationalsozialismus geworden ist. In den von Wandervogel-Romantik geprägten Gesprächen des zunächst die Theologie studierenden Adrian Leverkühn mit seinen Kommilitonen, in den reaktionären und zivilisationsfeindlichen Reden des Breisacher und in den „erzfaschistischen“ (so Thomas Mann) Gesprächsrunden bei Kridwiß. Vor diesem Hintergrund wird das Lebensschicksal des hochbegabten, aber menschlich kalten Adrian Leverkühn geschildert. Leverkühns persönliche Tragödie wird in Beziehung gesetzt zu der Tragödie des deutschen Volkes, der Pakt mit seinem inneren Teufel wird parallelisiert mit dem Bündnis des Bösen, das Deutschland eingegangen ist.

Leverkühn ringt um Objektivität und Ordnung, um das Paradoxon einer kognitiven Kreativität. Angesichts der Abdankung bürgerlicher Normen und der Absurdität der modernen Welt ist die bisherige Musik für ihn endgültig überholt.

Leverkühn hat trotz kühler Intellektualität den Drang zur Kreativität. Doch bei seiner Kälte braucht er Enthemmung, höllisches Feuer, so Thomas Mann, um künstlerisch produktiv zu werden.

Der teuflische Pakt, der ihm verbietet lieben zu dürfen, ist der Preis für die Intellektualisierung der Kunst und führt zu völliger Einsamkeit und zu seiner Unfähigkeit zu echter Freundschaft und wahrer Liebe. Selbst seine aufopferungsvolle Zuneigung zum kleinen Knaben endet tragisch: trotz, ja gerade wegen Adrians Obhut erleidet dieser eine tödliche Meningitis, vergleichbar der syphilitisch bedingten, zerebralen Zersetzung von Leverkühns Geist.

In unserer einwöchigen Denkwoche im Château d’Orion werden die Teilnehmer am ersten Tag am Vormittag in die europäische Tradition des Faust eingeführt, von der Urquelle des Faustmythos, dem Volksbuch(1587) über Christopher Marlowe zu Lessing und Goethe bis hin zu Claudel und Bulgakow im 20. Jh. Wir erarbeiten uns dann in 5 Tagen dieses faszinierende vielschichtige Werk von Thomas Mann, seine literarisch-philosophischen, politisch-sozialen Ideen, vor allem aber sein Verständnis von Kunst, Musik und Künstlertum im zeitgeschichtlichen Kontext.

Währen des Tagesablaufs werde wir Textstellen laut lesen, wenn gewünscht und möglich, schauspielerische Sprech-und Spiel-Versuche unternehmen, sozusagen spielend-lesend. Irgendwelche Vorkenntnisse für solche Unterfangen sind nicht notwendig. Diese Form des literarischen Kennenlernens macht einfach Spaß.

Diese Denkwoche bekommt ein ganz besonderes Gepräge durch die Zusammenarbeit mit der Pianistin Mélina Burlaud. Madame Burlaud ist Professorin für Klavier an der Hochschule für Musik in Pau. Sie wird uns am Flügel Beethovens Opus 111 und Werke von Schönberg zu Gehör bringen und wir werden hörend verstehen und den Bezug zu Adrian Leverkühn nachempfinden lernen.

Am Freitag findet ein festlicher Abschlussabend für die Teilnehmer mit Musik und Lesungen statt.

Weitere Blogs werden monatlich folgen.”

06 Aug

Reden wir über Sprache

Einst wanderte ein Tausendfüßler durch eine Wiese, da begegnete er einem Frosch. Erstaunt und fasziniert schaute der Frosch ihn an und bewunderte den exakt aufeinander abgestimmten Bewegungsablauf der unzähligen Beinchen. „Wie machst Du das?“, fragte der Frosch, „Wie bewegst Du all Deine Beine im richtigen Augenblick, wo ich doch schon mit meinen Vieren genug zu tun habe? Es scheint mir ein Ding der Unmöglichkeit.“ Der Tausendfüßler hielt verwundert inne und überlegte. Und während er darüber nachdachte, versuchte er sich noch einmal in Bewegung zu setzten, geriet ins Straucheln und fiel über seine eigenen Füße. Entsetzt stellte er fest, dass er nicht mehr imstande war zu gehen. Erst nachdem er sich von dem Schrecken erholt hatte, stand er wieder auf, lief vorsichtig weiter und verließ sich fortan auf sein Gefühl.

Vielleicht kennen Sie diese Fabel von Äsop, die uns die Diskrepanz von Geist und Gefühl vor Augen führt sowie die Schwierigkeit, beiden im Alltag Raum zu geben. Sie zeigt auch, wie das Leben aus dem Gleichgewicht geraten kann, wenn wir uns von festen Vorstellungen leiten lassen oder die Kriterien und Konstrukte anderer anwenden, um zu bestimmen, was wahr und was nicht wahr ist. Nicht zuletzt illustriert die Fabel, wie abwegig es ist, einen Anfang und ein Ende auszumachen von dem, worin wir sind.

 

 

Diese Geschichte verweist auf vieles, was in der Denkwoche zum Thema Sprache vom 15.-21. Juli mit dem Schriftsteller Senthuran Varatharajah durchdrungen wurde. Wir haben nachgedacht über den Anfang und das Ende von Sprache, den Raum, den sie einnimmt und persönliche Sprache. Wir haben nach Worten gerungen, der 163. Autorenlesung von »Vor der Zunahme der Zeichen« gelauscht und sind wortwörtlich zur Sprache gekommen. Konstantin Schönfelder und Holm-Uwe Burgemann  von Prä|Position haben die Woche klug und scharfsinnig begleitet und sowohl in einem eindrucksvollen Film als auch in diesem Erinnerungsprotokoll festgehalten.

Nach Kant ist der Raum die transzendentale Bedingung der Erkennbarkeit aller Dinge, er ist das strukturgebende Element unserer Wahrnehmung und Erfahrung sowie gleichsam ihre Voraussetzung, ähnlich wie der rohe Stein für die Kunst des Bildhauers. Ist Materie mit Substanz gefüllter Raum, so ließe sich die Sprache als mit Bedeutung erfüllter Raum verstehen. Letzterer bedeutet gemäß Derrida gleichzeitig unsere Welt als Summe alles Vorstellbaren, da wir keinen außersprachlichen Zugriff auf außersprachliche Phänomene besitzen. Alles, was uns umgibt, sind diskursive Konstrukte.

Dieser Logik zufolge ahmen wir stets mimetisch nach und machen uns zu Eigen, was keinen Zugang zu absoluten, wahrhaften Entitäten darstellt, sondern selbst nur immer verweisenden Charakter hat: Begriffe. Sie sind konstruiert von anderen, von Menschen vor unserer Zeit, Menschen mit unbekanntem Horizont, einem uns fremden Herz und Verstand. Wie also kommen wir auf die Idee unser Innerstes ausdrücken zu können mit Worten, die nicht wir hervorgebracht haben haben? Eine Sprache als die unsere zu bezeichnen, obwohl die Worte nur eines über Jahrhunderte gewachsenen Kodexes entliehen sind?

 

 

Aus aktuellem politischen Anlass stellt sich die Frage, was das Zusprechen einer Identität bezweckt, was sie beweisen und was damit gewonnen sein soll. Wer bin ich, wer sind Sie? Ist es nicht paradox, im Wandel begriffene, individuelle Wesen absolut und authentisch bezeichnen zu wollen mit einzelnen, allgemein gebräuchlichen Worthüllen, die nie die Entität in ihrer Gesamtheit erfassen, geschweige denn ihr gerecht werden könnten?

Vielleicht ist es einen Versuch wert, das Konzept der Identität durch die Erzählung zu ersetzen, um uns einander verständlich zu machen und näher zu bringen. Denn: „Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen“, so Gabriel García Márquez. Erzählungen geben der experimentellen Vernunft Raum, darin ist Platz für so etwas wie eine persönliche Sprache, für Färbungen und Nuancen, für Rede-Wendungen im wahrsten Sinne.

Der inflationäre Gebrauch des Ausrufungszeichens, der auch die sogenannten Qualitätszeitungen erreicht hat, ist laut Varatharajah ein Zeichen für ein mangelndes Vertrauen in die Kraft der Sprache. Wenn der Schriftsteller redet, senkt er häufig den Blick und lässt ihn verweilen in der Leere vor sich. Nur selten richtet er ihn auf und sieht seinem Gesprächspartner in die Augen. Warum? Weil er auf diese Weise die Sprache für sich wirken lassen möchte und seinen Worten dadurch mehr Bedeutung verleiht, als wenn er sie mit Gestik oder Mimik unterstreichen würde. Unsere Körper sind begrenzt, wodurch auch der physischen Berührung Grenzen gesetzt sind. Die Sprache aber vermag es, diese Grenzen zu überwinden und tief zu berühren, dessen ist er sich sicher.

 

 

Im Oktober steht als weiteres Erkenntnis- und Kommunikationsmedium die Kunst im Mittelpunkt einer Denkwoche. Auch sie macht sichtbar, was zuvor unsichtbar war. Der französische Romanist Joseph Joubert bemerkte einst, dass Sprache Malerei für das Ohr ist und „Zeichnen ist Sprache für die Augen“. Angeleitet von Louis und Ilana Lewitan wollen wir mit kreativen Techniken dem gelingenden Leben auf die Spur kommen und dabei der artificial intelligence die artistic intelligence entgegnen. Die künstlerische Intelligenz nutzbar machen für Veränderungsprozesse im Privaten oder im Beruf sowie schöpferisch tätig werden, um Blockaden zu lösen und den Kopf zu befreien – das ist das Ziel. Mehr Informationen und Anmeldung unter https://bit.ly/2FZs5jW. Es gibt noch freie Plätze.

Schließlich möchten wir mit den Worten Georges Perecs an Folgendes erinnern:

Die Welt breitet sich vor uns aus „nicht als eine immer wieder neu zurückzulegende Strecke, nicht als ein endloser Lauf, eine unaufhörliche Herausforderung, nicht als der einzige Vorwand für eine trostlose Anhäufung, auch nicht als Illusion einer Eroberung, sondern als Wiederbegegnung mit dem Sinn, die Wahrnehmung einer Handschrift der Erde, einer Geographie, von der wir vergessen haben, dass wir ihre Schöpfer sind.“

15 Jul

Arabische Weindichtung

Anton Welp ist Stipendiat während der letzten Denkwoche gewesen. Er hat seine Masterarbeit über mamlukische Weindichtung geschrieben. Ein Thema, das nicht nur zur vergangenen Denkwoche zur Geschichte (Was macht sie mit uns, was machen wir mit ihr?), sondern auch zur anstehenden Begegnungswoche zur Sprache (Begegnung mit Senthuran Varatharajah) passt. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!

 

بذلت عقلي صداقاً حين بت به

أزوّج ابن سحاب بابنة العنب

Ich habe meinen Verstand als Brautgabe gegeben, als ich beschloss,

den Sohn der Wolken mit der Tochter der Trauben zu vermählen.

Ṣafī ad-Dīn al-Ḥillī (~1340 A.D.)

 

Es sind Gedichte voller Lebensfreude. Bisweilen klingen sie euphorisch, manche sind derb, andere hintergründig und subtil. Viele bestechen durch ihre sprachliche Finesse, bedienen sich komplexer Stilmittel, die sich so manches Mal nur mit großer Mühe erschließen lassen. Die Weindichtung der Mamlūken, einer Dynastie in den Gebieten des heutigen Ägypten und Syrien, ist eine Freude für alljene, die etwas für Lyrik und guten Wein übrig haben.

Die Beschäftigung mit dieser Art Dichtung aus dem 13.-16. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung ist auch deshalb so kurzweilig, da sich die beschriebenen Situationen häufig gut nachempfinden lassen. Es wird schlicht jedes Detail beschrieben. Was der Trinkende empfindet, was er sieht und was er tut. Vieles hat sich offensichtlich nicht geändert und ist über Kulturräume hinweg vielen Menschen gleich. So mag es verwundern oder auch belustigen, dass das gepflegte Betrinken auf speziell dafür vorgesehenen Schiffen, die sich langsam den Nil hinauf und hinab bewegten, eine überaus beliebte Freizeitbeschäftigung war.

Vieles erinnert stark an das ritualisierte Zusammenkommen im griechischen Symposion. Das Lagern im Kreis, das Herumreichen des Trinkbechers, die Unterhaltung durch Musikanten oder durch Tanz. Auch ein Schenk gehörte zum Inventar eines anständigen „Maǧlis aš-Šurb“ (gesprochen Madschlis asch-schurb) der Trinkerrunde.

In einer Gesellschaft honoriger Personen, die sich zum ausdauernden Trinken trafen – es wird von Gelagen über mehrere Tage hinweg geprahlt – war es Usus, in regelmäßigen Abständen zur anspruchsvollen Unterhaltung beizutragen. Beliebt war das Rezitieren von Gedichten, launigen Anekdoten oder Scherzen. Um auch zu weiteren Zusammenkünften eingeladen zu werden, war also eine gründliche Vorbereitung auf diese Treffen nötig – es sei denn, man besaß hohe Bildung und Schlagfertigkeit.

Neben aller Unterhaltsamkeit ist die Weindichtung auch ein wertvolles Genre für sozio-historische Erkenntnisse über das Alltagsleben der Menschen dieser Zeit. Das ist bei der mamlūkischen Dichtung aus dem Grunde der Fall, da sich das Literaturschaffen in dieser Ära gewandelt hatte.

War die Literatur zuvor nahezu ausschließlich als Herrscher- oder Prophetenlob das Produkt elitärer Kreise, die von professionellen Autoren verfasst wurde, verbreitete sich das literarische Schaffen von nun an unter dem Volk und wurde ein beliebtes Kommunikationsmittel. Es wurde zur Mode, über Alltägliches zu schreiben und die eigenen Gedichte an Gleichgestellte zu richten – ein völlig neues Phänomen.

Auf diese Weise erfahren wir aus erster Hand Authentisches über die damaligen Lebensumstände, da nun auch der Metzger über seinen Berufsalltag sinnierte und seinen Freund, den Tischler in einen literarischen Wettstreit verwickelte. Thematisch gab es hierbei kaum Grenzen – Naturbeschreibungen, Kindertotenlieder, Liebesgedichte (hetero- wie homosexuelle) und eben auch jene Weingedichte.

Der oben vorangestellte Vers stammt aus einem Weingedicht des verehrten Literaten Ṣafī ad-Dīn al-Ḥillī und ist ein schönes Beispiel für den „klassischen“ Aufbau arabischer Lyrik, der für alle Genres gleichermaßen gilt. Einige Merkmale bleiben mit Blick auf den arabischen Text nämlich immer gleich.

Jeder Vers ist aufgeteilt in zwei Halbverse, durch die das Gedicht strukturiert wird, was hier durch den Absatz dargestellt wird. Dazu kommt auch noch ein Reim. Wie im Deutschen – pauschaliert – wird der Reim durch die Schlusssilbe des letzten Wortes im zweiten Halbvers kreiert.

Als drittes und letztes Merkmal wird der Tonus des Gedichts durch ein Metrum bestimmt. Diese Metren sind zum Teil komplex und ihre Identifizierung stellt häufig eine große Herausforderung dar.

Diese drei Charakteristika bilden also das Gerüst – alles andere ist variabel. Zu Anschauungszwecken eignet sich der Folgende Vers. Wie im Schriftarabisch üblich, in der Dichtung jedoch keineswegs selbstverständlich, beginnen beide Sätze respektive Halbverse mit dem Verb. Obacht, wir beginnen von rechts!

 

بذلت عقلي صداقاً حين بت به

أزوّج ابن سحاب بابنة العنب

Ich habe meinen Verstand als Brautgabe gegeben, als ich beschloss,

den Sohn der Wolken mit der Tochter der Trauben zu vermählen.

 

In den rot markierten Verben wird die Person und die Zeitform festgelegt. Neben diesem grammatischen Detail erfahren wir aber noch etwas Entscheidendes zur Trinkpraxis des Weines. Durch die Metapher der Vermählung des Wassers („Sohn der Wolken“) mit dem Wein („Tochter der Traube“) wird deutlich, dass der Wein, wie in der römischen Antike auch, mit Wasser verdünnt getrunken wurde.

Zudem erleben wir eine Gefühlsregung des lyrischen Erzählers, die sich häufig ablesen lässt. Es macht sich ein schlechtes Gewissen breit, überhaupt zum Wein gegriffen zu haben. Natürlich steht dem Alkoholgenuss das koranische Verbot entgegen, dennoch ist die Begeisterung ob der Freuden des Weintrinkens zu groß für die Abstinenz.

Diesen inneren Zwiespalt aufzuspüren ist nur einer von vielen guten Gründen, sich mit der Kultur des Weintrinkens in der arabischen Welt des Mittelalters zu beschäftigen. Wem dieser kurze Beitrag eine Anregung zu weiterführender Lektüre zu diesem Thema ist, dem sei an dieser Stelle das wunderbare Buch „Weinstudien“ von Peter Heine aus dem Jahr 1982 ans Herz gelegt. Ein Buch voller interessanter Randgeschichten und amüsanter Räuberpistolen.

Von Anton Welp

08 Jul

Fébus und sein internationaler Klassiker

Das nahe Orthez ist nicht allein als Austragungsort von Stierkämpfen, sondern auch als Residenzstadt des berühmtesten aller Fürsten der Vizegrafschaft Béarn bekannt. Dieser Herr trug den landesüblichen Namen Gaston und in Anlehnung an Phoebus Apollon den Beinamen ‘Fébus’. Mit Apollon soll Gaston III., Graf von Foix (1331-1391) Statur und Erscheinungsbild geteilt haben.

Neben seinem aristokratischen Äußeren pflegte er auch eine aristokratische Leidenschaft. Seine Nachwelt kennt den Grafen von Foix vor allem als Jäger und Verfasser eines reich bebilderten Buches über die Jagd. Als Vorläufer von Fébus kann Friedrich II. (1194-1250), römisch-deutscher Kaiser aus dem Haus Hohenstaufen genannt werden. Friedrich hatte seinem Hobby der Falkenjagd ein eigenes Werk gewidmet und damit unter Beweis gestellt, dass sich seine Kompetenz nicht auf dem Gebiet der Königsherrschaft erschöpfte.

Friedrich II. in einer Abschrift von De arte venandi cum avibus

Sein Buch, schon der Titel De arte venandi cum avibus verrät es, ist auf Lateinisch veröffentlicht worden . Damit folgte er der ungeschriebenen Regel und bediente einen kleinen und exklusiven internationalen ‘Buchmarkt’. Gaston hingegen, wie seine italienischen Zeitgenossen Dante Alighieri, Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio, folgte einem Trend und zog mit dem Französischen der lingua franca des Lateinischen eine Volkssprache vor.

Bemerkenswert ist, dass auch Gastons Schriftsprache nicht seiner Landessprache entsprochen hat. Im Herrschaftsgebiet des Grafen wurden vor allem gaskognische Dialekte wie das regionale Béarnaisisch gesprochen. Jean Froissart, berühmter Chronist des ‘Hundertjährigen Krieges’, lobt deswegen Gastons gutes Französisch: “comme [Gaston] me vit, me fist bonne chere et me dist en riant en bon françois que bien il me congnoissoit, et si ne m’avoit oncques mais veü.” (Paris mss. fr. 2670-2671, Folio 10 v)

46 Handschriften seines ‘Livre de Chasse’sind über Jahrhunderte bewahrt worden. Eine davon befindet sich heute in der Morgan Library.  Ihr vormaliger Besitzer war ein berühmt-berüchtigtes Königspaar. Philipp II. und Isabella von Spanien haben im wertvollen Manuskript ihr Familienwappen in prächtigen Farben hinterlassen und bezeugen damit, welche Wertschätzung dem Buch des Fürsten lange nach seinem Lebensende entgegengebracht worden ist.

Als ich meinen Eltern den Bergfried der Burg von Orthez zeigte und erwähnte, “hier soll der berühmte Gaston Fébus geboren worden sein”, ergänzte mein Vater nur trocken: “Ah, der Verfasser des livre de chasse“. Ich war verblüfft und nicht weniger, als er erklärte, er habe ein Faksimile dieses Buches in Hannover von seinem Doktorvater geschenkt bekommen.

Hiermit ist also bewiesen: Gaston III. von Foix hat im 14. Jahrhundert in Orthez und Umgebung einen internationalen Klassiker verfasst. Ein Grund für die erstaunliche Langlebigkeit seines Werkes mögen die detailreichen, teils informativen Miniaturen gewesen sein, mit denen seine Bücher illustriert worden sind.

Eine weitere Handschrift (Ms. 27) befindet sich in der Getty Collection.  In ihr finden wir schöne Beispiele der spätmittelalterlichen Bauchmalerei:

Folio 50v: zwei Jäger beim Fährtenlesen, Gaston Senior und Junior?

Folio 97: die Jäger und ihre Hunde haben eine Wildkatze umkreist

Folio 82: Nicht nur die Wildkatze, auch der Bock ist riesenhaft dargestellt worden. Kein Wunder, dass ein Jäger mit Felsbrocken nach ihm wirft!

Folio 61v: Eine Jagdgesellschaft hat den Hirsch mit Hilfe von Treibern gestellt.

Folio 46: Wussten Sie schon, dass Hundehütten im Mittelalter noch mit eigenen Kaminen ausgestattet waren?

Folio 60v: “Un pique-nique (pluriel pique-niques) ou piquenique est un repas champêtre, pris en plein air.” (Wikipedia)

 

Folio 3: Eigentlich am Anfang des Buches, in diesem Beitrag am Ende – Gaston Fébus diktiert seinem Schreiber das livre de chasse. Die übergroßen Brillengläser des Gelehrten geben dem Bild die Dimension einer Karikatur.

Von Clemens Zentek

05 Jul

Ist unsere Sprache noch zeitgemäß?

Am Anfang haben wir keinen Begriff von der Welt. Erst die Sprache gibt uns einen Zugang zu den Fixpunkten und ihren Beziehungen zueinander, geformt durch soziale Interaktion. Sprache ist unsere Schnitstelle zur Außenwelt. Ohne eine gemeinsame Sprache haben wir keinen Zugang zur Welt und die Welt keinen Zugang zu uns. Wenn wir unsere eigene Lebensgeschichte in die frühesten Lebensjahre zurückgehen, scheint die Sprache schon immer da geswesen zu sein. Als hätten wir vorher nicht exisitert. So kommt das Erreichen der Sprachfähigkeit einer zweiten Geburt gleich, einer Geburt aus der Isolation der Sprachlosgikeit in das Miteinander der Mündigkeit im sozialen Gefüge.

Doch weder wir, noch die Welt, die wir durch unsere Sprache zu erfassen versuchen, werden morgen die gleichen sein wie heute, sind wir doch schon heute nicht mehr die gleichen, die wir gestern waren. So muss sich auch die Sprache, die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenwelt, ständig weiterentwickeln. Denn folgt man der These der Linguistischen Relativität, dann ist die Art und Weise wie wir denken, stark durch die semantische Struktur – Grammatik und Wortschatz – unserer Muttersprache geprägt. Fehlen uns die Worte, wird unsere Sicht auf die Dinge eingeschränkt. Ausgehend von dieser Annahme adressieren Alicia Escott und Heidi Quante in Ihrem öffentlich partizipativen Kunstwerk „The Bureau of Linguistical Reality“ den Mangel an passenden Wörtern, um unsere Welt im Wandel zu begreifen. Mit einem Ruf nach Wortneuschöpfungen, die unsere Erfahrungen in der Gegenwart und die Wechselwirkungen unserer Umwelt treffend beschreiben, wollen sie zu einem besseren Verständnis unserer Lebensumwelt im Wandel beitragen. Ein Wandel, der sich am besten mit dem Begriff des Anthropozän beschreiben lässt, übrigens auch so eine umstrittene Wortneuschöpfung.

Ich freue mich schon sehr darauf, als Stipendiat die Denkwoche „Sprache im Wandel“ zu begleiten und gemeinsam die Grenzen der Sprache, die Grenzen der Welt zu verschieben.

Von Kurt Bille

 

07 Jun

Eine kleine Landeskunde I: Der Course Landaise in Orthez

Für regionale Verhältnisse ist Orthez groß zu nennen. Die Stadt hat einen eigenen Bahnhof und ist dadurch an Bordeaux angebunden. In ihrer Arena kann der Course Landaise bewundert werden.

Es handelt sich dabei um eine Form des ‘unblutigen’ Stierkampfes, welche bereits von Mittelmeervölkern des Altertums praktiziert worden ist. Im Gegensatz zu den teilnehmenden Menschen besteht für den Stier keine ernsthafte Verletzungsgefahr. Er wird von den Gehilfen des unbewaffneten ‚Stierkämpfers‘ mit einem langen Stock getriezt, rennt sodann auf seinen Gegner zu, der inmitten der Arena stehend wartet.

Die Équipe d’Orion hat einen Stierkampf in Orthez besucht und für spannend befunden. In der letzten Runde kam ein beeindruckendes Tier in den Ring, das seinem menschlichen Gegner mehr als ebenbürtig war. Zum Repertoire des kampferprobten Stieres gehörte das Antäuschen eines Ansturmes, also klassische psychologische Kriegsführung.

Zwei Mal ließ sich der menschliche Widersacher in den Sand fallen, um Schlimmstes zu verhindern, und das Tier ließ Gnade walten. Es trampelte ‚nur‘ über den Unterlegenen hinweg. Einmal erwischte der Stier den Menschen, der mit einer blutigen Schramme davonkam. So viel zum Thema ‘unblutiger’ Stierkampf.

Es gibt zwei Gattungen von ‚Stierkämpfern‘. Ein Escapeur versucht, seinem Angreifer im letzten Moment mittels geübter Hüftdrehung zu entweichen. Der Reiz besteht darin, sein Manöver möglichst knapp erscheinen zu lassen.

Ein Sauteur springt aus dem Stand oder mit Anlauf über die anstürmende Lebensgefahr hinweg. Diese Form des Ausweichens ist besonders spektakulär.

Wie alt diese Praxis ist, zeigt eine Wandmalerei, die im Palast von Knossos (Kreta) gefunden worden ist. Die Darstellung des Sauteurs gehört zu den beliebtesten Bildmotiven der sogenannten ‘minoischen’ Kultur, als deren Zentrum der Palast von Knossos angenommen wird.

Wer mehr über die antike Version dieses Stierkampfes lesen möchte, findet hier einen reich bebilderten Text (PDF auf Englisch).

Von Clemens Zentek