10 Jan

Proust – Ein Philosoph?

Lea Ransbach war im Sommer/Herbst 2018 Praktikantin in Château d'Orion. Sie hat an der Justus-Liebig-Universität Gießen Französisch und Philosophie studiert und bereitet derzeit ihre Promotion vor. Für ihre PhiLea-Kolumne auf unserem Blog setzt sie sich regelmäßig mit bedeutenden philosophischen Fragestellungen, Perspektiven und Persönlichkeiten auseinander.

 

Heute findet man sicherlich nur wenige philosophische Fakultäten, die Seminare zu Marcel Proust anbieten. Gesucht wird hier nach knallharten Philosophen, analytisch denkenden Menschen, die ihre Texte klar strukturieren, die kohärent argumentieren und zu einem sich daraus logisch ergebenden Ergebnis kommen. Diese Form von Philosophie grenzt nahezu an mathematische Rätsel, die es zu lösen gilt. Der Inhalt wird dabei meiner Meinung nach oft immer unwichtiger.

Proust gehört ganz sicher nicht zu diesen klar strukturiert denkenden Philosophen. Seine Texte wirken oft wirr, es handelt sich um scheinbar zusammenhanglose Assoziationen, er beschreibt einige Szenen in aller Ausführlichkeit, andere überhaupt nicht und der Leser weiß nicht, warum ihm gerade diese Szenen als besonders beschreibungswürdig erscheinen. Nichtsdestotrotz scheint mir Proust nicht nur ein Künstler, sondern auch ein Philosoph zu sein, bei dem wir möglicherweise sogar mehr philosophisches Potential vorfinden als bei manch einem knallharten Philosophen. Es scheint mir vor allem die Verknüpfung zwischen (literarischer) Kunst und Philosophie zu sein, die ihn zu einem Philosophen der besonderen Art macht. Philosophisches Potential finden wir dadurch nicht nur auf der inhaltlichen Ebene seiner Werke, sondern auch auf der Ebene des Textes, z.B. der Textkonstruktion oder seinem Schreibstil.

Die Frage nach der Erinnerung, die für Proust so wichtig ist, ist auch eine Frage der Philosophie. Sie ist eine Frage, die sich in unterschiedlichen Kontexten der Philosophie stellen lässt. In der Theoretischen Philosophie fragt man beispielsweise danach, wie Erinnerung funktioniert, ob wir überhaupt erinnern können oder gar, wer da eigentlich erinnert. Aber auch in der Praktischen Philosophie spielt die Erinnerung eine Rolle. Hannah Arendts politische Theorie basiert auf Erinnerungen. Gerade sie kritisiert diese knallharten Philosophen, die nur allzu gerne mit abstrakten Theorien und der Konstruktion hochkomplizierter Argumente spielen. Sie plädiert dafür, dass wir uns wieder verstärkt konkreten Erfahrungen zuwenden. Um die Gegenwart zu verstehen, müssen wir sie vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus der Vergangenheit hinterfragen. Erinnerungen werden für Arendt durch das Geschichten erzählen wachgehalten. So wird sie in der Forschungsliteratur vielfach als „Geschichtenerzählerin“ rezipiert. Die knallharten Philosophen können sich da nur am Kopf kratzen. Wie kann man nur ein systematisches Interesse an Hannah Arendt finden? Nun, Hannah Arendt lesen ist vielleicht ein bisschen wie Proust lesen. Der Leser muss sich auf ihre Art und Weise des Geschichten Erzählens einlassen – gleiches gilt für Proust.

In einem Essay zu Walter Benjamin, der Hannah Arendt wesentlich in ihrer Auffassung vom Erzählen von Geschichten und Geschichte beeinflusst hat, führt sie drei Figuren auf, die den Geschichtenerzähler beschreiben sollen. Der Geschichtenerzähler sei wie ein „Flaneur“, „Sammler“ oder auch „Perlentaucher“. Die knallharten Philosophen würden bei derartigen Metaphern wieder nur heftig den Kopf schütteln. Für Hannah Arendt scheint dies aber die Art und Weise zu sein, wie Geschichten erzählt werden und damit auch, wie Geschichten aufgenommen werden müssen. Nicht nur der Erzähler ist damit Flaneur, Sammler oder Perlentaucher, sondern auch der Leser.

Der Flaneur ist laut Hannah Arendt eine Figur des 19. Jahrhundert. Auffallend ist seine Gangart. Nahezu die eines Dandys oder Snobs, der aus gutbürgerlichem Haus kommt und damit ein sicheres arbeitsloses Einkommen hat. Für ihn gibt es keinen Grund sich zu beeilen, er hat Zeit.

Der Sammler hat ihr zufolge oft undurchsichtige Motive. Sie sagt: „Das Sammeln ist, wie Benjamin wohl als erster betont hat, die Leidenschaft der Kinder, für welche die Dinge noch keinen Warencharakter haben, und es ist das Hobby der reichen Leute, die genug haben, um Nützliches nicht mehr zu brauchen, und es sich leisten können, ‚die Verklärung der Dinge zu [ihrer] Sache‘ zu machen.“ (S. 248) Eigentümlich ist dem Sammeln außerdem, dass es sich an praktisch jeden Gegenstand hängen kann und damit die Gegenstände sich selbst entfremdet. Briefmarken werden auf einmal nicht mehr dafür genutzt, einen Brief vom einen zum anderen Ort zu schicken. Sie ist überhaupt zu nichts anderem mehr gut. Sie hat – so sagen die Philosophen gerne – ihren Wert in sich selbst. Das Sammeln hat damit gewissermaßen auch eine zerstörende Funktion. Und es ist mitunter diese zerstörende Funktion, die Benjamin dazu bewegt, als Sammler zu agieren. Sowohl Benjamin als auch Arendt vertreten die Auffassung, dass das 20. Jahrhundert einen Traditionsbruch darstellte, der einen neuen Umgang mit der Vergangenheit erforderte. Diese Einsicht hatten auch viele andere, unter anderem viele Schriftsteller. In der französischen Literaturwissenschaft sprechen wir dann von André Breton, Louis Aragon oder auch Paul Éluard. Alle teilen die Ansicht, dass das Erzählen nicht mehr darin bestehen kann, Geschichten als linear und miteinander logisch verkettete Ereignisse darzustellen. Vielmehr gilt es auch die Brüche und Risse aufzuzeigen.

Aufgabe des Erzählers ist es für Arendt – dem Perlentaucher gleich – nach Bruchstücken, Fragmenten und Urphänomenen zu suchen. Sie sagt: „Dem Perlentaucher gleich, der sich auf den Grund des Meeres begibt, nicht um den Meeresboden auszuschachten und ans Tageslicht zu fördern, sondern um in der Tiefe das Reiche und Seltsame, Perlen und Korallen herauszubrechen und als Fragmente an die Oberfläche des Tages zu retten, taucht es in die Tiefen der Vergangenheit, aber nicht um sie so, wie sie war, zu beleben und zur Erneuerung abgelebter Zeiten beizutragen.“ (S. 258) Dem Erzähler kommt damit eine aktivere Aufgabe zu. Er fördert nicht nur zu Tage, was war, sondern sucht gezielt nach einzelnen Bruchstücken, die bedeutsam waren und setzt diese Bruchstücke auf seine Weise zusammen.

Die wichtige Frage – und es ist eine philosophische Frage – die wir stellen müssen ist, ob es ein Kriterium dafür gibt, wie diese Bruchstücke zusammengesetzt werden. Es kann als reines Verstehenskriterium verstanden werden. Wie muss eine Geschichte erzählt werden, damit der Leser sie verstehen kann? Sie kann aber auch ein ethisches Moment enthalten. Wie müssen oder dürfen Geschichten erzählt werden, um 1) angemessen mit der Vergangenheit umzugehen, 2) den Figuren dieser Geschichte gerecht zu werden 3) um daraus für die Zukunft etwas lernen zu können. Es geht um die Frage nach der Kohärenz. Wie kohärent muss oder kann eine Geschichte überhaupt erzählt werden, aber auch: Wie zusammenhanglos darf eine Geschichte dargestellt werden?

Es geht kurzum um die Stärken und Grenzen des Erzählens von Geschichten und dies ist, neben der Frage nach der Erinnerung, vielleicht die zweite philosophischste Frage, die sich Proust in seinen Werken stellte, wobei die Frage nach der Erinnerung und der Kohärenz des erzählten Textes bei ihm natürlich eng miteinander verknüpft sind. Auch Proust ist im Grunde ein Flaneur, Sammler, Perlentaucher. Er hat Zeit, sucht nach Bruchstücken, die ihn zuweilen anspringen, zuweilen aber auch verbissen von ihm aufgesucht werden. Diese Perlen setzt er schließlich zusammen in seiner eigenen Logik. Darin besteht die Schwierigkeit der Proustschen Lektüre. Auch der Leser ist dadurch aufgefordert, zum Flaneur, Sammler und Perlentaucher zu werden. Er muss sich Zeit nehmen und versuchen, die Bruchstücke ebenfalls auf seine Weise aneinanderzureihen.

Warum das gut sein sollte? Der Leser ist aufgefordert, sich selbst einzubringen. Stärker noch als in Erzählungen, die ihm direkt als kohärentes Bild dargeboten werden, ist er gezwungen, sich in den Standpunkt des Autors oder Protagonisten einzufühlen. Das wiederrum ist für Arendt diejenige Fähigkeit, die es uns ermöglicht, moralische Urteile zu fällen. Das ist es ihr zufolge, was ein Eichmann nicht konnte oder wollte. Er konnte oder wollte sich nicht in den Standpunkt seiner Opfer einfühlen.

Arendt, Hannah: Walter Benjamin, in: Menschen in finsteren Zeiten, München: Piper, 1989, 4. Auflage, 195-258.