24. – 30. September 2017: Homer: „Odyssee“ – James Joyce: „Ulysses“

„Think you are escaping and run into yourself. Longest way round is the shortest way home.”
James Joyce, Ulysses

Referent: Hans-Joachim Mattke
Veranstaltungsort: Château d’Orion

Viele haben von Homer und Joyce gehört. Viele ‚kennen’ die Odyssee, ohne sie gelesen zu haben. Sie liegt im kollektiven Bildungsgedächtnis als verlässliches Gut. Kaum jemand kennt den „Ulysses“ . Viele wollen ihn lesen. Die meisten geben die Lektüre nach ein paar Seiten auf. Und doch weiß man: Das ist ein wichtiges Buch! Ein näheres Kennenlernen beider Werke könnte uns Antworten geben auf bedrängende Fragen, zum Beispiel nach Meilensteinen unserer Biographie. Des Odysseus mentale Kraft, sein Listenreichtum, aber auch sein Bewusstsein der Hilfe durch die Götter zeigt ihn als Grenzgänger zwischen Transzendenz und Immanenz. Der Ulysses, so kann man sagen, trägt die Immanenz wie die Transzendenz in sich, nicht in unendlichen Götterwelten. Sind wir homerisch oder joyceartig? Klar ist nach aller gelehrten Meinung: Die „Odyssee“ ist die bedeutendste Metapher für Leben und Schicksal des Menschen. Ihr Studium gibt uns überzeitlich Auskunft über uns selbst. Mit Homer beginnt die abendländische Literatur. Das Epos um die Abenteuer des listenreichen Odysseus wurden Vorbild und Orientierung für die Dichtung von Vergil über Dante zu Shakespeare bis in die Moderne. Hofmannsthal nannte die Odyssee einen „Höhepunkt der Menschheit“. Für Virginia Woolf war sie ein «Triumph des Erzählens»,

1922 veröffentlichte der irische Schriftsteller James Joyce mit „Ulysses“ den modernen Roman schlechthin. Obwohl handlungsmäßig nicht viel passiert – ein Tag im Leben einiger alltäglicher Menschen in Dublin -, entwickelt Joyce auf annähernd 1000 Seiten für uns eine in die Moderne versetzte Odyssee. In der “größten Schöpfung unter den Romanen des 20. Jahrhunderts” (New York Times) begegnen wir einer Vielzahl von Stilformen: Ganze Kapitel als Dialog, unverständliche Wörter umgangssprachlich aneinandergereiht. Die Technik des Bewusstseinsstroms (“stream of consciousness”), wirft den Leser direkt in die Gedankenwelt der Hauptgestalt. Die „Odyssee“ und „Ulysses“ liegen beinah 3000 Jahre auseinander. Der Ort bei Homer: Das Meer und die Inseln, bei Joyce: die Großstadt Dublin. Die Zeit: Homer erzählt chronologisch einen Zeitraum von über 10 Jahren, bis der einstige König als Bettler sein Zuhause wieder erreicht. Der Held bei James Joyce, der Anzeigenakquisiteur Bloom, „irrt“ in Dublin herum. Die Dauer des gesamten Romans ist ein Tag, der 16. Juni 1904. Die subjektive Zeit seiner Innenwelt aber erfüllt ähnliche Zeiträume wie bei Homer. Jedes der 18 Kapitel des „Ulysses“ kann einer Episode aus den 24 Kapiteln bei Homer zugeordnet werden. Blooms Innenwelt, seine Erinnerungsfetzen, Assoziationen, Gedanken, Gefühle, Vorstellungen, Ideen sind die Haupthandlung auf seinen Wegen durch die Stadt.

Lesen im „Ulysses“ heißt sich auf den Weg machen in die Dimensionen des Inneren.

Dichtung schildert verdichtete Wirklichkeit, also evidentere, in manchem Sinne bisweilen ‚wahrere’ Wirklichkeit als die alltäglich sich vollziehende. In ihren Metaphern und Bildern zu lesen und über sie nachzudenken, kann die Bilderwelt des eigenen Lebens aufschließen oder zumindest erahnen lassen.

Um den Bedeutungswelten beider Meisterwerke näher zu kommen, gilt es den Gegensatz von antikem und modernem Mythos und (Unter)Bewusstsein so wie von linearem Zeitstrom gegenüber irritierender und verstörender Aufhebung von äußeren Orts-und Zeitstrukturen zu bearbeiten. Vielleicht können wir uns auf diese Weise unserer heutigen Bewusstseinsstruktur nähern, um die „Irrfahrten“ modernen Seins besser verstehen und beschreiben zu können.

Das Seminar wird gegliedert: Denkarbeit an Homer und Joyce am Morgen und Nachmittag. Abends werden wichtige Textpassagen aus beiden Werken vorgelesen Zusätzlich werden auch bildliche Darstellungen aus der Kunstgeschichte, über Homer bis zu Joyce gezeigt. Wenn es die Zeit erlaubt, sehen wir Passagen aus Filmen.

Den Kursteilnehmern werden rechtzeitig vor dem Kurs genaue Text – und Literaturangaben sowie eine Auswahl an Kommentaren in hand outs zugeschickt.

Der Referent

Hans-Joachim Mattke ist 1944 in Breslau geboren. Seine Kindheit und Jugend hat er in Stuttgart verbracht. Er studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie in Tübingen. Besondere Prägung hat er durch Walter Jens und Ernst Bloch erfahren. Es folgte ein zusätzliches Studium der Theaterwissenschaften und Regie in Wien. Viele Jahre lehrte er an Lehrerseminaren in Deutschland und USA und gab Unterricht an gymnasialer Oberstufe in Stuttgart in Literatur, Kunstgeschichte, Drama und Theater sowie über 20 Jahre hinweg Literaturkurse an Summer Colleges in USA. Über Jahrzehnte reiste Mattke immer wieder nach New York, Washington und Hawaii als Berater im Bereich „teaching quality“.

Hans-Joachim Mattke ist Autor des Stücks: „John Cage und Mark Rothko – Warum haben Leute mehr Angst vor neuen Ideen und nicht vor alten“ (Uraufführung am 24. 11. 2012 im Theaterhaus in Stuttgart). Er realisierte ein Theater mit Jugendlichen, Crossover mit Musikern und Schauspielern, Profis und Amateuren: Strawinskys „Die Geschichte des Soldaten“ in Stuttgart und Salzburg. Er wirkte in der Regie und als Darsteller in mehreren Theaterprojekten mit Dada-Texten in verschiedenen deutschen Städten und in der Schweiz mit. Derzeit arbeitet er an einem Theaterstück über Thomas Manns „Dr. Faustus“ und Arnold Schönberg.

Preis

Denkwochencode: 0317HJM

1.890€ im Einzelzimmer (1.680€ p.P. im Doppelzimmer) inklusive Vollpension und aller nicht-alkoholischen Getränke, Seminargebühr sowie 6 Übernachtungen im Château d‘Orion, Aquitanien, Frankreich. Bei Buchung bis zum 30.10.2016 bieten wir eine Early Bird Reduktion von 10% auf den Gesamtpreis der Denkwoche (1.701€ p.P. im Einzelzimmer / 1.512€ p.P. im Doppelzimmer).

Näher beschreibt eine eigene Seite den komfortablen wie stilvollen Aufenthalt und auf der Seite des Château d’Orion finden Sie Hinweise zur Anreise. Es ist leichter als gedacht.

Alle Preise inkl. Mehrwertsteuer.

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