24. – 30. Juli 2016: Wo bleibt der Mensch? – Ein Plädoyer für sinnliche Bildung

Zwischen Algorithmisierung von Arbeit, Digitalisierung von Kontrollsystemen und künstlicher Intelligenz

 

Ich setzte einen Fuß in die Luft und sie trug.
Hilde Domin

Das, was sich der Erzieher vornimmt, ist unmöglich.
Niklas Luhmann

 

Referent: Stephan A. Jansen

Veranstaltungsort: Château d’Orion

Künstliche Intelligenz und künstliche Dummheit

Die Diskussion der künstlichen Intelligenz, welche sich zwischen Apokalypse und Erlösung bewegt, erfährt aktuell eine Renaissance. Mit Bitcoins und Blockchains entstehen neue Währungen, Vertrags- und Kontrollsysteme, welche vollständig digitalisiert ablaufen. Und die Algorithmisierung von Arbeit und Führung schreitet immer mehr voran. „Ehemalige Studenten erfinden Unternehmen, die das erledigen, was ihre Mama nicht mehr tut – anstatt Dinge zu tun, die Mama stolz machen“, so Andrew Yang. Wir teilen und digitalisieren, um sofort mehr Zugänge zu haben: Bücher, Musik, Autos, Unterkünfte, Mobilität, Gesundheit, Sicherheit, Energie. Die Geschäftsmodelle verändern sich schneller als Ökosysteme sich evolutiv umstellen können.

Was aber bleibt übrig und wo bleibt der Mensch? Welchen Einfluss haben diese Entwicklungen auf das Individuum, unsere Gemeinschaften und unsere Organisationen? Wie können wir eine menschenfreundliche Zukunft gestalten und welche Rolle kann Bildung dabei spielen? Ist unsere Freiheit, d.h. die Nicht-Einhaltung und Reflexion von Regeln, am Ende künstliche Dummheit?

Das Individuum, die Organisation und die Gemeinschaft im Umbruch

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen stellt sich für uns als Individuen zwangsläufig die Frage, was uns von den Maschinen unterscheidet. Damit stehen wir vor der Herausforderung, die Zukunft der Arbeit im Zuge der Digitalisierung und Algorithmisierung sowie die Zukunft unserer sinnlichen Überlegenheit gegenüber den Maschinen neu zu denken. Unsere sinnliche Intelligenz ist es, die eine Reflexion der Veränderungen ermöglicht und, die wir nutzen können, um Erfindungen klug einzusetzen.

Big Data soll alles kleinmachen und neue Technologien ersetzen ganze Berufsgruppen. Wie von der OECD prognostiziert, ist weltweit jeder zehnte Arbeitsplatz gefährdet, in Deutschland sind es sogar noch mehr. Was wäre, wenn Albert Einstein recht hat und große Daten noch größere Theorien zur Interpretation bedürfen?

Aber nicht nur Formen des Arbeitens, nicht nur Organisationen und die Ökonomie sind betroffen – auch Staats- und Regierungsformen müssen im Zuge der genannten Entwicklungen neu gedacht werden. Was passiert mit dem Kollektiv, wenn alles immer individualisierbarer wird? Was ist und wozu ist die Demokratie, welche der Philosoph Jacques Rancière als „die Herrschaft der unbegrenzten individuellen Begierden in der modernen Massengesellschaft“ bezeichnet, heute wie künftig imstande? Wird der geschlossene, ausgrenzende Populismus als Gewinner der Zeit nach den Demokratien und Kapitalismen hervorgehen?

Warum eine sinnlichere Bildung helfen könnte

Bildung ist Befreiung – in der Absichtslosigkeit zur Ermöglichung. Bildung ist Sinnesbildung, keine Informationslogistik. Sinnesbildung braucht sinnliche Bildung. Sinnliche Bildung schafft die Voraussetzungen zur Empfindsamkeit und zum Bewusstsein im Nicht-Wissen, u.a. durch entritualisierte Rollenkonzepte und sinnliche Anregungsarenen.

Im Rahmen der Denkwoche vom 24. bis 30. Juli 2016 werden Kontextualisierungen, Ent-Sorgungen und Neu-Orientierungen von Phänomenen gewagt, von denen unsere Zukunft abhängt. Es ist unser Ziel, über die Bildung der nächsten Bildung im Zeitalter der scheinbaren Allgemeinzugänglichkeit von Wissen nachzudenken. Fällt uns noch ein nicht-robotisierbares und nicht-algorithmisierbares Berufsfeld ein oder einfach ein anderes Verständnis von wirksamer Arbeit?

Wenn wir nur Zuschauer des Umbruchs bleiben, so können wir ihn laut Ranciére nicht verstehen. Es gilt also darüber nachzudenken, wie es uns gelingen kann, den Gemeinschaftssinn zu bewahren und sicherzustellen, dass niemand auf der Strecke bleibt.

Der Referent

Stephan A. Jansen, geborener Zwilling im Jahr 1971, ist vor allem Bildungsromantiker und damit verbunden Forscher, Autor, wissenschaftlicher Berater und Beirat von Schulen, Stiftungen, Politik und Unternehmen, Aufbauer von Hochschulen. Kurz: Er ist verliebt in die Entwicklung anderer und die Wirksamkeit von Wissen.

Er ist ab März 2016 berufener Inhaber des Lehrstuhls für „Philanthropy & Civil Society (PhiCS)“ an der Karlshochschule in Karlsruhe und Aufbauhelfer und Gründungsbeirat der KIRON University für Flüchtlinge (u. a. Berlin, Istanbul). Zuvor war er seit 2010 als Gründungsdirektor des „Civil Society Center“ für vergleichende Zivilgesellschaftsforschung und von 2003 bis 2014 als Gründungspräsident, Geschäftsführer und Inhaber des Lehrstuhls für Strategische Organisation und Finanzierung an der Zeppelin Universität tätig. In 2014 und 2015 wurde er als Visiting Scholar an die Stanford University berufen.

Er ist Autor von über 200 Veröffentlichungen, davon über 20 Büchern, regelmäßiger Kolumnist in deutschen Tages- und Wochenzeitungen (z. B. Brand eins) und Mitherausgeber der „Zeitschrift für Management (ZfM)“. Seine Forschungsinteressen liegen in der Management-, Führungs-, Netzwerk- und Organisationstheorie. Weitere Felder sind vergleichende Zivilgesellschaftsforschung, interdisziplinäre Innovationstheorie, Unternehmenszusammenschlüsse sowie Bildungssystemanalysen. Seine wahren Leidenschaften sind die intelligente minimale Musik – ob Jazz oder Elektronik – die bildenden Künste und das Rennradeln.