31 Mrz

Gelebte Philosophie

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Eine Woche für Gesundheit, Lebensfreude und Wohlbefinden

Es war die Sehnsucht nach einem Ort, an dem Geist und Genuss zusammenfinden und die Balance zwischen Hand und Kopf wiederhergestellt wird, um daraus ganz neue Erkenntnisse zu gewinnen, die uns antrieb, unseren Lebensmittelpunkt nach Südwestfrankreich zu verlegen. Bald entsprang daraus die Idee der Denkwochen, welche einen Raum bieten sollten, in dem Gegebenheiten und Systeme hinterfragt werden sowie aus der Kommunikation mit anderen heraus mutige Ideen formuliert und Alternativen gedacht werden können. Claus Albermann, Lehrer für Taiji und Qigong sowie Gründungsmitglied des Taijiquan und Qigong Netzwerk in Hamburg, wird sich im Rahmen einer Denkwoche im Juni dieses Jahres deshalb der Frage widmen, wie ein Leben im Einklang mit Körper und Geist möglich ist und das Denken beweglich bleibt. Seine Erwartungen an die Woche hat er schon vorab mit uns geteilt:

Claus Albermann„Während der Denkwoche mit dem Thema „Bewegte Philosophie – das Gute Leben im Einklang mit Körper und Geist“ werden wir das Experiment wagen, geistige und körperliche Inspiration zu kombinieren. Im Erforschen und Erleben, wie sich Körper und Geist wechselseitig stärken und ergänzen können, lässt sich erfahren, was die Beiden verbindet und wie sie zum Wohle unseres ganzen Daseins wirken können.

Schon vor dem Frühstück werden wir mit Hilfe von sanften, entspannten und gleichzeitig aufmerksamen Übungen den Körper und den Geist miteinander in Kontakt bringen. Auf diese Weise wird spürbar, dass sie auf ganz besondere Weise energetisch miteinander verbunden sind. Nach dieser Einstimmung in den Tag sind die Sinne geschärft und Körper und Geist erfrischt, sodass sich das gemeinsame Frühstück als noch schmackhafter und nährender erweisen wird.

Steht zunächst der Körper mit seinen Bedürfnissen in unserem Fokus, so erlauben wir dem Geist anschließend in den Stunden vor der Mittagspause in den Mittelpunkt unseres Interesses zu rücken – in der Auseinandersetzung mit den Grundfragen der chinesischen Weltsicht. Die dort gegebenen Antworten mögen zunächst simpel erscheinen, bei näherer Betrachtung erweisen sie sich jedoch als sehr komplex. Die Konfrontation mit den Gedanken der beiden großen chinesischen Philosophien, dem Konfuzianismus und dem Daoismus, trägt zu einer erweiterten Sicht auf die Welt bei.

Chateau Orion

Nicht nur der Körper, auch der Geist muss ruhen, um leistungsfähig zu bleiben und wird bei einem Tee unter der Platane, einem Spaziergang durch die grüne Landschaft oder einer Erkundungstour der Umgebung des Château d’Orion Gelegenheit dazu haben. Die späten Nachmittage werden damit gefüllt, die Erkenntnisse des Geistes dem Körper erfahrbar zu machen. Dazu nutzen wir einige ausgewählte Übungen aus dem reichen Schatz, den uns die chinesische Kultur überliefert hat: des Qigong (Sammelbegriff für eine Vielzahl von Übungen zur Lebenspflege) und des Taiji (Handeln nach dem höchsten und letzten Prinzip). Wer möchte, lässt den (Übungs-)Tag mit einer Gehmeditation, dem „Gang des alten Gelehrten” und mit anregenden Gesprächen und gemeinsamem Austausch beim Abendessen ausklingen, welche hoffentlich die Neugier auf den nächsten wecken.

Ich freue mich auf eine besondere, erkenntnis- und erfahrungsreiche Woche sowohl für den Körper als auch für den Geist in der wundervollen Atmosphäre des Château d’Orion, welche das Erleben bereichern und hoffentlich inspirierend und stärkend bis in den Alltag hineinwirken wird.”

Und wir freuen uns auch darauf, mit Claus Albermann auf neuen Wegen das Bewusstsein für den Körper zu stärken und unser Denken auch körperlich erfahrbar zu machen!

 

29 Mrz

Denkgeschichte

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Ein Blick zurück mit gemischten Gefühlen

08.04 041 Wenn ich meine Tochter in dem schäbigen, windigen Küchenabteil lachend das Geschirr abspülen sehe oder die kerzenbeschienene kleine Tafel im Schatten der Baustelle, dann wird mir warm ums Herz. Aber auch ein wenig flau. Denn es ist alles andere als selbstverständlich, dass wir heute im eleganten Salon sitzen und dort staunend die Fragen der Welt betrachten und den offenen Diskurs wagen, der in unserer Zeit so dringend gebraucht wird.

Ein hartes Stück Arbeit liegt hinter uns und heute ein kleines Wunder vor uns, das nur durch viel Wohlwollen der Familie, der Freunde und der Begleiter, die daran geglaubt haben, Wirklichkeit wurde. Am Anfang standen wir nicht nur in Ruinen, sondern auch vor der Frage: Kann man wirklich Denkwochen in die Welt bringen, wo die Menschen doch täglich am Schreibtisch schon mit so viel „Denkzeug“ konfrontiert werden?

2001 hatte ich begonnen, die Familie behutsam an meinen Denkplan zu gewöhnen. Ein Manager, eine Psychologiestudentin und ein angehender Industriedesigner wurden von mir vertraut gemacht mit einem Konzept, das so gar nicht in die Zeit zu passen schien. Waren doch um uns herum alle rastlos unterwegs, immer auf der Überholspur und wollten, wenn überhaupt, Freizeit anstatt nur die Seele baumeln lassen. Wie das so schön hieß.

Zunehmend tauchten schließlich Argumente auf, die die „Akademie zur Gewinnung und Vertiefung von Erkenntnissen“, etwas später Denkwochen genannt, nährten. Beispielsweise verkündete der Vorstandsvorsitzende der BMW AG Eberhard von Kuehnheim, nur der ganzheitlich gebildete Manager könne die Probleme der Gegenwart überhaupt erkennen, geschweige denn lösen. Oder Stephan Gutzeit, der damals das European College of Liberal Arts in Berlin gegründet hatte:

„Was gewinnt ein Manager, der Goethe liest – auch Dante, Shakespeare, Rousseau und Tolstoi?

Wer diese Texte liest, begreift und sich mit ihnen auseinandersetzt, dem ist nichts Menschliches mehr fremd, der versteht andere besser und sich selbst. Das ist nicht wenig für einen Menschen, dem die Führung anderer obliegt. Wer darüber hinaus Literatur regelrecht studiert, sie also mit Disziplin und Einfühlungsvermögen analysiert, mit Gleichgesinnten bespricht und dann selbst Schriften verfasst, lernt gut und klar zu schreiben, zu reden und zu denken, keine unbedeutende Schlüsselqualifikation auch das. Nicht zuletzt gewinnt er eine neue Auffassung von Gewinn, indem er versteht, daß neben Zahlen und Fakten auch anspruchsvolle Inhalte, ein guter Stil, nachhaltige Lebensqualität und andere ‚weiche Faktoren‘ wichtig sind – woraus folgt, daß er diese Momente verstehen muß, durchaus auch im Interesse der Bilanz seines Unternehmens, des Gewinns im engeren Sinn.“

Zweifel an der Akkumulation von Wissen wurden laut, das verknüpfende Denken versprach Orientierung, Sinnsucher machten sich auf den Weg, stellten neue Fragen.

Ein Blick zurück in erste Denkzeiten sei gestattet. Mit der Frage „ Ist das Ich eine Illusion?“ und einem philosophischen Blick auf neurobiologische Erkenntnisse sind wir damals gestartet. Der Wissenschaftsphilosoph Prof. Thomas Metzinger war es, der uns anleitete, darüber nachzudenken, ob wir tun was wir wollen oder wollen was wir tun.

Biarritz en 1900 - Page 8 308Die Küche hat sich seither verändert, unser Denken auch. Was bleibt ist die Vision, durch gedankliche Bewegung Perspektiven zu öffnen. Wie gut, dass es dazu immer neues Futter gibt. Deshalb hier noch ein Buch-Tipp: Mit Platon in Palästina – vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt. Von dem kanadischen Philosophen Carlos Fraenkel.

Im Klappentext heißt es: „Die Philosophie kann die Gegensätze zwischen Religionen und Kulturen nicht aufheben. Aber sie zeigt uns, wie wir Positionen begründen und Argumente austauschen können – was in einer Welt der Sprachlosigkeit und Gewalt viel bedeutet.“

Dem schließen wir uns gerne an. Oder nehmen wir Goethes Worte:

„Seht, …, was wäre ich denn, wenn ich nicht immer mit klugen Leuten umgegangen wäre und von ihnen gelernt hätte? Nicht aus Büchern, sondern durch lebendigen Ideenaustausch, durch heitere Geselligkeit müsst ihr lernen.“

Chateau von FerneAuch dem schließen wir uns gerne an und preisen beides, Buch und Gespräch, Geist und Genuss im Château d’Orion.

 

 

10 Mrz

Ein Stern im Béarn

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…heißt der Titel des Buches, das eine befreundete Autorin geschrieben hat.

Claudia_BuchWie es dazu kam, ist auch schon wieder eine Geschichte. Claudia Tebel-Nagy wollte sich eigentlich nur ein wenig erholen unter der Platane mit Blick auf die Pyrenäen. Bei ihrer Ankunft tippelte mit kleinen, unbeholfenen Schritten eine schmales Persönchen an ihr vorbei, einen Stock in der Hand, auf ihren Lippen ein Lächeln: „Bonjour Madame!“ grüßte Madame Marguerite Labbé, die Tochter von Léon Bérard, ehemaliger Erziehungsminister der dritten Republik und im Krieg Botschafter im Vatikan.

Chateau d’Orion war ihr als Erbe von ihrem Mann Jean Labbé zugedacht, gewünscht hatte sie sich das nicht. Denn sie besaß weder die Kraft noch die Möglichkeiten, das langsam zerfallende Gemäuer aufrecht zu erhalten. Nach langer Überlegung verkaufte sie es an uns, eine deutsche Familie. Keine einfache Entscheidung, schließlich barg das Haus während des 2. Weltkrieges einen Hort der Resistance. Ihr Schwager Paul Labbé hatte dieses Netzwerk gemeinsam mit Freunden und Kameraden gegründet. An der Einfahrt zum Schloss wurde 1985 dazu eine Stele errichtet.

Unsere erste Begegnung fand an Ostern 2002 statt. Nieselige Apriltage, die Erinnerung an feuchte Luft auf der Haut und einem quietschenden Gartentürchen zwischen Kirchhof und Schlossübergang. Fröstelnd traten wir ein in ein Haus, das beim Betreten der Eingangshalle schon dieses seltsame „Es war einmal …“ Gefühl hervorruft. Der Literat Emanuel Berl, der eine Tochter des Hauses ehelichen wollte und verschmäht wurde, gab bei einem Interview mit Patrick Mondiano zu Protokoll: „Ich liebe dieses Orion, das Haus, in dem einen der Duft der Erinnerung die Nüstern aufblähte.“ Das war aber schon in den frühen 40er Jahren des 20. Jahrhunderts. Wie mußten wir uns erst fühlen, nachdem Château d’Orion schon seit den 80er Jahren einen verwunschenen Schlaf führte? In seiner Mitte Madame Marguerite Labbé, eine Schlossherrin, die  zwischen Kemenate, Kirche und Küche hin und her wandelte, einmal täglich dort aus dem scheppernden, rostigen Kühlschrank eine Creme Caramel oder ein Joghurt herausziehend.CdO_Vor_Renovierung_Innen_017

Man könnte wahrlich ins Erzählen verfallen, weil da so viele Türen zu immer neuen Erinnerungen führen. Bleiben wir bei der Begegnung von Claudia mit Marguerite. Später würde sie sagen, das war ein coup de foudre. Claudia Tebel-Nagy war blitzschnell überzeugt, dass es sich lohnte, die Geschichte der ehemaligen Besitzerin aufzuschreiben. Ja, dass es sogar ein leidenschaftlicher Wunsch wurde.

Lange Gespräche zwischen den beiden folgten und die Idee zu einem Roman reifte.

Madame_LabbeAch ja, es muss wohl noch gesagt werden, dass Marguerite Labbé noch heute in ihrem Zimmer lebt. Sie verläßt es nicht mehr, lebt in ihrer Welt mit ihren Erinnerungen und wird versorgt durch die Equipe von Château d’Orion. Sie wird nicht müde zu schätzen, dass das Haus zu neuem Leben erwachte und dafür findet sie auch Worte:

„Ich liebe Sie, die Sie dieses Haus lieben, das so geliebt wurde, von denen, die ich geliebt habe!“

 

09 Mrz

Gemeinschaft, Geist und Genuss

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Ein Haus ohne Freunde ist wie ein Wald ohne Bäume.

Château d’Orion kann sich glücklich schätzen, nicht nur an vielen Orten vertraute Menschen zu wissen, sondern sogar zwei Freundeskreise um sich zu scharen. Auf der Basis der deutsch-französischen Entwicklung engagieren sich in Frankreich der Verein Rencontre d’Orion und in Deutschland Château d’Orion e.V.  für die Entwicklung von Projekten, künstlerischen Veranstaltungen und vielfältigen Begegnungen.

Maßnahmen, die Wirkung zeigen. Als wir in gemeinsamer Anstrengung die 50-jährige Freundschaft der beiden ehemals verfeindeten Staaten Deutschland und Frankreich feierten, kam Jean Dufau, der Bürgermeister des kleinen Weilers Orion auf mich zu und bekundete, er wisse erst seit wir gekommen sind, was deutsch-französische Freundschaft ist und wozu sie gut sei.

Am vergangenen Wochenende lud nun der deutsche Freundeskreis ins Gut Sonnenhausen ein, um den Mitgliedern und Interessierten eine Anmutung zu geben, wie Gemeinschaft, Geist und Genuss zu kombinieren sei.

EnzensbergerAuch Hans-Magnus Enzensberger gab uns die Ehre und war gekommen, um sich im Gespräch mit der jungen Studentin Anna Staab der Streitkultur zu widmen. Jörg Lau schreibt in seiner Biographie: „Im Leben dieses großen Schriftstellers, der die Bundesrepublik so beredt wie kein anderer verwünscht, aufgeklärt mit ihrer Mittelmäßigkeit versöhnt und abermals verwünscht, spiegelt sich zugleich ein Stück deutscher Mentalitätsgeschichte.“

Anna Staab begrüßte er mit der Maxime: „Folge Deinem Stern!“.

Janna Schwanemann, die demnächst dem Sternbild Orion nach Südwestfrankreich als Praktikantin folgen wird, hat das Wochenende in Gut Sonnenhausen beobachtet. Hier ihr Beitrag: 160308_Gastblog_Janna

03 Mrz

Was braucht der Mensch…

Logo_Freundeskreis

EvThadden…so lautete der Titel einer Denkwoche mit Elisabeth von Thadden in 2015, die im Übrigen in diesem Jahr wieder stattfindet. Nicht als Wiederholung, sondern mit neuer Kraft und ergänzenden Texten. Wir hatten im vergangenen Herbst festgestellt, dass wir zwar eine intensive und erkenntnisreiche Zeit durchlebten, aber längst nicht erschöpfend mit der Materie umgehen konnten. Eine Denkwoche lang beugten wir uns über Texte und Geschichten, erzählten uns von eigenen Erfahrungen und waren uns einig: Es muss eine Fortsetzung geben, 2016 in Kooperation mit den ZEIT-Reisen.

Die Idee, eine heterogene Gruppe aus verschiedenen Generationen zusammen an einen Tisch zu bringen, verfolgt die Denkagentur Chateau d’Orion von Anfang an. Die gegenseitige Befruchtung aus verschiedenen Blickwinkeln, Erlebnisräumen und Zeiten ist ein Reichtum unserer Begegnungen. Inzwischen gibt es eine stattliche Zahl von Denkwochen-Alumnis, die uns bis heute begleiten und deren Lebensweg wir mit Freude verfolgen. Wann immer möglich mit gegenseitiger Unterstützung.

Inzwischen hat es der Verein Château d’Orion e.V. übernommen, zwei Stipendien für junge, interessierte Teilnehmer zu übernehmen. Dieses Mal waren es die beiden Philosophie-Studentinnen Lea Ransbach und Jenny Fadranski.

Ihr Bericht spricht für sich: Bericht Denkwoche E. von Thadden 2015

29 Feb

Achtsamkeit

Achtsamkeit_Beitragsbild

oder: Mit dem Leben im Kontakt sein

 Zur Definition findet sich im Netz u.a. folgendes: 

Achtsamkeit (engl. mindfulness) kann als Form der Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit einem besonderen Wahrnehmungs- und Bewusstseinszustand verstanden werden, als spezielle Persönlichkeitseigenschaft sowie als Methode zur Verminderung von Leiden (im weitesten Sinne). Historisch betrachtet ist Achtsamkeit vor allem in der buddhistischen Lehre und Meditationspraxis zu finden. Im westlichen Kulturkreis ist das Üben von Achtsamkeit insbesondere durch den Einsatz im Rahmen verschiedener Psychotherapiemethoden bekannt geworden.

Ein Thema, dass mir schon lange am Herzen liegt – vor allem wohl, da ich in einer Familie groß geworden bin, die sehr achtsam mit sich, anderen, der Umwelt, überhaupt mit allem, umgeht. Wir haben Realitäten nie verleugnet oder uns schwierigen Situationen entzogen – ganz im Gegenteil. Das Wohl anderer liegt uns sehr am Herzen. Natürlich gehört dazu, mit sich selbst ebenfalls achtsam umzugehen.

Professioneller ausgedrückt: Achtsamkeit heißt, wach und mit allen Sinnen ganz im Augenblick zu sein und einverstanden mit dem Moment, wie er gerade ist.

Solche Momente kennen alle Menschen, und doch sind wir die meiste Zeit gefangen in (meist kritischen) Gedanken oder inneren Auseinandersetzungen mit Gefühlen, wir hängen in der Vergangenheit fest oder planen bereits das Übermorgen. Wir sind gerade nicht ganz anwesend.

In Alltagssituationen erlebe ich es fast täglich, diese Unachtsamkeit. Es fängt schon damit an, dass man dem Nachfolgenden die Tür nicht aufhält. Für so viele Menschen ist es leider heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr, einfach beim Betreten eines Hauses zum Beispiel, kurz hinter sich zu schauen, bevor die Tür dem Nächsten entgegenschlägt. Oder jemandem die Tür aufzuhalten, weil der die Hände voll hat und erst seine Taschen abstellen müsste.Kaufhaustür

Achtsamkeit heißt für mich, auf sich und seine Umwelt achten, aufmerksam sein, was um mich herum passiert, wer ist wie in meiner Nähe. Meiner festen Überzeugung nach für das Leben in einer zivilisierten, modernen Gesellschaft unabdingbar. Würden mehr Menschen auf andere achten, aufmerksamer sein, wie diese durchs Leben gehen, sich diese fühlen, ihre feinen Antennen danach ausrichten, es würde weniger Konflikte, Unglück, Kriege geben.

Leider beschäftigt sich kaum einer mit dieser so klaren, wenn auch einfachen Betrachtung der Achtsamkeit. Nein, es wird eine psychologische Wissenschaft daraus gemacht, Betrachtungsweisen anderer Kulturen und Religionen herangezogen, statt sich auf die so einfache Bedeutung und Umsetzbarkeit dieses Begriffs zu konzentrieren. Achtsamkeit in der modernen Wissenschaft zielt fast ausschließlich darauf ab, sich auf sich selbst zu konzentrieren, auf sich zu achten, damit die Auswirkungen des Alltagsstresses gemindert werden oder man sein eigenes körperliches sowie psychisches Wohlbefinden verbessern kann. Also wieder eine weitere Form der Ich-Stärkung, des Egoismus…dabei wäre es doch für jeden im Alltag so viel einfacher – ganz ohne diese „Verwissenschaftlichung“…

Stellen Sie sich mal einen Alltag vor, in dem jeder achtsam mit den anderen umgeht. Was würde sich wohl alles (ver)ändern?
Morgens knallt mir nicht die Eingangstür beim Bäcker ins Gesicht, die Mutter mit ihrem Kinderwagen kann sich vor Hilfsangeboten an der steilen U-Bahntreppe gar nicht genug bedanken, die Kollegin freut sich über ein herzliches „Guten Morgen“, obwohl sie am vorigen Tag beim Teammeeting nicht besonders mit ihrer Leistung glänzte, die Chefin bzw. der Chef spürt Unstimmigkeiten im Team und provoziert nicht mit Kritik oder Zusatzaufgaben für den Moment, zum Mittagessen wird der neue Kollege mit eingeladen, „Außenseiter“ werden mit an den Tisch gebeten, die Schüchternen werden in Gespräche feinfühlig mit einbezogen, die benutzten Kaffee- und Teebecher werden von jedem in der Gemeinschaftsküche in den Geschirrspüler gestellt, ohne Aufforderung räumt jeder das saubere Geschirr in die Schränke (ohne Gedanken daran, dass ich es „ja schon so oft getan habe“). Und genau da setzt Achtsamkeit für mich ebenfalls an: Feinfühligkeit – die übrigens jeder entwickeln, noch erlernen kann!

Die Fähigkeit, das Leben oder eine Situation genau so anzuerkennen, wie es gerade ist, und sich dem zu stellen – ohne sie verleugnen oder nicht beachten zu wollen – kann durch verschiedene Achtsamkeitsübungen entfaltet werden. Dazu aber in einem anderen Blogartikel hier.

Achtsamkeit ist etwas, in dem man sich übt, und es braucht Entwicklungszeit sowie die Bereitschaft zur Übung und Veränderung. Geduld und Milde mit sich selbst sind dabei wachsende Qualitäten. So wie wir beispielsweise das Radfahren Tritt für Tritt erlernen, so entwickelt sich auch mit zunehmender Übung der Achtsamkeit die Fähigkeit, sich bewusster und ruhiger zu bewegen und bei unerwarteten Hindernissen nicht aus der Balance zu geraten. Wir können Anforderungen, Stress und Belastungen in unserem Leben nicht verhindern, aber wer aufmerksam sein Umfeld wahrnimmt, kann entscheiden, wie er sich in unvorhersehbaren oder schwierigen Momenten verhält.

Im Sinne der Gemeinschaft handeln, ohne sich selbst zu verlieren oder aufzugeben!

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Unsere Gastbloggerin: Ulrike Gagel-Petereit.
Bereits 2008 hat sie sich auf die Strategieberatung und operative Begleitung von Marketing- und Kommunikationsprozessen spezialisiert. Ihre Leidenschaft für das Schreiben und Texten setzt sie mit TextforYou auch für kleine und mittelständische Unternehmen um. Mit ihren Beiträgen unterstützt sie unser Château d’Orion genauso wie die Denkagentur. Die diplomierte Volkswirtin war über 15 Jahre in Marketing-Leitungspositionen tätig und lebt mit Ihrer Familie in Hamburg.

21 Feb

OrioSon – Neuer Sinn in alten Werten

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oder: Welche Aufgaben können Orte der Sehnsucht erfüllen?

„Ohne Herkunft keine Zukunft“, behauptet der Philosoph Odo Marquard und da trifft er den Kern der Ambition des kulturellen Erbes von Château d’Orion und dem Gut Sonnenhausen. Beides sind Gästehäuser, die nach ihrer liebevollen Restaurierung mehr als nur Kost und Logis bieten wollen. Aufgeladen mit Geschichte und Geschichten in einer reichen Kulturlandschaft öffnen sie Raum zum Innehalten. Im Südwesten Frankreichs, das Eine und in Oberbayern das Andere.

Wie alles anfing

Vertrag ElyseeJumelage, das war damals nach dem Krieg das Zauberwort, um der Erzfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland die Stirn zu bieten. 1963 hatte das alles angefangen mit dem Elysée Vertrag, den Konrad Adenauer und General de Gaulle miteinander schlossen, um die Menschen in ihren Ländern aufzufordern, sich die Hand zur Versöhnung zu reichen. Seither ist viel geschehen – mit der Städtepartnerschaft, der Jumelage, fing alles an; ARTE, das deutsch-französische Jugendwerk, vielfältige deutsch-französische Kultur-Institutionen wuchsen heran.

Das alles ist lange her, jungen Leuten ist kaum mehr eingängig, warum sie sich um Freundschaften in den Partnerstädten bemühen sollen und Englisch ist auch viel attraktiver geworden. Dabei bleibt dieser Vertrag als Akt der Verständigung beispielhaft, ein europäisches Wunder, wie es einer der Architekten Europas, Jean Monnet, betitelte.

Als wir 2013 das fünfzigjährige Bestehen der deutsch-französischen Freundschaft in Château d’Orion mit einem facettenreichen Programm feierten, haben wir auch einen Austausch von Genusshandwerkern aus unserer Heimatregion Béarn, dem Baskenland, mit der Region Oberbayern initiiert. Bäcker, Metzger, Brauer, Käser haben sich gegenseitig besucht und inspiriert. Unterstützt wurde dieses Projekt unter anderem vom Gut Sonnenhausen. Daraus ist einiges entstanden und vor allem die Idee gewachsen, eine Projektpartnerschaft zu entwickeln.

So erarbeiten wir nun Stück für Stück gemeinsame Aktivitäten zwischen Château d’Orion und dem Gut Sonnenhausen. Beispielsweise sollen dort zukünftig die Denkwochen zum festen Programm gehören.

Beidseitige Besuche und Begegnungen haben bereits zu spannenden Projektideen geführt und zu konkreten Ergebnissen. Beispielsweise werden einige der berühmten bearnaiser Kühe, die mit den gigantischen Hörnern, umziehen auf das Gut Sonnenhausen.

Kuh_Langhorn La vache béarnaise war vom Aussterben bedroht und wird gerade sehr erfolgreich rekultiviert. Auch diese Initiative unterstützt Château d’Orion auf der Basis der deutsch-französischen Freundschaft und in der Verantwortung für das Europa der Regionen. Wir wollen mehr sein als ein schöner Ort, den man gerne besucht. Unsere Aufgabe sehen wir zudem in der Entwicklung des ländlichen Raumes.

Auch das ist ein neuer Sinn in alten Werten, der gemeinsam als OrioSon, Château d’Orion verbunden mit Sonnenhausen, leichter in die Welt zu bringen ist.

18 Feb

Steht das Lehren Kopf?

BRIGITTE WIRStoff zum Nachdenken findet sich überall, heute z.B. am Zeitungskiosk. Dort habe ich nämlich auf dem Cover von BRIGITTE WIR gelesen:

“Früher waren die Alten unsere Lehrer, heute sind es die Jungen”

Darüber habe ich einen Moment kleinen Moment lang versonnen den Kopf genickt – aber dann doch recht vehement geschüttelt. Nein, so einfach ist das nicht.

Zwar fühle ich (52) mich recht fit, was Computer, Internet, Social Media angeht – immerhin betreibe ich einige Websites und Blogs –, doch neulich konnte ich von meiner Tochter (15) etwas lernen. Sie zeigte mir, wie ich mittels Hashtags bei Instagram die Reichweite meiner Bilder vergrößern kann.

Ich denke, das ist es, worauf die Aussage hinaus will. Es gibt eine Menge Dinge in der Welt, die vor allem oder zunächst eher junge Menschen interessieren und auch noch mit dem Einsatz von moderner Technologie verbunden sind, von denen ältere Menschen keine Ahnung haben. Das heißt nicht, dass sie nicht von diesen Dingen profitieren könnten, doch es gibt Hürden, die ihnen den Kontakt erschweren. Mit der Hilfe junger Menschen können sie aber lernen, diese Hürden zu überwinden. Und dann gibt es kein Halten mehr: 68jährige lassen ihre Lieben daheim via Instagram an ihrer Weltreise teilhaben, 83jährige lesen Bücher auf dem iPad in extra großer Schrift, 75jährige basteln nach DIY-Anleitung bei Youtube, 56jährige drucken sich Ersatzteile auf dem 3D-Drucker aus – und selbst die Denkagentur fängt an zu twittern.

Das ist wunderbar. Wer würde nicht gern von jungen Menschen lernen wollen?

Früher war natürlich alles anders

Anscheinend war es aber wohl früher anders. Sonst lohnte sich diese Aussage auf dem Titel nicht für BRIGITTE WIR.

Gab es früher nicht so viel zu lernen für ältere Menschen? Oder haben sie sich nur geweigert, von Jüngeren etwas anzunehmen?

Mir scheint tatsächlich, dass sich da etwas verändert hat. Ich gehe dabei einmal der Einfachheit halber von “Leittechnologien” aus:

  • Vor 100 Jahren war eine Leittechnologie die Dampfkraft bzw. etwas später der Kraftstoffmotor: Eisenbahn, Dampfschiff, Automobil.
  • Vor 50 Jahren war es die Elektronik: Radio, Fernsehen.
  • Vor 30 Jahren war es der Computer.
  • Seit 15 Jahren ist es das Internet.
  • Seit 5 Jahren sind es Anwendungen auf Computern und Smartphones mit dem Internet als Rückgrat.

Leittechnologien haben die Menschen immer (auch ganz buchstäblich) bewegt. Kompetenz in dieser Hinsicht zu haben, war nützlich. Ein Blick in die Kinderstuben belegt das: dort tauchten vor 100 Jahren Dampfmaschinen als Spielzeug auf und hielten sich lange. Später waren es Elektronikbaukästen, danach Heimcomputer.

Erwachsene fanden die Beschäftigung damit pädagogisch wertvoll, Kinder wünschten sich interessantes Spielzeug. Fühlen Sie das Lehrgefälle? Kompetenz oder zumindest der Wunsch danach floss von den Älteren zu den Jüngeren.

Das war ganz natürlich, weil die Leittechnologien vergleichsweise teuer und unhandlich waren. Deshalb kam es zu ernsthaften Anwendungen erst im Beruf. Damit hatten die, die sich tiefergehend damit beschäftigen konnten, ein Mindestalter. Es waren nicht mehr die Jungen.

Umkehrung der Beschäftigungsverhältnisse

Das änderte sich allerdings schrittweise. Mein Vater konnte Ende der 1940er schon ernsthaft als Jugendlicher daheim mit Elektronik basteln, danach wurde es nur einfacher.

Ende der 1970er brauchten Computer schließlich die Möglichkeit der Herstellung von ernsthaften “Softwaremaschinen” in jedes Heim, das sich einen Apple oder später C64 leisten konnte. Spätestens jetzt konnten sich mit einer Leittechnologie diejenigen beschäftigen, die viel Zeit hatten: junge Menschen. Sie begannen, ihre Eltern zu überflügeln.

Dieser Trend hat sich mit Internet und den darauf aufsetzenden Anwendungen fortgesetzt. Zwar ist der Bastelcharakter der Beschäftigung damit in den Hintergrund gerutscht, dafür ist die Relevanz und der Umfang dessen, was jungen Menschen verfügbar ist, rasant gestiegen.

Das, was unsere Gesellschaft antreibt ist nicht mehr teuer und auf ein spätes Berufsleben begrenzt, sondern jedem von frühesten Kindesbeinen an zugänglich. Achten Sie auf das nächste Kleinkind mit iPad! Damit eigenen es sich diejenigen an, die viel Freiraum und Neugierde haben: die jungen und jüngsten Menschen. Das wiederum beschleunigt die Entwicklung der Leittechnologie.

Während also früher noch die Älteren qua Beruf die Wissens- und Erfahrungsmehrheit hatten bei einer Leittechnologie, hat sich das Verhältnis in dem Tempo umgekehrt, da die Leittechnologien at your fingertips und tiefer in den Alltag gewandert sind.

So weit, so verständlich. Es hat sich also etwas verändert. Und das wird wohl auch noch weitergehen. Die Zukunft der Nahrungsmittelproduktion wird von jungen Menschen ausprobiert, Beispiel Infarming. Oder die Zukunft der Produktion, Beispiel 3D-Druck. Oder die Zukunft der Reiseunterkunft, Beispiel Airbnb. Oder die Zukunft der Lehre, Beispiel Khan Academy. Oder die Zukunft der Geldbeschaffung, Beispiel Crowdfunding.

Veränderung ist keine Sache mehr der Großen oder von Gremien bestehend aus “alten Herren”. Veränderung, Innovation findet dank allseits verfügbarer Technologien dort statt, wo die Neugierde, die Beweglichkeit, der Trotz am größten ist: bei den Jungen.

Und deshalb titelt BRIGITTE WIR ganz richtig. Die Älteren können von den Jüngeren eine ganze Menge lernen.

Das fehlende Gegengewicht

Bei aller Verständlichkeit der Entwicklung empfinde ich das, was da aus dieser Titelaussage spricht, aber auch bedauerlich einseitig.

Gut, dass das Pendel von “Die Alten lehren die Jungen” in die andere Richtung schwingt. “Die Jungen lehren die Alten” ist lange überfällig. Nicht, dass es an Versuchen gefehlt hätte. Die Jungen haben immer wieder den Alten Angebote gemacht, doch mal etwas von ihnen anzunehmen. Doch die Alten haben abgelehnt. Weil sie konnten.

Das hat sich nun geändert. Das, was die Jungen lehren können, ist heute weniger ideologisch und kulturell, so scheint es. Vor allem ist es nämlich praktischer Art. Was sie können, macht das Alltagsleben leichter. Zwischen “Hört euch doch mal meine Musik an, die hat etwas zu sagen” und “Versucht doch auch mal, eine günstige Ferienunterkunft bei Airbnb zu bekommen” liegen Welten der Akzeptabilität für die Älteren.

Doch wie es mit den Pendeln so ist, sie schwingen gern auch zunächst zu weit. Das scheint mir der Fall. Denn zumindest der Titel bei BRIGITTE WIR lässt keinen Raum dafür, dass die Jungen weiterhin auch etwas von den Alten lernen könnten und sogar sollten.

Denn daran glaube ich: dass die Einseitigkeit kaum je bekömmlich ist. Weder war es besonders bekömmlich, dass nur die Alten die Jungen gelehrt haben. Noch wird es bekömmlich, wenn die Verhältnisse jetzt umgekehrt werden.

Komplementarität ist gesucht. Ich vermisse das sowohl-als-auch.

Wir Älteren und Alten sollten uns nicht ins Bockshorn jagen lassen. Nur weil es jetzt und eigentlich immer schon etwas von den Jungen zu lernen gibt und gab, bedeutet das nicht, dass viele Lebensjahre keine Erkenntnis mehr zu vermitteln haben.

Ich halte es sogar für eine große Gefahr, wenn wir uns einem “Jugendwahn der Lehre” hingäben.

Sich modisch kaum zu unterscheiden, ist eine Sache. Ich denke nicht, dass die sprichwörtliche beige Renterbekleidung eine schützenswerte kulturelle Errungenschaft darstellt.

Doch was ist mit der “Weisheit des Alters”? Gibt es die nicht oder nicht mehr? Früher war Erfahrung ein Wert. Hat der ausgedient? Ist heute nur noch junge Schnelligkeit und Flexibilität nützlich?

Ist alt nur noch spießig, konservativ, gar reaktionär und damit kontraprogressiv?

Im vegetativen Nervensystem gibt es den Sympathikus und den Parasympathikus. Sie arbeiten komplementär, als Gegenspieler. Beide sind für den komplexen Organismus wichtig. Erregung und Dämpfung gehören beide zum Leben.

Das scheint mir auch günstig für unsere Gesellschaft: neu + alt, unbeleckt + erfahren, mutig + vorsichtig, forsch + rücksichtsvoll und was der Komplemente mehr sind, das ist weiterhin beides nützlich.

Es wäre also zu schade, wenn die neue Tugend hieße “Lehre nicht die Jungen, sondern lerne von ihnen!”

Schöner hätte ich es daher gefunden, hätte BRIGITTE WIR so getitelt:

“Endlich lernen wir alle von einander: die Alten von den Jungen und die Jungen von den Alten”

Ralf WestphalDieser Text stammt von Gastblogger Ralf Westphal (ralfw.de, Twitter: @ralfw). Er ist Autor, Referent und Coach für nachhaltige Softwareproduktion und unterstützt als Accountability Partner Menschen bei Veränderungen (accountability-partner.de).

17 Feb

Denken schenken

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Es ist an der Zeit, auf fast 13 Jahre Denkwochen zurückzublicken…

Naturgemäß ist nicht mehr alles erinnerbar, aber einige Momente des gemeinsamen Sinnierens sind unvergesslich und füllen unsere Gästebücher sowie unsere Denkspeicher.

11Selbstredend ist nicht aus dem Gedächtnis zu löschen, wie die erste Denkwoche im Château d’Orion, sozusagen im Rohbau, abgehalten wurde. Die Wände mit alten Leinentüchern bespannt, Krepppapier an der Decke, um die aufgerissenen Mauern zu kaschieren. Das alles unter dem sagenhaften Titel: „Tradition und Innovation in Moderne und Postmoderne“. Professor Rudolf Lüthe war es, der sich traute, völlig im Ungewissen mit uns zu philosophieren. Aber das ist noch mal eine ganz eigene Geschichte wert, bald hier auf einer anderen Blogseite.

 

Auch die Begleiterscheinungen der Denkwochen sind alles andere als marginal. Wenn Rüdiger Safranski bis spät in die Nacht Gottfried-Benn-Gedichte rezitiert oder wir schon mal gemeinsam ein Lied singen, ohne Zögern auch österreichische Schlager, wenn’s beliebt, dann prägt es uns und es prägt sich ein. Ohne peinlich zu werden.

Oder wenn die ehemalige Lehrerin sich entzückt ihrem Gegenüber zuwendet und flüstert: „Helmut, Du hast mir den Glauben an die Manager wiedergegeben!“ Besagter Helmut hatte zuvor seine Miniatur-Gedichte vorgetragen, kleine Stücke voller Ironie und Nachdenklichkeit. Hatte sich Helmut Cordes damals bei der Denkwoche „Die Kunst des Schreibens“ mit Nathalie Weidenfeld sozusagen noch Mut angeschrieben, so ist er heute als veritabler Schwabenpoet mit kürzesten, pointierten Texten und selbstironischen Gedanken erfolgreich. Beispielsweise mit Titeln wie „Feingeister“ oder „Ausblicke Einsichten“.

Und so trug es sich zu, dass Helmut Cordes bei einer Reise nach Wien ein solches kleines Gedicht von einer Platane vortrug und Mitreisende erstaunt ausriefen: „Ist das nicht die Platane von Château d’Orion?“. Und siehe da, sie war es und alle kannten sie von den Denkwochen daselbst.

Helmut Cordes

Einige Beispiele Cordes’ kleiner Gedichte sollen auch diesen Blog zieren:

 „Blinde Kuh

Für ein Leben wie die Kinder, spielend im Glück, wiegend sich,
so manch einer selbstvergessen verträumt den Spatenstich.“

„Strahlkraft

Die zärtlichste Weise, jemanden zu schmeicheln,
mit den Wimpern leuchtender Augen streicheln.“

 „Zauber der Empathie

Ein Augenzwinkern einen Felsbrocken von der Seele kann heben,
der Kraftprotz mit einem Sandkörnchen am Meeresstrand sein Waterloo erleben.“

„Sinnlichkeit

Das berührendste Glück darin besteht,
das Rauschen des Windes spüren, der nicht weht.“

Es läßt sich leicht feststellen: Heute, viele Denkjahre nach unserer Gründung, ist die Sehnsucht, das Wesentliche zu berühren, noch gewachsen. Inzwischen gibt es vielfältig Futter dazu. Philosophische Magazine, Sendungen in Hörfunk und Fernsehen, es gibt Denkfeste, landauf – landab, Denkzirkel und Festivals zum Thema.

Die zunehmende Irritation hat einen Weg gefunden, vom Sammeln zum Sichten zu finden. Wir brauchen eben nicht immer mehr Informationen, sondern eine Verknüpfung zum besseren Verständnis. Genau das bildet die Basis der Denkwochen im Château d’Orion und nun auch im Gut Sonnenhausen. Gemeinsam, abwägend, eben nicht grübelnd, sondern im guten Austausch, im Zuhören.

08.04So ist es an der Zeit, all den Gästen, Mitdenkern und Denkerinnen zu danken, die seither um den Tisch unter der Platane sitzen und gemeinsam um eine Erkenntnis ringen. Jedes Fest ist so gut wie seine Gäste, und die haben von Anbeginn die Denkwochen im Château d’Orion bereichert – mit fragen, staunen, zweifeln und ihrem Wissen. Sie haben viele Denkgeschenke an diesem Ort der Begegnung hinterlassen und mit uns Denkgeschichte geschrieben.

 

 

16 Feb

Ist Forschung plötzlich sexy

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…weil Einsteins Gravitationswellen, die gerade frisch nachgewiesen wurden, sogar in der Bildzeitung dem Volk erklärt wurden? Vielleicht sucht Deutschland jetzt das Superhirn? Wir werden sehen, was damit weiter geschieht. Jedenfalls ist eine naturwissenschaftliche Erkenntnis einem Massenblatt der Rede wert.

Es spricht nichts gegen eine Popularisierung derartiger Errungenschaften. Was fehlt, ist die transdisziplinäre Betrachtung, das, was an den Rändern entsteht, wenn sich die Forscher aus verschiedenen Richtungen zusammentun. Und die Anwendung, die wir gesellschaftlich erkennen können.

So ganz nebenbei: In Deutschland gibt es 195 Think Tanks. Was tun die eigentlich und was kommt dabei raus? Wo findet das seinen Widerhall? Wir wissen es nicht genau. Also bleibt uns nichts weiter übrig, als Selberdenken.Carolin-Emcke-4

Da bin ich dankbar für Kolumnen, wie die von Carolin Emcke, die sich dankenswerter Weise dem Thema in der SZ gewidmet hat: „Es wird kaum mehr ernsthaft gedacht in diesen Tagen, sondern nur noch gesammelt, was sich einfügt in die eigenen Überzeugungen. Dabei ist das Fragen, das Zweifeln an den eigenen Positionen, gerade so wichtig.“

Zu den Gravitationswellen hat sich Ernst Peter Fischer in einem Interview im Deutschlandfunk geäußert und eine spannende These in die Welt gesetzt, die sicherlich zu Widerspruch anregt. Er findet nämlich, Einstein hat recht und Kant irrt.

Ein kurzes Interview ist eine Sache, die Möglichkeit zu fragen, zu staunen, nachzuspüren, ersetzt es nicht. Es ist schlicht ein Impuls zum Diskurs, der notwendigerweise fortgesetzt werden muss.

Denken hilft, wer sollte davon mehr überzeugt sein, als ich? Das weiß ja jeder inzwischen, dass ich sogar behaupte „Denken ist Glück!“.