04 Apr

Die dritte Station

Hans-Jaochim Mattkes Vortrag bei der Mitgliederversammlung des Freundeskreises von Château d’Orion

“Wir alle, seit Plato über Kant und Fichte und dann auch moderne Philosophen wie zum Beispiel Byung-Chul Han oder Slavoi Zizek stellen immer wieder die Frage: wo und wann sind wir Bestimmte und wo und wann Bestimmer?

Selbstbestimmung – ein sperriges Wortding – man kann sie wohl am besten übersetzen mit Autonomie. Ernst Bloch hätte sie den „aufrechten Gang“ genannt. Heutzutage wird Autonomie mehr fürs autonome Autofahren benutzt, für die Übernahme der Verantwortung durch Elektronik, also dafür, dass wir nicht mehr gebraucht werden. (Immerhin: Stanley Kubrik hätte den Roboter HAL in seinem Film „2001 Odyssee im Weltraum“ beinah Athena, die Göttin der Weisheit, genannt).

Autonomie war einst ein philosophischer Begriff. Der Gegensatz zu Autonomie ist Heteronomie. Herrscht sie, dann kommt das „ Fressen vor der Moral“ (Brecht), dann handelt man fremd-, wenn man so will ‚triebgesteuert’, ohne Eigenverantwortung. Ohne aufrechten Gang. Ein anderer in uns oder außer uns.

Homers Odyssee und James Joyces Ulysses sollen uns weiterhelfen, den philosophischen Nebel zu lichten.

Die europäische Literatur setzt ein mit einem Paukenschlag. Nicht nur, dass Homers Odyssee ein erzählerisch ziemlich raffiniert gebautes Gebilde ist. In Homers zweitem Epos kann das heutige Europa in den Spiegel gucken und sich wiederfinden. Ein Europa, an dem Hunderttausende anlanden, die ohne unsere Hilfe kaum mehr eine Chance haben, ihr Leben selbst zu gestalten.
Die Odyssee jagt seinen Helden übers Meer, zerbricht seine Schiffe und wirft den Nackten und Mittellosen an die Strände des Mittelmeers, den Raum der Irrfahrten damals und heute. Dieser Raum ist, so der Historiker George Duby „die innerste Quelle der Kultur, aus der unsere Zivilisation sich speist“.

Aber mal ernst: Die Odyssee bringt einen Menschentypus hervor, der den Gefahren trotzt und sein Schicksal herausfordert. Vielleicht ist es sogar der Typus des Europäers, der sich in Odysseus zum ersten Mal vorstellt: der Wandlungsreiche, erfinderisch  und unersättlich in seinem Drang die Welt zu erfahren und zu verstehen. Sozusagen ein alter Ego, ein zweites Gesicht der grüblerischen Weltschmerznatur eines Hamlet oder Faust …

Die Ilias, das erste Homerische Epos, handelt vom Auszug nach Troja, dem Krieg und schließlich der Einnahme mittels einer List von Odysseus.

Der Kosmos der Ilias ist eine duale Welt. Den Menschen stehen gleichberechtigt oder sogar übergeordnet die Götter gegenüber: ihre Parteinahme, ja ihre Parteilichkeit, ihre Teilnahme am Kampf, ihr Eingreifen in konkrete Kampfhandlungen entscheiden über Wohl und Weh. Klar: sie sind unsterblich. Das unterscheidet sie vom Menschen! Das ist ihre Macht! Die komfortable Lage, dass man Recht hat und das auch weiss, macht jede Hierarchie skandalös. Auf der Basis der Unsterblichkeit und Infallibilität lässt sich trefflich leichtlebig, ja willkürlich Macht gebrauchen. Ja, man hat diese Götter gar ‚amoralisch’ genannt, da sie aus persönlichen Motiven, z.B. aus zorniger Rache handeln.

Plato meinte, die Ilias sei moralisch schädlich und dürfe der Jugend nicht nahegebracht werden, weil die Götter in ihr vermenschlicht würden. Richtig: Athene verwandelt sich verschiedentlich in Menschengestalt, um den Menschen zu helfen. Die Vermenschlichung der Götter ist allerdings seit dem Hinduismus und der Antike eine gängige Vorstellung und im Christentum die theologische Basis überhaupt. “Und der Logos war Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater.“ So heißt es im Johannes-Evangelium. Plato zweifelt grundsätzlich an solcher Zusammenführung von Materie und Geist.

Die olympischen Götter in der Ilias sind widersprüchlich. Sie sind weise und brutal, göttlich und Irdisch verzeihend und nachtragend. Androgyn und geschlechtlich. Ja, sie sind erotisch und erotisierend. Das ließe sich anekdotisch farbig untermauern. Und sie sind mit ziemlich menschlichen Bedürfnissen ausgestattet. Auf jeden Fall nicht verlässlich.

Aber auch ihre Macht hat Grenzen. Über ihnen stehen die Moiren, lateinisch die Parzen, das Urwort des Menschheitsschicksals, das Los, eine Weissagung in die selbst Zeus nicht eingreifen kann ohne nicht die ‚Ordnung der Dinge’ und des Kosmos zu zerstören.

Die Moiren spinnen für die Sterblichen bei der Geburt einen Faden, in den das Schicksal bereits hineingesponnen wird. Achilles muss alles ertragen, was ihm das Schicksal bereitet hat, „wenn seine Zeit gekommen ist“. Aber wirklich erst „wenn seine Zeit gekommen ist“ und sogar Hera ihn nicht mehr beschützen kann.

In Homers zweitem Epos, der Odyssee sind die Götter weniger mächtig, die Welt wird jetzt menschenzentrierter. Die seelisch wie körperlich anthropomorphen, das heißt menschenähnlichen olympischen Götter benehmen sich weniger launisch, sondern bewahren das unbedingte, verbindliche Recht.

Man sprach von einer „fortgeschrittenen Moral“ der Götter. Nur in zwei Versammlungen werden in der Odyssee von den Göttern die großen Linien der Handlung angelegt. Ansonsten kümmern sich nur Poseidon und Athene um die Menschen. Poseidon verfolgt Odysseus mit unversöhnlichem Zorn und Groll und weiß dessen Heimkehr immer wieder hinauszuzögern. Homer nutzt das kompositorisch für einen dramaturgischen Spannungsbogen und eine kunstreiche Retardation.

Athene dagegen lenkt den Klugen durch alle Gefahren, fällt die nötigen Entscheidungen und verfolgt mit Beharrlichkeit ihr Ziel, Odysseus nach Hause zu bringen. Die Göttin der Weisheit erfüllt sozusagen eine paradoxe Doppelaufgabe. Sie handelt für ihn, macht ihn durch ihre Hilfe unselbstständig. Aber ihr Ziel ist, ihm zur Selbstbestimmung, zur Autonomie zu verhelfen – und sie sorgt dadurch für ihre eigene Entmachtung. Eine nette Metapher für Erziehung: Zieht man’s groß, werden’s frech.

Die Handlung der Odyssee ist uns Europäern bekannt, über die Jahrhunderte in Fleisch und Blut übergegangen, beinahe konstitutionelles Kulturgut geworden. Manch eine/r erinnert sich freudig oder auch schmerzlich an seine/ihre Schulzeit…

Das Epos umfasst ca. 40 Tage und spielt sich im 10. Jahr nach dem Fall Trojas ab. Zunächst erzählt Homer zwei Parallelhandlungen: Athene schickt den Sohn Telemachos auf die Suche nach dem Vater (Telemachie Buch 1-4) dann folgen die Fahrten und Abenteuer des Odysseus, des Königs von Ithaka (Buch 5-12). Beide Stränge werden im 13. Buch zusammengeführt zur Kernhandlung, den eigentlichen Irrfahrten. Angefügt wird noch die Rache an den Freiern.

Einigkeit besteht unter Forschern in der Annahme, dass das Epos drei große Stoff- und Motivkreise in sich aufgenommen hat: die Heimkehrergeschichte vom herumirrenden Seefahrer, die Geschichte vom totgeglaubten, wieder auftauchenden König und die Geschichte vom Sohn, der in die Welt zieht, um den verschwundenen Vater zu suchen. Hinzu kommen unzählige Kriegs-, Kampf- und Heldenlegenden sowie Olymp- und Hadesmythen.

Die Figur des Homerischen Odysseus steht im Spannungsfeld zwischen Selbst – und Fremdbestimmung. Die Fremdbestimmung: die Götter beschließen seine Rückkehr, Calypso muss ihn gehen lassen. Athene schickt ihn zur Erfüllung seines Schicksals weiter, ist eifrige Fürsprecherin für Odysseus, beeinflusst die Entscheidungen der Götter, verändert das Äußere des Odysseus, damit er unerkannt bleibt von den Freiern, lenkt die Speere der Freier ab, damit sie ihn nicht treffen. Das sind alles nicht seine Leistungen. Poseidon aber hindert seine direkte Heimfahrt und macht ihm das Leben zur lebensgefährlichen Hölle. Im 5. Gesang handelt Poseidon so brutal, dass es sogar heißt: „Jetzt wäre der Dulder wider sein Schicksal gestorben…“, das heißt, dass sogar die Moiren außer Kraft gesetzt worden wären und Poseidon sich gegen die Urweisheit und gegen den Ratschluss der Olympier vergangen hätte – hätte Athene nicht eingegriffen.

Und doch wissen wir: Odysseus wird der ‚Listenreiche’, der ‚Erfindungsreiche’ genannt. Als schlauer Fuchs ersinnt er Strategien, List und Lügen, um zielbewusst und pragmatisch mit klug und effizient gesetztem Instrumentarium sein Ziel, zum Beispiel die Eroberung Trojas oder jetzt seine Heimkehr zu erreichen oder wenigstens seine Haut zu retten.

Sagen wir’s doch kurz und klar: Er ist der erste rationale Held der Weltliteratur, Gegenpol zum starken und „göttergleichen“ Helden Achill. Denker Odysseus und Täter Achill. Shakespeares Hamlet sagt es am besten: Der angebornen Farbe der Entschließung wird des Gedankens Blässe angekränkelt. Welch ein grandiose Metapher für das Verhältnis von Tat und Gedanke!

Odysseus ist der mit dem analytischen Geist Ausgestattete, der seine Handlungen so anlegt, dass die Erwartungsauszahlung sich einstellt, hohe bewusste Zielorientiertheit, zeichnet ihn aus – während seine Freunde, seine Gefährten und Begleiter eher triebgesteuerte Männer darstellen, die nach Prinzipien der Emotion, der Gier, der Lust und des Instinktes handeln – und untergehen.

Für Nietzsche ist Odysseus das Muster eines ‚großen Menschen’. Zu unserer Verblüffung versteht er unter ‚großen Menschen’ Leute, die über die Fähigkeit zu lügen und zu täuschen verfügen. Nietzsche meint, dass die Zunahme an Täuschungsfähigkeit auf eine höhere Entwicklungsstufe der Menschen hinweise. In seiner Schrift: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn zeigt Nietzsche auf, dass Odysseus mit seinen Täuschungsmanövern und Lügen eine außerordentliche ‚moderne’ Fähigkeit hat. Ich würde das die Fähigkeit der ‚Metaphorisierung’ , ja der ‚Fiktionalisierung’ der Welt nennen, die frei ist von konventioneller Moral – und Ethikbindung und dergestalt einen schöpferischen Geist andeutet.

Und in der Tat: Homer hat seine mythenhafte Kunstgestalt – denn das ist sie, erdachte
Figur eines nahezu legendenhaften und nur teilweise historischen Vorgangs – Homer hat seinen Odysseus mit der modernen Fähigkeit der Selbsterfindung ausgestattet, ja sogar mit derjenigen der strategischen Selbstauslöschung mit dem Ziel der Selbsterhaltung: Nichts anderes ist seine Idee, sich dem menschenfressenden Polyphem, mit dem Namen Niemand vorzustellen. Dadurch überlebt er den Hilfeschrei des Polyphem, der, geblendet von Odysseus, seine Brüder zusammenruft mit dem Schrei: „Niemand hat mich geblendet“, worauf niemand zu Hilfe eilt.

Die Odyssee wird von vielen als archetypisches Einweihungsgeschehen interpretiert. Dieses Geschehen zeigt den Menschen auf dem hindernisreichen Weg der Individuation, das heißt zur Initiation, durch viele Seelen-Prüfungen, durch Schwellen- und Grenzerfahrungen zu seinem eigenen Zuhause, zu seinem Ich – vergleichbar der späteren griechisch-attischen Tragödie mit ihrer kathartischen Wirkung – aber ohne tragisches Ende.

Diese Deutung könnte erklären, warum das Werk auch heute noch gelesen, gespielt, getanzt, interpretiert und erst 2003 wieder neu übersetzt wurde. Kurt Steinmann gelang die grandiose und vielgerühmte Neuübersetzung in Hexametern.

Die Aktualität der Odyssee würde sich erklären aus der tiefen Sehnsucht des Menschen nach Individualität, nach Selbstbestimmung, Autonomie, dem spirituellen Ziel, sein freies Selbst zu werden.”

21 Mrz

Worüber lacht der Mensch?

Ein lächerlicher Fragenkatalog

 

Treffen sich zwei Jäger im Wald, gilt angeblich als der kürzeste Witz. Worüber lachen wir? Was ist eigentlich Humor? Was darf Satire?

Schiller weiß dazu zu sagen: „In der Satire wird die Wirklichkeit als Mangel dem Ideal als der höchsten Realität gegenübergestellt.“ Tucholsky meint Satire darf alles in seinem Aufsatz von 1919. Und 1932 fügt er weise hinzu: Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen.

Werner Finck war einer der großartigsten Kabarettisten der 30er Jahre, dessen subtil-lakonische Angriffe auf den Faschismus bis heute legendär, wenngleich er selbst fast vergessen ist. Von ihm stammt folgende Geschichte, als er wieder einmal von den Nazis verhaftet wurde:

Wirklich verlegen – und überaus höflich – bedauerten sie, mich verhaften zu müssen. Dann begleiteten sie mich ins gegenüberliegende Gefängnis. Bei meinem Eintritt sprang ein baumlanger SS-Mann auf mich zu und fragte: ‚Haben Sie Waffen?‘ ‚Wieso?‘ fragte ich. ‚Braucht man hier welche?‘

Spätestens seit dem Attentat auf die Karikaturisten von Charlie Hebdo in Paris ist die Frage, was darf Satire nicht mehr unumstritten. Jan Böhmermann hat mit seinem Schmähgedicht gegen den türkischen Staatspräsidenten in den Augen vieler eine Grenze überschritten, andere wiederum empfanden es als klugen Kunstgriff in einem größeren Kontext. Beleidigung von Vertretern ausländischer Staaten darf Satire (noch) nicht. Definiert ist sie jedoch als „Kunstgattung […], die durch Übertreibung, Ironie und Spott an Personen [und] Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt.“ Nicht selten bedient sie sich grober Stilmittel und bewegt sich damit auf einem schmalen Grat.

Ist Satire Kunst und ist darüber eigentlich zu streiten? Satire-Zeitschriften gibt es seit dem 19. Jahrhundert und schon immer hatten sie Probleme mit der Zensur. Große Beachtung in der Bundesrepublik fanden die von 1962 bis 1982 erscheinende Satirezeitschrift Pardon und die von einigen ihrer Mitarbeiter initiierte Nachfolge-Satirezeitschrift Titanic, die es seit 1979 gibt. Immer wieder kam es zu Skandalen und scharfer Kritik durch jene, die von den Blättern angegriffen und bloßgestellt wurden. Wenn es um die juristische Wirkung geht, muss man Titanic bescheinigen, durchschlagenden Erfolg gehabt zu haben.

Die Frage ist aber auch, was kann Satire? Wir haben gesehen, dass Ironie und lachhafte Darstellung eines Politclowns das Gegenteil bewirkt haben, weil sich seine Anhängerschaft mit ausgelacht fühlte. Und damit diskriminiert. Gleichzeitig muss man ihr zugute halten, dass sie die müde Debattenkultur wieder in Bewegung zu bringen vermag. Weil sie noch überraschen und empören kann. Sie verweist auf systemische Schwachstellen, indem sie das System selbst unterläuft – im Falle Böhmermanns innerhalb der Demokratie.

Sind Lachseminare gesund? Eckard von Hirschhausen hat die Stiftung „Humor hilft heilen“ gegründet und behauptet: Täglich ein Witz und es geht uns besser. Warum gibt es eigentlich Witzeperioden, wie Blondinen, Häschen, Klein Erna aus Hamburg. Was spielt Geschmack für eine Rolle, was die landsmannschaftlichen Wurzeln. Wir kennen Ostfriesenwitze, die über die Burgenländer in Österreich gleichermaßen erzählt werden, wie Bayern, die ihren Weißwurschtäquator vehement verteidigen. Die unterschiedlichen Lachmuskelbewegungen haben neulich in den sozialen Medien einen gemeinsamen Auftritt inszeniert. Satiresendungen aus zahlreichen Ländern erprobten das Stilmittel der Ironie durch Videospots mit dem Titel „…First“ in Anlehnung an Donald Trumps Beschwörungsformel „America first“. Ein Quotenhit übrigens im World Wide Web.

Karneval in Köln, Fasching und Fasenacht. Ist das zum Lachen? Manche steigen in die Bütt, manche fliehen, um damit sie nicht damit in Berührung zu kommen. Was meinen wir, wenn wir behaupten, etwas sei überhaupt nicht komisch? Oder etwas sei ja lächerlich! Warum haben Kinder manchmal Angst vor Clowns? Warum gibt es andererseits keinen Zirkus ohne den lustigen Kerl, der niemals eine Frau ist?

Nun bleibt noch die wesentliche Frage, kann man all das in einer Denkwoche in Château d’Orion bearbeiten? Immerhin treffen sich dort nicht zwei Jäger, sondern ein Philosoph, der in der Aufführung von Loriotsketchen erprobt ist, und ein Kabarettist, der eine Dissertation in Philosophie geschrieben hat. Rudolf Lüthe und Alfred Dorfer. Ist das nicht mal eine lustige Kombi?!

Ja, wir sind überzeugt, Humor ist ein Phänomen, wie Liebe und wie Träume. Da hilft auch das Denken, der Sache auf die Spur zu kommen.

31 Jan

Das Unvollendete, das Bruchstück

 

Eine Malreise wie aus dem Bilderbuch: in unserem traditionsreichen, schönen alten Schloss umgeben von malerischen Ortschaften lädt Marie-Hélène Desrue auch in diesem Jahr zum Spiel mit Pinsel und Farbe ein. Ausgebildet an der Hochschule der Künste in Berlin, lebt sie heute als bildende Künstlerin und Kunstpädagogin in Karlsruhe und ist dort unter anderem Lehrbeauftragte am Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft für Zeichnung und Skizze. Seit vielen Jahren bietet sie zudem Malreisen an. Ihr Malseminar in Orion (10.-17. September) ist gedacht für Leute, die das Zeichnen und Malen trainieren wollen, ohne dabei jedoch den Spaß am Leben zu vergessen. Das gilt für Anfänger wie für Fortgeschrittene. Mit sichererer Hand führt die Künstlerin Marie-Hélène Desrue ihre Gäste durch Motive und Techniken. Die herrliche Landschaft um Château d’Orion, der Blick auf die Pyrenäen lädt ein zu aquarellieren. Aber auch die Gouachen Malerei findet hier faszinierende Motive. Marie-Hélène trainiert die Wahrnehmung, übt das Erfassen von Situationen, bietet geduldig Lösungsmöglichkeiten und leitet gekonnt zum selbstständigen Arbeiten an.

Nachdem in unserem letztjährigen Malseminar der Schwerpunkt auf Fleck und Linie gesetzt wurde – wobei hier daran zu erinnern sei, dass mit Flecken alles möglich ist – soll 2017 das Thema des  Fragmentarischen, des Unvollendeten im Mittelpunkt stehen.

Der im Freien malende Künstler kann den Landschaftsraum nur im zeitlichen Ablauf seines Blickes als Raumkontinuum erfahren. Er tastet die Landschaft ab, setzt Prioritäten und lässt das Material zu seinem Recht kommen. In der Romantik wird das Fragment als bewusst unvollendet aufgefasst, als Mikrokosmos eines nicht realisierbaren Ganzen oder als „Methode, Wegstück, um das Universelle zu erreichen“ (Tina Grütter). In der Mitte des 19. Jahrhunderts reagierten die Malerinnen und Maler auf die Erkenntnisse der Optik und reflektierten in ihren Werken ihre persönliche Aneignung der Wirklichkeit.

Die zeichnerische bzw. malerische Auseinandersetzung mit diesen zwei Begriffen bringt uns einer authentischen Aussage näher als das Festhalten an der heute viel zu präsenten sogenannten glatten „Perfektion“, beispielsweise der Photoshop-Wiedergabe. Im Atelier und im Freien wird die Umgebung mit verschiedenen Techniken –  Öl- oder Pastellkreiden, Aquarell, Gouache oder Acryl – in kleinen Studien, atmosphärischen Fragmenten und hingeworfenen Skizzen mit immer neuen Ansätzen festgehalten.

„Ein Bild zu vollenden heißt ihm den Gnadenstoß zu geben“. Diese Behauptung von Picasso ist richtungsweisend!

11 Dez

Die Reise geht weiter…

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Altphilogen würden die Frage nach der besten Übersetzung der Odyssee unzweifelhaft mit ‚Heinrich Voss’ beantworten. Denn nur er schrieb den „echten“ und „richtigen“ deutschen Hexameter.

Nicht zu vergessen, das war 1781!

Wolfgang Schadewaldts Prosa-Übersetzung von 1957 wurde dem Rhythmus dieses Epos (24 Gesänge) aus verschiedenen Gründen nicht gerecht. Dennoch lebte eine ganze Generation mit seinem Text.

Es bleibt die weit verbreitete Meinung,  dass zu einem Epos –  besonders wenn es wie im Falle der Odyssee in Gesängen gedichtet ist – der Rhythmus untrennbar dazu gehört.

2007 legte Kurt Steinmann eine Neuübersetzung in Hexametern vor. Der deutsche Hexameter fließt und ist auch zum Vorlesen wunderbar geeignet!

Wir benutzen diese Ausgabe. In Paperback ist sie bei Penguin 2016 erschienen. ISBN 978 – 3 – 3 – 328 – 10048 – 5

Auch beim Ulysses von James Joyce gibt es den Streit der Fachwelt, einmal um die Übersetzbarkeit des englischen Textes überhaupt, dann aber darum, wie die vielen Wortneuschöpfungen übertragen werden können…

Wir benutzen die Übertragung von Hans Wollschläger bei suhrkamp (verschiedene Ausgaben, Taschenbuch, gebunden.)

Falls Sie sich schon vorher mit den Büchern beschäftigen wollen, ist es sicher hilfreich, mit der Odyssee zu beginnen, da Joyce sich in jedem seiner 18 Kapitel auf einen der jeweiligen Gesänge der Odyssee bezieht.

Viel Spaß! Bis zur nächsten Station …

 

09 Nov

Auf Reisen mit Odysseus und Ulysses

Ein Buch und seine Wege

Die „Odyssee“ gehört zu den Stücken Weltliteratur, die man so gerne im Munde führt und dennoch kaum vollständig gelesen hat. Grämen Sie sich nicht, sollte es Ihnen ebenso gehen.

Das gleiche gilt für „Ulysses“ von James Joyce, der sich, als eines der bedeutendsten Werke der modernen Literatur, anlehnt an jenen Odysseus von Homer. Allerdings werden bei unserem Dubliner Schriftsteller alle Erlebnisse auf einen einzigen Tag reduziert. Reduziert? Ausgeweitet wäre wohl besser gesagt.

Im kommenden Jahr wird uns Hans-Joachim Mattke eine Denkwoche lang durch Welten und Wege der beiden Helden führen.

Wir laden Sie ein schon jetzt mitzureisen, sich auf den Weg der Erkundung zu machen. Hans-Joachim Mattke nimmt uns mit in Bildern und Episoden, die uns nicht mehr loslassen und die von nun an in diesem Blog erzählt werden.

Wir freuen uns, wenn Sie uns begleiten mögen!

Station 1

Nun also gehen wir auf die Reise, ihn, den großen Griechen und ihn, den großen Iren zu erwandern und Wege durch ihre Zeilen zu suchen. Homers Götter- und Menschenwelten ebenso zu studieren wie die Welt des individuellen, subjektiven Bewusstseins  bei James Joyce.

Es ist ein paar Wochen her. Ich war Segeln auf  dem Mittelmeer: Wasser, Wind, sich verschiebende  Horizonte…. Und jeden Abend, wieder an Land, las ich ganz langsam und mit halblauter Stimme die Hexameterverse in Steinmanns (nicht Voss’scher) Übersetzung der „Odyssee“. Nach zwei Wochen war mein Segelurlaub  zu Ende und Odysseus in Ithaka gelandet. Er hatte die Freier getötet und war im 24. Gesang noch einmal in die Unterwelt gestiegen.

Ortswechsel ins Gebirge:  im Lötschental zwischen den hohen Bergen des Wallis öffnete ich James Joyces „Ulysses“. Aber noch sträubte er sich. Gilt er doch als erster Großstadtroman und will in eine solche Gegend nicht recht passen. Also nehme ich ihn mit auf eine Bergwanderung, ins Neblige, Steinige und Herbstliche. Vielleicht  wird er auf diese Weise etwas heimischer. Dann fang ich an zu lesen.

12 Jul

Mit der Komplexität tanzen

Organisationen kybernetisch in die Zukunftsfähigkeit führen

 

„Think before you think.“ – Stafford Beer

 

Im April kommenden Jahres läuten wir die Denkwochen 2017 mit einem Thema ein, welches uns täglich in unserem Arbeitsleben umtreibt. Wie ist es möglich, mit der zunehmenden Komplexität von Aufgaben, Abläufen und Strukturen umzugehen, wie schaffen wir den Spagat zwischen Spezialisierung und Interdisziplinarität und wie können wir die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und Organisationen aktiv gestalten? Um diese Prozesse zu verstehen, müssen wir jedoch zunächst mehr über Kausalitäten erfahren – “Was kommt von was?” lautet die zentrale Frage. Unser Referent und Vordenker Mark Lambertz beschreibt, was Unternehmen von Sokrates und Kybernetik lernen können:

 

“Ausnahmslos alle Unternehmen stehen vor der Herausforderung, mit der exponentiellen Entwicklung der Digitalisierung Schritt zu halten. Egal ob es dabei um neue Technologien oder den hohen Vernetzungsgrad von Kunden, Lieferanten und potentiellen Mitarbeitern geht: Die Situation ist komplexer denn je.

Im gleichen Maße wird immer deutlicher: Die bisherigen Führungs- und Organisationsmethoden können diese Komplexität nicht mehr abbilden. Das klassische Organigramm in Verbindung mit dem oft einhergehenden Top-Down-Management verhindert eher die Orientierung hin zu einem hochdynamischen Markt. Somit entsteht aber nicht das dringend benötigte Umfeld innerhalb des Unternehmens, um immer anspruchsvolleren Kunden UND Mitarbeitern genau die Art von Erfahrungen zu liefern, welche nachhaltig Wert schaffen. Customer Experience und Employee Experience gehen Hand in Hand und verstärken sich gegenseitig – im positiven, wie im negativen Sinne.

Die linearen Denkmuster stoßen an ihre Grenzen, und es erscheint vielen Führungskräften unmöglich, ein Bild vom Ganzen zu gewinnen; der westlich geprägte Reduktionismus ist tief kulturell verankert, sodass wir das Denken in Zusammenhängen verlernt zu haben scheinen. Wir sind Experten im Vermessen von Details geworden, doch dieses Wissen ist nutzlos wenn es darum geht eine komplexe Situation zu meistern. Nur ein ganzheitliches Denken, welches auch Unschärfen zulässt, kann erfolgreich mit diesen Herausforderungen umgehen.

Die Denkwoche vermittelt praxisorientiert neue Denk-Werkzeug und bietet Ihnen die Gelegenheit, eine neue Haltung im Umgang mit dynamischer Komplexität zu entwickeln:

  • Woher können wir wissen, was wir wissen?
  • Was ist Komplexität?
  • Wie entsteht Komplexität?
  • Wie können wir eine komplexe Situation erfassen?
  • Vom unscharfen Denken und der Fuzzy Logik
  • Was ist ein System?
  • Wie unterscheidet es sich von der Umwelt, in welche es eingebettet ist?
  • Was ist der Zweck eines Systems?
  • Was unterscheidet Zweck von Ziel?
  • Welche Chancen und Risiken erwarten uns im Umgang mit Komplexität?
  • Was sind die typischen Irrtümer, die sich im Umgang mit der Komplexität ergeben?
  • Ein neues Menschenbild: Idea of a complex man

Im weiteren Verlauf machen wir uns dann Erkenntnisse der Neurobiologie und der Kognitionswissenschaften zunutze, um die Endlichkeit unseres bewussten Denkapparats zu verstehen und wie es gelingen kann, die unbewussten Denkvorgänge als Ressource zu erschließen. Hierbei streifen wir die Fragestellung, wie unsere Intuition zur Bewältigung von Komplexität dienlich sein kann, und wann die kognitiven Filter uns einen Streich spielen und relevante Informationen zur Bewertung einer Situation verzerrt sind.

Dieser Teil der Denkwoche steht unter dem Vorzeichen der Kybernetik als der Wissenschaft von den vertretbaren Metaphern, wie es Gordon Pask einmal so schön schrieb. Die Kybernetik bietet jene zuvor gewünschten Denkwerkzeuge, um komplexen Sachverhalten besser gerecht werden zu können.

Das Spektrum umfasst u.a. folgende Inhalte, einschließlich vieler praktischer Übungen:

  • Die Geschichte der Kybernetik – von Ouroboros, Buddha und Cybersyn
  • Rückkopplung im Alltag und im Unternehmen
  • Prinzipien und Naturen der Rückkopplung
  • Daten, Informationen und Wissen, oder wie die Sprache die Komplexität treibt
  • Über die Entwicklung von Zukunftsszenarien
  • Kausale Schleifen-Diagramme als einfache Sprache, um komplexe Situationen zu beschreiben
  • Grundlagen von System Dynamics als Werkzeug um dynamische Wirkgefüge zu verstehen und Hebel zur Lenkung zu erkennen
  • Das Modell für lebensfähige System (Stafford Beer) zur Steuerung komplexer Organisationen
  • Win-Win ist nicht die Lösung, sondern das Problem. Gedanken zum Begriff Symbiose und Nachhaltigkeit

Schnell wird klar, dass die Phänomene der Kybernetik allgegenwärtig sind und dass es sinnvoll ist, sich diese fortlaufend zu vergegenwärtigen – denn durch eine „kybernetische Haltung“ verlieren diese dynamischen Zeiten ihre bedrohliche Erscheinung.”

 

 

_H1A0001Mark Lambertz wurde 1971 in Düsseldorf geboren und arbeitet als Berater und Coach für Unternehmen, welche in diesen komplexen Zeiten die Chancen der Digitalisierung für sich erschliessen möchten. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten steht hierbei stets im Mittelpunkt seiner Arbeit.

Er co-gründete 1995 die Digitalagentur anyMOTION und leitete diese 20 Jahre lang. In dieser Zeit wuchs das Unternehmen auf 60 Mitarbeiter heran und ist seitdem im Digital Ranking in den Top70 vertreten. Des weiteren ist er Autor von “Freiheit und Verantwortung für intelligente Organisationen“, der Einführung in das Viable System Model.

Seine Professionellen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Business Model Generation, Customer Experience Design, Innovation Integration, Strategie-Entwicklung, Konzeption, System Design, Supervision und Organisations-Entwicklung.

06 Jun

Wo bleibt der Mensch?

Zwischen Algorithmisierung von Arbeit, Digitalisierung von Kontrollsystemen und künstlicher Intelligenz

 

Die Diskussion der künstlichen Intelligenz, welche sich zwischen Apokalypse und Erlösung bewegt, erfährt aktuell eine Renaissance. Mit Bitcoins und Blockchains entstehen neue Währungen, Vertrags- und Kontrollsysteme, welche vollständig digitalisiert ablaufen. Und die Algorithmisierung von Arbeit und Führung schreitet immer mehr voran. „Ehemalige Studenten erfinden Unternehmen, die das erledigen, was ihre Mama nicht mehr tut – anstatt Dinge zu tun, die Mama stolz machen“, so Andrew Yang. Wir teilen und digitalisieren, um sofort mehr Zugänge zu haben: Bücher, Musik, Autos, Unterkünfte, Mobilität, Gesundheit, Sicherheit, Energie. Die Geschäftsmodelle verändern sich schneller als Ökosysteme sich evolutiv umstellen können.

Was aber bleibt übrig und wo bleibt der Mensch? Welchen Einfluss haben diese Entwicklungen auf das Individuum, unsere Gemeinschaften und unsere Organisationen? Wie können wir eine menschenfreundliche Zukunft gestalten und welche Rolle kann Bildung dabei spielen? Ist unsere Freiheit, d.h. die Nicht-Einhaltung und Reflexion von Regeln, am Ende künstliche Dummheit?

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen stellt sich für uns als Individuen zwangsläufig die Frage, was uns von den Maschinen unterscheidet. Damit stehen wir vor der Herausforderung, die Zukunft der Arbeit im Zuge der Digitalisierung und Algorithmisierung sowie die Zukunft unserer sinnlichen Überlegenheit gegenüber den Maschinen neu zu denken. Unsere sinnliche Intelligenz ist es, die eine Reflexion der Veränderungen ermöglicht und, die wir nutzen können, um Erfindungen klug einzusetzen.

Big Data soll alles kleinmachen und neue Technologien ersetzen ganze Berufsgruppen. Wie von der OECD prognostiziert, ist weltweit jeder zehnte Arbeitsplatz gefährdet, in Deutschland sind es sogar noch mehr. Was wäre, wenn Albert Einstein recht hat und große Daten noch größere Theorien zur Interpretation bedürfen?

Aber nicht nur Formen des Arbeitens, nicht nur Organisationen und die Ökonomie sind betroffen – auch Staats- und Regierungsformen müssen im Zuge der genannten Entwicklungen neu gedacht werden. Was passiert mit dem Kollektiv, wenn alles immer individualisierbarer wird? Was ist und wozu ist die Demokratie, welche der Philosoph Jacques Rancière als „die Herrschaft der unbegrenzten individuellen Begierden in der modernen Massengesellschaft“ bezeichnet, heute wie künftig imstande? Wird der geschlossene, ausgrenzende Populismus als Gewinner der Zeit nach den Demokratien und Kapitalismen hervorgehen?

Ein Plädoyer für sinnliche Bildung

Bildung ist Befreiung – in der Absichtslosigkeit zur Ermöglichung. Bildung ist Sinnesbildung, keine Informationslogistik. Sinnesbildung braucht sinnliche Bildung. Sinnliche Bildung schafft die Voraussetzungen zur Empfindsamkeit und zum Bewusstsein im Nicht-Wissen, u.a. durch entritualisierte Rollenkonzepte und sinnlichere Anregungsarenen.

Im Rahmen der Denkwoche mit Stephan A. Jansen vom 24. bis 30. Juli 2016 werden Kontextualisierungen, Ent-Sorgungen und Neu-Orientierungen von Phänomenen gewagt, von denen unsere Zukunft abhängt. Es ist unser Ziel, über die Bildung der nächsten Bildung im Zeitalter der scheinbaren Allgemeinzugänglichkeit von Wissen nachzudenken. Fällt uns noch ein nicht-robotisierbares und nicht-algorithmisierbares Berufsfeld ein oder einfach ein anderes Verständnis von wirksamer Arbeit?

Wenn wir nur Zuschauer des Umbruchs bleiben, so können wir ihn laut Ranciére nicht verstehen. Es gilt also darüber nachzudenken, wie es uns gelingen kann, den Gemeinschaftssinn zu bewahren und sicherzustellen, dass niemand auf der Strecke bleibt.

22 Mai

Die Macht des Einzelnen

Alfred Herrhausen, Ausnahmemanager und ehemaliger Chef der Deutschen Bank, forderte einst: „Wir müssen das, was wir denken, sagen. Wir müssen das, was wir sagen, tun. Wir müssen das, was wir tun, dann auch sein.“ Dass aus der zunehmenden Freiheit, das Gedachte zu tun und zu sein, und der daraus folgenden Macht auch eine große Verantwortung erwächst, wusste und betonte er Zeit seines Lebens nachdrücklich. Gemeint waren mit dieser Forderung die Banken, die internationale Finanzwelt, das kapitalistische System.

20160418.121344_Château_d_Orion_7325Dieselben Maxime verfolgt heute Prof. Günter Faltin – nur auf einer anderen Ebene. Der Unternehmensgründer und Business Angel glaubt an die Macht des Einzelnen und daran, dass jeder Mensch ein Entrepreneur und dabei wirtschaftlich und sozial erfolgreich sein kann. Wenn der Einzelne das tut, was ihm sinnvoll sowie erstrebenswert erscheint und ihm liegt, kann er seine Handlungsfähigkeit gegenüber den ihn umgebenden Systemen behaupten und die Autorenschaft über sein Dasein zurückgewinnen. Nach der Devise „Think big, start small“ ermutigt Faltin in Workshops und Seminaren zu neuem Denken und Handeln für mehr Kreativität und zivilgesellschaftliches Engagement im unternehmerischen Bereich.

So auch während einer Denkwoche zum Thema „Entrepreneurship als Entwicklungspotenzial – für den Einzelnen und die Gesellschaft“, die vor rund einem Monat in Château d’Orion stattfand. Zwölf Visionäre haben gemeinsam mit Prof. Günter Faltin sechs Tage lang vor-, nach- und quergedacht, um ihr eigenes Entwicklungspotenzial zu ergründen. Christian Feidner und Andreas Meyer, denen die Teilnahme an der Denkwoche mit Stipendien des Freundeskreises Château d’Orion e.V. ermöglicht wurde, haben ihre Eindrücke mit uns geteilt. Hier ihr Bericht: Denkwoche mit Prof. Günter Faltin.

12 Mai

Sinnesbildung durch sinnliche Bildung

Wenn wir uns heute über Bildung unterhalten, so müssen wir feststellen, dass die Mehrzahl moderner Bildungs- wie auch die daraus resultierenden Lebensstile nicht ausbalanciert, sondern durch eindimensionale und eintönige Lern- und Tätigkeitsformen gekennzeichnet ist. Selten ereignen sich Lernprozesse auf mehreren Sinnesebenen zugleich, ebenso selten umfassen Berufsbilder sowohl körperliche als auch geistige Arbeit. Dabei bestätigt doch die Forschung, dass Kreativität dann wahrscheinlich wird, wenn viele Einflüsse aus möglichst diversen Quellen zu einem Ganzen synthetisiert werden.

Auf dieser Überzeugung basieren sowohl unser alltägliches Handeln in Château d’Orion gemäß dem Kopf&Hand-Prinzip als auch die Denkwochen, welche Begegnungen zwischen verschiedenen Menschen und Disziplinen schaffen. Wenn geistige Arbeit durch körperliche erprobt wird (und umgekehrt!), wird das Wirken auf eine andere Reflexionsebene gebracht – wenn Sinnesbildung durch sinnliche Bildung erfolgt, schärft dies die Sinne für Sinnfremdes und Nicht-Gewusstes. Eine Reintegration von Arbeitsformen könnte jene Probleme lösen, welche durch Kontaktverluste im Zuge der Digitalisierung und der Algorithmisierung entstanden sind, und zwar mithilfe der sinnlichen Überlegenheit des Menschen gegenüber der Maschinen. Nur wenn wir durch sinnigere (Aus-)Bildungsformen zum selbst Denken befähigt werden und die Tragweite unseres Handelns erkennen, können wir Lösungen auf komplexe, undisziplinierte Probleme der Zukunft finden.

S JansenBildungseinrichtungen und –konzepte müssen ermutigen, nicht ersticken, müssen Fragen entwickeln und nicht nur Antworten geben, müssen Unwissen (an-)erkennen und daraus Wissen generieren. Vom 24.07. – 30.07.2016  wird Stephan A. Jansen sich im Rahmen einer Denkwoche zum Thema „Sinnliche Bildung – Sieben Tage für alle, die ihre sieben Sinne beieinander haben und weiter selberlernen wollen“ mit der Zukunft der Bildung auseinandersetzen. Gegenwärtige „Katastrophen zeigen die Durchgängigkeit der Brüchigkeit unserer Gesellschaft, die Kontinuität der diskontinuierlichen Evolution und damit die Notwendigkeit des mutigen Umgangs in der Demut vor Desastern. […] Es bedarf mehr Multidisziplinarität und Ungerichtetheit in der Suche, damit man Überraschendes wie Selbstverständliches noch finden kann“, schrieb Jansen 2010 in der taz. Als Mitdenker bringt Stephan A. Jansen, der für eine sinnlichere Bildung plädiert, eigene differenzierte Erfahrungen im Aufbau von Bildungseinrichtungen und der Beratertätigkeit für Politik und Bildungsinstitutionen mit, sowie ein entstehendes Buchmanuskript, diskutable Thesen, sinnstiftende Beispiele und betörende Texte.

Darunter Jacques Rancières Buch „Der unwissende Lehrmeister“, in dem zunächst die eigentliche Gleichheit aller Intelligenzen vorausgesetzt wird, welche nicht zuletzt dem allgemeinen Zugang zu Wissen über das Internet geschuldet ist. Das herkömmliche Bildungssystem, das zwischen Lehrendem und untergeordnetem Schüler unterscheidet, ist als Konsequenz dessen unzweckmäßig und unbrauchbar, weil es die Distanz zwischen dem Wissen und Unwissen sowie die Überlegenheit des Lehrers gegenüber dem Schüler institutionalisiert und nur noch verstärkt. Rancière stellt die Notwendigkeit eines Wissensgefälles zwischen Lehrendem und Lernendem infrage. Das Wie des Lehrens ist ihm wichtiger als das Was. Lernt der Schüler nur die Dinge, die der Lehrer weiß, so ist seine Bildung begrenzt auf dessen bestehendes Wissen. Gibt der Lehrer ihm aber die Werkzeuge an die Hand, selbst zu lernen und sich Wissen und Fähigkeiten selbst anzueignen, so eröffnet sich ihm ein unerschöpflicher, potenzieller Wissenshorizont.

„Bildung ist nie nur ein Produkt, sondern eine sich selbst verstärkende Anregung zum individuellen Verständnis von Welt“, weiß auch Jansen. Und gerade darin liegt die Chance auf eine Bildung mit Zukunft für eine sinnvolle Zukunftsbildung.

 

26 Apr

Kluge Köpfe, kleine Kreise

Welche Funktion Salons im 21. Jahrhundert einnehmen können

 

Als ich im Jahr 2000 meine journalistische Karriere aufgab, reifte der Plan, die versunkene Welt der Salons wiederzubeleben. Ich wollte inspirierende Begegnungen und einen Raum für tiefe Diskussionen schaffen, ohne dabei von Sendezeiten getrieben, dem Auge der medialen Öffentlichkeit beeinflusst und durch Mikrofone von Gesprächspartnern getrennt zu werden. Alle sagten, das geht nie – Fernsehen, Film und nicht zuletzt die Dynamiken des World Wide Web haben uns so zerstreut, dass der regelmäßige Salon unmöglich geworden ist.  Allen Unkenrufen zum Trotz habe ich die Denkwochen in Château d’Orion erfunden.

Die Geschichte der Salonkultur ist ebenso farbenprächtig wie kontrastreich. Die Salons und ihre Salonieren sind Zeugen eines veränderten gesellschaftlichen Bewusstseins, das sie gleichzeitig entscheidend mitgeprägt haben. Die Wurzeln der Salonkultur reichen bis in die Antike. Die Hetäre, das griechische Freudenmädchen, das gleichermaßen sinnlich wie gebildet ist und sich von den Fesseln der Gesellschaft befreit hat, darf als Vordame der Salonieren gelten.

Im frühen 12. Jahrhundert wurde die “Respublica Literaria” (die Gelehrtenrepublik) immer wichtiger als Verbindungseinheit in den von Krisen und Kriegen geschüttelten Zeiten. Die Gelehrtenrepublik als Imagination von kultivierter Gemeinschaft schuf Stätten geistigen Lebens, Akademien und Orte der Geselligkeit, an denen ein intensiver Austausch stattfinden konnte. Hier diskutierte man gelehrte Fragen, las literarische Werke, musizierte und philosophierte. Diese Idee nahm in gewissem Sinne die späteren Salons vorweg, die Akademien etablierten sich als Gegenpol zu den von der Scholastik beherrschten Universitäten.

Vorformen des eigentlichen Salons finden sich in der Renaissance. Seit seiner Entstehung ist er ein Sinnbild der Geistesgeschichte Europas wie gleichermaßen der Schauplatz einer Generalprobe der Emanzipation der Frau. Diese beiden Komponenten begründen seine Bedeutung, seine Relevanz für die Entwicklung der Gesellschaft, wie der Entwicklung von Persönlichkeiten in den vergangenen Jahrhunderten. Als Basis fungiert die Schaffung von Freiräumen des Denkens jenseits von Verordnungen und Doktrinen, Freiräumen der Begegnung jenseits ständischer Hierarchien und Freiräumen der weiblichen Entwicklung jenseits von gesellschaftlichen Zwängen und Normen. Als erster Salon der europäischen Kulturgeschichte gilt der von der Marquise de Rambouillet ins Leben gerufene.

Die Terminologie „Salon“ ist erst 1664 nachweisbar, aber die Orte der Begegnung können auch ohne festen Begriff schon sehr viel früher als einflussreich gelten. Mit Salon ist im Wortsinne der Empfangssaal des Schlosses in Versaille gemeint. Als Salon bezeichnet werden auch die Ausstellungen im Louvre. Die entscheidende Brücke schlägt der Aufklärer Diderot mit seinen kunstkritischen Schriften, ein Jahrhundert später veröffentlicht Heinrich Heine seine Sammlung von Essays und Novellen ebenfalls unter dem Titel Salon. Daran lässt sich ablesen, wie ein Gedanke zum feststehenden Begriff reifte.

Schlagen wir eine Brücke zum deutschen Bürgertum. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vollzieht sich hier ebenfalls eine Wandlung hin zum aufgeklärten, gebildeten Gesellschaftsmodell. Der berühmte, manchmal sogar berüchtigte Bildungsbürger nimmt seinen Raum ein.  Mädchen entdecken das Lesen, sie verschlingen Romane. Bewegung kommt ins Bürgerliche. Im Salon trifft sich schließlich eine heterogene Gruppe zum Austausch und bildet eine neue Kultur der Elite mit einer eigenen Haltung, die sich weder rein der Wissenschaft, noch der Religion oder der politischen Grundbestimmung anschließt: Es geht um die Wonne des Denkens, Lesens und der Selbsterkenntnis um die eigenen Werte, die uns Freiheit eröffnen. Denn laut Johann Gottlieb Fichte ist es das Vorrecht des Menschen, selbst zu denken und zu urteilen – darin besteht die höchste Quelle seines Glückes.

Doch dann kamen die Salons aus der Mode und gingen in einer glamourösen Unterhaltungskultur auf. Mondänität scheint heute wichtiger als die kulturfördernde Konversation, die ohne Zeitlimit Themen bewegt, die große Gesellschaft interessanter als die Geselligkeit. Heutzutage einen Jour Fixe einzurichten ist fast unmöglich, es sei denn dort ließen sich Geschäfte machen. Sport und Reisen sind wichtiger geworden, die Medien und die Unterhaltungsindustrie dominieren unser Leben. Unsere veränderten Lebens- und Berufsbedingungen lassen Salons im alten Sinne kaum mehr zu. Die Ruhe des Genießens ist der Kurzlebigkeit des modernen Lebensvollzuges gewichen.

Sagte Schelling noch „Die Vertreibung aus dem Paradies ist ein Fall ins Denken“, so überlassen wir das Denken heute nicht selten den Talkmastern und Ihren Gästen. Meinungsbildung kommt uns täglich ins Haus. Ciaoran bemerkt über den Salon: „Wir denken daran wie an ein verlorenes Paradies!”

Eine lebenswerte, entwicklungsfähige Gesellschaft braucht Offenheit, Ernsthaftigkeit und kreative Energien, ganz besonders in Zeiten des Umbruchs, der Europäisierung und der Globalisierung. Gerade weil wir erschlagen werden von Informationen, braucht es die Kraft der kleinen Kreise. Komplementär zu den Medien, muss es kleine überschaubare Einheiten geben, Zirkel und Zellen in denen ein vitaler, leidenschaftlicher Diskurs über Fragen der Geschichte und Gegenwart stattfinden kann und die Möglichkeit diskutiert werden muss, Wissen aus Natur- und Geisteswissenschaft sinnstiftend anzuwenden. Und es braucht kluge Köpfe als Vordenker innerhalb dieser kleinen Kreise, die uns bewegen, ermutigen, hinterfragen, provozieren und Grenzen überschreiten lassen.

“L’art de vivre” – die Lebenskunst sichtbar und fühlbar zu machen, das Denkbare lebbar, dazu könnten die Salons wieder dienen. Der Salon verkörperte auf einzigartige Weise die Kultur des nach Humanität strebenden Europas. Das ist heute so wichtig wie damals. Deshalb gibt es die Denkwochen in Château d’Orion, das heißt Horizonterweiterung mit Herz und Verstand, das Glück des Denkens institutionalisieren.