11 Dez

Die Reise geht weiter…

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Altphilogen würden die Frage nach der besten Übersetzung der Odyssee unzweifelhaft mit ‚Heinrich Voss’ beantworten. Denn nur er schrieb den „echten“ und „richtigen“ deutschen Hexameter.

Nicht zu vergessen, das war 1781!

Wolfgang Schadewaldts Prosa-Übersetzung von 1957 wurde dem Rhythmus dieses Epos (24 Gesänge) aus verschiedenen Gründen nicht gerecht. Dennoch lebte eine ganze Generation mit seinem Text.

Es bleibt die weit verbreitete Meinung,  dass zu einem Epos –  besonders wenn es wie im Falle der Odyssee in Gesängen gedichtet ist – der Rhythmus untrennbar dazu gehört.

2007 legte Kurt Steinmann eine Neuübersetzung in Hexametern vor. Der deutsche Hexameter fließt und ist auch zum Vorlesen wunderbar geeignet!

Wir benutzen diese Ausgabe. In Paperback ist sie bei Penguin 2016 erschienen. ISBN 978 – 3 – 3 – 328 – 10048 – 5

Auch beim Ulysses von James Joyce gibt es den Streit der Fachwelt, einmal um die Übersetzbarkeit des englischen Textes überhaupt, dann aber darum, wie die vielen Wortneuschöpfungen übertragen werden können…

Wir benutzen die Übertragung von Hans Wollschläger bei suhrkamp (verschiedene Ausgaben, Taschenbuch, gebunden.)

Falls Sie sich schon vorher mit den Büchern beschäftigen wollen, ist es sicher hilfreich, mit der Odyssee zu beginnen, da Joyce sich in jedem seiner 18 Kapitel auf einen der jeweiligen Gesänge der Odyssee bezieht.

Viel Spaß! Bis zur nächsten Station …

 

09 Nov

Auf Reisen mit Odysseus und Ulysses

Ein Buch und seine Wege

Die „Odyssee“ gehört zu den Stücken Weltliteratur, die man so gerne im Munde führt und dennoch kaum vollständig gelesen hat. Grämen Sie sich nicht, sollte es Ihnen ebenso gehen.

Das gleiche gilt für „Ulysses“ von James Joyce, der sich, als eines der bedeutendsten Werke der modernen Literatur, anlehnt an jenen Odysseus von Homer. Allerdings werden bei unserem Dubliner Schriftsteller alle Erlebnisse auf einen einzigen Tag reduziert. Reduziert? Ausgeweitet wäre wohl besser gesagt.

Im kommenden Jahr wird uns Hans-Joachim Mattke eine Denkwoche lang durch Welten und Wege der beiden Helden führen.

Wir laden Sie ein schon jetzt mitzureisen, sich auf den Weg der Erkundung zu machen. Hans-Joachim Mattke nimmt uns mit in Bildern und Episoden, die uns nicht mehr loslassen und die von nun an in diesem Blog erzählt werden.

Wir freuen uns, wenn Sie uns begleiten mögen!

Station 1

Nun also gehen wir auf die Reise, ihn, den großen Griechen und ihn, den großen Iren zu erwandern und Wege durch ihre Zeilen zu suchen. Homers Götter- und Menschenwelten ebenso zu studieren wie die Welt des individuellen, subjektiven Bewusstseins  bei James Joyce.

Es ist ein paar Wochen her. Ich war Segeln auf  dem Mittelmeer: Wasser, Wind, sich verschiebende  Horizonte…. Und jeden Abend, wieder an Land, las ich ganz langsam und mit halblauter Stimme die Hexameterverse in Steinmanns (nicht Voss’scher) Übersetzung der „Odyssee“. Nach zwei Wochen war mein Segelurlaub  zu Ende und Odysseus in Ithaka gelandet. Er hatte die Freier getötet und war im 24. Gesang noch einmal in die Unterwelt gestiegen.

Ortswechsel ins Gebirge:  im Lötschental zwischen den hohen Bergen des Wallis öffnete ich James Joyces „Ulysses“. Aber noch sträubte er sich. Gilt er doch als erster Großstadtroman und will in eine solche Gegend nicht recht passen. Also nehme ich ihn mit auf eine Bergwanderung, ins Neblige, Steinige und Herbstliche. Vielleicht  wird er auf diese Weise etwas heimischer. Dann fang ich an zu lesen.

12 Jul

Mit der Komplexität tanzen

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Organisationen kybernetisch in die Zukunftsfähigkeit führen

 

„Think before you think.“ – Stafford Beer

 

Im April kommenden Jahres läuten wir die Denkwochen 2017 mit einem Thema ein, welches uns täglich in unserem Arbeitsleben umtreibt. Wie ist es möglich, mit der zunehmenden Komplexität von Aufgaben, Abläufen und Strukturen umzugehen, wie schaffen wir den Spagat zwischen Spezialisierung und Interdisziplinarität und wie können wir die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und Organisationen aktiv gestalten? Um diese Prozesse zu verstehen, müssen wir jedoch zunächst mehr über Kausalitäten erfahren – “Was kommt von was?” lautet die zentrale Frage. Unser Referent und Vordenker Mark Lambertz beschreibt, was Unternehmen von Sokrates und Kybernetik lernen können:

 

“Ausnahmslos alle Unternehmen stehen vor der Herausforderung, mit der exponentiellen Entwicklung der Digitalisierung Schritt zu halten. Egal ob es dabei um neue Technologien oder den hohen Vernetzungsgrad von Kunden, Lieferanten und potentiellen Mitarbeitern geht: Die Situation ist komplexer denn je.

Im gleichen Maße wird immer deutlicher: Die bisherigen Führungs- und Organisationsmethoden können diese Komplexität nicht mehr abbilden. Das klassische Organigramm in Verbindung mit dem oft einhergehenden Top-Down-Management verhindert eher die Orientierung hin zu einem hochdynamischen Markt. Somit entsteht aber nicht das dringend benötigte Umfeld innerhalb des Unternehmens, um immer anspruchsvolleren Kunden UND Mitarbeitern genau die Art von Erfahrungen zu liefern, welche nachhaltig Wert schaffen. Customer Experience und Employee Experience gehen Hand in Hand und verstärken sich gegenseitig – im positiven, wie im negativen Sinne.

Die linearen Denkmuster stoßen an ihre Grenzen, und es erscheint vielen Führungskräften unmöglich, ein Bild vom Ganzen zu gewinnen; der westlich geprägte Reduktionismus ist tief kulturell verankert, sodass wir das Denken in Zusammenhängen verlernt zu haben scheinen. Wir sind Experten im Vermessen von Details geworden, doch dieses Wissen ist nutzlos wenn es darum geht eine komplexe Situation zu meistern. Nur ein ganzheitliches Denken, welches auch Unschärfen zulässt, kann erfolgreich mit diesen Herausforderungen umgehen.

Die Denkwoche vermittelt praxisorientiert neue Denk-Werkzeug und bietet Ihnen die Gelegenheit, eine neue Haltung im Umgang mit dynamischer Komplexität zu entwickeln:

  • Woher können wir wissen, was wir wissen?
  • Was ist Komplexität?
  • Wie entsteht Komplexität?
  • Wie können wir eine komplexe Situation erfassen?
  • Vom unscharfen Denken und der Fuzzy Logik
  • Was ist ein System?
  • Wie unterscheidet es sich von der Umwelt, in welche es eingebettet ist?
  • Was ist der Zweck eines Systems?
  • Was unterscheidet Zweck von Ziel?
  • Welche Chancen und Risiken erwarten uns im Umgang mit Komplexität?
  • Was sind die typischen Irrtümer, die sich im Umgang mit der Komplexität ergeben?
  • Ein neues Menschenbild: Idea of a complex man

Im weiteren Verlauf machen wir uns dann Erkenntnisse der Neurobiologie und der Kognitionswissenschaften zunutze, um die Endlichkeit unseres bewussten Denkapparats zu verstehen und wie es gelingen kann, die unbewussten Denkvorgänge als Ressource zu erschließen. Hierbei streifen wir die Fragestellung, wie unsere Intuition zur Bewältigung von Komplexität dienlich sein kann, und wann die kognitiven Filter uns einen Streich spielen und relevante Informationen zur Bewertung einer Situation verzerrt sind.

Dieser Teil der Denkwoche steht unter dem Vorzeichen der Kybernetik als der Wissenschaft von den vertretbaren Metaphern, wie es Gordon Pask einmal so schön schrieb. Die Kybernetik bietet jene zuvor gewünschten Denkwerkzeuge, um komplexen Sachverhalten besser gerecht werden zu können.

Das Spektrum umfasst u.a. folgende Inhalte, einschließlich vieler praktischer Übungen:

  • Die Geschichte der Kybernetik – von Ouroboros, Buddha und Cybersyn
  • Rückkopplung im Alltag und im Unternehmen
  • Prinzipien und Naturen der Rückkopplung
  • Daten, Informationen und Wissen, oder wie die Sprache die Komplexität treibt
  • Über die Entwicklung von Zukunftsszenarien
  • Kausale Schleifen-Diagramme als einfache Sprache, um komplexe Situationen zu beschreiben
  • Grundlagen von System Dynamics als Werkzeug um dynamische Wirkgefüge zu verstehen und Hebel zur Lenkung zu erkennen
  • Das Modell für lebensfähige System (Stafford Beer) zur Steuerung komplexer Organisationen
  • Win-Win ist nicht die Lösung, sondern das Problem. Gedanken zum Begriff Symbiose und Nachhaltigkeit

Schnell wird klar, dass die Phänomene der Kybernetik allgegenwärtig sind und dass es sinnvoll ist, sich diese fortlaufend zu vergegenwärtigen – denn durch eine „kybernetische Haltung“ verlieren diese dynamischen Zeiten ihre bedrohliche Erscheinung.”

 

 

_H1A0001Mark Lambertz wurde 1971 in Düsseldorf geboren und arbeitet als Berater und Coach für Unternehmen, welche in diesen komplexen Zeiten die Chancen der Digitalisierung für sich erschliessen möchten. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten steht hierbei stets im Mittelpunkt seiner Arbeit.

Er co-gründete 1995 die Digitalagentur anyMOTION und leitete diese 20 Jahre lang. In dieser Zeit wuchs das Unternehmen auf 60 Mitarbeiter heran und ist seitdem im Digital Ranking in den Top70 vertreten. Des weiteren ist er Autor von “Freiheit und Verantwortung für intelligente Organisationen“, der Einführung in das Viable System Model.

Seine Professionellen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Business Model Generation, Customer Experience Design, Innovation Integration, Strategie-Entwicklung, Konzeption, System Design, Supervision und Organisations-Entwicklung.

06 Jun

Wo bleibt der Mensch?

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Zwischen Algorithmisierung von Arbeit, Digitalisierung von Kontrollsystemen und künstlicher Intelligenz

 

Die Diskussion der künstlichen Intelligenz, welche sich zwischen Apokalypse und Erlösung bewegt, erfährt aktuell eine Renaissance. Mit Bitcoins und Blockchains entstehen neue Währungen, Vertrags- und Kontrollsysteme, welche vollständig digitalisiert ablaufen. Und die Algorithmisierung von Arbeit und Führung schreitet immer mehr voran. „Ehemalige Studenten erfinden Unternehmen, die das erledigen, was ihre Mama nicht mehr tut – anstatt Dinge zu tun, die Mama stolz machen“, so Andrew Yang. Wir teilen und digitalisieren, um sofort mehr Zugänge zu haben: Bücher, Musik, Autos, Unterkünfte, Mobilität, Gesundheit, Sicherheit, Energie. Die Geschäftsmodelle verändern sich schneller als Ökosysteme sich evolutiv umstellen können.

Was aber bleibt übrig und wo bleibt der Mensch? Welchen Einfluss haben diese Entwicklungen auf das Individuum, unsere Gemeinschaften und unsere Organisationen? Wie können wir eine menschenfreundliche Zukunft gestalten und welche Rolle kann Bildung dabei spielen? Ist unsere Freiheit, d.h. die Nicht-Einhaltung und Reflexion von Regeln, am Ende künstliche Dummheit?

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen stellt sich für uns als Individuen zwangsläufig die Frage, was uns von den Maschinen unterscheidet. Damit stehen wir vor der Herausforderung, die Zukunft der Arbeit im Zuge der Digitalisierung und Algorithmisierung sowie die Zukunft unserer sinnlichen Überlegenheit gegenüber den Maschinen neu zu denken. Unsere sinnliche Intelligenz ist es, die eine Reflexion der Veränderungen ermöglicht und, die wir nutzen können, um Erfindungen klug einzusetzen.

Big Data soll alles kleinmachen und neue Technologien ersetzen ganze Berufsgruppen. Wie von der OECD prognostiziert, ist weltweit jeder zehnte Arbeitsplatz gefährdet, in Deutschland sind es sogar noch mehr. Was wäre, wenn Albert Einstein recht hat und große Daten noch größere Theorien zur Interpretation bedürfen?

Aber nicht nur Formen des Arbeitens, nicht nur Organisationen und die Ökonomie sind betroffen – auch Staats- und Regierungsformen müssen im Zuge der genannten Entwicklungen neu gedacht werden. Was passiert mit dem Kollektiv, wenn alles immer individualisierbarer wird? Was ist und wozu ist die Demokratie, welche der Philosoph Jacques Rancière als „die Herrschaft der unbegrenzten individuellen Begierden in der modernen Massengesellschaft“ bezeichnet, heute wie künftig imstande? Wird der geschlossene, ausgrenzende Populismus als Gewinner der Zeit nach den Demokratien und Kapitalismen hervorgehen?

Ein Plädoyer für sinnliche Bildung

Bildung ist Befreiung – in der Absichtslosigkeit zur Ermöglichung. Bildung ist Sinnesbildung, keine Informationslogistik. Sinnesbildung braucht sinnliche Bildung. Sinnliche Bildung schafft die Voraussetzungen zur Empfindsamkeit und zum Bewusstsein im Nicht-Wissen, u.a. durch entritualisierte Rollenkonzepte und sinnlichere Anregungsarenen.

Im Rahmen der Denkwoche mit Stephan A. Jansen vom 24. bis 30. Juli 2016 werden Kontextualisierungen, Ent-Sorgungen und Neu-Orientierungen von Phänomenen gewagt, von denen unsere Zukunft abhängt. Es ist unser Ziel, über die Bildung der nächsten Bildung im Zeitalter der scheinbaren Allgemeinzugänglichkeit von Wissen nachzudenken. Fällt uns noch ein nicht-robotisierbares und nicht-algorithmisierbares Berufsfeld ein oder einfach ein anderes Verständnis von wirksamer Arbeit?

Wenn wir nur Zuschauer des Umbruchs bleiben, so können wir ihn laut Ranciére nicht verstehen. Es gilt also darüber nachzudenken, wie es uns gelingen kann, den Gemeinschaftssinn zu bewahren und sicherzustellen, dass niemand auf der Strecke bleibt.

22 Mai

Die Macht des Einzelnen

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Alfred Herrhausen, Ausnahmemanager und ehemaliger Chef der Deutschen Bank, forderte einst: „Wir müssen das, was wir denken, sagen. Wir müssen das, was wir sagen, tun. Wir müssen das, was wir tun, dann auch sein.“ Dass aus der zunehmenden Freiheit, das Gedachte zu tun und zu sein, und der daraus folgenden Macht auch eine große Verantwortung erwächst, wusste und betonte er Zeit seines Lebens nachdrücklich. Gemeint waren mit dieser Forderung die Banken, die internationale Finanzwelt, das kapitalistische System.

20160418.121344_Château_d_Orion_7325Dieselben Maxime verfolgt heute Prof. Günter Faltin – nur auf einer anderen Ebene. Der Unternehmensgründer und Business Angel glaubt an die Macht des Einzelnen und daran, dass jeder Mensch ein Entrepreneur und dabei wirtschaftlich und sozial erfolgreich sein kann. Wenn der Einzelne das tut, was ihm sinnvoll sowie erstrebenswert erscheint und ihm liegt, kann er seine Handlungsfähigkeit gegenüber den ihn umgebenden Systemen behaupten und die Autorenschaft über sein Dasein zurückgewinnen. Nach der Devise „Think big, start small“ ermutigt Faltin in Workshops und Seminaren zu neuem Denken und Handeln für mehr Kreativität und zivilgesellschaftliches Engagement im unternehmerischen Bereich.

So auch während einer Denkwoche zum Thema „Entrepreneurship als Entwicklungspotenzial – für den Einzelnen und die Gesellschaft“, die vor rund einem Monat in Château d’Orion stattfand. Zwölf Visionäre haben gemeinsam mit Prof. Günter Faltin sechs Tage lang vor-, nach- und quergedacht, um ihr eigenes Entwicklungspotenzial zu ergründen. Christian Feidner und Andreas Meyer, denen die Teilnahme an der Denkwoche mit Stipendien des Freundeskreises Château d’Orion e.V. ermöglicht wurde, haben ihre Eindrücke mit uns geteilt. Hier ihr Bericht: Denkwoche mit Prof. Günter Faltin.

12 Mai

Sinnesbildung durch sinnliche Bildung

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Wenn wir uns heute über Bildung unterhalten, so müssen wir feststellen, dass die Mehrzahl moderner Bildungs- wie auch die daraus resultierenden Lebensstile nicht ausbalanciert, sondern durch eindimensionale und eintönige Lern- und Tätigkeitsformen gekennzeichnet ist. Selten ereignen sich Lernprozesse auf mehreren Sinnesebenen zugleich, ebenso selten umfassen Berufsbilder sowohl körperliche als auch geistige Arbeit. Dabei bestätigt doch die Forschung, dass Kreativität dann wahrscheinlich wird, wenn viele Einflüsse aus möglichst diversen Quellen zu einem Ganzen synthetisiert werden.

Auf dieser Überzeugung basieren sowohl unser alltägliches Handeln in Château d’Orion gemäß dem Kopf&Hand-Prinzip als auch die Denkwochen, welche Begegnungen zwischen verschiedenen Menschen und Disziplinen schaffen. Wenn geistige Arbeit durch körperliche erprobt wird (und umgekehrt!), wird das Wirken auf eine andere Reflexionsebene gebracht – wenn Sinnesbildung durch sinnliche Bildung erfolgt, schärft dies die Sinne für Sinnfremdes und Nicht-Gewusstes. Eine Reintegration von Arbeitsformen könnte jene Probleme lösen, welche durch Kontaktverluste im Zuge der Digitalisierung und der Algorithmisierung entstanden sind, und zwar mithilfe der sinnlichen Überlegenheit des Menschen gegenüber der Maschinen. Nur wenn wir durch sinnigere (Aus-)Bildungsformen zum selbst Denken befähigt werden und die Tragweite unseres Handelns erkennen, können wir Lösungen auf komplexe, undisziplinierte Probleme der Zukunft finden.

S JansenBildungseinrichtungen und –konzepte müssen ermutigen, nicht ersticken, müssen Fragen entwickeln und nicht nur Antworten geben, müssen Unwissen (an-)erkennen und daraus Wissen generieren. Vom 24.07. – 30.07.2016  wird Stephan A. Jansen sich im Rahmen einer Denkwoche zum Thema „Sinnliche Bildung – Sieben Tage für alle, die ihre sieben Sinne beieinander haben und weiter selberlernen wollen“ mit der Zukunft der Bildung auseinandersetzen. Gegenwärtige „Katastrophen zeigen die Durchgängigkeit der Brüchigkeit unserer Gesellschaft, die Kontinuität der diskontinuierlichen Evolution und damit die Notwendigkeit des mutigen Umgangs in der Demut vor Desastern. […] Es bedarf mehr Multidisziplinarität und Ungerichtetheit in der Suche, damit man Überraschendes wie Selbstverständliches noch finden kann“, schrieb Jansen 2010 in der taz. Als Mitdenker bringt Stephan A. Jansen, der für eine sinnlichere Bildung plädiert, eigene differenzierte Erfahrungen im Aufbau von Bildungseinrichtungen und der Beratertätigkeit für Politik und Bildungsinstitutionen mit, sowie ein entstehendes Buchmanuskript, diskutable Thesen, sinnstiftende Beispiele und betörende Texte.

Darunter Jacques Rancières Buch „Der unwissende Lehrmeister“, in dem zunächst die eigentliche Gleichheit aller Intelligenzen vorausgesetzt wird, welche nicht zuletzt dem allgemeinen Zugang zu Wissen über das Internet geschuldet ist. Das herkömmliche Bildungssystem, das zwischen Lehrendem und untergeordnetem Schüler unterscheidet, ist als Konsequenz dessen unzweckmäßig und unbrauchbar, weil es die Distanz zwischen dem Wissen und Unwissen sowie die Überlegenheit des Lehrers gegenüber dem Schüler institutionalisiert und nur noch verstärkt. Rancière stellt die Notwendigkeit eines Wissensgefälles zwischen Lehrendem und Lernendem infrage. Das Wie des Lehrens ist ihm wichtiger als das Was. Lernt der Schüler nur die Dinge, die der Lehrer weiß, so ist seine Bildung begrenzt auf dessen bestehendes Wissen. Gibt der Lehrer ihm aber die Werkzeuge an die Hand, selbst zu lernen und sich Wissen und Fähigkeiten selbst anzueignen, so eröffnet sich ihm ein unerschöpflicher, potenzieller Wissenshorizont.

„Bildung ist nie nur ein Produkt, sondern eine sich selbst verstärkende Anregung zum individuellen Verständnis von Welt“, weiß auch Jansen. Und gerade darin liegt die Chance auf eine Bildung mit Zukunft für eine sinnvolle Zukunftsbildung.

 

26 Apr

Kluge Köpfe, kleine Kreise

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Welche Funktion Salons im 21. Jahrhundert einnehmen können

 

Als ich im Jahr 2000 meine journalistische Karriere aufgab, reifte der Plan, die versunkene Welt der Salons wiederzubeleben. Ich wollte inspirierende Begegnungen und einen Raum für tiefe Diskussionen schaffen, ohne dabei von Sendezeiten getrieben, dem Auge der medialen Öffentlichkeit beeinflusst und durch Mikrofone von Gesprächspartnern getrennt zu werden. Alle sagten, das geht nie – Fernsehen, Film und nicht zuletzt die Dynamiken des World Wide Web haben uns so zerstreut, dass der regelmäßige Salon unmöglich geworden ist.  Allen Unkenrufen zum Trotz habe ich die Denkwochen in Château d’Orion erfunden.

Die Geschichte der Salonkultur ist ebenso farbenprächtig wie kontrastreich. Die Salons und ihre Salonieren sind Zeugen eines veränderten gesellschaftlichen Bewusstseins, das sie gleichzeitig entscheidend mitgeprägt haben. Die Wurzeln der Salonkultur reichen bis in die Antike. Die Hetäre, das griechische Freudenmädchen, das gleichermaßen sinnlich wie gebildet ist und sich von den Fesseln der Gesellschaft befreit hat, darf als Vordame der Salonieren gelten.

Im frühen 12. Jahrhundert wurde die “Respublica Literaria” (die Gelehrtenrepublik) immer wichtiger als Verbindungseinheit in den von Krisen und Kriegen geschüttelten Zeiten. Die Gelehrtenrepublik als Imagination von kultivierter Gemeinschaft schuf Stätten geistigen Lebens, Akademien und Orte der Geselligkeit, an denen ein intensiver Austausch stattfinden konnte. Hier diskutierte man gelehrte Fragen, las literarische Werke, musizierte und philosophierte. Diese Idee nahm in gewissem Sinne die späteren Salons vorweg, die Akademien etablierten sich als Gegenpol zu den von der Scholastik beherrschten Universitäten.

Vorformen des eigentlichen Salons finden sich in der Renaissance. Seit seiner Entstehung ist er ein Sinnbild der Geistesgeschichte Europas wie gleichermaßen der Schauplatz einer Generalprobe der Emanzipation der Frau. Diese beiden Komponenten begründen seine Bedeutung, seine Relevanz für die Entwicklung der Gesellschaft, wie der Entwicklung von Persönlichkeiten in den vergangenen Jahrhunderten. Als Basis fungiert die Schaffung von Freiräumen des Denkens jenseits von Verordnungen und Doktrinen, Freiräumen der Begegnung jenseits ständischer Hierarchien und Freiräumen der weiblichen Entwicklung jenseits von gesellschaftlichen Zwängen und Normen. Als erster Salon der europäischen Kulturgeschichte gilt der von der Marquise de Rambouillet ins Leben gerufene.

Die Terminologie „Salon“ ist erst 1664 nachweisbar, aber die Orte der Begegnung können auch ohne festen Begriff schon sehr viel früher als einflussreich gelten. Mit Salon ist im Wortsinne der Empfangssaal des Schlosses in Versaille gemeint. Als Salon bezeichnet werden auch die Ausstellungen im Louvre. Die entscheidende Brücke schlägt der Aufklärer Diderot mit seinen kunstkritischen Schriften, ein Jahrhundert später veröffentlicht Heinrich Heine seine Sammlung von Essays und Novellen ebenfalls unter dem Titel Salon. Daran lässt sich ablesen, wie ein Gedanke zum feststehenden Begriff reifte.

Schlagen wir eine Brücke zum deutschen Bürgertum. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vollzieht sich hier ebenfalls eine Wandlung hin zum aufgeklärten, gebildeten Gesellschaftsmodell. Der berühmte, manchmal sogar berüchtigte Bildungsbürger nimmt seinen Raum ein.  Mädchen entdecken das Lesen, sie verschlingen Romane. Bewegung kommt ins Bürgerliche. Im Salon trifft sich schließlich eine heterogene Gruppe zum Austausch und bildet eine neue Kultur der Elite mit einer eigenen Haltung, die sich weder rein der Wissenschaft, noch der Religion oder der politischen Grundbestimmung anschließt: Es geht um die Wonne des Denkens, Lesens und der Selbsterkenntnis um die eigenen Werte, die uns Freiheit eröffnen. Denn laut Johann Gottlieb Fichte ist es das Vorrecht des Menschen, selbst zu denken und zu urteilen – darin besteht die höchste Quelle seines Glückes.

Doch dann kamen die Salons aus der Mode und gingen in einer glamourösen Unterhaltungskultur auf. Mondänität scheint heute wichtiger als die kulturfördernde Konversation, die ohne Zeitlimit Themen bewegt, die große Gesellschaft interessanter als die Geselligkeit. Heutzutage einen Jour Fixe einzurichten ist fast unmöglich, es sei denn dort ließen sich Geschäfte machen. Sport und Reisen sind wichtiger geworden, die Medien und die Unterhaltungsindustrie dominieren unser Leben. Unsere veränderten Lebens- und Berufsbedingungen lassen Salons im alten Sinne kaum mehr zu. Die Ruhe des Genießens ist der Kurzlebigkeit des modernen Lebensvollzuges gewichen.

Sagte Schelling noch „Die Vertreibung aus dem Paradies ist ein Fall ins Denken“, so überlassen wir das Denken heute nicht selten den Talkmastern und Ihren Gästen. Meinungsbildung kommt uns täglich ins Haus. Ciaoran bemerkt über den Salon: „Wir denken daran wie an ein verlorenes Paradies!”

Eine lebenswerte, entwicklungsfähige Gesellschaft braucht Offenheit, Ernsthaftigkeit und kreative Energien, ganz besonders in Zeiten des Umbruchs, der Europäisierung und der Globalisierung. Gerade weil wir erschlagen werden von Informationen, braucht es die Kraft der kleinen Kreise. Komplementär zu den Medien, muss es kleine überschaubare Einheiten geben, Zirkel und Zellen in denen ein vitaler, leidenschaftlicher Diskurs über Fragen der Geschichte und Gegenwart stattfinden kann und die Möglichkeit diskutiert werden muss, Wissen aus Natur- und Geisteswissenschaft sinnstiftend anzuwenden. Und es braucht kluge Köpfe als Vordenker innerhalb dieser kleinen Kreise, die uns bewegen, ermutigen, hinterfragen, provozieren und Grenzen überschreiten lassen.

“L’art de vivre” – die Lebenskunst sichtbar und fühlbar zu machen, das Denkbare lebbar, dazu könnten die Salons wieder dienen. Der Salon verkörperte auf einzigartige Weise die Kultur des nach Humanität strebenden Europas. Das ist heute so wichtig wie damals. Deshalb gibt es die Denkwochen in Château d’Orion, das heißt Horizonterweiterung mit Herz und Verstand, das Glück des Denkens institutionalisieren.

14 Apr

Denkend genießen

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Ganzheitliche Bildung gegen innere Verarmung

 

Wer konstatiert sie nicht, die Suche nach Gedankenaustausch über den fachlichen Horizont hinaus? Wer wüsste nicht aus eigener Erfahrung, dass speziell hart arbeitende Menschen in vielen Branchen geistig Gefangene ihres Systems sind. André Gide nennt dies die Gefahr der „inneren Verarmung”.

Als Spezialisten hervorragend qualifiziert, spüren viele eine Sehnsucht, sich dem universellen humanistischen Erbe zu widmen. Wirtschaftsunternehmen begreifen, dass ethische Sichtweisen notwendig sind, gesellschaftspolitisch Verantwortliche klagen, dass nach dem „Wirtschaftswunder” dringend ein „Bildungswunder” fehlt. Bildung ist das Kapital der Zukunft. Erst, wenn es uns gelingt, das richtige Mischungsverhältnis an ganzheitlicher Menschenbildung und pragmatischer Ertüchtigung zu finden, sind wir gerüstet für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts.

Dr. Eberhard von Kuenheim, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Bayerischen Motorenwerke, analysiert Paradoxien gegenwärtiger Anforderungsprofile so: Wir müssen weltweit präsent sein und gleichzeitig lokal, wir müssen uns zentral organisieren und gleichzeitig dezentral, wir müssen exakt planen und dennoch dabei äußerst beweglich agieren. Er sieht den Schlüssel gegenwärtiger und künftiger Anforderungen in der Orientierung durch umfassende Bildung:

„Die Wirtschaft braucht den gesamthaft geformten, den gebildeten Menschen; und der geht aus unseren Betrieben nicht hervor. Dazu sind die Regeln zu einseitig, und sie setzen zu spät ein. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr.

Unsere konkrete Aufgabenstellung führt zur Spezialisierung. Aber Spezialisten allein werden die Fragen der Zukunft nicht lösen. Denn die Herausforderungen für das nächste Jahrhundert werden uns vor Veränderungen stellen, die wir mit der industriellen Revolution des letzten Jahrhunderts zumindest gleichsetzen müssen. Alles wird ständig und gleichzeitig in Bewegung sein.”

Viele sehen wohl, dass sie sich in immer schmaleren Segmenten hervorragend auskennen, dafür die Komplexität, das gesamte Muster nicht mehr erkennen. Leider scheitern die meisten beim Versuch etwas zu ändern, an mangelnder Zeit, Gelegenheit oder vielleicht auch an der Inspiration, wie denn dem Leben noch eine vertiefende Variante abzugewinnen sei. Die Denkwochen in Château d’Orion sind diese Anstiftung zum Entdecken und Staunen.

Ferien und Urlaub, besagen Untersuchungen, bilden inzwischen keine Antiwelt mehr zum Alltag. Erholung ist geprägt vom vermittelten Inhalt. Die Seele baumeln lassen, ist eine Sache; die geistigen Kräfte zu mobilisieren, damit sie den Wert des Gelebten erkennen, eine andere. Inmitten einer so schnelllebigen, fordernden Welt fällt es zunehmend schwer, innezuhalten und eine Pause im klassischen Sinne einzulegen. Die Zeit läuft und wir können sie nicht aufhalten. Wir können sie aber verdichten, das wusste auch Roger Willemsen.

Nicht Zeitvertreib, sondern Zeitgenuss ist das Stichwort. Daher ist die Denkagentur der Schritt in eine neue Erholungsdimension und Château d’Orion der richtige Ort. Untermauert wird das Konzept der Denkwochen durch die wissenschaftliche Erkenntnis, der Mensch fühle sich dann am besten erholt, wenn er sowohl geistige als auch körperliche Anregung findet.

Leib und Seele in Gleichklang zu bringen, heißt Erfahrung mit Szenerien und Szenarien zu sammeln, die man bisher noch nicht berührt oder lange vernachlässigt hat. Die Universität Witten-Herdecke bietet ihren Studenten ein Studium Fundamentale an, das die jungen Leute mit Begeisterung absolvieren, ermöglicht es ihnen doch, nicht nur in den gewählten Studienfächern, Kenntnisse zu erwerben. Philosophie ergänzt das Fach Betriebswirtschaft, Mediziner belegen Videokunst oder Komposition. Erst die interdisziplinäre Einordnung von Wissen, das Verknüpfen von erworbenen Details, macht den ganzen Menschen aus. Nach diesem Prinzip denkt und handelt auch Stephan A. Jansen, der an der Universität Witten-Herdecke promoviert hat, Gründungspräsident der Zeppelin Universität war, als Beirat einer Flüchtlingsuniversität (KIRON University) tätig ist und sich – auch im Rahmen einer Denkwoche im Juli dieses Jahres – mit sinnlicher Bildung beschäftigt.

Für Erwachsene jenseits des Studiums, die im Arbeitsprozess stehen, gibt es wenig Möglichkeiten der Vertiefung von Sujets außerhalb des Berufsfeldes über einen längeren Zeitraum. Dabei wissen wir aus Erfahrung, es gibt einen guten Grund, dies zu ändern: Erkenntnisse zu gewinnen, kann ein Abenteuer sein; den Geist zu bewegen, bringt Segen.

Die Chance, die aus der Begegnung von Wirtschaft, Politik, Geistes- und Naturwissenschaft entsteht, haben amerikanische „think tanks” längst erkannt. In Deutschland, so wird dagegen beklagt, tauschen sich die einzelnen Fachdisziplinen noch viel zu wenig aus. Die Denkagentur Château d’Orion ermöglicht Begegnungen von Menschen, die sich sonst kaum kennen lernen würden. Spielerische Begleiterscheinung der Idee: Systemgrenzen werden überschritten und der Horizont erweitert. Auf indirektem Wege werden so die vom täglichen „Metro-boulot-dodot”, dem alltäglichen Trott, verschlossenen Denkgemächer wieder zugänglich gemacht. Um über den Tellerrand hinaus zu sehen, brauchen wir Erkenntnisse und Erfahrungen. Kenntnisse aus Literatur, Naturwissenschaft, Kultur, Geschichte können Quereinstiege sein, um gedankliche Sackgassen zu öffnen. Diese Fähigkeit wiederum stellt laut Stephan Gutzeit eine Schlüsselqualifikation gegenwärtiger Verantwortungsträger aus Wirtschaft und Politik dar.

Im lebendigen Diskurs sieht auch der Philosophieprofessor Odo Marquard die Chance, der Informationsflut Herr zu werden. In der Mitteilung an einen anderen und durch dessen Ergänzung setzt sich Wissen zusammen. Es wird gleichsam nicht aufeinander gestapelt, sondern hin und her bewegt und ergibt damit eine Gesamtansicht. „Modernität braucht Langsamkeit, braucht Menschen, die innehalten können, auch in einer beschleunigten Welt”, sagt Odo Marquard. Und er weiß auch: „Wir ertrinken in Information und hungern nach Wissen.“ Vor lauter Wissbegierde dürfen wir jedoch nicht versäumen, die zahlreichen Informationen zu durchdringen, zu reflektieren und sie in größere Zusammenhänge einzuordnen.

04 Apr

Kein Ende dem Staunen

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Wie Forschung und Erkenntnis Zugänge zu den Geheimnissen der Welt schaffen

 

Die in der Epoche der Aufklärung herbeigeführte wissenschaftliche Revolution hat das allgemeine Verständnis der Naturwissenschaften bis heute geprägt. Bedient sich der Mensch seines eigenen Verstandes, wird er der bedrohlichen Natur habhaft und lernt sie zu entzaubern, so die allgemeine Auffassung. Der Heidelberger Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer hält dagegen: In seinem 2014 erschienenen Buch “Die Verzauberung der Welt” zeichnet er ein Bild der Naturwissenschaften, in dem Erkenntnis und Geheimnis Hand in Hand gehen und erst das Forschen den wahren Zauber zu enthüllen vermag. Von welcher Tragweite diese Theorie ist, warum sie Hoffnung schenkt, was den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften gemein ist und was die Besucher der im Juni stattfindenden Denkwoche mit Ernst Peter Fischer erwartet, beschreiben unsere Rezensenten Dr. Gerhard F. Schneider und Traute Fischer im Folgenden.

 

“Die Naturwissenschaften haben mit Beginn der Neuzeit vor rund 500 Jahren Fahrt aufgenommen und boomen geradezu exponentiell seit Beginn der Moderne vor rund 250 Jahren. Die neuen Erkenntnisse lösten Paradigmenwechsel und kulturelle Revolutionen aus, sie veränderten Weltbilder. Ein Leben, wie wir es heute führen, wäre ohne die Entdeckungen des letzten halben Jahrtausends nicht möglich. Und trotzdem scheinen viele Menschen anders als im Falle der Produkte der Kunst gegenüber den Produkten der Naturwissenschaften ein eher distanziertes Verhältnis zu hegen. Das mag sicherlich daran liegen, dass die naturwissenschaftlichen Entdeckungen oft schwer verständlich sind, aber auch daran, dass die Risiken und Nebenwirkungen darauf basierender Erfindungen zunehmend eine abschreckende Wirkung haben. Ganz bestimmt aber auch daran, dass viele Menschen – und hier gerade die Romantiker unter ihnen – glauben, die Welt würde, je tiefer man in die Geheimnisse der Natur vordringt, zunehmend entzaubert werden.

Während der bevorstehenden Denkwoche in Château d’Orion wird es Ernst Peter Fischer sicher gelingen, jene Pessimisten vom Gegenteil zu überzeugen. Von Kopernikus bis Heisenberg gelingt es ihm, denen, welche keine, oder nur wenige naturwissenschaftliche Vorkenntnisse haben, wesentliche Entdeckungen der Naturwissenschaften verständlich zu machen. Er vermag es aufzuzeigen, welcher Zauber in diesen Entdeckungen und dem Weg dorthin liegt, welche Faszination von deren Entdeckern ausgeht und wie sie um und mit ihren Werken gerungen haben. Ernst Peter Fischer wird die Teilnehmer der Denkwoche mit der Erkenntnis entlassen, dass in der Natur und in Kunstwerken vergleichbare Gesetzmäßigkeiten von enormer Bedeutung verborgen sind. Nach dieser Woche werden sie erahnen können, dass der durch den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik beschriebene „Wärmetod“ für das gesamte Universum und uns Menschen von weit höherer Tragweite ist als der in „Tristan und Isolde“ besungene „Liebestod“ zweier tragischer Figuren. Sie werden ein Gespür dafür bekommen haben, dass die durch die Allgemeine Relativitätstheorie entworfene, das Universum durchziehende und die Planeten umwallende, elastische Raumzeit im Großen und Ganzen das darstellt, was hier auf unserer Erde Umhüllungskünstler mit Tüchern zu vollziehen versuchen. Vor allem Kunstbeflissene werden erkannt haben, welch großartige Kunstwerke in der Natur verborgen sind und von jetzt an Rudolf Clausius und Albert Einstein sowie ihren Entdeckungen die gleiche Würdigung und Aufmerksamkeit entgegenbringen, wie sie dies im Falle von Richard Wagner oder Christo und Jeanne-Claude und deren Werken zu tun pflegen.

Auch wenn die Naturwissenschaft sich weiter am Baum der Erkenntnis ergötzt – sie ist weit, sehr weit von der göttlichen Omniszienz entfernt. Der Raum des Wissens ist unendlich groß. Wer auch immer darin eine weitere Türe öffnet, wird in der Unendlichkeit dahinter wieder neue Türen finden, welche geöffnet werden wollen. Wenn wir mit der uns seit dem Sündenfall angeborenen Gier nach Wissen vernünftig umgehen, wird uns die Natur ohne entzaubert zu werden weiterhin mit ihren Kunstwerken verzaubern.

Unser Staunen wird so nie ein Ende finden.”

 

CdO_Scene_ouvert_2013_44Dr. Gerhard F. Schneider ist als ehemaliger Vertriebsmanager in der Pharmaindustrie nach eigener Aussage naturwissenschaftlich vorbelastet und hat seinen Horizont im Ruhestand kulturwissenschaftlich erweitert.

 

 

 

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Traute GartzkeTraute Gartzke ist ehemalige Lehrerin für Geschichte und Französisch. Ihr Philosophicum hat sie bei Carl Friedrich von Weizsäcker gemacht.

31 Mrz

Gelebte Philosophie

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Eine Woche für Gesundheit, Lebensfreude und Wohlbefinden

Es war die Sehnsucht nach einem Ort, an dem Geist und Genuss zusammenfinden und die Balance zwischen Hand und Kopf wiederhergestellt wird, um daraus ganz neue Erkenntnisse zu gewinnen, die uns antrieb, unseren Lebensmittelpunkt nach Südwestfrankreich zu verlegen. Bald entsprang daraus die Idee der Denkwochen, welche einen Raum bieten sollten, in dem Gegebenheiten und Systeme hinterfragt werden sowie aus der Kommunikation mit anderen heraus mutige Ideen formuliert und Alternativen gedacht werden können. Claus Albermann, Lehrer für Taiji und Qigong sowie Gründungsmitglied des Taijiquan und Qigong Netzwerk in Hamburg, wird sich im Rahmen einer Denkwoche im Juni dieses Jahres deshalb der Frage widmen, wie ein Leben im Einklang mit Körper und Geist möglich ist und das Denken beweglich bleibt. Seine Erwartungen an die Woche hat er schon vorab mit uns geteilt:

Claus Albermann„Während der Denkwoche mit dem Thema „Bewegte Philosophie – das Gute Leben im Einklang mit Körper und Geist“ werden wir das Experiment wagen, geistige und körperliche Inspiration zu kombinieren. Im Erforschen und Erleben, wie sich Körper und Geist wechselseitig stärken und ergänzen können, lässt sich erfahren, was die Beiden verbindet und wie sie zum Wohle unseres ganzen Daseins wirken können.

Schon vor dem Frühstück werden wir mit Hilfe von sanften, entspannten und gleichzeitig aufmerksamen Übungen den Körper und den Geist miteinander in Kontakt bringen. Auf diese Weise wird spürbar, dass sie auf ganz besondere Weise energetisch miteinander verbunden sind. Nach dieser Einstimmung in den Tag sind die Sinne geschärft und Körper und Geist erfrischt, sodass sich das gemeinsame Frühstück als noch schmackhafter und nährender erweisen wird.

Steht zunächst der Körper mit seinen Bedürfnissen in unserem Fokus, so erlauben wir dem Geist anschließend in den Stunden vor der Mittagspause in den Mittelpunkt unseres Interesses zu rücken – in der Auseinandersetzung mit den Grundfragen der chinesischen Weltsicht. Die dort gegebenen Antworten mögen zunächst simpel erscheinen, bei näherer Betrachtung erweisen sie sich jedoch als sehr komplex. Die Konfrontation mit den Gedanken der beiden großen chinesischen Philosophien, dem Konfuzianismus und dem Daoismus, trägt zu einer erweiterten Sicht auf die Welt bei.

Chateau Orion

Nicht nur der Körper, auch der Geist muss ruhen, um leistungsfähig zu bleiben und wird bei einem Tee unter der Platane, einem Spaziergang durch die grüne Landschaft oder einer Erkundungstour der Umgebung des Château d’Orion Gelegenheit dazu haben. Die späten Nachmittage werden damit gefüllt, die Erkenntnisse des Geistes dem Körper erfahrbar zu machen. Dazu nutzen wir einige ausgewählte Übungen aus dem reichen Schatz, den uns die chinesische Kultur überliefert hat: des Qigong (Sammelbegriff für eine Vielzahl von Übungen zur Lebenspflege) und des Taiji (Handeln nach dem höchsten und letzten Prinzip). Wer möchte, lässt den (Übungs-)Tag mit einer Gehmeditation, dem „Gang des alten Gelehrten” und mit anregenden Gesprächen und gemeinsamem Austausch beim Abendessen ausklingen, welche hoffentlich die Neugier auf den nächsten wecken.

Ich freue mich auf eine besondere, erkenntnis- und erfahrungsreiche Woche sowohl für den Körper als auch für den Geist in der wundervollen Atmosphäre des Château d’Orion, welche das Erleben bereichern und hoffentlich inspirierend und stärkend bis in den Alltag hineinwirken wird.”

Und wir freuen uns auch darauf, mit Claus Albermann auf neuen Wegen das Bewusstsein für den Körper zu stärken und unser Denken auch körperlich erfahrbar zu machen!