04 Dez

Pilger der Postmoderne

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Noch immer ist die Natur _MG_6648des Béarn und des benachbarten Baskenlandes üppig und menschenfreundlich, noch immer leuchten die Bäume im Tal vor uns in prächtigen Rot- und Orangetönen. Während man sich in Deutschland längst in den Wintermantel gehüllt und vielleicht sogar schon über den ersten Schnee gefreut hat, sonnen wir uns dieser Tage noch bei 20°C in den Liegestühlen mit Blick auf die weißen Pyrenäengipfel – ab und zu einen verdächtigen Wind um die Nase, der wie so oft hier den bevorstehenden Wetterwechsel ankündigt. Einen Wechsel hin zu einer stilleren, langsameren Zeit, in der wir alle Jahre wieder dazu angehalten werden – ob durch religiöse Feste oder die kürzer werdenden Tage – selbst einen Gang runterzuschalten und zu entschleunigen.

Im Hinblick auf die Zunahme des Lebenstempos ist eine derartige Erinnerung ans Innehalten und Durchatmen bisweilen wichtig, um den eigenen Standpunkt neu zu justieren und die Ressourcenspeicher wieder aufzufüllen. Laut dem Soziologen Hartmut Rosa bewirkt die Beschleunigung nämlich einerseits, dass Prozesse aufgrund verbesserter Technik schneller ablaufen und dadurch Zeit gewonnen wird, andererseits ermöglicht dies eine Verdichtung von Handlungen, wodurch die ‚übrige’ Zeit wieder ausgefüllt wird.

_MG_6853_kleinWomit aber füllen wir die Zeit und mit welchem Ziel? In einem Essay über den Wandel von Identität und Lebensformen beschreibt der Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman das Leben in der Moderne als eine Pilgerreise – eine langwierige Suche nach einer spezifischen Identität unter vielen anderen möglichen Identitäten und Lebensweisen. In der durch raschen Wandel gekennzeichneten Postmoderne kann diese Lebensform nicht bestehen – „The world is not hospitable to the pilgrims any more“. Die postmoderne Herausforderung bestehe darin, sich von einer stabilen Identität zu lösen und beruflich wie privat flexibel zu bleiben, meint Bauman. Eine prototypische Lebensstrategie der Postmoderne stelle der Tourist dar, der immer unterwegs ist – getrieben von ästhetischen Kriterien und mit der Absicht, Erlebnisse zu sammeln. Nicht das Neue, Fremde beängstige ihn, sondern Beständigkeit und dennoch sei das Wissen um ein Zuhause als Zufluchtsort unerlässlich.

Viele von uns verbringen die Tage „zwischen den Jahren“ in der Heimat oder mit Menschen, bei denen sie sich zuhause fühlen, bei denen sie „sie selbst sein“ können. Möglicherweise muss dieses Zuhause aber gar kein Ort oder eine soziale Gemeinschaft sein. Vielleicht ist es eher als unsere ganz eigene Persönlichkeit, unsere Leidenschaft unser Standpunkt zu verstehen, zu dem es sich lohnt zurückzukehren, bevor wir in ein neues Jahr, neue Herausforderungen, neue Projekte, neue Reisen aufbrechen.

Tourismus ist ein Phänomen, _MG_6911_kleindas ähnlich der Kunst oder der Religion auf gesellschaftliche Sehnsüchte verweist. So vielfältig die Gesellschaft ist, so vielfältig sind auch die Reisemotive. Häufig geht es nicht mehr nur um die Alltagsflucht oder das Abhaken von Sehenswürdigkeiten auf einer Liste, sondern um eine erfüllte Zeit. Der Inbegriff dieser Entwicklung ist wohl der sogenannte „Slow Tourism“, der die Sinnfindung, Intensivierung und Entschleunigung von Erlebnissen zum Ziel hat.

Die einst als Unfähigkeit wahrgenommene Langsamkeit hat einen Bedeutungswandel erfahren und gilt heute vielmehr als Metapher für Selbstbestimmung und Infragestellung von kapitalistischen Versprechen. Mit einer solchen Befreiung von beschleunigten Lebensformen zugunsten einer alternativen Zeitlichkeit und mit Idealen wie Nachhaltigkeit oder Genuss werden wir erneut zu Pilgern.

Château d’Orion ist ein Ort für die Pilger der Postmoderne, die sich zeitweise auf die Suche nach Ruhe, Tiefgang oder Zeitgenuss fernab ihres beschleunigten, flüchtigen Alltags begeben. Ob im Liegestuhl vor dem Haus, im Rahmen einer Denkwoche oder auf dem Jakobsweg, der von Orion durch Wiesen und Wälder nach Spanien führt. Solche Erlebnisse zu ermöglichen ist unsere Leidenschaft und so gewinnen auch wir daraus Antrieb für künftiges Handeln. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen ein entschleunigtes, kraftspendendes Jahresende!

 

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Die Fotos in diesem Beitrag stammen von Teresa Pistorius, einer jungen Fotografin aus Hamburg, die kürzlich für ein Projekt über die Beziehung zwischen Mensch und Natur die Vegetation um Orion vor die Linse genommen hat.

09 Okt

Ein Hoch auf die deutsch-französische Freundschaft!

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Am vergangenen Mittwoch wurde Elke Jeanrond-Premauer der Preis der deutsch-französischen Freundschaft in Bordeaux verliehen. Mit ermutigendem Beistand von unserer Denkwochengruppe um Jocelyn B. Smith wurde sie für das Wirken in Château d’Orion und ihre Verdienste um die friedliche Begegnung und nachhaltige Verbindung beider Länder im Rahmen zahlreicher Projekte vom Generalkonsul Dr. Nikolaus Meyer-Landrut und dem amtierenden Bürgermeister von Bordeaux Alain Juppé ausgezeichnet. Die Dankbarkeit und Freude über diese Würdigung mögen dazu veranlassen, zufrieden auf Geschehenes und Erreichtes zurückzublicken – vielmehr noch sind sie aber Ermutigung und Ansporn, auch künftig Wege zu suchen, um Menschen zu berühren und herkömmliches Denken und Handeln in Bewegung zu versetzen. In diesem Sinne “Let’s make something happen to this world”!

 

Dankesrede von Elke Jeanrond-Premauer zur Verleihung des deutsch-französischen Freundschaftspreises am 04.10.2017 in Bordeaux:

“Man braucht ja nur die Flamme in den Augen der Jugendlichen zu beobachten und ihre Leidenschaftlichkeit”… so beginnt die Rede von General De Gaulle, die er 1962 in Ludwigsburg gehalten hat.

Seither ist viel geschehen, die deutsch-französische Freundschaft ist gewachsen, hat sich entwickelt. Städtepartnerschaften, ein Fernsehsender, ein Jugendwerk, das seinesgleichen sucht. Und vieles mehr. Damals wohnte ich in der Grenzstadt Pirmasens nahe dem Elsass, noch gezeichnet vom Krieg. Und ich gehörte zu diesen jungen Leuten, die voller Hoffnung in die Zukunft blickten, um Versöhnung zu leben, nach den unaussprechlich harten Zeiten der verordneten Feindschaft.

Selbstredend bin ich dankbar für die Anerkennung, die mir die heutige Auszeichnung zollt. Ich verhehle aber nicht, dass die, die sie erhalten und die, die uns überreichen, nicht vergessen dürfen, dass sich keiner- ob gewählt, bestellt oder zivil-gesellschaftlich engagiert auf den jeweiligen Lorbeeren ausruhen darf. Gleich auf welchem Posten/an welcher Stelle, wir gelandet sind. Ich folge gerne dem Philosophen Jaques Derrida in diesem Fall, der sagt: Wenn wir nur das tun, was wir können, dann tun wir gar nichts!

Wenn ich heute den deutsch-französischen Freundschaftspreis entgegennehme, dann heißt das für mich Ansporn, nicht nachzulassen jedem Wort eine Tat folgen zu lassen und so manches Mal an Grenzen zu gehen. Nicht umsonst ist der Leitgedanke von Château d’Orion, dem Haus der Begegnung, für das ich stellvertretend hier stehe: «Qui pense doit agir», gemäß Heinrich Mann. Wir wissen alle sehr genau, allein sind wir nichts, wir brauchen die Kraft der geteilten Intelligenz, wir brauchen Resonanz und Anerkennung für unser Tun. Deshalb habe ich Ihnen ein Schloss voller Freunde mitgebracht, die mich nicht nur begleiten, sondern auch ermutigen nicht nachzulassen. Sie alle erheben in diese Woche ihre Stimme, angeführt von einer ganz großen Sängerin – Jocelyn B. Smith.

Und, wenn wir uns fragen, wie es denn heute um die Flammen in den Augen der Jugend steht, dann mögen wir dies auch immer rückbezüglich tun. Was ist meine Aufgabe, mein Projekt und sei es noch so klein, um der Verpflichtung gerecht zu werden: Die Verteidigung der Freiheit für alle und den respektvollen Umgang miteinander zu pflegen.

Die deutsch-französische Freundschaft ist längt nicht mehr allein-gültig, ein Europa hat sich zusammengeschlossen, das es ebenfalls zu verteidigen gilt.

Erinnern wir uns noch einmal an 1962: Die Rede General De Gaulles ist legendär, vielleicht ist sie pathetisch. Mag sein, aber sie markiert einen Meilenstein in unserer Geschichte und darf ein europäisches Wunder genannt werden. Ich wünschte mir heutzutage ein wenig mehr Leidenschaft, weniger Geländerdenken. Vielleicht sogar mehr Mut zur Naivität und wieder mehr Geschichten statt Klagelaute.

Wir wissen wohl, Tradition ist nicht das Anbeten der Asche, sondern das Schüren des Feuers!

Und ich möchte enden wiederum mit den Worten von Charles de Gaulle:

“Il n’y a pas d’amitié entre deux pays, seulement des intérêts. La formation de l’amitié est le devoir de chacun.

„Zwischen Staaten gibt es keine Freundschaft, sondern nur Interessen.“ Das Entstehen lassen der Freundschaft ist Aufgabe jeden Einzelnen von uns.

Lassen Sie uns also gemeinsam gestalten und Entstehen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

02 Aug

Auf die Freundschaft!

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Eine Reflexion zur Denkwoche vom 16. bis 22. Juli 2017 von Julia Tauß, der die Teilnahme mit einem Stipendium des Freundeskreises Château d’Orion e.V. ermöglicht wurde

 

Das Château d’Orion liegt in warmes Son-Außenbereich
nenlicht getaucht, als wir am Abend vor der Denkwoche „Die Kostbarkeit der Freundschaft – eine philosophische Gedankenreise“ ankommen. Auf einem runden Tisch vor dem Haus ist ein Aperitif angerichtet, zu dem alle Mitwirkenden der Denkwoche zusammenkommen. Die Weite der Natur gibt den Blick frei auf die Pyrenäen, auf Täler satten Grüns und ein paar weidende Kühe. Wir sind hier in einer Gegend angekommen, die rundum besonders ist. Unermüdlich machen uns Elke und Tobi mit den Geschichten des Châteaus und der Umgebung vertraut, sorgen sich um unser Wohlergehen und beseelen diesen wunderbaren Ort „mit Kopf und Hand, Herz und Verstand“.

Fernab der alltäglichen Herausforderungen ermöglichen die beiden hier Begegnungen und tiefgreifenden Austausch. Mit der Denk- woche haben sie ein Format geschaffen, das über Generationen und Disziplinen hinweg Menschen zusammenbringt. Die Vielfalt an Perspektiven lädt dazu ein, die eigenen Denk- horizonte immer wieder auszuloten, sich aus- zuprobieren und neuen Ideen Raum zu ver- schaffen. So steht in diesen Tagen vielmehr die Auseinandersetzung mit Fragen, als deren Beantwortung im Vordergrund.

Die Woche ist rasch vergangen und so höre ich die nächsten Gäste murmeln: „Es ist noch schöner als auf den Bildern“, als sie es sich ihrerseits mit einem Aperitif gemütlich machen. So geht die Zeit der Besinnung und Erkenntnis für die nächsten Gäste und Teilnehmenden der Denkwochen weiter. Es war ein Fest hier sein zu dürfen – habt vielen Dank!

Auf bald. Und allem voran: auf die Freundschaft!

Julia Tauß

14 Jul

Aufklärung mit Humor?!

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Eine Reflexion von Sophie Giulini zu der Denkwoche vom 2. bis 8. Juli 2017

 

Optimismus ist ein Mangel an Information.

(Alfred Dorfer)

 

Welche Rolle spielt Humor in unserem Leben? Können wir mit Humor Gesellschaft gestalten?

Diese Fragen stellten sich mir im Rahmen der Denkwoche zu dem Thema „Der Ernst des Lächerlichen | Zur Theorie des Komischen“. Über die Verknüpfung philosophischer Überlegungen des Referenten Prof. Rudolf Lüthe mit praxisnahen Reflexionen des österreichischen Star-Kabarettisten Alfred Dorfer begaben wir uns auf einen gemeinsamen Weg des Findens nach Antworten.

Erster Schritt: Humor als eine Fortsetzung der Aufklärung? Der theoretischen Definition von Humor näherten wir uns auf drei Bedeutungsebenen: Allgemein können wir Humor als den Sinn eines Menschen für Komik verstehen. Eng gefasst spezifizierte Philosoph Lüthe Humor als eine Heiterkeit und die damit einhergehende Gelassenheit gegenüber dem eigenen Scheitern. Eine solche gelassene Haltung bedinge ein aufklärerisches Moment des Selbstverstehens und die Akzeptanz der Gleichwertigkeit von Meinungen. Auf letzter Ebene finden wir Humor als den Kosmischen Sinn für das Komische und die damit verbundene Relativierung der Bedeutung des eigenen Selbst. Dieser Idee folgend wird Komik zu einem Mittel der Befreiung von unseren alltäglichen Handels- und Gedankenschranken und die Belebung unserer Sinne.

Zweiter Schritt: Die Satire als humoristischer Zugang zur Wirklichkeit? Der Aufklärungsgedanke spiegelt sich in einer spezifischen Form der Komik – in der Satire. Alfred Dorfer folgend liegt ihre Qualität im Erkennen der Wirklichkeit über eine kritische Beleuchtung der Wirklichkeit. Als Zugangsform zu Inhalten bedient sie sich Werkzeugen wie Zynismus, Ironie und Sarkasmus. Ihre Aufgabe sei das Aufzeigen von politischen Missständen. Beispiele wie der Attentat auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo bringen die Frage auf – hat Satire Grenzen? Wie weit darf Komik im Namen der Aufklärung gehen?

Dritter Schritt: Hat Satire moralische Grenzen? Die Idee Aristoteles, Komik ende bei physischer Verletzung, können wir ausweiten auf die psychische Verletzung meines Gegenübers. Und schon befinden wir uns in einem Spannungsfeld zwischen gegenseitigem Respekt und Meinungsfreiheit. Freiheit ohne Verantwortung ist nicht denkbar. Dies gelte auch für die Freiheit als Künstler, ist Alfred Dorfer überzeugt: Die satirische Verarbeitung von Wirklichkeit bringe die Verantwortung mit sich, sich selbst mit einzubeziehen und eine klare Haltung einzunehmen. Pure Pauschalisierungen wiederum seien lediglich Spott – im Sinne von Spucken – und den Titel der Satire nicht würdig. Diese Aussage wird umso bedeutsamer vor dem Hintergrund ständiger Realsatire, beispielsweise durch Donald Trump. Die Kunst scheint also in einem feinsinnigen Aufzeigen von Schwachstellen von Seiten des Künstlers einerseits und in dem scharfsinnigen Hinhören von Seiten des Publikums, zu liegen. Bringen also restriktive Systeme die besten Satiriker und geschulteren Zuhörer hervor? Diese zynischen Fragen stellte Dorfer in den Raum und bringen zum Nachdenken.

Vierter Schritt: Humor als Instrument zur Gestaltung von Leben und Gesellschaft?  Abschließend bleibt die Frage, was sich aus unseren theoretischen Überlegungen für unser aktives Dasein in der Welt ableiten lässt. Auf gesellschaftlicher Ebene kann Humor als eine Form der Aufklärung gegenüber Missständen dienen. Ob als Beruhigungsmittel zur Stabilisierung politischer Systeme oder motivierende Anregung zur Aktion – diese Frage bleibt offen.

Auf Ebene des Individuums wurde ich durch die Denkwoche an das Geschenk, welches uns der Humor macht, erinnert: Wir können ihn Nutzen als Verfahren zur Selbstdistanzierung, -Relativierung und skeptischen Hinterfragung von Gesetztem – als ein heiteres Mittel für die Gestaltung eines glücklichen Lebens. Und vielleicht ermöglicht er uns sogar, informiert optimistisch zu bleiben.

 

18 Jun

Auf Reisen mit Odysseus und Ulysses – Neue Etappe

Unser Denkwochenreferent Hajo Mattke macht Mut

Zu Homer und Joyce

Ich kenne viele,  die  herbe Zeiten durchlaufen mit der Lektüre von Joyces Ulysses!

Und bitte fasst es nicht als Zynismus auf, wenn ich sage: Der Ulysses kann richtig Spaß machen!

Will die Lesefreude sich aber partout nicht einstellen – und das finde ich durchaus kein Zeichen für mangelndes Literaturverständnis –  dann gibt es Abhilfe.  Der SWR hat mal eine Hörspielversion in 23 CDs  herausgebracht . Eine exzellente, höchst textnahe  und lebendige Wiedergabe, mit allen Nebengeräuschen, Tramquietschen,  irischer Musik, Kneipenstimmung, etc. Ja, mit verschiedenen Stimmen für die verschiedenen Protagonisten und sogar der stream of consciousness  wird mit verschiedenen Stimmen kenntlich gemacht.  Ich habe alle CDs gehört und gar  ins Auto gelegt  für längere Fahrten…

Ich habe mal gehört, dass die CDs so begehrt waren, dass bald die Auflage weg war. Ich habe meine vor einem halben Jahr aber noch anstandslos bekommen, direkt beim SWR, Freunde von mir haben neulich bei Amazon  noch eine bekommen.

Also SEHR EMPFEHLENSWERT!

James Joyce Ulysses, Der Hörverlag

ISBN 9 783 867 178464

SWR 2

Hörspielbearbeitung

23 cds

oder MP3 – Fassung

11 Mai

Die fünfte Station: Ulysses.

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Die Irrfahrt als Selbstentfremdung?

Der Roman „Ulysses“ beschäftigt sich neben der komplexen und problematischen Beziehung der Iren mit dem Britischen Königreich, dem Nationalismus und der römisch-katholischen Kirche vor allem mit der Suche der beiden männlichen Protagonisten nach Vaterschaft und Vaterersatz – klarer Hinweis auf die Suche des Telemachos nach dem Vater, der die Familie vor 20 Jahren verlassen hat und dem eigenen Erwachsenwerden und damit der Emanzipation vom Vater. Als Stephen Dedalus in Bloom eine Art geistigen Vater findet und sich dadurch von der Vatersuche befreit, kann er davonziehen und zum Künstler werden. Das ist eine Art Fortsetzung des Fadens, den James Joyce mit Stephen Dedalus in “Portrait of an Artist as a young man“ begonnen hat.

Mit den Erfahrungen, die Stephen Dedalus und Leopold Bloom im Laufe der Handlung durchleben, ändern sich die Erzählperspektiven in jeder neuen Episode des Romans. Neben der Verwendung unterschiedlichster Sprachstile und Dialekte, ja sogar des Altenglischen (dem embryonalen Zustand des Englischen) bedient sich James Joyce auch verschiedenster Stilelemente aus Literaturgattungen wie direkte Rede, Dialoge, Drama, personale oder auktoriale Erzählperspektive, Reportage, Wortcollage, Montage oder Liebesroman und integriert Passagen ohne Satzzeichen sowie Bezüge auf unterschiedliche Themen, um die realistischen Gedankenschemen seiner Charaktere zu verdeutlichen. Dabei nimmt er Lautmalerisches, die Welt der Geräusche mit hinzu und auch Gesänge, Gedichte, Klänge.

Wo bleibt die Irrfahrt? Sie fragen nach unserem Thema der Selbstbestimmung. Ist es wirklich die Großstadt, in der er herumirrt? Ist er Produkt dieser Umwelt? Teilweise, ja, die vielen Parallel- und Simultanhandlungen und zeitlichen Be- und Entgrenzungen spiegeln das Großstadterleben wider, die Dynamik und Schnelligkeit und Ubiquität so wie die Pluralität der Perspektiven, die sich künstlerisch wiederum in der Vielheit der Erzählperspektiven niederschlagen. Die Figuren sind ständig in Bewegung, wie das Epos der Mobilität, die Odyssee. Die Orte, die sie realiter oder in ihren Reflexionen und assoziativen Erinnerungen aufsuchen, sind genauestens beschrieben und dadurch im realen Dublin jener Zeit verortbar.  Die Idee der Irrfahrt wird mit dem modernen Stadterlerlebnis und seiner Fülle an zufälligen Begebenheiten und fragmentarischen Wahrnehmungen verknüpft, das antike Epos somit transponiert und aktualisiert. Das weist in die Richtung des Großstadtmenschen, der von der Dynamik getrieben, bestimmt, rhythmisiert wird. Und was der Ort andeutet, wird durch den stream of consciousness noch stärker betont. Ihn betrachtend könnte man denken, der Roman selbst, in seiner sprachlichen Rätselhaftigkeit, sei das Labyrinth, die Irrfahrt, indem Form und Inhalt, Erzählstile und sprachliche Uneinheitlichkeit zum Schauplatz des Geschehens werden. Die Wahrnehmungen der Lebenswelt und das Innenleben der Figuren werden ungefiltert dargestellt, die menschliche Psyche und ihre irrende Unbehaustheit werden selbst zum Text.

Während Odysseus sich die Selbstbestimmtheit erkämpft, lebt Ulysses kampflos seinem Unterbewusstsein ausgeliefert, sein Unterbewusstes wird ihm nicht als duale Welt bewusst. Reales und Subjektives fallen zusammen, Außenwelt und Innenwelt blenden ineinander über, weitestgehend ununterscheidbar in ihrem Realitätsgehalt. Beide haben den gleichen Realitätsgrad. Er ist der Seiltänzer über dem Abgrund der Alltäglichkeit. Antiheld, Anti-Zarathustra der Normalität, des Banalen.

Odysseus wird ständig konfrontiert mit der Welt der Oberen, der Götter. Mit ihnen und zu ihnen lebt er in einem dialektischen Verhältnis. Leopold Bloom begegnet, könnte man sagen, ständig der Welt, die von unten, von seinem Unterbewusstsein nach oben schlägt und sich in die reale Welt hinein realisiert. Wir haben es erwähnt: der Roman ist auch aus einer intensiven Beschäftigung mit Freud erwachsen. Man kann Bloom tatenlos nennen. C. G. Jung formuliert das in seinem Aufsatz Ulysses – ein Monolog von 1932 so:

Der Joycesche Ulysses ist im strengsten Gegensatz zu seinem antiken Namensvetter ein tatenloses, bloss wahrnehmendes Bewusstsein, ja, ein blosses Auge, ein Ohr, eine Nase, Mund, ein Tastnerv, wahl- und hemmungslos dem brausenden chaotischen irrsinnigen Katarakt seelischer und physischer Gegebenheiten ausgesetzt und diese – beinah – photographisch registrierend.

Ist es verwegen zu sagen, dass der Homerische Odysseus näher an der modernen Individuation ist als Bloom, der Ulysses des 20. Jahrhunderts?

Die entgöttlichte Welt des Joyce – C. G. Jung nennt sie gar metaphysischen Nihilismus – beschreibt die Menschen und ihre Irrfahrt als eine Selbstentfremdung. Die Unterdrückung, so würde der Philosoph unserer Tage, Byung-Chul Han sagen, geschieht durch den Menschen selbst. Noch Foucault, in der Nachfolge von Sartre, schildert das Panoptikum allgegenwärtiger nahezu kafkaesker Überwachung durch totalitäre Strukturen im Staat wie in der Psyche. Die Irrfahrt, so könnte man denken, wird heute akzeleriert, die Selbstbestimmung durch scheinbare Freiheit bzw. durch ein Überangebot an Freiheit und Toleranz unmöglich gemacht, der Druck von Außen verinnerlicht und angenommen und in Selbstausbeutung verwandelt – und schließlich das Ich dem Ich durch das Ich entzogen.

Das neoliberale Diktum der Freiheit äußert sich in Wahrheit als paradoxer Imperativ „Sei frei“. Es stürzt das Leistungssubjekt in die Depression und in die Erschöpfung. Michel Foucaults Ethik des Selbst opponiert gegen die repressive politische Macht, ja gegen die Fremdausbeutung, aber sie ist blind gegenüber jener Gewalt der Freiheit, die der Selbstausbeutung zugrunde liegt.

„Du kannst“ übt mehr Zwang aus als „Du sollst“, der Selbstzwang ist fataler als der Fremdzwang, weil kein Widerstand gegen sich selbst möglich ist. Das neoliberale Regime verbirgt seine Zwangsstruktur hinter der scheinbaren Freiheit des einzelnen Individuums, das sich nicht mehr als unterworfenes Subjekt, sondern als entwerfendes Projekt begreift.

James Joyce zeigt den einsamen ‚Mann ohne Eigenschaften’ (Musil), den Nullachtfünzehntyp, den Polytropos im Dschungel des eigenen ihn selbst verschlingenden Unterbewusstseins wie im Dschungel der Stadt.

Homer zeigt den rationalen ‚homo oeconomicus’, der sein Ziel vor Augen hat, ein vor-, oder post- oder gar außermoralisches Management by objectives führt und der durch ein dialektisches Miteinander oder auch Gegeneinander von Fremd- und Selbstbestimmung sein Ziel erreicht.

Zwingend ist aber zum Schluss die Frage: Was ist das Einende aller Irrfahrt-Darstellungen?Was liegt ihnen sozusagen archetypisch zugrunde? Die drei Stationen Aufbruch – Initiation – Rückkehr ist zweifellos die Großform. Unter der ersten Station ‚Aufbruch’ könnte man differenzieren: Berufung, Weigerung, übernatürliche Hilfe, Überschreiten der ersten Schwelle. Die letzte dieser Stationen nennt die Forschung „Rückkehr über die Schwelle“. Der Begriff Schwelle kann vieles bedeuten, von der Türschwelle des heimatlichen Hauses bis zur Todesschwelle.

Diese Schritte werden in den von uns vorgestellten Werken in verschiedenster Form nachvollzogen. Dass das menschliche Leben diesen Schritten als Metapher zugrunde liegt, ist sinnfällig. Wunderbar hat das Joseph Campbell in seinen epochemachenden Büchern über den Mythos nachgewiesen. Leider ist nur eins davon ins Deutsche übersetzt.

Zum Schluss: Es ist sicher nicht abwegig eine literarischen Großtat zu erhoffen: den Roman über die gnadenlose Unbehaustheit dieser Tage, über die neue Völkerwanderung, gegenüber der, die Wanderungen des frühen Mittelalters sich harmlos ausnehmen, ein Nibelungenlied ein Kindermärchen ist. Eine Odyssee des 21. Jh. zu entwerfen, in deren Welt die Frage nach dem menschlichen Ich und seiner Versehrtheit die Hauptrolle spielt.

Ob unsere heutigen Begriffe der Selbstbestimmung und Fremdbestimmung noch tauglich sind, kann man ernstlich in Frage stellen. Schon länger kann man sich des Eindrucks nicht mehr erwehren, dass die nationalen Sprachen oft nicht mehr ausreichen, die Unvorstellbarkeiten moderner Kriegsszenarien, sozialer und ökologischer Katastrophen und deren Folgen auszudrücken. Daran gilt es zu arbeiten. Das Château d’Orion ist einer der vielen Orte, wo so etwas versucht wird.

*****

 

IMG_2908Vom 24.-30. September 2017 führt Hans-Joachim Mattke durch die Denkwoche “Homer: Odyssee – James Joyce: Ulysses“. Mehr Informationen und Anmeldung unter: http://denkagentur-chateau-orion.de/denkwochen/24-30-september-2017-homer-odyssee-james-joyce-ulysses/

12 Apr

“Die Mythe log…” (Gottfried Benn)

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Unser Denkwochenreferent Hans-Joachim Mattke führt weiter durch ‘Ulysses’ und ‘Odyssee’

 

Im Jahre 1944 sehen die beiden bedeutenden Vertreter der Frankfurter Schule, Theodor Adorno und Max Horkheimer in Odysseus das Modell des modernen ‚homo oeconomicus’. Sie schreiben im Exil in Los Angeles die Dialektik der Aufklärung und beschreiben darin das Aufklärerische des Odysseus. Sie zeigen auf, wie diese Figur zwischen Mythos und Denken, zwischen transzendenter Bindung an die Götter einerseits und intentionaler, zielorientierter Rationalität andererseits steht. Er ist für Adorno und Horkheimer der Typus des neuen westlichen abendländischen Menschen, anders als wir anfangs den Europäer charakterisiert haben: „Der zitternde Schiffbrüchige nimmt die Arbeit des Kompasses vorweg. Seine Ohnmacht, der kein Ort des Meeres unbekannt mehr bleibt, zielt zugleich auf die Entmächtigung der Mächte“, alter mythischer Mächte – zum Zwecke seiner Selbsterhaltung, der Rückkehr zu Heimat und festem Besitz. „Die Abenteuer, die Odysseus besteht, sind allesamt gefahrvolle Lockungen, die das Selbst aus der Bahn seiner Logik herausziehen. Odysseus wirft sich weg gleichsam, um sich zu gewinnen“, bringt sich in Gefahr um dieselbe zu besiegen. Und sein Kampf gegen die alten mythischen naturhaften Gewalten mutet für Horkheimer an als übervorteile der Seefahrer Odysseus die „Naturgottheiten wie einmal der zivilisierte Reisende die Wilden, denen er bunte Glasperlen für Elfenbein bietet. Das Homerische Gastgeschenk hält die Mitte zwischen Tausch und Opfer. Manchmal sind das Tauschgeschäfte, die Opfer für die Götter, um Beistand zu erwirken, oder zumindest von ihnen unbehelligt zu bleiben (…).“ Und in der Tat: Es gibt sogar Neid unter den Göttern, wer die meisten Opfer von den Menschen erhält und sie strafen die Menschen dafür, wenn die Dividende nicht ausreicht.

Ist der erwähnte Tausch die Säkularisierung dessen, was man früher als Opfer verrichtete, so erscheint es(…) nun wie eine Veranstaltung der Menschen, die Götter geradezu zu beherrschen, sie zu stürzen und zu verweltlichen.“ Anders ausgedrückt: der Mensch befreit sich von den Göttern mittels des Gottesdienstes als säkularisierter Ehrung und Entfernung. Im späten Mittelalter wurde dieser Tauschhandel mit der Beichte und dem Ablasshandel in geradezu absurder Weise betrieben.

Wir sehen: Durch Denken wird bildhafter Mythos zerstört, Offenbarungswahrheiten werden Vernunftswahrheiten, so hat es Lessing genannt, Natur wird denaturiert, unverrückbare absolute Wahrheiten werden zergliedert und „zerdacht“, um einen Ausdruck von Gottfried Benn aus seinem Gedicht „Verlorenes Ich“ zu verwenden:

„Die Welt zerdacht. Und Raum und Zeiten

und was die Menschheit wob und wog,

Funktion nur von Unendlichkeiten −,

die Mythe log“

Natürlich hört man hier das große Vorbild Friedrich Nietzsche im Jahre 1882 heraus. In der „Fröhlichen Wissenschaft“, im Aphorismus 125: „Gott ist tot“. (…) und wir haben ihn getötet! (…) Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts, haucht uns nicht der leere Raum an? (…)“

Dass die Leere, das Nichts etwa 70 Jahre später im Existentialismus philosophische Voraussetzung für Freiheit und verantwortliche Selbstbestimmung würde, konnte Nietzsche noch nicht ahnen.

Der Weg vom Mythos zum Logos erzählt die Geschichte vieler Götterdämmerungen. Solange Götter sind, so lange es sie als höhere Macht im menschlichen Bewusstsein real und gültig gibt, solange ist die menschliche Freiheit begrenzt, solange wird das Denken und Handeln des Menschen cum grano salis fremdbestimmt. Das Höhere führt ihn. Das gilt für Mythos wie für Religion. Homers Odysseus ist graduell geführt, ihm wird die Zukunft vorhergesagt: er wird sein Zuhause finden! Das ist sicher – aber er muss das Vorherbestimmte durch seine Leistung erringen. Eigentlich ein sehr moderner Gedanke.

Diese Paradoxie unterscheidet ihn grundlegend von allen anderen Odysseus-Figuren der Weltliteratur.

Leopold Bloom, der Ulysses des James Joyce nimmt sich in diesem Kontext einfach aus. Er irrt im unterbewussten stream of consciousness ebenso herum wie im großstädtischen Milieu und Häusermeer von Dublin. Wir werden auf ihn noch ausführlicher zu sprechen kommen.

Zurück zu Homer: die Ausgesetztheit und das einsame auf sich selbst Gestelltsein, wie wir sie bei Odysseus sehen, sind frühe Symptome aufklärerischer Selbstbestimmung. Sie wird erkauft durch Verlust der Transzendenz.

Jean Paul Sartre macht 1946 vielleicht den konsequentesten Schritt, indem er sagt: Der Mensch ist nicht das, was er ist, und er ist das, was er nicht ist. Überspitzt gesagt ist der existentialistische Mensch seine Transzendenz. Er muss sich sein. So gesehen fallen hier Fremdbestimmung und Selbstbestimmung, Transzendenz und Immanenz in eins und der Mensch hat keine andere Wahl als frei zu sein. So formuliert in seinem Aufsatz. Ist der Existentialismus ein Humanismus? Das könnte für eine Beschreibung der Seinsweise des Joyce’schen Ulysses helfen.

IMG_2878Die Odyssee bildet den Anfang und das Modell für viele literarische Irrfahrten, die ihrerseits weltliterarischen Rang einnehmen: im ähnlichen Homerischen Geiste Vergils Aeneis, christlich geprägt aber die Antike mit aufnehmend Dantes Divina Comedia, ( in deren Hölle der Homerische Odysseus mit anderen frevelhaften Ratgebern schmort), Wolframs Parzival, als Irrfahrt zum esoterischen Gral, Cervantes Don Quijote, der Belesene, der sich in seinem Landritt mit der Meerfahrt des Odysseus vergleicht. Den großen Dulder nimmt er als Vorbild. Goethes Wilhelm Meister auf der Irrfahrt und Suche nach den Bildungsinhalten seiner Zeit. Bis hin zu James Joyce, der in seinem Leopold Bloom und seiner Molly Odysseus und Penelope aufruft und in jedem Kapitel höchst präzise Referenzen zu den jeweiligen Gesängen der Homerischen Odyssee herstellt und am Ende des gänzlich unbedeutenden und höchst alltäglichen Tages zu seiner Frau Molly nach Hause kommt. Übrigens: in vielen dieser Initiationsdarstellungen ist das weibliche Bild der höheren Bewusstseinsstufe: Odysseus sucht Penelope und das Zuhause, Dante sucht Beatrice und il Paradiso, Parzival sucht den Gral und Repanse de Schoye, Don Quijote sucht Dulcinea und das Rittertum, Faust „das ewig Weibliche“ etc. etc. und Bloom wird sich am Ende des Roman-Tages ins Bett zu Füßen von Molly legen. Bei Homer ist das Ehebett Erkennungssymbol für die Identität des Odysseus, Penelope ist sicher, Odysseus vor sich zu haben, als er ihr erklärt, wie das Bett gebaut ist. Für Bloom (Ulysses) bleibt vieles unsicher, denn Mollys letzter Ehebruch ist nicht lange her, ja, könnte am Nachmittag im selben Bett stattgefunden haben, aber es ist doch ein warmes Zuhause, in dem er friedlich einschläft.

Der Roman „Ulysses“ entstand in den schwarzen Katastrophenjahren von 1914 bis 1921 und erschien 1922.

Joyce nahm mit diesem Roman auf die Entwicklung des modernen Romans erheblichen Einfluss. Bahnbrechend war das neue Stilmittel des ‚stream of consciousness’ (Bewusstseinsstrom), das die Gedanken und Gefühle der Figuren unmittelbar und ungefiltert wiedergibt. Joyce’ Rebellion gegen traditionelle epische Formen geht zum Teil auf die jahrelange Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds zurück. Joyce’ Simultanstil, das Nebeneinander isolierter Gedanken, Gesprächsfetzen und vielfältigen Geschehens wurde richtungweisend für die Literatur des 20. Jahrhunderts.

Der Ulysses gilt als der erste durchgehende literarische Versuch einer Erzählung, in der sich Beschreibungen von tatsächlichen Aktionen mit subjektiven Wahrnehmungen, Erinnerungen und Emotionen der handelnden Personen zu einem narrativen Ganzen zusammenfügen. James Joyce gelang mit „Ulysses“ die Erneuerung des Erzählens und seiner stilistischen Lösungen in der Form der neuen Erzähltechnik des stream of consciousness. Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz zu Homers Stil vorstellen, der eine reine Kunstsprache, wie sie in dieser geschriebenen Form nie gesprochen wurde, benutzt.

Der Vers der Odyssee ist der Hexameter. Der Stil zeigt ohne Ausnahme die gleiche Höhe, alles Niedere wird gemieden.

Der Ulysses umfasst 789 Seiten behandelt die Geschehnisse eines einzigen Tages, des 16. Juni 1904 in Dublin rund um die Protagonisten Stephen Dedalus sowie das Ehepaar Leopold und Molly Bloom, deren Beziehungen zueinander in Anlehnung an die Figurenkonstellation Telemachus, Odysseus und Penelope in Homers „Odyssee“ dargestellt werden.

Die äußere Handlung ist marginal und unspezifisch, alltäglich und nahezu nichtssagend. Eigentlich nicht erwähnenswert. Der Handlungsarmut steht aber ein Geflecht, ja ein Kosmos, von Gedanken , Erinnerungen, Assoziationen, Reflexionen, Leseerfahrungen und intertextuellen Anspielungen gegenüber. Besonders oder geradezu schockierend wird das am Ende des Romans bzw. des Romantages deutlich: Molly bleibt noch einige Zeit wach. In ihrem Bewusstseinsstrom wird der Leser in ihren Kopf beziehungsweise ihr Unterbewusstsein hineinversetzt, er verschmilzt mit ihren Gedanken, Assoziationen, Wünschen, Sehnsüchten. Der Leser hat zu ihrem Innern fast einen direkteren Zugang als sie selbst und als der Autor. Der Autor verschwindet gewissermaßen.

Wie im Traum oder Halbschlaf spielen Erinnerung und Assoziationen in den Gedankenstrom, in ihren Bewusstseinstrom hinein. Erotische Gedanken, der Nachmittag mit ihrem Geliebten, Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Gibraltar, an ihren Mann Leopold, an frühere Wohnorte, an ihre stagnierende Gesangskarriere und schließlich an den Heiratsantrag des neben ihr schlafenden Mannes strömen in acht langen Sätzen und 60 Seiten ohne Punkt und Komma durch Mollys und der Leser Hirn. Joyce verzichtet auf ‘ perverses commas’ , die eine Überlegenheit des Erzählstandpunkts suggerieren.

Durch den Titel Ulysses erhält die Alltäglichkeit wie der Bewusstseinsstrom den mythologischen Bezugsrahmen, die Transposition in die örtliche, zeitliche und handlungsmäßige Entgrenzung.

Schon der 12jährige James Joyce hatte Odysseus zu seinem Lieblingshelden erkoren. Er erschien ihm als „der menschlichste“ unter den Helden der Antike; dem erwachsenen Joyce war Odysseus die „humanste Figur der Weltliteratur“. Odysseus war ihm der einzige Mann aus Hellas, der gegen den Krieg auftrat, der die List, die geistige Konstruktion der Schlacht vorzog, der mit Phantasie, Klugheit und humorvoller Schlauheit seine Lebens-Irrfahrten bestand.

Wie der Titel ist auch die Struktur und Kapiteleinteilung des Ulysses stark von Homers Werk beeinflusst. Die Irrfahrten tauchen in höchst verwandelter Form auf, werden in komplexeste Handlungsepisoden übersetzt und eine direkte Analogie oder ein inhaltlicher Bezug zu suchen, wäre verfehlt. Der Autor Nabokov hat das sehr scharf formuliert: „…die Herausarbeitung enger Parallelen bei jeder Gestalt und jeder Szene des Buches ist reine Zeitverschwendung.“

Und doch gibt es das Schema, das Joyce für Freunde erstellt hat, die um Hilfe baten. Es zeigt einen gerade zu überbewussten Schriftsteller, der so viele Bezüge in eine scheinbar oberflächliche Handlung hineingeheimnisst, dass man Monate braucht, diese verschiedenen Schichtungen zur Kenntnis zu nehmen geschweige denn zu verstehen.

Ein Beispiel ist das Kalypso-Kapitel:

“I told you to read the Odyssey first.”

James Joyce an seine Tante Josephine Murray am 10.11.1922, nachdem sie sich beklagt hatte, der Ulysses sei zu schwierig (Letters I, 193).

Um seinen Lesern die Lektüre dieses Buches zu erleichtern, hat Joyce wiederholt dazu aufgefordert, sich vorher mit Homers Odyssee zu beschäftigen. In Homers ambivalenter Darstellung der Odysseus-Ulysses – Gestalt (bei Joyce der “Polytropos”, der Ulysses der multiplen und der adaptiven Persönlichkeiten – bei Homer der Polytropos, der viel Gewanderte, jetzt aber isolierte Gefangene der Kalypso) offenbart sich der poetische Plan.

Die kompositorischen und thematischen Verbindungen zwischen dem Roman und seinem antiken Vorbild sind enger als vielfach angenommen. Wer die Odyssee „vorher liest”, erhält in der Tat einen Schlüssel zu vielen ungelösten Rätseln des Ulysses. Der klassische Odysseus tritt erst nach der Telemachie, der Suche des Sohnes nach dem Vater auf, im 5. Gesang. Leopold Boom, Ulysses, tritt erst im 4. Gesang, nach der dreiteiligen Sohnesgeschichte, des Stephen Dedalus auf.

Der dreigegliederte Gesamtbau zum Beispiel des 4. Kapitels des Ulysses stimmen mit dem Bauplan des 5. Odyssee-Gesanges überein.

Das thematische Grundmuster des homerischen Vorbilds wird deutlich; sein Ausstrahlen in den Roman beweist, dass der Calypso-Episode bei Joyce eine ähnlich exponierte Bedeutung zukommt wie der homerischen Szene für die Odyssee.

Im 5. Gesang von Homers Odyssee begegnen wir zum ersten Male Odysseus selbst bei Calypso. Sieben Jahre hat die schöne, ja attraktive Göttin, die Nymphe, ihn festgehalten, im wahrsten Sinne des Wortes. Tagsüber sitzt er am Strand voller Sehnsucht nach Ithaka und Penelope sich verzehrend, nachts liegt er bei der Nymphe, ihr, mehr oder weniger freiwillig ihre Sehnsucht stillend. So ging das 7 Jahre. Hermes hat ihr nun den Beschluss der Götterversammlung mitgeteilt, dass sie Odysseus nach Hause entlassen muss.

Homers Humor möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Im O-Ton lautet das in der bereits erwähnten neuen Übersetzung von Kurt Steinmann so (IV, 146ff) (der Höhepunkt und die Wende im Dialog):

“…und die Sonne ging unter und hoch stieg das Dunkel.

Und sie gingen beide ins Innre des Grottengewölbes

und genossen die Liebe, beieinander verweilend.

Als in der Frühe Eos erschien mit rosigen Fingern,

zog sich Odysseus gleich den Mantel an und den Leibrock,

Aber die Nymphe zog sich ein weites helles Gewand an…

GemeinsIMG_2897am zimmern sie dann das Floß.”

Odysseus sticht in See, Poseidon bemerkt das und schickt Stürme, wie wir bereits erwähnt haben, dass Odysseus nahezu ertrinkt, aber Athene beruhigt die See und er wird an das Ufer von Scheria geworfen. Erschöpft schläft er ein. So findet ihn Nausikaa, die Tochter des Königs der Phäaken.

Der durchschnittliche, aber humane Leopold Bloom, der moderne Jedermann, Ire ungarisch-jüdischer Abstammung, tritt erstmals im vierten, von Joyce in seiner sogenannten Linus –Tabelle Calypso-Episode genannten Kapitel auf. Er bereitet das Frühstück für seine grunzend mit massigem Leib im Bett liegenden übel gelaunten Frau Molly, liest einen Brief seiner Tochter Milly, geht in die Stadt, kauft sich Nieren zum Frühstück. Wie Odysseus die Calypso, so hat Bloom seine Frau verlassen und beginnt nun seine tägliche Odyssee durch Dublin, während seine Gedanken immer wieder zu Molly zurückschweifen, die er bei der Heimkehr als eine Penelope, also als eine treue Gattin, wiederzusehen hofft. Sein Weg führt ihn zunächst zum Postamt, wo er unter dem Namen “Henry Flower” einen postlagernden Brief abholt: er korrespondiert heimlich mit einer Stenotypistin namens Martha Clifford – ein bescheidenes Pendant zu den vielen Ehebrüchen seiner Frau. Er streift durch die Stadt. Er geht an vielen Geschäften vorbei und denkt über sie nach.

Sein stream of consciousness erzählt Mythisches, Alltägliches, Persönliches- Assoziationen aus seinem ganzen Leben. Also eine Art Exposition seiner Person und seiner Rolle im Roman.

Wieder zuhause brät er die Niere, bringt seiner Frau einen Brief, der ihn während des Tages noch weiter beschäftigen wird, ißt, geht aufs WC, wo er in einer alten Illustrierten eine Kurzgeschichte liest, sich den Hintern abwischt, die Hosen hochzieht.

Schon die kurze Zusammenfassung macht die Parallelen deutlich. Andere Parallelismen sind beispielsweise die Lotophagen, die Lotosesser bei Homer, die durch die Blütenspeise alles vergessen, was sie als Intention hatten, Vergangenheit und Zukunft und nur noch im Jetzt leben wollen. Odysseus Gefährten essen davon und werden von ihm gerettet, indem er sie gegen ihren Willen mit Gewalt zu den Booten schleppt. Deutlich ist die Referenz mit der Joyceschen Darstellung der halluzinatorischen Aufgeladenheit seines Rotlichtmilieus. Oder die Beerdigungsszene und die Reflexion über Sterblichkeit und Spiritualität als moderne Version des Hades-Gesanges bei Homer.

Wer ist Bloom? Kein homerisch Kluger, er ist einerseits ein alltäglicher Charakter, der durch die täglichen Verrichtungen in der Stadt ebenso herumgeht wie durch sein Unterbewusstsein. Er ist im antisemitischen Umfeld als Jude Außenseiter. Das verbindet ihn mit Odysseus, gibt ihm aber auch Abstand zum Geschehen. Auch seiner Frau Molly gegenüber ist er einsam, denn sie hat Affären, die er ahnt. Aber durch den gesamten Roman ist er freundlich zu seinen Mitmenschen, ja er fungiert als Vaterfigur für Stephen.

04 Apr

Die dritte Station

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Hans-Jaochim Mattkes Vortrag bei der Mitgliederversammlung des Freundeskreises von Château d’Orion

“Wir alle, seit Plato über Kant und Fichte und dann auch moderne Philosophen wie zum Beispiel Byung-Chul Han oder Slavoi Zizek stellen immer wieder die Frage: wo und wann sind wir Bestimmte und wo und wann Bestimmer?

Selbstbestimmung – ein sperriges Wortding – man kann sie wohl am besten übersetzen mit Autonomie. Ernst Bloch hätte sie den „aufrechten Gang“ genannt. Heutzutage wird Autonomie mehr fürs autonome Autofahren benutzt, für die Übernahme der Verantwortung durch Elektronik, also dafür, dass wir nicht mehr gebraucht werden. (Immerhin: Stanley Kubrik hätte den Roboter HAL in seinem Film „2001 Odyssee im Weltraum“ beinah Athena, die Göttin der Weisheit, genannt).

Autonomie war einst ein philosophischer Begriff. Der Gegensatz zu Autonomie ist Heteronomie. Herrscht sie, dann kommt das „ Fressen vor der Moral“ (Brecht), dann handelt man fremd-, wenn man so will ‚triebgesteuert’, ohne Eigenverantwortung. Ohne aufrechten Gang. Ein anderer in uns oder außer uns.

Homers Odyssee und James Joyces Ulysses sollen uns weiterhelfen, den philosophischen Nebel zu lichten.

Die europäische Literatur setzt ein mit einem Paukenschlag. Nicht nur, dass Homers Odyssee ein erzählerisch ziemlich raffiniert gebautes Gebilde ist. In Homers zweitem Epos kann das heutige Europa in den Spiegel gucken und sich wiederfinden. Ein Europa, an dem Hunderttausende anlanden, die ohne unsere Hilfe kaum mehr eine Chance haben, ihr Leben selbst zu gestalten.
Die Odyssee jagt seinen Helden übers Meer, zerbricht seine Schiffe und wirft den Nackten und Mittellosen an die Strände des Mittelmeers, den Raum der Irrfahrten damals und heute. Dieser Raum ist, so der Historiker George Duby „die innerste Quelle der Kultur, aus der unsere Zivilisation sich speist“.

Aber mal ernst: Die Odyssee bringt einen Menschentypus hervor, der den Gefahren trotzt und sein Schicksal herausfordert. Vielleicht ist es sogar der Typus des Europäers, der sich in Odysseus zum ersten Mal vorstellt: der Wandlungsreiche, erfinderisch  und unersättlich in seinem Drang die Welt zu erfahren und zu verstehen. Sozusagen ein alter Ego, ein zweites Gesicht der grüblerischen Weltschmerznatur eines Hamlet oder Faust …

Die Ilias, das erste Homerische Epos, handelt vom Auszug nach Troja, dem Krieg und schließlich der Einnahme mittels einer List von Odysseus.

Der Kosmos der Ilias ist eine duale Welt. Den Menschen stehen gleichberechtigt oder sogar übergeordnet die Götter gegenüber: ihre Parteinahme, ja ihre Parteilichkeit, ihre Teilnahme am Kampf, ihr Eingreifen in konkrete Kampfhandlungen entscheiden über Wohl und Weh. Klar: sie sind unsterblich. Das unterscheidet sie vom Menschen! Das ist ihre Macht! Die komfortable Lage, dass man Recht hat und das auch weiss, macht jede Hierarchie skandalös. Auf der Basis der Unsterblichkeit und Infallibilität lässt sich trefflich leichtlebig, ja willkürlich Macht gebrauchen. Ja, man hat diese Götter gar ‚amoralisch’ genannt, da sie aus persönlichen Motiven, z.B. aus zorniger Rache handeln.

Plato meinte, die Ilias sei moralisch schädlich und dürfe der Jugend nicht nahegebracht werden, weil die Götter in ihr vermenschlicht würden. Richtig: Athene verwandelt sich verschiedentlich in Menschengestalt, um den Menschen zu helfen. Die Vermenschlichung der Götter ist allerdings seit dem Hinduismus und der Antike eine gängige Vorstellung und im Christentum die theologische Basis überhaupt. “Und der Logos war Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater.“ So heißt es im Johannes-Evangelium. Plato zweifelt grundsätzlich an solcher Zusammenführung von Materie und Geist.

Die olympischen Götter in der Ilias sind widersprüchlich. Sie sind weise und brutal, göttlich und Irdisch verzeihend und nachtragend. Androgyn und geschlechtlich. Ja, sie sind erotisch und erotisierend. Das ließe sich anekdotisch farbig untermauern. Und sie sind mit ziemlich menschlichen Bedürfnissen ausgestattet. Auf jeden Fall nicht verlässlich.

Aber auch ihre Macht hat Grenzen. Über ihnen stehen die Moiren, lateinisch die Parzen, das Urwort des Menschheitsschicksals, das Los, eine Weissagung in die selbst Zeus nicht eingreifen kann ohne nicht die ‚Ordnung der Dinge’ und des Kosmos zu zerstören.

Die Moiren spinnen für die Sterblichen bei der Geburt einen Faden, in den das Schicksal bereits hineingesponnen wird. Achilles muss alles ertragen, was ihm das Schicksal bereitet hat, „wenn seine Zeit gekommen ist“. Aber wirklich erst „wenn seine Zeit gekommen ist“ und sogar Hera ihn nicht mehr beschützen kann.

In Homers zweitem Epos, der Odyssee sind die Götter weniger mächtig, die Welt wird jetzt menschenzentrierter. Die seelisch wie körperlich anthropomorphen, das heißt menschenähnlichen olympischen Götter benehmen sich weniger launisch, sondern bewahren das unbedingte, verbindliche Recht.

Man sprach von einer „fortgeschrittenen Moral“ der Götter. Nur in zwei Versammlungen werden in der Odyssee von den Göttern die großen Linien der Handlung angelegt. Ansonsten kümmern sich nur Poseidon und Athene um die Menschen. Poseidon verfolgt Odysseus mit unversöhnlichem Zorn und Groll und weiß dessen Heimkehr immer wieder hinauszuzögern. Homer nutzt das kompositorisch für einen dramaturgischen Spannungsbogen und eine kunstreiche Retardation.

Athene dagegen lenkt den Klugen durch alle Gefahren, fällt die nötigen Entscheidungen und verfolgt mit Beharrlichkeit ihr Ziel, Odysseus nach Hause zu bringen. Die Göttin der Weisheit erfüllt sozusagen eine paradoxe Doppelaufgabe. Sie handelt für ihn, macht ihn durch ihre Hilfe unselbstständig. Aber ihr Ziel ist, ihm zur Selbstbestimmung, zur Autonomie zu verhelfen – und sie sorgt dadurch für ihre eigene Entmachtung. Eine nette Metapher für Erziehung: Zieht man’s groß, werden’s frech.

Die Handlung der Odyssee ist uns Europäern bekannt, über die Jahrhunderte in Fleisch und Blut übergegangen, beinahe konstitutionelles Kulturgut geworden. Manch eine/r erinnert sich freudig oder auch schmerzlich an seine/ihre Schulzeit…

Das Epos umfasst ca. 40 Tage und spielt sich im 10. Jahr nach dem Fall Trojas ab. Zunächst erzählt Homer zwei Parallelhandlungen: Athene schickt den Sohn Telemachos auf die Suche nach dem Vater (Telemachie Buch 1-4) dann folgen die Fahrten und Abenteuer des Odysseus, des Königs von Ithaka (Buch 5-12). Beide Stränge werden im 13. Buch zusammengeführt zur Kernhandlung, den eigentlichen Irrfahrten. Angefügt wird noch die Rache an den Freiern.

Einigkeit besteht unter Forschern in der Annahme, dass das Epos drei große Stoff- und Motivkreise in sich aufgenommen hat: die Heimkehrergeschichte vom herumirrenden Seefahrer, die Geschichte vom totgeglaubten, wieder auftauchenden König und die Geschichte vom Sohn, der in die Welt zieht, um den verschwundenen Vater zu suchen. Hinzu kommen unzählige Kriegs-, Kampf- und Heldenlegenden sowie Olymp- und Hadesmythen.

Die Figur des Homerischen Odysseus steht im Spannungsfeld zwischen Selbst – und Fremdbestimmung. Die Fremdbestimmung: die Götter beschließen seine Rückkehr, Calypso muss ihn gehen lassen. Athene schickt ihn zur Erfüllung seines Schicksals weiter, ist eifrige Fürsprecherin für Odysseus, beeinflusst die Entscheidungen der Götter, verändert das Äußere des Odysseus, damit er unerkannt bleibt von den Freiern, lenkt die Speere der Freier ab, damit sie ihn nicht treffen. Das sind alles nicht seine Leistungen. Poseidon aber hindert seine direkte Heimfahrt und macht ihm das Leben zur lebensgefährlichen Hölle. Im 5. Gesang handelt Poseidon so brutal, dass es sogar heißt: „Jetzt wäre der Dulder wider sein Schicksal gestorben…“, das heißt, dass sogar die Moiren außer Kraft gesetzt worden wären und Poseidon sich gegen die Urweisheit und gegen den Ratschluss der Olympier vergangen hätte – hätte Athene nicht eingegriffen.

Und doch wissen wir: Odysseus wird der ‚Listenreiche’, der ‚Erfindungsreiche’ genannt. Als schlauer Fuchs ersinnt er Strategien, List und Lügen, um zielbewusst und pragmatisch mit klug und effizient gesetztem Instrumentarium sein Ziel, zum Beispiel die Eroberung Trojas oder jetzt seine Heimkehr zu erreichen oder wenigstens seine Haut zu retten.

Sagen wir’s doch kurz und klar: Er ist der erste rationale Held der Weltliteratur, Gegenpol zum starken und „göttergleichen“ Helden Achill. Denker Odysseus und Täter Achill. Shakespeares Hamlet sagt es am besten: Der angebornen Farbe der Entschließung wird des Gedankens Blässe angekränkelt. Welch ein grandiose Metapher für das Verhältnis von Tat und Gedanke!

Odysseus ist der mit dem analytischen Geist Ausgestattete, der seine Handlungen so anlegt, dass die Erwartungsauszahlung sich einstellt, hohe bewusste Zielorientiertheit, zeichnet ihn aus – während seine Freunde, seine Gefährten und Begleiter eher triebgesteuerte Männer darstellen, die nach Prinzipien der Emotion, der Gier, der Lust und des Instinktes handeln – und untergehen.

Für Nietzsche ist Odysseus das Muster eines ‚großen Menschen’. Zu unserer Verblüffung versteht er unter ‚großen Menschen’ Leute, die über die Fähigkeit zu lügen und zu täuschen verfügen. Nietzsche meint, dass die Zunahme an Täuschungsfähigkeit auf eine höhere Entwicklungsstufe der Menschen hinweise. In seiner Schrift: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn zeigt Nietzsche auf, dass Odysseus mit seinen Täuschungsmanövern und Lügen eine außerordentliche ‚moderne’ Fähigkeit hat. Ich würde das die Fähigkeit der ‚Metaphorisierung’ , ja der ‚Fiktionalisierung’ der Welt nennen, die frei ist von konventioneller Moral – und Ethikbindung und dergestalt einen schöpferischen Geist andeutet.

Und in der Tat: Homer hat seine mythenhafte Kunstgestalt – denn das ist sie, erdachte
Figur eines nahezu legendenhaften und nur teilweise historischen Vorgangs – Homer hat seinen Odysseus mit der modernen Fähigkeit der Selbsterfindung ausgestattet, ja sogar mit derjenigen der strategischen Selbstauslöschung mit dem Ziel der Selbsterhaltung: Nichts anderes ist seine Idee, sich dem menschenfressenden Polyphem, mit dem Namen Niemand vorzustellen. Dadurch überlebt er den Hilfeschrei des Polyphem, der, geblendet von Odysseus, seine Brüder zusammenruft mit dem Schrei: „Niemand hat mich geblendet“, worauf niemand zu Hilfe eilt.

Die Odyssee wird von vielen als archetypisches Einweihungsgeschehen interpretiert. Dieses Geschehen zeigt den Menschen auf dem hindernisreichen Weg der Individuation, das heißt zur Initiation, durch viele Seelen-Prüfungen, durch Schwellen- und Grenzerfahrungen zu seinem eigenen Zuhause, zu seinem Ich – vergleichbar der späteren griechisch-attischen Tragödie mit ihrer kathartischen Wirkung – aber ohne tragisches Ende.

Diese Deutung könnte erklären, warum das Werk auch heute noch gelesen, gespielt, getanzt, interpretiert und erst 2003 wieder neu übersetzt wurde. Kurt Steinmann gelang die grandiose und vielgerühmte Neuübersetzung in Hexametern.

Die Aktualität der Odyssee würde sich erklären aus der tiefen Sehnsucht des Menschen nach Individualität, nach Selbstbestimmung, Autonomie, dem spirituellen Ziel, sein freies Selbst zu werden.”

21 Mrz

Worüber lacht der Mensch?

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Ein lächerlicher Fragenkatalog

 

Treffen sich zwei Jäger im Wald, gilt angeblich als der kürzeste Witz. Worüber lachen wir? Was ist eigentlich Humor? Was darf Satire?

Schiller weiß dazu zu sagen: „In der Satire wird die Wirklichkeit als Mangel dem Ideal als der höchsten Realität gegenübergestellt.“ Tucholsky meint Satire darf alles in seinem Aufsatz von 1919. Und 1932 fügt er weise hinzu: Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen.

Werner Finck war einer der großartigsten Kabarettisten der 30er Jahre, dessen subtil-lakonische Angriffe auf den Faschismus bis heute legendär, wenngleich er selbst fast vergessen ist. Von ihm stammt folgende Geschichte, als er wieder einmal von den Nazis verhaftet wurde:

Wirklich verlegen – und überaus höflich – bedauerten sie, mich verhaften zu müssen. Dann begleiteten sie mich ins gegenüberliegende Gefängnis. Bei meinem Eintritt sprang ein baumlanger SS-Mann auf mich zu und fragte: ‚Haben Sie Waffen?‘ ‚Wieso?‘ fragte ich. ‚Braucht man hier welche?‘

Spätestens seit dem Attentat auf die Karikaturisten von Charlie Hebdo in Paris ist die Frage, was darf Satire nicht mehr unumstritten. Jan Böhmermann hat mit seinem Schmähgedicht gegen den türkischen Staatspräsidenten in den Augen vieler eine Grenze überschritten, andere wiederum empfanden es als klugen Kunstgriff in einem größeren Kontext. Beleidigung von Vertretern ausländischer Staaten darf Satire (noch) nicht. Definiert ist sie jedoch als „Kunstgattung […], die durch Übertreibung, Ironie und Spott an Personen [und] Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt.“ Nicht selten bedient sie sich grober Stilmittel und bewegt sich damit auf einem schmalen Grat.

Ist Satire Kunst und ist darüber eigentlich zu streiten? Satire-Zeitschriften gibt es seit dem 19. Jahrhundert und schon immer hatten sie Probleme mit der Zensur. Große Beachtung in der Bundesrepublik fanden die von 1962 bis 1982 erscheinende Satirezeitschrift Pardon und die von einigen ihrer Mitarbeiter initiierte Nachfolge-Satirezeitschrift Titanic, die es seit 1979 gibt. Immer wieder kam es zu Skandalen und scharfer Kritik durch jene, die von den Blättern angegriffen und bloßgestellt wurden. Wenn es um die juristische Wirkung geht, muss man Titanic bescheinigen, durchschlagenden Erfolg gehabt zu haben.

Die Frage ist aber auch, was kann Satire? Wir haben gesehen, dass Ironie und lachhafte Darstellung eines Politclowns das Gegenteil bewirkt haben, weil sich seine Anhängerschaft mit ausgelacht fühlte. Und damit diskriminiert. Gleichzeitig muss man ihr zugute halten, dass sie die müde Debattenkultur wieder in Bewegung zu bringen vermag. Weil sie noch überraschen und empören kann. Sie verweist auf systemische Schwachstellen, indem sie das System selbst unterläuft – im Falle Böhmermanns innerhalb der Demokratie.

Sind Lachseminare gesund? Eckard von Hirschhausen hat die Stiftung „Humor hilft heilen“ gegründet und behauptet: Täglich ein Witz und es geht uns besser. Warum gibt es eigentlich Witzeperioden, wie Blondinen, Häschen, Klein Erna aus Hamburg. Was spielt Geschmack für eine Rolle, was die landsmannschaftlichen Wurzeln. Wir kennen Ostfriesenwitze, die über die Burgenländer in Österreich gleichermaßen erzählt werden, wie Bayern, die ihren Weißwurschtäquator vehement verteidigen. Die unterschiedlichen Lachmuskelbewegungen haben neulich in den sozialen Medien einen gemeinsamen Auftritt inszeniert. Satiresendungen aus zahlreichen Ländern erprobten das Stilmittel der Ironie durch Videospots mit dem Titel „…First“ in Anlehnung an Donald Trumps Beschwörungsformel „America first“. Ein Quotenhit übrigens im World Wide Web.

Karneval in Köln, Fasching und Fasenacht. Ist das zum Lachen? Manche steigen in die Bütt, manche fliehen, um damit sie nicht damit in Berührung zu kommen. Was meinen wir, wenn wir behaupten, etwas sei überhaupt nicht komisch? Oder etwas sei ja lächerlich! Warum haben Kinder manchmal Angst vor Clowns? Warum gibt es andererseits keinen Zirkus ohne den lustigen Kerl, der niemals eine Frau ist?

Nun bleibt noch die wesentliche Frage, kann man all das in einer Denkwoche in Château d’Orion bearbeiten? Immerhin treffen sich dort nicht zwei Jäger, sondern ein Philosoph, der in der Aufführung von Loriotsketchen erprobt ist, und ein Kabarettist, der eine Dissertation in Philosophie geschrieben hat. Rudolf Lüthe und Alfred Dorfer. Ist das nicht mal eine lustige Kombi?!

Ja, wir sind überzeugt, Humor ist ein Phänomen, wie Liebe und wie Träume. Da hilft auch das Denken, der Sache auf die Spur zu kommen.

31 Jan

Das Unvollendete, das Bruchstück

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Eine Malreise wie aus dem Bilderbuch: in unserem traditionsreichen, schönen alten Schloss umgeben von malerischen Ortschaften lädt Marie-Hélène Desrue auch in diesem Jahr zum Spiel mit Pinsel und Farbe ein. Ausgebildet an der Hochschule der Künste in Berlin, lebt sie heute als bildende Künstlerin und Kunstpädagogin in Karlsruhe und ist dort unter anderem Lehrbeauftragte am Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft für Zeichnung und Skizze. Seit vielen Jahren bietet sie zudem Malreisen an. Ihr Malseminar in Orion (10.-17. September) ist gedacht für Leute, die das Zeichnen und Malen trainieren wollen, ohne dabei jedoch den Spaß am Leben zu vergessen. Das gilt für Anfänger wie für Fortgeschrittene. Mit sichererer Hand führt die Künstlerin Marie-Hélène Desrue ihre Gäste durch Motive und Techniken. Die herrliche Landschaft um Château d’Orion, der Blick auf die Pyrenäen lädt ein zu aquarellieren. Aber auch die Gouachen Malerei findet hier faszinierende Motive. Marie-Hélène trainiert die Wahrnehmung, übt das Erfassen von Situationen, bietet geduldig Lösungsmöglichkeiten und leitet gekonnt zum selbstständigen Arbeiten an.

Nachdem in unserem letztjährigen Malseminar der Schwerpunkt auf Fleck und Linie gesetzt wurde – wobei hier daran zu erinnern sei, dass mit Flecken alles möglich ist – soll 2017 das Thema des  Fragmentarischen, des Unvollendeten im Mittelpunkt stehen.

Der im Freien malende Künstler kann den Landschaftsraum nur im zeitlichen Ablauf seines Blickes als Raumkontinuum erfahren. Er tastet die Landschaft ab, setzt Prioritäten und lässt das Material zu seinem Recht kommen. In der Romantik wird das Fragment als bewusst unvollendet aufgefasst, als Mikrokosmos eines nicht realisierbaren Ganzen oder als „Methode, Wegstück, um das Universelle zu erreichen“ (Tina Grütter). In der Mitte des 19. Jahrhunderts reagierten die Malerinnen und Maler auf die Erkenntnisse der Optik und reflektierten in ihren Werken ihre persönliche Aneignung der Wirklichkeit.

Die zeichnerische bzw. malerische Auseinandersetzung mit diesen zwei Begriffen bringt uns einer authentischen Aussage näher als das Festhalten an der heute viel zu präsenten sogenannten glatten „Perfektion“, beispielsweise der Photoshop-Wiedergabe. Im Atelier und im Freien wird die Umgebung mit verschiedenen Techniken –  Öl- oder Pastellkreiden, Aquarell, Gouache oder Acryl – in kleinen Studien, atmosphärischen Fragmenten und hingeworfenen Skizzen mit immer neuen Ansätzen festgehalten.

„Ein Bild zu vollenden heißt ihm den Gnadenstoß zu geben“. Diese Behauptung von Picasso ist richtungsweisend!