01 Okt

Ist Kunst politisch?

„Ich mag es nicht, wenn Leute sagen, Künstler machen mit ihren Werken eine politische Aussage“, sagte Marie-Hélène eines Abends während eines gemeinsamen Essens. „Und was sagst du zu Dadaismus?“, war die Gegenreaktion. „Natürlich sind Künstler politische Menschen, so wie wir alle. Aber Künstler und ihre Werke müssen getrennt voneinander betrachtet werden.“ So nah liegen Kunst, Politik und Philosophie also beieinander und so vielfältig waren die Erlebnisse und Gespräche während der Malwoche und Kunstreise mit Marie-Hélène, Künstlerin und Kunstpädagogin in Karlsruhe.

Marie-Hélène hat unsere Teilnehmerinnen zunächst für eine Woche praktisch-künstlerisch begleitet. „Wege zum Bild, von der Skizze zum Großformat“ war das Thema und so haben sich die acht Frauen langsam vorgetastet: Angefangen bei kleineren Ausschnitten wie einem Stück Rinde eines Baumes oder einem Teil des Blätterwerks hin zu größeren Bildern auf Leinwänden, auf denen jede ihre eigenen Eindrücke des Ortes festhielt. Für einige war dies der Ausblick auf die Berge, der sich jeden Tag je nach Sonne, Wolken und Nebel verändert hat. Für andere war es die Grange mit ihren roten Fensterläden. Für eine Teilnehmerin war es eine weiße Kuh und eine andere malte, beinahe in mysteriöser Voraussicht, den rot-lila-gelb schimmernden Himmel, den wir am letzten Abend der Malwoche nach der Vernissage zu sehen bekamen. Château d’Orion war in dieser Woche die reinste Wonne für Künstler. Mitten im Indian Summer erstrahlten Haus und Umgebung jeden Tag aufs Neue in ganz unterschiedlichen herrlichen Farben, die sich auf eine Weise vermischten, wie sie es nur einmal im Jahr tun. Für Menschen, deren leidenschaftlichstes Handwerk der Umgang mit Farben ist, also die besten Voraussetzungen.

Die acht Frauen arbeiteten teils drinnen teils draußen, gingen ihren eigenen Projekten nach, taten sich jedoch in dieser Woche auch für ein gemeinsames Projekt zusammen. Neben Kunst, Politik und Philosophie spielte nämlich auch die Musik in dieser Woche eine wichtige Rolle. Am späteren Nachmittag wurden die Künstlerinnen gerne vom einzigen Mann in der Runde auf dem Flügel begleitet. Ein anderes, in die Jahre gekommenes Klavier, das in Château d’Orion seit Langem ruht, erstrahlte wiederrum in ganz neuem Glanz. Es entstand die Idee, dieses alte Klavier gemeinsam zu bemalen. Es wurde dem Kontext der Musik also für eine Weile beraubt und der Kunst einverleibt. Dekontextualisierung – wenn das nicht moderne Kunst ist. Jede der Teilnehmerinnen griff sich eine Farbe und malte drauf los. Um das Klavier herum tanzen nun schwarze Schemen auf buntem Untergrund. „Na das ist doch fast schon eine politische Aussage!“, sagte Elke also an besagtem Abend und so sind wir wieder bei der Frage nach Kunst und Politik angekommen.

Das Verhältnis zwischen Kunst und Politik hat uns auch während der anschließenden Kunstreise beschäftigt. An den drei darauffolgenden Tagen ging es nicht mehr darum, selbst künstlerisch tätig zu werden, sondern sich auf die Suche nach Kunst in der Region zu begeben. Der Ausgangspunkt dieser Reise war das Béret, die allseits bekannte Baskenmütze. Geschichte und Geschichten ranken sich um die Entstehung und Herkunft der tellerartigen Kopfbedeckung mit dem Nippel. Marie-Hélène hat ihre Diplomarbeit über das Béret geschrieben und uns im Gespräch mit Jean-Marc Terrasse einen Überblick über Mythos und Wahrheit der französischen Legende gegeben. Mir persönlich sind insbesondere drei Fakten bezüglich des Bérets im Gedächtnis geblieben. Erstens, die Art und Weise, wie ein Béret getragen wird, z.B. schräg, über beide Ohren gezogen oder platt am Hinterkopf, verrät etwas über den Charakter einer Person. Zweitens, obwohl das so ist, ist das Béret im Grunde unpolitisch, denn es wurde über die Geschichte hinweg sowohl von Vertretern rechter als auch linker Lager als Markenzeichen getragen. Drittens, die runde Form des Béret ist eine Form, die sich im Baskenland sowie in verschiedenen Kontexten oft wiederfindet. Am darauffolgenden Tag wurde in diesem Sinne das Béret-Museum in Nay sowie eine der letzten Béret-Manufakturen in Oloron-Sainte-Marie besucht.

Die runde Form und das Politische haben sich schließlich am letzten Tag im baskischenMuseum in Bayonne wiedergefunden. Wir haben dort die sehr empfehlenswerte Sonderausstellung „1966, GAUR. L’art basque sous le franquisme“ besucht. GAUR war eine Gruppe von acht baskischen Künstlern, darunter auch Eduardo Chillida, die 1966 ihre erste Ausstellung hatte und sich nach nur vier Jahren der Zusammenarbeit wieder trennte. Zu dieser Zeit herrschte Franco, der Spanien zu seinem alten herrschaftlichen, traditionellen und katholischen Glanz verhelfen wollte und die baskische Tradition unterdrückte. Diese Gruppe hingegen wollte die baskische Kultur wieder stark machen. Sie verfolgten zwei Ziele: zum einen wollten sie die Kunst modernisieren und zum anderen wollten sie eine baskische Künstlerschule errichten. Die runde Form tauchte bei dem ein oder anderen wieder auf, war sie doch eines derjenigen Motive, die Bestandteil der baskischen Kultur waren. Eine Zeit lang hatten z.B. auch die Grabsteine eine runde Form mit Sockel, die die Sonne repräsentieren sollte.

Es gelang diesen Künstlern leider nicht, eine eigene baskische Schule zu errichten. Wie so oft, kamen persönliche Konflikte innerhalb der Gruppe dazwischen. Dennoch finden wir ihre Werke auch heute noch in unterschiedlichen Kontexten wieder und nach dem Tod von Franco wurden manche ihrer Motive genutzt, um den Sieg zu feiern. Einige der großen Skulpturen finden sich heute in San Sebastian, aber auch in verschiedenen deutschen Städten wieder.

Und nun zurück zur Ausgangsfrage: Hat die Künstlergruppe GAUR politisch gehandelt? Sie haben sich mit ihrer Kunst nicht unmittelbar an Franco gerichtet. Sie gingen einfach ihren Zielen nach und wurden dabei glücklicherweise wenig von Franco gestört, da dieser sich mehr für Architektur, denn für Kunst interessierte. Trotzdem waren ihre Ziele, in diesem historischen Kontext, politische Ziele. Nicht die Rückkehr zu den Traditionen, die Franco forderte, sondern Modernismus. Nicht die Unterdrückung der baskischen Kultur, sondern deren Förderung. Hier musste auch Marie-Hélène einlenken: „Wenn Kunst eine Reaktion auf derartige Ereignisse ist, dann mag sie politisch motiviert sein. Was ich nicht mag ist, wenn Künstler sich hinsetzen, sich ein Thema überlegen und sich dann fragen, was male ich denn jetzt, um über dieses Thema etwas aussagen zu können? Es geht nicht immer um die Aussage, sondern meist nur um das Kunstwerk selbst.“

Für die Frage, ob Kunst politisch sei, lässt sich also sowohl positiv als auch negativ argumentieren. Es war weder meine Absicht, hier eine Antwort darauf zu geben, noch war es das Ziel unserer Malwoche und Kunstreise. Aber zweifelsfrei fasst diese Frage die rund zehn wundervollen, anregenden und spannenden Tage sehr gut zusammen, denn so oft es um die Kunst ging, so oft ging es auch um Politik, wenn wir abends an dem großen Tisch zum Essen zusammenkamen. So hat Marie-Hélène vielleicht recht, wenn sie sagt, natürlichseien auch Künstler politische Menschen wie wir alle. Aber manchmal malen sie eben auch einfach nur die Rinde eines Baumes oder das grüne Blätterwerk und der Beobachter begnügt sich lediglich damit, darüber zu staunen, wie unterschiedlich jeder Künstler Rinde und Blätter wahrnimmt.

 

Von Lea Ransbach

31 Aug

Was hat Montaigne uns heute noch zu sagen?

Lea Ransbach absolviert zurzeit ein Praktikum in Château d'Orion und hat an der letzten Denkwoche teilgenommen. Sie hat Französisch und Philosophie studiert und ihren Schwerpunkt dabei auf die praktische Philosophie gelegt. Ihre Sicht auf Michel de Montaigne, den die meisten Philosophen lieber als Schriftsteller denn als ihresgleichen bezeichnen würden, schildert sie im folgenden Beitrag. Viel Spaß beim Lesen!

 

„So bin ich selber, Leser, der einzige Inhalt meines Buches.“, schreibt Montaigne im Vorwort seiner Essais. Mutig? Innovativ? Provokativ? Oder vielmehr selbstverliebt und überheblich? Mit dieser Frage und damit mit der Frage danach, wer dieser Montaigne eigentlich war, sind wir in unsere Lesewoche mit Michel de Montaignes Essais eingestiegen. Gleich zu Beginn waren die Meinungen über diesen Montaigne also zwiegespalten. Die einen hielten ihn für überaus mutig und modern, die anderen waren skeptisch und ließen sich auch über die Woche hinweg nur schwer von ihm überzeugen.

Auch wenn Montaignes Versuch, sich selbst darzustellen, etwas narzisstisch anmuten mag, so lässt sich doch nicht leugnen, dass ein derartiges Unterfangen im 16. Jahrhundert durchaus etwas Neues darstellte. Modern ist es auch insofern, als der Rückbesinnung auf uns selbst heute wieder verstärkt ein positiver Wert beigemessen wird. Mehr noch: wer sich in seinem Leben nicht hin und wieder auf sich selbst besinnt, sei es durch eine Reise auf dem Jakobsweg, eine Reise allein durch Südost-Asien, einen Meditations- oder Achtsamkeitskurs, eine Entschlackungskur oder durch sonstige vielfältige Angebote, geht eigentlich nicht mit der Zeit, sprich: ist eigentlich unmodern. Die Angebote zur Besinnung auf das eigene Ich in unserer heutigen Zeit lassen sich natürlich durchaus kritisch hinterfragen. Dienen all diese Angebote wirklich einer Rückbesinnung auf uns selbst oder sind sie vielmehr weitere Freizeit-Angebote, die wir schnell hintereinander konsumieren. Schlimmer noch: die Meisten müssen sich vermutlich sogar noch dazu zwingen, für eine Schweige-Woche ins Kloster zu gehen. Aber was tun wir nicht alles, um von anderen bewundernde Blicke zugeworfen zu bekommen? „Eine Woche Schweigen im Kloster? Wirklich? Ich glaube, ich würde das nie schaffen…“ Und wir senken schmunzelnd den Blick: „Ja, leicht war es nicht. Aber ich habe es ausgehalten und so viele neue Dinge über mich gelernt.“Aushalten. Das trifft es vielleicht heute viel besser. Wir gehen den Jakobsweg häufig nicht mehr, um zu uns selbst zu finden, sondern um sagen zu können: „Ich habe es geschafft. Ich bin ganz alleine den Jakobsweg gelaufen.“ Sollten wir unsere Zeit nicht lieber mit spaßigeren Dingen zubringen?

Heutzutage strebt also alles danach, sich selbst zu entdecken und gleichzeitig scheinen alle verlernt zu haben, wie das eigentlich geht oder was das eigentlich bedeutet. Ja, was bedeutet es denn, sich selbst zu finden? Für Montaigne bedeutet Rückzug zunächst einmal tatsächlich räumlichen Rückzug von allen öffentlichen Angelegenheiten. Immer wieder tauchte in unseren Gesprächen das Bild des Turms auf, in den sich Montaigne für lange Zeit zurückgezogen hatte, allein umgeben von Büchern. Der „Elfenbeinturm“ sagen wir heute und meinen damit eigentlich immer etwas Negatives. Jemand, der für sich alleine forscht und scheinbar glaubt, er habe alleine, ohne den Einfluss anderer Menschen, die größten Einfälle und erschaffe alleine die größten Werke. Die Anderen sind ein Störfaktor und er schaut hoch erhoben von seinem Turm herab. Gilt das auch für Montaigne? Auch hier teilten sich die Meinungen. Immerhin, das muss man Montaigne lassen, hat er auch eine lange Zeit seines Lebens dem öffentlichen Leben und der Politik gewidmet. Man könnte also durchaus vermuten, so sagten einige, dass er einfach mal seine Ruhe haben wollte und weit weg vom Trubel seines Alltags über sich und das Leben nachdenken wollte. Aber was genau meint Montaigne nun, wenn er sagt, er möchte sich selbst darstellen, sich selbst finden und entblößen? Was finden wir denn, wenn wir eine Schicht nach der anderen lösen und schließlich splitternackt dastehen? Nun, Montaigne jedenfalls scheut sich nicht davor, auch seine Darmbeschwerden öffentlich darzustellen.

Trotz aller Bedenken lässt sich auch hier wieder sagen, dass Montaignes Gedanken einen Funken Wahrheit enthalten und insbesondere für unsere heutige Zeit ihre Berechtigung haben. Der Trubel des Alltags, der Montaigne möglicherweise in die Einsamkeit trieb, hat sich heute noch mindestens verdreifacht. Nicht nur, dass wir in der Politik Schwierigkeiten haben, bei all dem Trubel überhaupt noch durchzublicken. Wir werden zusätzlich von allen Seiten mit allen möglichen Informationen regelrecht zugeschüttet. Und was tun wir, wenn wir dann mal einen Moment der Ruhe genießen könnten? Wir scrollen ein wenig auf unseren Smartphones. Ruhige Momente werden also heute als nerviges Warten empfunden, das man irgendwie „rumkriegen“ muss. Es ist also durchaus interessant, sich mit Montaigne die Frage zu stellen, wie wir uns wieder auf uns selbst besinnen können und ob wir aus dieser Einsamkeit – oder doch eher Verlassenheit? – nicht wieder neue Kraft ziehen können.

Montaignes Essais erinnern an ein buntes Kaleidoskop. Er sammelt Eindrücke und schildert diese – oft zu Ungunsten des Lesers – zusammenhanglos. Bereits ein Ausschnitt aus seinem Reisetagebuch führte uns dies in aller Deutlichkeit vor Augen. Er springt von der Beschreibung technischer Installationen über die Beschreibung der zu seinem Leidwesen angeblich unschönen Frauen in Augsburg hin zur Beschreibung der Reinlichkeit der Deutschen. Diese Eindrücke werden vermischt und manchmal findet sich ein einzelner Satz über Augsburger Frauen inmitten eines Absatzes über die Beschreibung der Einrichtung einer Herberge. So schwer seine Essais oft zugänglich sind, desto mehr verraten sie uns jedoch bereits etwas über seine Vorstellung von der Wirklichkeit. Sie ist kein kohärentes Gebilde, das sich für jeden von uns auf gleiche Weise offenbart. Wir nehmen ausschnittsweise wahr, reihen in unserer je eigenen Logik assoziativ aneinander und erleben häufig Widersprüche. Insbesondere das Erleben von Widersprüchen und die Betonung der Natürlichkeit und Wichtigkeit von Widersprüchen, haben uns die ganze Woche über begleitet. Es gibt nicht Einsamkeit bzw. Alleinsein auf der einen und Geselligkeit auf der anderen Seite. Es gibt nicht die Stärken einer Person auf der einen und die Schwächen auf der anderen Seite. Es gibt nicht Wahrheit auf der einen und Lüge auf der anderen Seite. Montaigne hat diese Widersprüche offenbar in aller Deutlichkeit erlebt. Man könnte sagen, er hat uns über die Woche hinweg Mut gemacht, offen mit diesen Widersprüchen umzugehen und sie – wie wir heute so gerne sagen- auszuhalten. Das aber scheint in der Tat eine Fähigkeit zu sein, die wir in unserer heutigen Gesellschaft mehr und mehr erlernen müssen. Denn sie ist nicht einfach nur weiß, oder schwarz oder weiß auf der einen und schwarz auf der anderen Seite, sondern bunt gemischt.

Nach einem Sprung zum Thema Sexualität – denn auch dazu hatte Montaigne bereits viel zu sagen, ohne dabei in Verlegenheit zu geraten – haben wir uns dem wahrhaft letzten Thema angenähert. Das Thema, was uns am Ende unseres Lebens alle beschäftigen wird, ist der Tod. Und für Montaigne schließt sich hier der Kreis. Einsamkeit bzw. Verlassenheit ist mitunter deshalb so wichtig, weil wir diesen letzten Schritt in unserem Leben alleine gehen müssen. Das aber ist schwer und erfordert ungemein viel Kraft und Mut. Um diesen Mut aufbringen zu können, muss Einsamkeit gut gelernt sein. In diesem letzten Schritt findet sich der vielleicht größte Widerspruch unseres Lebens wieder: niemand möchte unendlich leben und doch möchte keiner endlich sein.

Einige Widersprüche konnten wir hier auf durchaus genussvolle Weise erleben: die Berge und das Meer, Abgeschiedenheit vom Alltag und intimer Austausch mit zu Beginn fremden Menschen, Diskussionen zu Themen, die schwer im Magen liegen und leckeres Essen, das den Magen angenehm füllte. Rainer Moritz hat uns auf sympathische Weise durch diese Themen geführt, stets mit einem Lachen und offenen Ohr für alle TeilnehmerInnen. Begleitet wurden wir in dieser Woche außerdem von zwei wundervollen jungen Köchen, die uns mit größter Freude und Lockerheit alle Spezialitäten aus der Region um Südfrankreich und Nordspanien haben kosten lassen.

Festhalten lässt sich vielleicht Folgendes: das Leben ist ein Versuch. Der Versuch, mit all den Themen, an denen wir nicht vorbeikommen, umzugehen. Der Versuch, sich der Wirklichkeit auf die je eigene Weise anzunähern. Der Versuch, uns selbst zu verstehen. Der Versuch, Widersprüche auszuhalten. Letztendlich der Versuch, dem Tod eines Tages gegenüberzutreten. Montaigne hat all dies versucht und in seinen Essais festgehalten.

 

Von Lea Ransbach

17 Aug

Doktor Faustus und die Musik

Vom 14. – 20. April 2019 findet unter Anleitung von Hans-Joachim Mattke eine Denkwoche mit Musik und Lesungen rund um Thomas Manns Epochen-Roman “Doktor Faustus” statt. In diesem Beitrag erzählt der Denkwochenreferent, was die Teilnehmer erwartet:

 

“Unsere Denkwoche thematisiert auf verschiedenen Ebenen Thomas Manns Roman „Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde“. In diesem Werk ist die Hauptfigur die nicht nur europäisch legendär gewordene und vielfach bearbeitete Gestalt: Faust. Bei Thomas Mann ist Faust kein Denker, forschend Strebender in Goethes Sinne oder, wie in anderen Werken, gewissenloser Verführer. Faust ist „Tonsetzer“, Komponist. Er ist Künstler. Musiker.

Es ist Manns letztes vollendetes Alterswerk. Er schrieb es zwischen 1943 und 1947 im kalifornischen Exil.

Vordergründig handelt es sich um einen an den Faust-Stoff anknüpfenden Künstlerroman. Diese Romanart stellt die menschliche und kreative Entwicklung eines Künstlers dar, insbesondere die Entwicklung seines Künstlertums und die Stellung sich und der Gesellschaft gegenüber.

Thomas Manns eigene Worte können als Schlüssel dienen:

„ Ich möchte gerne wieder etwas schreiben und verfolge einen sehr alten Plan (…): Eine Künstler-(Musiker-)und moderne Teufelsverschreibungsgeschichte aus der Schicksalsgegend Maupassant, Nietzsche, Hugo Wolf etc. , kurzum das Thema der schlimmen Inspiration, und Genialisierung, die mit dem Vom Teufel geholt Werden, d. h. mit der Paralyse endet. Es ist aber die Idee des Rausches überhaupt und der Anti-Vernunft damit verquickt, dadurch auch das Politische, Faschistische und damit das traurige Schicksal Deutschlands.“

Der Plan zu einem solchen Roman zeigt unglaubliche Kühnheit. Geht es doch darum, ein individuelles Künstlerschicksal als Spiegel der geistig politischen Entwicklung in Deutschland, „das in dieser Zeit buchstäblich vom Teufel geholt wurde“ (Mann) von vor dem ersten Weltkrieg bis hinein in die Katastrophe von 1939 bis 1945 zu schaffen.

Der Roman berührt viele Ebenen:

Die Musik spielt eine zentrale Rolle, insbesondere die Zwölftonmusik, die Adrian Leverkühn (im Roman) begründet. Musik ist hier ein Paradigma für die Kunst insgesamt.

Und wie Mann sagt, es ist die deutscheste aller Künste, so wie der Fauststoff ein typisch deutscher Stoff ist.

Im Falle des Doktor Faustus alias Adrian Leverkühn wird wie in keinem anderen Roman die Entwicklung der Musik von Beethoven bis Schönberg diskutiert und im verzweifelten kompositorischen Schaffen von Adrian dargestellt.

Unter dem Einfluss der beginnenden entzündlichen Gehirnzerstörung, der Syphilis, erfindet Leverkühn die Zwölftonmusik. In seinen Selbstkommentaren nennt Thomas Mann die Reihentechnik ‚Teufelswerk’ und befürchtet: «Schönberg wird mir die Freundschaft kündigen». Was wirklich geschah. In Adrian Leverkühns (Faustus’) musiktheoretischen Gedanken (die grösstenteils von Theodor Adorno stammen) tauchen vor allem die Reihentechnik und die Klaviersonate Op.111 von L. v. Beethoven immer wieder auf. Geradezu mythischen Charakter nimmt für Adrian Leverkühn diese letzte Klaviersonate Nr. 32, Opus 111 ein.

Gleichzeitig ist Manns Roman ein „Epochen-Roman“ über die Zeit von den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bis zum Zusammenbruch Deutschlands und aller bisheriger europäischer, ja abendländischer Werte am Ende des 2. Weltkriegs.

Immer wieder wird das romantisch-irrationale Denken, das ‚Gemüt’ dargestellt, das nach Thomas Mann einer der Nährböden für den Nationalsozialismus geworden ist. In den von Wandervogel-Romantik geprägten Gesprächen des zunächst die Theologie studierenden Adrian Leverkühn mit seinen Kommilitonen, in den reaktionären und zivilisationsfeindlichen Reden des Breisacher und in den „erzfaschistischen“ (so Thomas Mann) Gesprächsrunden bei Kridwiß. Vor diesem Hintergrund wird das Lebensschicksal des hochbegabten, aber menschlich kalten Adrian Leverkühn geschildert. Leverkühns persönliche Tragödie wird in Beziehung gesetzt zu der Tragödie des deutschen Volkes, der Pakt mit seinem inneren Teufel wird parallelisiert mit dem Bündnis des Bösen, das Deutschland eingegangen ist.

Leverkühn ringt um Objektivität und Ordnung, um das Paradoxon einer kognitiven Kreativität. Angesichts der Abdankung bürgerlicher Normen und der Absurdität der modernen Welt ist die bisherige Musik für ihn endgültig überholt.

Leverkühn hat trotz kühler Intellektualität den Drang zur Kreativität. Doch bei seiner Kälte braucht er Enthemmung, höllisches Feuer, so Thomas Mann, um künstlerisch produktiv zu werden.

Der teuflische Pakt, der ihm verbietet lieben zu dürfen, ist der Preis für die Intellektualisierung der Kunst und führt zu völliger Einsamkeit und zu seiner Unfähigkeit zu echter Freundschaft und wahrer Liebe. Selbst seine aufopferungsvolle Zuneigung zum kleinen Knaben endet tragisch: trotz, ja gerade wegen Adrians Obhut erleidet dieser eine tödliche Meningitis, vergleichbar der syphilitisch bedingten, zerebralen Zersetzung von Leverkühns Geist.

In unserer einwöchigen Denkwoche im Château d’Orion werden die Teilnehmer am ersten Tag am Vormittag in die europäische Tradition des Faust eingeführt, von der Urquelle des Faustmythos, dem Volksbuch(1587) über Christopher Marlowe zu Lessing und Goethe bis hin zu Claudel und Bulgakow im 20. Jh. Wir erarbeiten uns dann in 5 Tagen dieses faszinierende vielschichtige Werk von Thomas Mann, seine literarisch-philosophischen, politisch-sozialen Ideen, vor allem aber sein Verständnis von Kunst, Musik und Künstlertum im zeitgeschichtlichen Kontext.

Währen des Tagesablaufs werde wir Textstellen laut lesen, wenn gewünscht und möglich, schauspielerische Sprech-und Spiel-Versuche unternehmen, sozusagen spielend-lesend. Irgendwelche Vorkenntnisse für solche Unterfangen sind nicht notwendig. Diese Form des literarischen Kennenlernens macht einfach Spaß.

Diese Denkwoche bekommt ein ganz besonderes Gepräge durch die Zusammenarbeit mit der Pianistin Mélina Burlaud. Madame Burlaud ist Professorin für Klavier an der Hochschule für Musik in Pau. Sie wird uns am Flügel Beethovens Opus 111 und Werke von Schönberg zu Gehör bringen und wir werden hörend verstehen und den Bezug zu Adrian Leverkühn nachempfinden lernen.

Am Freitag findet ein festlicher Abschlussabend für die Teilnehmer mit Musik und Lesungen statt.

Weitere Blogs werden monatlich folgen.”

06 Aug

Reden wir über Sprache

Einst wanderte ein Tausendfüßler durch eine Wiese, da begegnete er einem Frosch. Erstaunt und fasziniert schaute der Frosch ihn an und bewunderte den exakt aufeinander abgestimmten Bewegungsablauf der unzähligen Beinchen. „Wie machst Du das?“, fragte der Frosch, „Wie bewegst Du all Deine Beine im richtigen Augenblick, wo ich doch schon mit meinen Vieren genug zu tun habe? Es scheint mir ein Ding der Unmöglichkeit.“ Der Tausendfüßler hielt verwundert inne und überlegte. Und während er darüber nachdachte, versuchte er sich noch einmal in Bewegung zu setzten, geriet ins Straucheln und fiel über seine eigenen Füße. Entsetzt stellte er fest, dass er nicht mehr imstande war zu gehen. Erst nachdem er sich von dem Schrecken erholt hatte, stand er wieder auf, lief vorsichtig weiter und verließ sich fortan auf sein Gefühl.

Vielleicht kennen Sie diese Fabel von Äsop, die uns die Diskrepanz von Geist und Gefühl vor Augen führt sowie die Schwierigkeit, beiden im Alltag Raum zu geben. Sie zeigt auch, wie das Leben aus dem Gleichgewicht geraten kann, wenn wir uns von festen Vorstellungen leiten lassen oder die Kriterien und Konstrukte anderer anwenden, um zu bestimmen, was wahr und was nicht wahr ist. Nicht zuletzt illustriert die Fabel, wie abwegig es ist, einen Anfang und ein Ende auszumachen von dem, worin wir sind.

 

 

Diese Geschichte verweist auf vieles, was in der Denkwoche zum Thema Sprache vom 15.-21. Juli mit dem Schriftsteller Senthuran Varatharajah durchdrungen wurde. Wir haben nachgedacht über den Anfang und das Ende von Sprache, den Raum, den sie einnimmt und persönliche Sprache. Wir haben nach Worten gerungen, der 163. Autorenlesung von »Vor der Zunahme der Zeichen« gelauscht und sind wortwörtlich zur Sprache gekommen. Konstantin Schönfelder und Holm-Uwe Burgemann  von Prä|Position haben die Woche klug und scharfsinnig begleitet und sowohl in einem eindrucksvollen Film als auch in diesem Erinnerungsprotokoll festgehalten.

Nach Kant ist der Raum die transzendentale Bedingung der Erkennbarkeit aller Dinge, er ist das strukturgebende Element unserer Wahrnehmung und Erfahrung sowie gleichsam ihre Voraussetzung, ähnlich wie der rohe Stein für die Kunst des Bildhauers. Ist Materie mit Substanz gefüllter Raum, so ließe sich die Sprache als mit Bedeutung erfüllter Raum verstehen. Letzterer bedeutet gemäß Derrida gleichzeitig unsere Welt als Summe alles Vorstellbaren, da wir keinen außersprachlichen Zugriff auf außersprachliche Phänomene besitzen. Alles, was uns umgibt, sind diskursive Konstrukte.

Dieser Logik zufolge ahmen wir stets mimetisch nach und machen uns zu Eigen, was keinen Zugang zu absoluten, wahrhaften Entitäten darstellt, sondern selbst nur immer verweisenden Charakter hat: Begriffe. Sie sind konstruiert von anderen, von Menschen vor unserer Zeit, Menschen mit unbekanntem Horizont, einem uns fremden Herz und Verstand. Wie also kommen wir auf die Idee unser Innerstes ausdrücken zu können mit Worten, die nicht wir hervorgebracht haben haben? Eine Sprache als die unsere zu bezeichnen, obwohl die Worte nur eines über Jahrhunderte gewachsenen Kodexes entliehen sind?

 

 

Aus aktuellem politischen Anlass stellt sich die Frage, was das Zusprechen einer Identität bezweckt, was sie beweisen und was damit gewonnen sein soll. Wer bin ich, wer sind Sie? Ist es nicht paradox, im Wandel begriffene, individuelle Wesen absolut und authentisch bezeichnen zu wollen mit einzelnen, allgemein gebräuchlichen Worthüllen, die nie die Entität in ihrer Gesamtheit erfassen, geschweige denn ihr gerecht werden könnten?

Vielleicht ist es einen Versuch wert, das Konzept der Identität durch die Erzählung zu ersetzen, um uns einander verständlich zu machen und näher zu bringen. Denn: „Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen“, so Gabriel García Márquez. Erzählungen geben der experimentellen Vernunft Raum, darin ist Platz für so etwas wie eine persönliche Sprache, für Färbungen und Nuancen, für Rede-Wendungen im wahrsten Sinne.

Der inflationäre Gebrauch des Ausrufungszeichens, der auch die sogenannten Qualitätszeitungen erreicht hat, ist laut Varatharajah ein Zeichen für ein mangelndes Vertrauen in die Kraft der Sprache. Wenn der Schriftsteller redet, senkt er häufig den Blick und lässt ihn verweilen in der Leere vor sich. Nur selten richtet er ihn auf und sieht seinem Gesprächspartner in die Augen. Warum? Weil er auf diese Weise die Sprache für sich wirken lassen möchte und seinen Worten dadurch mehr Bedeutung verleiht, als wenn er sie mit Gestik oder Mimik unterstreichen würde. Unsere Körper sind begrenzt, wodurch auch der physischen Berührung Grenzen gesetzt sind. Die Sprache aber vermag es, diese Grenzen zu überwinden und tief zu berühren, dessen ist er sich sicher.

 

 

Im Oktober steht als weiteres Erkenntnis- und Kommunikationsmedium die Kunst im Mittelpunkt einer Denkwoche. Auch sie macht sichtbar, was zuvor unsichtbar war. Der französische Romanist Joseph Joubert bemerkte einst, dass Sprache Malerei für das Ohr ist und „Zeichnen ist Sprache für die Augen“. Angeleitet von Louis und Ilana Lewitan wollen wir mit kreativen Techniken dem gelingenden Leben auf die Spur kommen und dabei der artificial intelligence die artistic intelligence entgegnen. Die künstlerische Intelligenz nutzbar machen für Veränderungsprozesse im Privaten oder im Beruf sowie schöpferisch tätig werden, um Blockaden zu lösen und den Kopf zu befreien – das ist das Ziel. Mehr Informationen und Anmeldung unter https://bit.ly/2FZs5jW. Es gibt noch freie Plätze.

Schließlich möchten wir mit den Worten Georges Perecs an Folgendes erinnern:

Die Welt breitet sich vor uns aus „nicht als eine immer wieder neu zurückzulegende Strecke, nicht als ein endloser Lauf, eine unaufhörliche Herausforderung, nicht als der einzige Vorwand für eine trostlose Anhäufung, auch nicht als Illusion einer Eroberung, sondern als Wiederbegegnung mit dem Sinn, die Wahrnehmung einer Handschrift der Erde, einer Geographie, von der wir vergessen haben, dass wir ihre Schöpfer sind.“

15 Jul

Arabische Weindichtung

Anton Welp ist Stipendiat während der letzten Denkwoche gewesen. Er hat seine Masterarbeit über mamlukische Weindichtung geschrieben. Ein Thema, das nicht nur zur vergangenen Denkwoche zur Geschichte (Was macht sie mit uns, was machen wir mit ihr?), sondern auch zur anstehenden Begegnungswoche zur Sprache (Begegnung mit Senthuran Varatharajah) passt. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!

 

بذلت عقلي صداقاً حين بت به

أزوّج ابن سحاب بابنة العنب

Ich habe meinen Verstand als Brautgabe gegeben, als ich beschloss,

den Sohn der Wolken mit der Tochter der Trauben zu vermählen.

Ṣafī ad-Dīn al-Ḥillī (~1340 A.D.)

 

Es sind Gedichte voller Lebensfreude. Bisweilen klingen sie euphorisch, manche sind derb, andere hintergründig und subtil. Viele bestechen durch ihre sprachliche Finesse, bedienen sich komplexer Stilmittel, die sich so manches Mal nur mit großer Mühe erschließen lassen. Die Weindichtung der Mamlūken, einer Dynastie in den Gebieten des heutigen Ägypten und Syrien, ist eine Freude für alljene, die etwas für Lyrik und guten Wein übrig haben.

Die Beschäftigung mit dieser Art Dichtung aus dem 13.-16. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung ist auch deshalb so kurzweilig, da sich die beschriebenen Situationen häufig gut nachempfinden lassen. Es wird schlicht jedes Detail beschrieben. Was der Trinkende empfindet, was er sieht und was er tut. Vieles hat sich offensichtlich nicht geändert und ist über Kulturräume hinweg vielen Menschen gleich. So mag es verwundern oder auch belustigen, dass das gepflegte Betrinken auf speziell dafür vorgesehenen Schiffen, die sich langsam den Nil hinauf und hinab bewegten, eine überaus beliebte Freizeitbeschäftigung war.

Vieles erinnert stark an das ritualisierte Zusammenkommen im griechischen Symposion. Das Lagern im Kreis, das Herumreichen des Trinkbechers, die Unterhaltung durch Musikanten oder durch Tanz. Auch ein Schenk gehörte zum Inventar eines anständigen „Maǧlis aš-Šurb“ (gesprochen Madschlis asch-schurb) der Trinkerrunde.

In einer Gesellschaft honoriger Personen, die sich zum ausdauernden Trinken trafen – es wird von Gelagen über mehrere Tage hinweg geprahlt – war es Usus, in regelmäßigen Abständen zur anspruchsvollen Unterhaltung beizutragen. Beliebt war das Rezitieren von Gedichten, launigen Anekdoten oder Scherzen. Um auch zu weiteren Zusammenkünften eingeladen zu werden, war also eine gründliche Vorbereitung auf diese Treffen nötig – es sei denn, man besaß hohe Bildung und Schlagfertigkeit.

Neben aller Unterhaltsamkeit ist die Weindichtung auch ein wertvolles Genre für sozio-historische Erkenntnisse über das Alltagsleben der Menschen dieser Zeit. Das ist bei der mamlūkischen Dichtung aus dem Grunde der Fall, da sich das Literaturschaffen in dieser Ära gewandelt hatte.

War die Literatur zuvor nahezu ausschließlich als Herrscher- oder Prophetenlob das Produkt elitärer Kreise, die von professionellen Autoren verfasst wurde, verbreitete sich das literarische Schaffen von nun an unter dem Volk und wurde ein beliebtes Kommunikationsmittel. Es wurde zur Mode, über Alltägliches zu schreiben und die eigenen Gedichte an Gleichgestellte zu richten – ein völlig neues Phänomen.

Auf diese Weise erfahren wir aus erster Hand Authentisches über die damaligen Lebensumstände, da nun auch der Metzger über seinen Berufsalltag sinnierte und seinen Freund, den Tischler in einen literarischen Wettstreit verwickelte. Thematisch gab es hierbei kaum Grenzen – Naturbeschreibungen, Kindertotenlieder, Liebesgedichte (hetero- wie homosexuelle) und eben auch jene Weingedichte.

Der oben vorangestellte Vers stammt aus einem Weingedicht des verehrten Literaten Ṣafī ad-Dīn al-Ḥillī und ist ein schönes Beispiel für den „klassischen“ Aufbau arabischer Lyrik, der für alle Genres gleichermaßen gilt. Einige Merkmale bleiben mit Blick auf den arabischen Text nämlich immer gleich.

Jeder Vers ist aufgeteilt in zwei Halbverse, durch die das Gedicht strukturiert wird, was hier durch den Absatz dargestellt wird. Dazu kommt auch noch ein Reim. Wie im Deutschen – pauschaliert – wird der Reim durch die Schlusssilbe des letzten Wortes im zweiten Halbvers kreiert.

Als drittes und letztes Merkmal wird der Tonus des Gedichts durch ein Metrum bestimmt. Diese Metren sind zum Teil komplex und ihre Identifizierung stellt häufig eine große Herausforderung dar.

Diese drei Charakteristika bilden also das Gerüst – alles andere ist variabel. Zu Anschauungszwecken eignet sich der Folgende Vers. Wie im Schriftarabisch üblich, in der Dichtung jedoch keineswegs selbstverständlich, beginnen beide Sätze respektive Halbverse mit dem Verb. Obacht, wir beginnen von rechts!

 

بذلت عقلي صداقاً حين بت به

أزوّج ابن سحاب بابنة العنب

Ich habe meinen Verstand als Brautgabe gegeben, als ich beschloss,

den Sohn der Wolken mit der Tochter der Trauben zu vermählen.

 

In den rot markierten Verben wird die Person und die Zeitform festgelegt. Neben diesem grammatischen Detail erfahren wir aber noch etwas Entscheidendes zur Trinkpraxis des Weines. Durch die Metapher der Vermählung des Wassers („Sohn der Wolken“) mit dem Wein („Tochter der Traube“) wird deutlich, dass der Wein, wie in der römischen Antike auch, mit Wasser verdünnt getrunken wurde.

Zudem erleben wir eine Gefühlsregung des lyrischen Erzählers, die sich häufig ablesen lässt. Es macht sich ein schlechtes Gewissen breit, überhaupt zum Wein gegriffen zu haben. Natürlich steht dem Alkoholgenuss das koranische Verbot entgegen, dennoch ist die Begeisterung ob der Freuden des Weintrinkens zu groß für die Abstinenz.

Diesen inneren Zwiespalt aufzuspüren ist nur einer von vielen guten Gründen, sich mit der Kultur des Weintrinkens in der arabischen Welt des Mittelalters zu beschäftigen. Wem dieser kurze Beitrag eine Anregung zu weiterführender Lektüre zu diesem Thema ist, dem sei an dieser Stelle das wunderbare Buch „Weinstudien“ von Peter Heine aus dem Jahr 1982 ans Herz gelegt. Ein Buch voller interessanter Randgeschichten und amüsanter Räuberpistolen.

Von Anton Welp

08 Jul

Fébus und sein internationaler Klassiker

Das nahe Orthez ist nicht allein als Austragungsort von Stierkämpfen, sondern auch als Residenzstadt des berühmtesten aller Fürsten der Vizegrafschaft Béarn bekannt. Dieser Herr trug den landesüblichen Namen Gaston und in Anlehnung an Phoebus Apollon den Beinamen ‘Fébus’. Mit Apollon soll Gaston III., Graf von Foix (1331-1391) Statur und Erscheinungsbild geteilt haben.

Neben seinem aristokratischen Äußeren pflegte er auch eine aristokratische Leidenschaft. Seine Nachwelt kennt den Grafen von Foix vor allem als Jäger und Verfasser eines reich bebilderten Buches über die Jagd. Als Vorläufer von Fébus kann Friedrich II. (1194-1250), römisch-deutscher Kaiser aus dem Haus Hohenstaufen genannt werden. Friedrich hatte seinem Hobby der Falkenjagd ein eigenes Werk gewidmet und damit unter Beweis gestellt, dass sich seine Kompetenz nicht auf dem Gebiet der Königsherrschaft erschöpfte.

Friedrich II. in einer Abschrift von De arte venandi cum avibus

Sein Buch, schon der Titel De arte venandi cum avibus verrät es, ist auf Lateinisch veröffentlicht worden . Damit folgte er der ungeschriebenen Regel und bediente einen kleinen und exklusiven internationalen ‘Buchmarkt’. Gaston hingegen, wie seine italienischen Zeitgenossen Dante Alighieri, Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio, folgte einem Trend und zog mit dem Französischen der lingua franca des Lateinischen eine Volkssprache vor.

Bemerkenswert ist, dass auch Gastons Schriftsprache nicht seiner Landessprache entsprochen hat. Im Herrschaftsgebiet des Grafen wurden vor allem gaskognische Dialekte wie das regionale Béarnaisisch gesprochen. Jean Froissart, berühmter Chronist des ‘Hundertjährigen Krieges’, lobt deswegen Gastons gutes Französisch: “comme [Gaston] me vit, me fist bonne chere et me dist en riant en bon françois que bien il me congnoissoit, et si ne m’avoit oncques mais veü.” (Paris mss. fr. 2670-2671, Folio 10 v)

46 Handschriften seines ‘Livre de Chasse’sind über Jahrhunderte bewahrt worden. Eine davon befindet sich heute in der Morgan Library.  Ihr vormaliger Besitzer war ein berühmt-berüchtigtes Königspaar. Philipp II. und Isabella von Spanien haben im wertvollen Manuskript ihr Familienwappen in prächtigen Farben hinterlassen und bezeugen damit, welche Wertschätzung dem Buch des Fürsten lange nach seinem Lebensende entgegengebracht worden ist.

Als ich meinen Eltern den Bergfried der Burg von Orthez zeigte und erwähnte, “hier soll der berühmte Gaston Fébus geboren worden sein”, ergänzte mein Vater nur trocken: “Ah, der Verfasser des livre de chasse“. Ich war verblüfft und nicht weniger, als er erklärte, er habe ein Faksimile dieses Buches in Hannover von seinem Doktorvater geschenkt bekommen.

Hiermit ist also bewiesen: Gaston III. von Foix hat im 14. Jahrhundert in Orthez und Umgebung einen internationalen Klassiker verfasst. Ein Grund für die erstaunliche Langlebigkeit seines Werkes mögen die detailreichen, teils informativen Miniaturen gewesen sein, mit denen seine Bücher illustriert worden sind.

Eine weitere Handschrift (Ms. 27) befindet sich in der Getty Collection.  In ihr finden wir schöne Beispiele der spätmittelalterlichen Bauchmalerei:

Folio 50v: zwei Jäger beim Fährtenlesen, Gaston Senior und Junior?

Folio 97: die Jäger und ihre Hunde haben eine Wildkatze umkreist

Folio 82: Nicht nur die Wildkatze, auch der Bock ist riesenhaft dargestellt worden. Kein Wunder, dass ein Jäger mit Felsbrocken nach ihm wirft!

Folio 61v: Eine Jagdgesellschaft hat den Hirsch mit Hilfe von Treibern gestellt.

Folio 46: Wussten Sie schon, dass Hundehütten im Mittelalter noch mit eigenen Kaminen ausgestattet waren?

Folio 60v: “Un pique-nique (pluriel pique-niques) ou piquenique est un repas champêtre, pris en plein air.” (Wikipedia)

 

Folio 3: Eigentlich am Anfang des Buches, in diesem Beitrag am Ende – Gaston Fébus diktiert seinem Schreiber das livre de chasse. Die übergroßen Brillengläser des Gelehrten geben dem Bild die Dimension einer Karikatur.

Von Clemens Zentek

05 Jul

Ist unsere Sprache noch zeitgemäß?

Am Anfang haben wir keinen Begriff von der Welt. Erst die Sprache gibt uns einen Zugang zu den Fixpunkten und ihren Beziehungen zueinander, geformt durch soziale Interaktion. Sprache ist unsere Schnitstelle zur Außenwelt. Ohne eine gemeinsame Sprache haben wir keinen Zugang zur Welt und die Welt keinen Zugang zu uns. Wenn wir unsere eigene Lebensgeschichte in die frühesten Lebensjahre zurückgehen, scheint die Sprache schon immer da geswesen zu sein. Als hätten wir vorher nicht exisitert. So kommt das Erreichen der Sprachfähigkeit einer zweiten Geburt gleich, einer Geburt aus der Isolation der Sprachlosgikeit in das Miteinander der Mündigkeit im sozialen Gefüge.

Doch weder wir, noch die Welt, die wir durch unsere Sprache zu erfassen versuchen, werden morgen die gleichen sein wie heute, sind wir doch schon heute nicht mehr die gleichen, die wir gestern waren. So muss sich auch die Sprache, die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenwelt, ständig weiterentwickeln. Denn folgt man der These der Linguistischen Relativität, dann ist die Art und Weise wie wir denken, stark durch die semantische Struktur – Grammatik und Wortschatz – unserer Muttersprache geprägt. Fehlen uns die Worte, wird unsere Sicht auf die Dinge eingeschränkt. Ausgehend von dieser Annahme adressieren Alicia Escott und Heidi Quante in Ihrem öffentlich partizipativen Kunstwerk „The Bureau of Linguistical Reality“ den Mangel an passenden Wörtern, um unsere Welt im Wandel zu begreifen. Mit einem Ruf nach Wortneuschöpfungen, die unsere Erfahrungen in der Gegenwart und die Wechselwirkungen unserer Umwelt treffend beschreiben, wollen sie zu einem besseren Verständnis unserer Lebensumwelt im Wandel beitragen. Ein Wandel, der sich am besten mit dem Begriff des Anthropozän beschreiben lässt, übrigens auch so eine umstrittene Wortneuschöpfung.

Ich freue mich schon sehr darauf, als Stipendiat die Denkwoche „Sprache im Wandel“ zu begleiten und gemeinsam die Grenzen der Sprache, die Grenzen der Welt zu verschieben.

Von Kurt Bille

 

07 Jun

Eine kleine Landeskunde I: Der Course Landaise in Orthez

Für regionale Verhältnisse ist Orthez groß zu nennen. Die Stadt hat einen eigenen Bahnhof und ist dadurch an Bordeaux angebunden. In ihrer Arena kann der Course Landaise bewundert werden.

Es handelt sich dabei um eine Form des ‘unblutigen’ Stierkampfes, welche bereits von Mittelmeervölkern des Altertums praktiziert worden ist. Im Gegensatz zu den teilnehmenden Menschen besteht für den Stier keine ernsthafte Verletzungsgefahr. Er wird von den Gehilfen des unbewaffneten ‚Stierkämpfers‘ mit einem langen Stock getriezt, rennt sodann auf seinen Gegner zu, der inmitten der Arena stehend wartet.

Die Équipe d’Orion hat einen Stierkampf in Orthez besucht und für spannend befunden. In der letzten Runde kam ein beeindruckendes Tier in den Ring, das seinem menschlichen Gegner mehr als ebenbürtig war. Zum Repertoire des kampferprobten Stieres gehörte das Antäuschen eines Ansturmes, also klassische psychologische Kriegsführung.

Zwei Mal ließ sich der menschliche Widersacher in den Sand fallen, um Schlimmstes zu verhindern, und das Tier ließ Gnade walten. Es trampelte ‚nur‘ über den Unterlegenen hinweg. Einmal erwischte der Stier den Menschen, der mit einer blutigen Schramme davonkam. So viel zum Thema ‘unblutiger’ Stierkampf.

Es gibt zwei Gattungen von ‚Stierkämpfern‘. Ein Escapeur versucht, seinem Angreifer im letzten Moment mittels geübter Hüftdrehung zu entweichen. Der Reiz besteht darin, sein Manöver möglichst knapp erscheinen zu lassen.

Ein Sauteur springt aus dem Stand oder mit Anlauf über die anstürmende Lebensgefahr hinweg. Diese Form des Ausweichens ist besonders spektakulär.

Wie alt diese Praxis ist, zeigt eine Wandmalerei, die im Palast von Knossos (Kreta) gefunden worden ist. Die Darstellung des Sauteurs gehört zu den beliebtesten Bildmotiven der sogenannten ‘minoischen’ Kultur, als deren Zentrum der Palast von Knossos angenommen wird.

Wer mehr über die antike Version dieses Stierkampfes lesen möchte, findet hier einen reich bebilderten Text (PDF auf Englisch).

Von Clemens Zentek

 

 

 

 

 

14 Mai

Was macht Geschichte mit uns?

Im vorigen Beitrag wurden anhand von Beispielen älterer und jüngerer Geschichtsinterpretationen verschiedene Anschauungen von Geschichte vorgestellt. Die Absicht war es, zu demonstrieren, dass unterschiedliche Weltanschauungen auch mit völlig verschiedenen Anschauungen unserer Vergangenheit einhergehen können.

In diesem Beitrag wollen wir durch ein anderes Beispiel zeigen, wie verschiedene Betrachtungen von Geschichte auch zu unterschiedlichen Betrachtungen unserer Gegenwart und Zukunft führen können. Wir hoffen, Sie dabei auf einen in der deutschen Öffentlichkeit vernachlässigten Bestandteil der gesamteuropäischen Geschichte aufmerksam zu machen, der interessante Implikationen für unsere Gegenwart und Zukunft hat.

Nebenbei möchten wir zeigen, dass die Identifikation der eigenen Vorfahren mit berühmten Helden aus längst vergangenen Zeiten im antiken und mittelalterlichen Europa weit verbreitet gewesen ist. Fast alle diese Helden kamen ursprünglich nicht aus demjenigen Land, in welchem sie sich letzten Endes niederlassen konnten. Dies kann einer noch nicht abgeschlossenen Debatte über das ‘Einwanderungsland Deutschland’ gegenübergestellt werden.

 

Deutschland Einwanderungsland

Nicht selten geht es in unseren Tagen um die Fragen, wer oder was eigentlich zu Deutschland oder Europa gehört und wer oder was nicht. Über die Zweckmäßigkeit dieser Fragen möchten wir uns nicht auslassen.

Hier ist für uns allein bemerkenswert, dass sie regelmäßig mit Argumenten aus der Schatztruhe der Geschichte beantwortet werden sollen. So resümiert Karl-Heinz Meier-Braun, der Herausgeber eines Buches mit dem knappen Titel Deutschland Einwanderungsland:

“Wir haben das wieder einmal geschaftt!“ Das könnte eigentlich im Herbst 2016 die Schlagzeile sein, nachdem die sogenannte „Flüchtlingskrise“ einigermaßen bewältigt wurde. … Von 1,1 Millionen Flüchtlingen war lange Zeit die Rede, die 2015 ins Land gekommen sein sollen. Vor ähnlichen Herausforderungen durch die Zuwanderung hatte das Land bereits verschiedene Male gestanden, beispielsweise als nach dem Zweiten Weltkrieg rund 12,5 Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene Zuflucht in Westdeutschland fanden. Oder als seit Mitte der 1950er-Jahre Millionen von sogenannten „Gastarbeitern“ ins Land geholt wurden, die es zu integrieren galt. In der aufgeheizten Debatte der letzten Monate geriet dies alles genauso in Vergessenheit wie auch die Tatsache, dass bereits Anfang der 1990er-Jahre rund eine halbe Million Asylanträge gestellt wurden. Fünf Millionen Spätaussiedler wurden im Laufe der Jahre aufgenommen. Die Beispiele zeigen: Deutschland ist schon seit langem ein Einwanderungsland, auch wenn das immer mal wieder in Frage gestellt wird.

Das Zitat stammt aus dem Jahr 2016. Andere Menschen sind anderer Auffassung.

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2014 ließ der Geschichtslehrer und Politiker (Mitglied der ‘Alternative für Deutschland’) Björn Höcke durch einen Pressesprecher folgende Aussagen verbreiten:

„Deutschland ist kein Einwanderungsland. Daher darf auch die Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme von ernstzunehmenden Politikern keine Unterstützung erfahren. Diese Haltung der AfD ist Ausdruck gesunden Menschenverstandes.“

Recht hat er damit, dass Deutschland bisher nicht als ‘klassisches Einwanderungsland‘ gilt.

Ein offensichtliches Problem hat sein Argument dennoch: Wenn Björn Höcke nicht behaupten möchte, dass die Bevölkerung Deutschlands  wie eine Pflanze aus ‘deutschem’ Boden erwachsen ist, dann sollte er auch zugeben, dass sie von irgendwoher eingewandert sein muss.

 

Tacitus:  Germanen waren Migranten

Was heute ‘deutsch’ genannt wird, das hat nicht mehr viel mit jenen Germanen zu tun, welche der Römer Tacitus im 1. Jahrhundert n. Chr. beschrieben hat.  Viel schreibt er diesem Volk zu, was in seinen eigenen Ohren einen guten Klang gehabt hätte. Eines behauptet er dabei nie: Dass die Germanen seit Menschengedenken in Germania ansässig gewesen wären (Tacitus, Germania, 2f).

Ihm zur Folge seien sie mit Schiffen über das Meer gekommen. Auch wussten sie seinerzeit noch Geschichten über berühmte Männer der späten Bronzezeit zu erzählen: Herkules ebenso wie Ulixes (Odysseus) sei “bei ihnen” (apud eos) gewesen und letzterer als Stadtgründer und Namensgeber von Asciburgium am Rheinufer in Erinnerung geblieben.

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Rom wurde von einem Flüchtling gegründet, aber nicht an einem Tag erbaut.

Es steht geschrieben, dass die Irrfahrt eines Zeitgenossen des Odysseus im heutigen Italien endete, wo dieser Flüchtling aus Troja Städte gründete. Sein Name war Aeneas. Er wird seit der Antike als Urahn für zentrale Figuren der Weltgeschichte in Anspruch genommen.

Im Gegensatz zu Odysseus gehörte er nicht zu den Angreifern, sondern zu den Verteidigern seiner Heimatstadt. Auch wenn ihm in bestimmten Quellen Komplizenschaft mit dem Feind unterstellt worden ist, zählt Aeneas nichtsdestoweniger unter diejenigen Geflüchteten, die ihre Heimatstadt durch den Krieg verloren hatten.

Die berühmtesten drei Nachfahren dieses trojanischen Fürsten sind Romulus, Remus und Caius Iulius. Über die beiden Brüder ist Aeneas Ahnherr der ‘Ewigen Stadt’. Über Caius Iulius ist er Urvater Caesars, nach dem sich römische Potentaten sowie deutsche Monarchen seit Karl dem Großen ‘Kaiser’ genannt haben.

 

Franken als geflüchtetes Volk

Dieser letztgenannte Kaiser Karl war zugleich König der Franken. Nach diesem berühmten Volk ist nicht nur eine deutsche Region, sondern auch das ganze Frankreich benannt. Die Geschichtswissenschaft kennt sie als kriegstüchtige Sippschaft mit umstrittener Vergangenheit.

Ein als ‘Fredegar’ bekannter Chronist seines Volkes lebte lange vor dem Kaiser und Frankenkönig Karl. Er ist der erste uns bekannte Autor, der den Franken trojanische Herkunft zugeschrieben hat. Seine Chronik gibt in zweifacher Form wieder, wie die Franken aus dem Mittelmeerraum fliehen und sich schließlich am Rhein niederlassen.

Die ältere Version dieser ‘Migrationsgeschichte’ behauptet: Der Fall Trojas bedeutet zugleich den Anfang der Franken und der Römer. Wie Aeneas der Stammvater der Römer sei, so stammen die Franken von seinem Bruder Friga, dem Nachfolger des trojanischen Königs Priamus, ab.

Obendrein betont der Chronist, dass es eine Zweispaltung im Volk gegeben habe. Der fränkische Teil sei nämlich phrygischer, während der andere Teil makedonischer Herkunft sei. Nach einer Teilung wandert der makedonische Teil in sein Stammland und baut sein Volk zu einer gewaltigen Kriegsmacht aus.

Flüchtlinge zwischen Serbien und Ungarn

Der fränkische Teil irrt – durch Odysseus getäuscht – mit Frauen und Kindern durch fremde Gegenden und wählt schon auf der Wanderung den kampferprobten Francio zu ihrem Anführer. Von seinem Namen leiten sich die Franken ab.

Schlussendlich gelangt der Tross an den Rhein, wo sich die Franken niederlassen und, da sie auf der Wanderung herbe Verluste verbüßt haben, nur noch Herzöge zu ihren Herrschern wählen – in der anderen Version versucht der Chronist diese Siedlung am Rhein zu lokalisieren. Er spricht von einem zweiten Troja am Rhein.

 

Fazit

Laut antiken und mittelalterlichen Quellen ist ‘deutsches’ Land als ‘Einwanderungsland’ zu klassifizieren. Nicht nur Germanen, sondern auch Franken beriefen sich auf eine eigene Migrationsgeschichte.

Wesentlicher Bestandteil ihrer Geschichten waren Ereignisse rund um den Trojanischen Krieg. Hierunter zählen nicht nur die Taten des berühmten Aeneas, sondern auch die Erlebnisse des gerissenen Odysseus, der laut ‘Fredegar’ böswillig Einfluss auf die fränkische ‘Fluchtroute’ genommen hatte und laut Tacitus als Stadtgründer im Rheinland tätig war.

Aus dieser Perspektive betrachtet wäre es verwunderlich, falls an einem so zentralen Ort des Frühmittelalters wie Corvey nie eine Abbildung seiner Person gefunden worden wäre. Auch ein Exkurs in die Weiten der Theologie ist dann nicht mehr zwingend notwendig, um die ‘rätselhafte’ Wandmalerei von Corvey verständlich zu machen.

Welche Implikationen haben solche alten Geschichten für unsere Zukunft?

Unter Berücksichtigung tagesaktueller Ereignisse können alte Migrationsgeschichten europäischer Familien und Völker von Neuem ausgewertet werden. Die antiken ‘Migrationsrouten’ eines Aeneas, eines Odysseus oder des Volkes der Franken ähneln den Wegen zeitgenössischer Migranten nicht nur augenscheinlich. Auch die Härten und Schwierigkeiten, die sie auf ihrem Weg in eine bessere Zukunft durchstehen mussten, finden Entsprechungen in unserer Zeit.

Wenn auf Gefahren hingewiesen wird, die sich aus der Migration aus anderen Kulturkreisen ergeben können, dann können die Erzählungen aus der Vergangenheit belegen, wie unsere eigene Kultur aus Migration ganzer Völkerscharen erwachsen ist. Das meinten zumindest ‘die Alten’.

Europäer können in ihrer eigenen Migrationsgeschichte einen wesentlichen Bestandteil des historischen Bewusstseins wiederentdecken und sich auf diese Weise einfacher mit Geflüchteten unserer Tage identifizieren lernen.

Von Philipp Kutsch und Clemens Zentek

In einem Monat, vom 10. bis zum 16. Juni 2018 wird in Chatêau d’Orion erstmals eine eigenständige Denkwoche zur Geschichte stattfinden. Zimmer sind noch frei und wir freuen uns auf Ihre Anmeldung!

In der Auseinandersetzung mit dem Referenten Friedemann Scriba von der HU Berlin werden wir uns an zwei Leitfragen orientieren: Was macht Geschichte mit uns? Und was machen wir mit ihr?
20 Apr

Was machen wir mit der Geschichte?

Vom 10. bis zum 16. Juni 2018 wird in Chatêau d’Orion erstmals eine eigenständige Denkwoche zur Geschichte stattfinden. Zimmer sind noch frei und wir freuen uns auf Ihre Anmeldung!

In der Auseinandersetzung mit dem Referenten Friedemann Scriba von der HU Berlin werden wir uns an zwei Leitfragen orientieren: Was macht Geschichte mit uns? Und was machen wir mit ihr? Anhand von Beispielen älterer und jüngerer Geschichtsinterpretationen möchte ich in diesem Text verschiedene Anschauungen von Geschichte vorstellen.

Es ist nicht einfach, genau zu sagen, seit wann in Europa Geschichte aufgeschrieben worden ist. Häufig wird, um eine eindeutige Bestimmung des Überlieferten vornehmen zu können, zunächst eine Unterscheidung in mythographische und historiographische Texte getroffen.

Mythographisch sind z. B. die Texte von all jenen ‚Göttern‘, die uns Menschen zum Erschrecken ähnlich sind. Hierzu zählen auch die berühmten Schriften der griechischen Poeten Homer und Hesiod.

Historiographisch wären dann allein diejenigen Texte, welche ohne übernatürliche Wesenheiten und Ereignisse ausgekommen sind und deren Wirklichkeitsanspruch demnach wenig angezweifelt wird.

Nicht jeder, der sich mit mythographischen Texten auseinandergesetzt hat, hat sie sogleich als wertlose Fiktion von der Hand gewiesen. Als Beispiele aus der Antike möchte ich die beiden Sizilianer Diodoros und Euhemeros vorstellen.

Nach letzterem ist eine eigenständige Denktradition bezeichnet: Als ‚Euhemeristen‘ werden jene Autoren zusammengefasst, die in ‚den Göttern‘ keine transzendenten Entitäten (zu vergleichen mit dem Gott Abrahams), sondern lediglich verdienstvolle Menschen wiedererkennen wollen. Solche hervorragenden Menschen seien posthum, aus Dankbarkeit oder als Respekterweis, auf den Olymp erhoben und darüber hinaus mit übernatürlichen Kräften in Verbindung gebracht worden.

Diodoros schrieb seine ‚Historische Bibliothek‘ Jahrhunderte nach Euhemeros‘ Tod. In seinen Schriften stellte er verschiedene Versionen derselben Ereignisse und unterschiedliche Lebensbeschreibungen derselben Persönlichkeiten nebeneinander. Einige davon sind als mythographisch, andere eindeutig als historiographisch klassifizierbar. Unbenommen davon bleibt, dass sehr viele Texte der Antike sowohl mythographische, als auch historiographische Elemente aufweisen.

Allein auf Grundlage vorhandener mythographischer Elemente auf den ‚fiktionalen‘ Charakter eines vollständigen Textes zu schließen, verspricht also keinen Zugewinn. Dieses Vorgehen führt nur dazu, einen beträchtlichen Teil der Überlieferung a priori für jegliche historische Untersuchung auszuschließen.

Wie gewinnbringend das Gegenteil sein kann, hat der ‚Schatzsucher‘ Heinrich Schliemann unter Beweis gestellt. Schliemann liebte Homers Poesie und glaubte fest an den ‘wahren Kern’ der teils phantasievollen Schilderungen seines Lieblingspoeten.

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Sophia Schliemann mit einem Gehänge aus dem sogenannten ‘Schatz des Priamos’

Er wurde dafür mit unsterblichem Ruhm belohnt, indem er das sagenumwobene Troja freilegte. Und dennoch tobt um die Geschichtlichkeit sowie die Ausmaße des Trojanischen Krieges bis zum heutigen Tag eine unentschiedene Schlacht unter Historikern, Altphilologen und Archäologen.

Kennen Sie den Schweizer Erich von Däniken? Auch Däniken könnte als Euhemerist bezeichnet werden. Seine bekannte Arbeitshypothese fasste er 2015 in einem Interview mit dem SZ-Magazin zusammen:

„Vor vielen Jahrtausenden landeten Außerirdische auf der Erde. Unsere Vorfahren waren Steinzeitmenschen, die hatten keine Ahnung von Technik. Sie meinten irrtümlich, die Außerirdischen wären Götter. Die sogenannten Götter haben – ähnlich wie die Ethnologen heute – ein paar Stämme studiert, ein paar Sprachen erlernt, ein paar Ratschläge erteilt, dann sind sie wieder verduftet. Allerdings mit dem Versprechen, in einer fernen Zukunft wiederzukehren.“

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Wie Euhemeros‘ ‚Göttern‘ ist auch den ‚Göttern‘ von Däniken jegliche Transzendenz abhold. Nicht verdienstvollen Menschen, sondern leibhaftigen Außerirdischen seien mehrere längst verwelkte Blüten der Menschheitskultur zu verdanken gewesen.

Während die Euhemeristen der alten Schule die ‚göttlichen‘ Kulturbringer unter der Erde ruhend verorteten, hat Däniken sie weit über das Himmelszelt erhoben. Seine prophetische Ahnung, die Außerirdischen hätten versprochen ‚in einer fernen Zukunft wiederzukehren‘, hat erstaunliche Parallelen mit dem abrahamitischen Weltbild, das auch ein bedeutender Religionsstifter des 19. Jahrhunderts verinnerlicht hatte.

Kennen Sie ihn? Joseph Smith war der erste Prophet der Mormonen und wartete auf die Wiederkehr des Messias. Er sei von einem Engel in mehreren Visionen heimgesucht und darin über den Fundort uralter Tafeln mit kryptischen Zeichen unterrichtet worden. Freundlicherweise assistierte ihm der Engel auch bei der Übersetzung. Heraus kam das Buch Mormon.

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Wie die Bibel ist auch das Buch Mormon eine Kompilation unterschiedlicher Schriften, welche verschiedenen Autoren und Entstehungszeiträumen zugeordnet sind. Die Schriften berichten von einer Landnahme Amerikas in vorchristlicher Zeit und erzählen die verschollene Geschichte der amerikanischen Ureinwohner. Deren Vorfahren seien Israeliten gewesen. Diese seien kurz vor der Babylonischen Gefangenschaft Israels aus dem Gelobten Land in ein anderes gelobtes Land – Amerika – geflohen. So steht es im Buch Mormon geschrieben.

Ein unerschütterter Schöpfungs- und Wunderglaube hat, ebenso wie seinerzeit populäre Spekulationen über den Verbleib der verlorenen Stämme Israels, die geistige Grundlage für die Akzeptanz seines Buches durch Zeitgenossen geboten. Im 20. und 21.  Jahrhundert sind es Science-Fiction-Popkultur, der Glaube an eine Zukunft der Menschheit im Weltall sowie die Evolutionstheorie, welche Dänikens Spekulationen über eine Vergangenheit im All genährt und für seine Anhänger plausibel gemacht haben.

Am Ende dürfen Sie sich selbst fragen: Gehören Sie zu einer dieser Schulen? Sind sie ein sachlicher Euhemeros oder ein unentschiedener Diodoros? Sind sie ein Science-Fiction-Historiker oder glauben Sie an Wunder, wie es einst Joseph Smith getan hat? Haben ‚alte Mythen‘ einen Wert oder war Schliemann nur ein Zufallsfund gelungen? Und finden Sie nicht auch, dass die Geschichte mehr Fragen als Antworten für uns parat hält?

Ich freue mich auf inspirierende Gespräche zu vielen solchen Fragen, wenn wir uns vom 10. bis zum 16. Juni in Chatêau d’Orion kennenlernen!

Von Clemens Zentek

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