06 Aug

Reden wir über Sprache

Einst wanderte ein Tausendfüßler durch eine Wiese, da begegnete er einem Frosch. Erstaunt und fasziniert schaute der Frosch ihn an und bewunderte den exakt aufeinander abgestimmten Bewegungsablauf der unzähligen Beinchen. „Wie machst Du das?“, fragte der Frosch, „Wie bewegst Du all Deine Beine im richtigen Augenblick, wo ich doch schon mit meinen Vieren genug zu tun habe? Es scheint mir ein Ding der Unmöglichkeit.“ Der Tausendfüßler hielt verwundert inne und überlegte. Und während er darüber nachdachte, versuchte er sich noch einmal in Bewegung zu setzten, geriet ins Straucheln und fiel über seine eigenen Füße. Entsetzt stellte er fest, dass er nicht mehr imstande war zu gehen. Erst nachdem er sich von dem Schrecken erholt hatte, stand er wieder auf, lief vorsichtig weiter und verließ sich fortan auf sein Gefühl.

Vielleicht kennen Sie diese Fabel von Äsop, die uns die Diskrepanz von Geist und Gefühl vor Augen führt sowie die Schwierigkeit, beiden im Alltag Raum zu geben. Sie zeigt auch, wie das Leben aus dem Gleichgewicht geraten kann, wenn wir uns von festen Vorstellungen leiten lassen oder die Kriterien und Konstrukte anderer anwenden, um zu bestimmen, was wahr und was nicht wahr ist. Nicht zuletzt illustriert die Fabel, wie abwegig es ist, einen Anfang und ein Ende auszumachen von dem, worin wir sind.

 

 

Diese Geschichte verweist auf vieles, was in der Denkwoche zum Thema Sprache vom 15.-21. Juli mit dem Schriftsteller Senthuran Varatharajah durchdrungen wurde. Wir haben nachgedacht über den Anfang und das Ende von Sprache, den Raum, den sie einnimmt und persönliche Sprache. Wir haben nach Worten gerungen, der 163. Autorenlesung von »Vor der Zunahme der Zeichen« gelauscht und sind wortwörtlich zur Sprache gekommen. Konstantin Schönfelder und Holm-Uwe Burgemann  von Prä|Position haben die Woche klug und scharfsinnig begleitet und sowohl in einem eindrucksvollen Film als auch in diesem Erinnerungsprotokoll festgehalten.

Nach Kant ist der Raum die transzendentale Bedingung der Erkennbarkeit aller Dinge, er ist das strukturgebende Element unserer Wahrnehmung und Erfahrung sowie gleichsam ihre Voraussetzung, ähnlich wie der rohe Stein für die Kunst des Bildhauers. Ist Materie mit Substanz gefüllter Raum, so ließe sich die Sprache als mit Bedeutung erfüllter Raum verstehen. Letzterer bedeutet gemäß Derrida gleichzeitig unsere Welt als Summe alles Vorstellbaren, da wir keinen außersprachlichen Zugriff auf außersprachliche Phänomene besitzen. Alles, was uns umgibt, sind diskursive Konstrukte.

Dieser Logik zufolge ahmen wir stets mimetisch nach und machen uns zu Eigen, was keinen Zugang zu absoluten, wahrhaften Entitäten darstellt, sondern selbst nur immer verweisenden Charakter hat: Begriffe. Sie sind konstruiert von anderen, von Menschen vor unserer Zeit, Menschen mit unbekanntem Horizont, einem uns fremden Herz und Verstand. Wie also kommen wir auf die Idee unser Innerstes ausdrücken zu können mit Worten, die nicht wir hervorgebracht haben haben? Eine Sprache als die unsere zu bezeichnen, obwohl die Worte nur eines über Jahrhunderte gewachsenen Kodexes entliehen sind?

 

 

Aus aktuellem politischen Anlass stellt sich die Frage, was das Zusprechen einer Identität bezweckt, was sie beweisen und was damit gewonnen sein soll. Wer bin ich, wer sind Sie? Ist es nicht paradox, im Wandel begriffene, individuelle Wesen absolut und authentisch bezeichnen zu wollen mit einzelnen, allgemein gebräuchlichen Worthüllen, die nie die Entität in ihrer Gesamtheit erfassen, geschweige denn ihr gerecht werden könnten?

Vielleicht ist es einen Versuch wert, das Konzept der Identität durch die Erzählung zu ersetzen, um uns einander verständlich zu machen und näher zu bringen. Denn: „Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen“, so Gabriel García Márquez. Erzählungen geben der experimentellen Vernunft Raum, darin ist Platz für so etwas wie eine persönliche Sprache, für Färbungen und Nuancen, für Rede-Wendungen im wahrsten Sinne.

Der inflationäre Gebrauch des Ausrufungszeichens, der auch die sogenannten Qualitätszeitungen erreicht hat, ist laut Varatharajah ein Zeichen für ein mangelndes Vertrauen in die Kraft der Sprache. Wenn der Schriftsteller redet, senkt er häufig den Blick und lässt ihn verweilen in der Leere vor sich. Nur selten richtet er ihn auf und sieht seinem Gesprächspartner in die Augen. Warum? Weil er auf diese Weise die Sprache für sich wirken lassen möchte und seinen Worten dadurch mehr Bedeutung verleiht, als wenn er sie mit Gestik oder Mimik unterstreichen würde. Unsere Körper sind begrenzt, wodurch auch der physischen Berührung Grenzen gesetzt sind. Die Sprache aber vermag es, diese Grenzen zu überwinden und tief zu berühren, dessen ist er sich sicher.

 

 

Im Oktober steht als weiteres Erkenntnis- und Kommunikationsmedium die Kunst im Mittelpunkt einer Denkwoche. Auch sie macht sichtbar, was zuvor unsichtbar war. Der französische Romanist Joseph Joubert bemerkte einst, dass Sprache Malerei für das Ohr ist und „Zeichnen ist Sprache für die Augen“. Angeleitet von Louis und Ilana Lewitan wollen wir mit kreativen Techniken dem gelingenden Leben auf die Spur kommen und dabei der artificial intelligence die artistic intelligence entgegnen. Die künstlerische Intelligenz nutzbar machen für Veränderungsprozesse im Privaten oder im Beruf sowie schöpferisch tätig werden, um Blockaden zu lösen und den Kopf zu befreien – das ist das Ziel. Mehr Informationen und Anmeldung unter https://bit.ly/2FZs5jW. Es gibt noch freie Plätze.

Schließlich möchten wir mit den Worten Georges Perecs an Folgendes erinnern:

Die Welt breitet sich vor uns aus „nicht als eine immer wieder neu zurückzulegende Strecke, nicht als ein endloser Lauf, eine unaufhörliche Herausforderung, nicht als der einzige Vorwand für eine trostlose Anhäufung, auch nicht als Illusion einer Eroberung, sondern als Wiederbegegnung mit dem Sinn, die Wahrnehmung einer Handschrift der Erde, einer Geographie, von der wir vergessen haben, dass wir ihre Schöpfer sind.“

15 Jul

Arabische Weindichtung

Anton Welp ist Stipendiat während der letzten Denkwoche gewesen. Er hat seine Masterarbeit über mamlukische Weindichtung geschrieben. Ein Thema, das nicht nur zur vergangenen Denkwoche zur Geschichte (Was macht sie mit uns, was machen wir mit ihr?), sondern auch zur anstehenden Begegnungswoche zur Sprache (Begegnung mit Senthuran Varatharajah) passt. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!

 

بذلت عقلي صداقاً حين بت به

أزوّج ابن سحاب بابنة العنب

Ich habe meinen Verstand als Brautgabe gegeben, als ich beschloss,

den Sohn der Wolken mit der Tochter der Trauben zu vermählen.

Ṣafī ad-Dīn al-Ḥillī (~1340 A.D.)

 

Es sind Gedichte voller Lebensfreude. Bisweilen klingen sie euphorisch, manche sind derb, andere hintergründig und subtil. Viele bestechen durch ihre sprachliche Finesse, bedienen sich komplexer Stilmittel, die sich so manches Mal nur mit großer Mühe erschließen lassen. Die Weindichtung der Mamlūken, einer Dynastie in den Gebieten des heutigen Ägypten und Syrien, ist eine Freude für alljene, die etwas für Lyrik und guten Wein übrig haben.

Die Beschäftigung mit dieser Art Dichtung aus dem 13.-16. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung ist auch deshalb so kurzweilig, da sich die beschriebenen Situationen häufig gut nachempfinden lassen. Es wird schlicht jedes Detail beschrieben. Was der Trinkende empfindet, was er sieht und was er tut. Vieles hat sich offensichtlich nicht geändert und ist über Kulturräume hinweg vielen Menschen gleich. So mag es verwundern oder auch belustigen, dass das gepflegte Betrinken auf speziell dafür vorgesehenen Schiffen, die sich langsam den Nil hinauf und hinab bewegten, eine überaus beliebte Freizeitbeschäftigung war.

Vieles erinnert stark an das ritualisierte Zusammenkommen im griechischen Symposion. Das Lagern im Kreis, das Herumreichen des Trinkbechers, die Unterhaltung durch Musikanten oder durch Tanz. Auch ein Schenk gehörte zum Inventar eines anständigen „Maǧlis aš-Šurb“ (gesprochen Madschlis asch-schurb) der Trinkerrunde.

In einer Gesellschaft honoriger Personen, die sich zum ausdauernden Trinken trafen – es wird von Gelagen über mehrere Tage hinweg geprahlt – war es Usus, in regelmäßigen Abständen zur anspruchsvollen Unterhaltung beizutragen. Beliebt war das Rezitieren von Gedichten, launigen Anekdoten oder Scherzen. Um auch zu weiteren Zusammenkünften eingeladen zu werden, war also eine gründliche Vorbereitung auf diese Treffen nötig – es sei denn, man besaß hohe Bildung und Schlagfertigkeit.

Neben aller Unterhaltsamkeit ist die Weindichtung auch ein wertvolles Genre für sozio-historische Erkenntnisse über das Alltagsleben der Menschen dieser Zeit. Das ist bei der mamlūkischen Dichtung aus dem Grunde der Fall, da sich das Literaturschaffen in dieser Ära gewandelt hatte.

War die Literatur zuvor nahezu ausschließlich als Herrscher- oder Prophetenlob das Produkt elitärer Kreise, die von professionellen Autoren verfasst wurde, verbreitete sich das literarische Schaffen von nun an unter dem Volk und wurde ein beliebtes Kommunikationsmittel. Es wurde zur Mode, über Alltägliches zu schreiben und die eigenen Gedichte an Gleichgestellte zu richten – ein völlig neues Phänomen.

Auf diese Weise erfahren wir aus erster Hand Authentisches über die damaligen Lebensumstände, da nun auch der Metzger über seinen Berufsalltag sinnierte und seinen Freund, den Tischler in einen literarischen Wettstreit verwickelte. Thematisch gab es hierbei kaum Grenzen – Naturbeschreibungen, Kindertotenlieder, Liebesgedichte (hetero- wie homosexuelle) und eben auch jene Weingedichte.

Der oben vorangestellte Vers stammt aus einem Weingedicht des verehrten Literaten Ṣafī ad-Dīn al-Ḥillī und ist ein schönes Beispiel für den „klassischen“ Aufbau arabischer Lyrik, der für alle Genres gleichermaßen gilt. Einige Merkmale bleiben mit Blick auf den arabischen Text nämlich immer gleich.

Jeder Vers ist aufgeteilt in zwei Halbverse, durch die das Gedicht strukturiert wird, was hier durch den Absatz dargestellt wird. Dazu kommt auch noch ein Reim. Wie im Deutschen – pauschaliert – wird der Reim durch die Schlusssilbe des letzten Wortes im zweiten Halbvers kreiert.

Als drittes und letztes Merkmal wird der Tonus des Gedichts durch ein Metrum bestimmt. Diese Metren sind zum Teil komplex und ihre Identifizierung stellt häufig eine große Herausforderung dar.

Diese drei Charakteristika bilden also das Gerüst – alles andere ist variabel. Zu Anschauungszwecken eignet sich der Folgende Vers. Wie im Schriftarabisch üblich, in der Dichtung jedoch keineswegs selbstverständlich, beginnen beide Sätze respektive Halbverse mit dem Verb. Obacht, wir beginnen von rechts!

 

بذلت عقلي صداقاً حين بت به

أزوّج ابن سحاب بابنة العنب

Ich habe meinen Verstand als Brautgabe gegeben, als ich beschloss,

den Sohn der Wolken mit der Tochter der Trauben zu vermählen.

 

In den rot markierten Verben wird die Person und die Zeitform festgelegt. Neben diesem grammatischen Detail erfahren wir aber noch etwas Entscheidendes zur Trinkpraxis des Weines. Durch die Metapher der Vermählung des Wassers („Sohn der Wolken“) mit dem Wein („Tochter der Traube“) wird deutlich, dass der Wein, wie in der römischen Antike auch, mit Wasser verdünnt getrunken wurde.

Zudem erleben wir eine Gefühlsregung des lyrischen Erzählers, die sich häufig ablesen lässt. Es macht sich ein schlechtes Gewissen breit, überhaupt zum Wein gegriffen zu haben. Natürlich steht dem Alkoholgenuss das koranische Verbot entgegen, dennoch ist die Begeisterung ob der Freuden des Weintrinkens zu groß für die Abstinenz.

Diesen inneren Zwiespalt aufzuspüren ist nur einer von vielen guten Gründen, sich mit der Kultur des Weintrinkens in der arabischen Welt des Mittelalters zu beschäftigen. Wem dieser kurze Beitrag eine Anregung zu weiterführender Lektüre zu diesem Thema ist, dem sei an dieser Stelle das wunderbare Buch „Weinstudien“ von Peter Heine aus dem Jahr 1982 ans Herz gelegt. Ein Buch voller interessanter Randgeschichten und amüsanter Räuberpistolen.

Von Anton Welp

08 Jul

Fébus und sein internationaler Klassiker

Das nahe Orthez ist nicht allein als Austragungsort von Stierkämpfen, sondern auch als Residenzstadt des berühmtesten aller Fürsten der Vizegrafschaft Béarn bekannt. Dieser Herr trug den landesüblichen Namen Gaston und in Anlehnung an Phoebus Apollon den Beinamen ‘Fébus’. Mit Apollon soll Gaston III., Graf von Foix (1331-1391) Statur und Erscheinungsbild geteilt haben.

Neben seinem aristokratischen Äußeren pflegte er auch eine aristokratische Leidenschaft. Seine Nachwelt kennt den Grafen von Foix vor allem als Jäger und Verfasser eines reich bebilderten Buches über die Jagd. Als Vorläufer von Fébus kann Friedrich II. (1194-1250), römisch-deutscher Kaiser aus dem Haus Hohenstaufen genannt werden. Friedrich hatte seinem Hobby der Falkenjagd ein eigenes Werk gewidmet und damit unter Beweis gestellt, dass sich seine Kompetenz nicht auf dem Gebiet der Königsherrschaft erschöpfte.

Friedrich II. in einer Abschrift von De arte venandi cum avibus

Sein Buch, schon der Titel De arte venandi cum avibus verrät es, ist auf Lateinisch veröffentlicht worden . Damit folgte er der ungeschriebenen Regel und bediente einen kleinen und exklusiven internationalen ‘Buchmarkt’. Gaston hingegen, wie seine italienischen Zeitgenossen Dante Alighieri, Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio, folgte einem Trend und zog mit dem Französischen der lingua franca des Lateinischen eine Volkssprache vor.

Bemerkenswert ist, dass auch Gastons Schriftsprache nicht seiner Landessprache entsprochen hat. Im Herrschaftsgebiet des Grafen wurden vor allem gaskognische Dialekte wie das regionale Béarnaisisch gesprochen. Jean Froissart, berühmter Chronist des ‘Hundertjährigen Krieges’, lobt deswegen Gastons gutes Französisch: “comme [Gaston] me vit, me fist bonne chere et me dist en riant en bon françois que bien il me congnoissoit, et si ne m’avoit oncques mais veü.” (Paris mss. fr. 2670-2671, Folio 10 v)

46 Handschriften seines ‘Livre de Chasse’sind über Jahrhunderte bewahrt worden. Eine davon befindet sich heute in der Morgan Library.  Ihr vormaliger Besitzer war ein berühmt-berüchtigtes Königspaar. Philipp II. und Isabella von Spanien haben im wertvollen Manuskript ihr Familienwappen in prächtigen Farben hinterlassen und bezeugen damit, welche Wertschätzung dem Buch des Fürsten lange nach seinem Lebensende entgegengebracht worden ist.

Als ich meinen Eltern den Bergfried der Burg von Orthez zeigte und erwähnte, “hier soll der berühmte Gaston Fébus geboren worden sein”, ergänzte mein Vater nur trocken: “Ah, der Verfasser des livre de chasse“. Ich war verblüfft und nicht weniger, als er erklärte, er habe ein Faksimile dieses Buches in Hannover von seinem Doktorvater geschenkt bekommen.

Hiermit ist also bewiesen: Gaston III. von Foix hat im 14. Jahrhundert in Orthez und Umgebung einen internationalen Klassiker verfasst. Ein Grund für die erstaunliche Langlebigkeit seines Werkes mögen die detailreichen, teils informativen Miniaturen gewesen sein, mit denen seine Bücher illustriert worden sind.

Eine weitere Handschrift (Ms. 27) befindet sich in der Getty Collection.  In ihr finden wir schöne Beispiele der spätmittelalterlichen Bauchmalerei:

Folio 50v: zwei Jäger beim Fährtenlesen, Gaston Senior und Junior?

Folio 97: die Jäger und ihre Hunde haben eine Wildkatze umkreist

Folio 82: Nicht nur die Wildkatze, auch der Bock ist riesenhaft dargestellt worden. Kein Wunder, dass ein Jäger mit Felsbrocken nach ihm wirft!

Folio 61v: Eine Jagdgesellschaft hat den Hirsch mit Hilfe von Treibern gestellt.

Folio 46: Wussten Sie schon, dass Hundehütten im Mittelalter noch mit eigenen Kaminen ausgestattet waren?

Folio 60v: “Un pique-nique (pluriel pique-niques) ou piquenique est un repas champêtre, pris en plein air.” (Wikipedia)

 

Folio 3: Eigentlich am Anfang des Buches, in diesem Beitrag am Ende – Gaston Fébus diktiert seinem Schreiber das livre de chasse. Die übergroßen Brillengläser des Gelehrten geben dem Bild die Dimension einer Karikatur.

Von Clemens Zentek

05 Jul

Ist unsere Sprache noch zeitgemäß?

Am Anfang haben wir keinen Begriff von der Welt. Erst die Sprache gibt uns einen Zugang zu den Fixpunkten und ihren Beziehungen zueinander, geformt durch soziale Interaktion. Sprache ist unsere Schnitstelle zur Außenwelt. Ohne eine gemeinsame Sprache haben wir keinen Zugang zur Welt und die Welt keinen Zugang zu uns. Wenn wir unsere eigene Lebensgeschichte in die frühesten Lebensjahre zurückgehen, scheint die Sprache schon immer da geswesen zu sein. Als hätten wir vorher nicht exisitert. So kommt das Erreichen der Sprachfähigkeit einer zweiten Geburt gleich, einer Geburt aus der Isolation der Sprachlosgikeit in das Miteinander der Mündigkeit im sozialen Gefüge.

Doch weder wir, noch die Welt, die wir durch unsere Sprache zu erfassen versuchen, werden morgen die gleichen sein wie heute, sind wir doch schon heute nicht mehr die gleichen, die wir gestern waren. So muss sich auch die Sprache, die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenwelt, ständig weiterentwickeln. Denn folgt man der These der Linguistischen Relativität, dann ist die Art und Weise wie wir denken, stark durch die semantische Struktur – Grammatik und Wortschatz – unserer Muttersprache geprägt. Fehlen uns die Worte, wird unsere Sicht auf die Dinge eingeschränkt. Ausgehend von dieser Annahme adressieren Alicia Escott und Heidi Quante in Ihrem öffentlich partizipativen Kunstwerk „The Bureau of Linguistical Reality“ den Mangel an passenden Wörtern, um unsere Welt im Wandel zu begreifen. Mit einem Ruf nach Wortneuschöpfungen, die unsere Erfahrungen in der Gegenwart und die Wechselwirkungen unserer Umwelt treffend beschreiben, wollen sie zu einem besseren Verständnis unserer Lebensumwelt im Wandel beitragen. Ein Wandel, der sich am besten mit dem Begriff des Anthropozän beschreiben lässt, übrigens auch so eine umstrittene Wortneuschöpfung.

Ich freue mich schon sehr darauf, als Stipendiat die Denkwoche „Sprache im Wandel“ zu begleiten und gemeinsam die Grenzen der Sprache, die Grenzen der Welt zu verschieben.

Von Kurt Bille

 

07 Jun

Eine kleine Landeskunde I: Der Course Landaise in Orthez

Für regionale Verhältnisse ist Orthez groß zu nennen. Die Stadt hat einen eigenen Bahnhof und ist dadurch an Bordeaux angebunden. In ihrer Arena kann der Course Landaise bewundert werden.

Es handelt sich dabei um eine Form des ‘unblutigen’ Stierkampfes, welche bereits von Mittelmeervölkern des Altertums praktiziert worden ist. Im Gegensatz zu den teilnehmenden Menschen besteht für den Stier keine ernsthafte Verletzungsgefahr. Er wird von den Gehilfen des unbewaffneten ‚Stierkämpfers‘ mit einem langen Stock getriezt, rennt sodann auf seinen Gegner zu, der inmitten der Arena stehend wartet.

Die Équipe d’Orion hat einen Stierkampf in Orthez besucht und für spannend befunden. In der letzten Runde kam ein beeindruckendes Tier in den Ring, das seinem menschlichen Gegner mehr als ebenbürtig war. Zum Repertoire des kampferprobten Stieres gehörte das Antäuschen eines Ansturmes, also klassische psychologische Kriegsführung.

Zwei Mal ließ sich der menschliche Widersacher in den Sand fallen, um Schlimmstes zu verhindern, und das Tier ließ Gnade walten. Es trampelte ‚nur‘ über den Unterlegenen hinweg. Einmal erwischte der Stier den Menschen, der mit einer blutigen Schramme davonkam. So viel zum Thema ‘unblutiger’ Stierkampf.

Es gibt zwei Gattungen von ‚Stierkämpfern‘. Ein Escapeur versucht, seinem Angreifer im letzten Moment mittels geübter Hüftdrehung zu entweichen. Der Reiz besteht darin, sein Manöver möglichst knapp erscheinen zu lassen.

Ein Sauteur springt aus dem Stand oder mit Anlauf über die anstürmende Lebensgefahr hinweg. Diese Form des Ausweichens ist besonders spektakulär.

Wie alt diese Praxis ist, zeigt eine Wandmalerei, die im Palast von Knossos (Kreta) gefunden worden ist. Die Darstellung des Sauteurs gehört zu den beliebtesten Bildmotiven der sogenannten ‘minoischen’ Kultur, als deren Zentrum der Palast von Knossos angenommen wird.

Wer mehr über die antike Version dieses Stierkampfes lesen möchte, findet hier einen reich bebilderten Text (PDF auf Englisch).

Von Clemens Zentek

 

 

 

 

 

14 Mai

Was macht Geschichte mit uns?

Im vorigen Beitrag wurden anhand von Beispielen älterer und jüngerer Geschichtsinterpretationen verschiedene Anschauungen von Geschichte vorgestellt. Die Absicht war es, zu demonstrieren, dass unterschiedliche Weltanschauungen auch mit völlig verschiedenen Anschauungen unserer Vergangenheit einhergehen können.

In diesem Beitrag wollen wir durch ein anderes Beispiel zeigen, wie verschiedene Betrachtungen von Geschichte auch zu unterschiedlichen Betrachtungen unserer Gegenwart und Zukunft führen können. Wir hoffen, Sie dabei auf einen in der deutschen Öffentlichkeit vernachlässigten Bestandteil der gesamteuropäischen Geschichte aufmerksam zu machen, der interessante Implikationen für unsere Gegenwart und Zukunft hat.

Nebenbei möchten wir zeigen, dass die Identifikation der eigenen Vorfahren mit berühmten Helden aus längst vergangenen Zeiten im antiken und mittelalterlichen Europa weit verbreitet gewesen ist. Fast alle diese Helden kamen ursprünglich nicht aus demjenigen Land, in welchem sie sich letzten Endes niederlassen konnten. Dies kann einer noch nicht abgeschlossenen Debatte über das ‘Einwanderungsland Deutschland’ gegenübergestellt werden.

 

Deutschland Einwanderungsland

Nicht selten geht es in unseren Tagen um die Fragen, wer oder was eigentlich zu Deutschland oder Europa gehört und wer oder was nicht. Über die Zweckmäßigkeit dieser Fragen möchten wir uns nicht auslassen.

Hier ist für uns allein bemerkenswert, dass sie regelmäßig mit Argumenten aus der Schatztruhe der Geschichte beantwortet werden sollen. So resümiert Karl-Heinz Meier-Braun, der Herausgeber eines Buches mit dem knappen Titel Deutschland Einwanderungsland:

“Wir haben das wieder einmal geschaftt!“ Das könnte eigentlich im Herbst 2016 die Schlagzeile sein, nachdem die sogenannte „Flüchtlingskrise“ einigermaßen bewältigt wurde. … Von 1,1 Millionen Flüchtlingen war lange Zeit die Rede, die 2015 ins Land gekommen sein sollen. Vor ähnlichen Herausforderungen durch die Zuwanderung hatte das Land bereits verschiedene Male gestanden, beispielsweise als nach dem Zweiten Weltkrieg rund 12,5 Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene Zuflucht in Westdeutschland fanden. Oder als seit Mitte der 1950er-Jahre Millionen von sogenannten „Gastarbeitern“ ins Land geholt wurden, die es zu integrieren galt. In der aufgeheizten Debatte der letzten Monate geriet dies alles genauso in Vergessenheit wie auch die Tatsache, dass bereits Anfang der 1990er-Jahre rund eine halbe Million Asylanträge gestellt wurden. Fünf Millionen Spätaussiedler wurden im Laufe der Jahre aufgenommen. Die Beispiele zeigen: Deutschland ist schon seit langem ein Einwanderungsland, auch wenn das immer mal wieder in Frage gestellt wird.

Das Zitat stammt aus dem Jahr 2016. Andere Menschen sind anderer Auffassung.

800px-Wien_Bellaria_Kebab_Pizza_Dez2006

2014 ließ der Geschichtslehrer und Politiker (Mitglied der ‘Alternative für Deutschland’) Björn Höcke durch einen Pressesprecher folgende Aussagen verbreiten:

„Deutschland ist kein Einwanderungsland. Daher darf auch die Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme von ernstzunehmenden Politikern keine Unterstützung erfahren. Diese Haltung der AfD ist Ausdruck gesunden Menschenverstandes.“

Recht hat er damit, dass Deutschland bisher nicht als ‘klassisches Einwanderungsland‘ gilt.

Ein offensichtliches Problem hat sein Argument dennoch: Wenn Björn Höcke nicht behaupten möchte, dass die Bevölkerung Deutschlands  wie eine Pflanze aus ‘deutschem’ Boden erwachsen ist, dann sollte er auch zugeben, dass sie von irgendwoher eingewandert sein muss.

 

Tacitus:  Germanen waren Migranten

Was heute ‘deutsch’ genannt wird, das hat nicht mehr viel mit jenen Germanen zu tun, welche der Römer Tacitus im 1. Jahrhundert n. Chr. beschrieben hat.  Viel schreibt er diesem Volk zu, was in seinen eigenen Ohren einen guten Klang gehabt hätte. Eines behauptet er dabei nie: Dass die Germanen seit Menschengedenken in Germania ansässig gewesen wären (Tacitus, Germania, 2f).

Ihm zur Folge seien sie mit Schiffen über das Meer gekommen. Auch wussten sie seinerzeit noch Geschichten über berühmte Männer der späten Bronzezeit zu erzählen: Herkules ebenso wie Ulixes (Odysseus) sei “bei ihnen” (apud eos) gewesen und letzterer als Stadtgründer und Namensgeber von Asciburgium am Rheinufer in Erinnerung geblieben.

20151030_Syrians_and_Iraq_refugees_arrive_at_Skala_Sykamias_Lesvos_Greece_2

Rom wurde von einem Flüchtling gegründet, aber nicht an einem Tag erbaut.

Es steht geschrieben, dass die Irrfahrt eines Zeitgenossen des Odysseus im heutigen Italien endete, wo dieser Flüchtling aus Troja Städte gründete. Sein Name war Aeneas. Er wird seit der Antike als Urahn für zentrale Figuren der Weltgeschichte in Anspruch genommen.

Im Gegensatz zu Odysseus gehörte er nicht zu den Angreifern, sondern zu den Verteidigern seiner Heimatstadt. Auch wenn ihm in bestimmten Quellen Komplizenschaft mit dem Feind unterstellt worden ist, zählt Aeneas nichtsdestoweniger unter diejenigen Geflüchteten, die ihre Heimatstadt durch den Krieg verloren hatten.

Die berühmtesten drei Nachfahren dieses trojanischen Fürsten sind Romulus, Remus und Caius Iulius. Über die beiden Brüder ist Aeneas Ahnherr der ‘Ewigen Stadt’. Über Caius Iulius ist er Urvater Caesars, nach dem sich römische Potentaten sowie deutsche Monarchen seit Karl dem Großen ‘Kaiser’ genannt haben.

 

Franken als geflüchtetes Volk

Dieser letztgenannte Kaiser Karl war zugleich König der Franken. Nach diesem berühmten Volk ist nicht nur eine deutsche Region, sondern auch das ganze Frankreich benannt. Die Geschichtswissenschaft kennt sie als kriegstüchtige Sippschaft mit umstrittener Vergangenheit.

Ein als ‘Fredegar’ bekannter Chronist seines Volkes lebte lange vor dem Kaiser und Frankenkönig Karl. Er ist der erste uns bekannte Autor, der den Franken trojanische Herkunft zugeschrieben hat. Seine Chronik gibt in zweifacher Form wieder, wie die Franken aus dem Mittelmeerraum fliehen und sich schließlich am Rhein niederlassen.

Die ältere Version dieser ‘Migrationsgeschichte’ behauptet: Der Fall Trojas bedeutet zugleich den Anfang der Franken und der Römer. Wie Aeneas der Stammvater der Römer sei, so stammen die Franken von seinem Bruder Friga, dem Nachfolger des trojanischen Königs Priamus, ab.

Obendrein betont der Chronist, dass es eine Zweispaltung im Volk gegeben habe. Der fränkische Teil sei nämlich phrygischer, während der andere Teil makedonischer Herkunft sei. Nach einer Teilung wandert der makedonische Teil in sein Stammland und baut sein Volk zu einer gewaltigen Kriegsmacht aus.

Flüchtlinge zwischen Serbien und Ungarn

Der fränkische Teil irrt – durch Odysseus getäuscht – mit Frauen und Kindern durch fremde Gegenden und wählt schon auf der Wanderung den kampferprobten Francio zu ihrem Anführer. Von seinem Namen leiten sich die Franken ab.

Schlussendlich gelangt der Tross an den Rhein, wo sich die Franken niederlassen und, da sie auf der Wanderung herbe Verluste verbüßt haben, nur noch Herzöge zu ihren Herrschern wählen – in der anderen Version versucht der Chronist diese Siedlung am Rhein zu lokalisieren. Er spricht von einem zweiten Troja am Rhein.

 

Fazit

Laut antiken und mittelalterlichen Quellen ist ‘deutsches’ Land als ‘Einwanderungsland’ zu klassifizieren. Nicht nur Germanen, sondern auch Franken beriefen sich auf eine eigene Migrationsgeschichte.

Wesentlicher Bestandteil ihrer Geschichten waren Ereignisse rund um den Trojanischen Krieg. Hierunter zählen nicht nur die Taten des berühmten Aeneas, sondern auch die Erlebnisse des gerissenen Odysseus, der laut ‘Fredegar’ böswillig Einfluss auf die fränkische ‘Fluchtroute’ genommen hatte und laut Tacitus als Stadtgründer im Rheinland tätig war.

Aus dieser Perspektive betrachtet wäre es verwunderlich, falls an einem so zentralen Ort des Frühmittelalters wie Corvey nie eine Abbildung seiner Person gefunden worden wäre. Auch ein Exkurs in die Weiten der Theologie ist dann nicht mehr zwingend notwendig, um die ‘rätselhafte’ Wandmalerei von Corvey verständlich zu machen.

Welche Implikationen haben solche alten Geschichten für unsere Zukunft?

Unter Berücksichtigung tagesaktueller Ereignisse können alte Migrationsgeschichten europäischer Familien und Völker von Neuem ausgewertet werden. Die antiken ‘Migrationsrouten’ eines Aeneas, eines Odysseus oder des Volkes der Franken ähneln den Wegen zeitgenössischer Migranten nicht nur augenscheinlich. Auch die Härten und Schwierigkeiten, die sie auf ihrem Weg in eine bessere Zukunft durchstehen mussten, finden Entsprechungen in unserer Zeit.

Wenn auf Gefahren hingewiesen wird, die sich aus der Migration aus anderen Kulturkreisen ergeben können, dann können die Erzählungen aus der Vergangenheit belegen, wie unsere eigene Kultur aus Migration ganzer Völkerscharen erwachsen ist. Das meinten zumindest ‘die Alten’.

Europäer können in ihrer eigenen Migrationsgeschichte einen wesentlichen Bestandteil des historischen Bewusstseins wiederentdecken und sich auf diese Weise einfacher mit Geflüchteten unserer Tage identifizieren lernen.

Von Philipp Kutsch und Clemens Zentek

In einem Monat, vom 10. bis zum 16. Juni 2018 wird in Chatêau d’Orion erstmals eine eigenständige Denkwoche zur Geschichte stattfinden. Zimmer sind noch frei und wir freuen uns auf Ihre Anmeldung!

In der Auseinandersetzung mit dem Referenten Friedemann Scriba von der HU Berlin werden wir uns an zwei Leitfragen orientieren: Was macht Geschichte mit uns? Und was machen wir mit ihr?
20 Apr

Was machen wir mit der Geschichte?

Vom 10. bis zum 16. Juni 2018 wird in Chatêau d’Orion erstmals eine eigenständige Denkwoche zur Geschichte stattfinden. Zimmer sind noch frei und wir freuen uns auf Ihre Anmeldung!

In der Auseinandersetzung mit dem Referenten Friedemann Scriba von der HU Berlin werden wir uns an zwei Leitfragen orientieren: Was macht Geschichte mit uns? Und was machen wir mit ihr? Anhand von Beispielen älterer und jüngerer Geschichtsinterpretationen möchte ich in diesem Text verschiedene Anschauungen von Geschichte vorstellen.

Es ist nicht einfach, genau zu sagen, seit wann in Europa Geschichte aufgeschrieben worden ist. Häufig wird, um eine eindeutige Bestimmung des Überlieferten vornehmen zu können, zunächst eine Unterscheidung in mythographische und historiographische Texte getroffen.

Mythographisch sind z. B. die Texte von all jenen ‚Göttern‘, die uns Menschen zum Erschrecken ähnlich sind. Hierzu zählen auch die berühmten Schriften der griechischen Poeten Homer und Hesiod.

Historiographisch wären dann allein diejenigen Texte, welche ohne übernatürliche Wesenheiten und Ereignisse ausgekommen sind und deren Wirklichkeitsanspruch demnach wenig angezweifelt wird.

Nicht jeder, der sich mit mythographischen Texten auseinandergesetzt hat, hat sie sogleich als wertlose Fiktion von der Hand gewiesen. Als Beispiele aus der Antike möchte ich die beiden Sizilianer Diodoros und Euhemeros vorstellen.

Nach letzterem ist eine eigenständige Denktradition bezeichnet: Als ‚Euhemeristen‘ werden jene Autoren zusammengefasst, die in ‚den Göttern‘ keine transzendenten Entitäten (zu vergleichen mit dem Gott Abrahams), sondern lediglich verdienstvolle Menschen wiedererkennen wollen. Solche hervorragenden Menschen seien posthum, aus Dankbarkeit oder als Respekterweis, auf den Olymp erhoben und darüber hinaus mit übernatürlichen Kräften in Verbindung gebracht worden.

Diodoros schrieb seine ‚Historische Bibliothek‘ Jahrhunderte nach Euhemeros‘ Tod. In seinen Schriften stellte er verschiedene Versionen derselben Ereignisse und unterschiedliche Lebensbeschreibungen derselben Persönlichkeiten nebeneinander. Einige davon sind als mythographisch, andere eindeutig als historiographisch klassifizierbar. Unbenommen davon bleibt, dass sehr viele Texte der Antike sowohl mythographische, als auch historiographische Elemente aufweisen.

Allein auf Grundlage vorhandener mythographischer Elemente auf den ‚fiktionalen‘ Charakter eines vollständigen Textes zu schließen, verspricht also keinen Zugewinn. Dieses Vorgehen führt nur dazu, einen beträchtlichen Teil der Überlieferung a priori für jegliche historische Untersuchung auszuschließen.

Wie gewinnbringend das Gegenteil sein kann, hat der ‚Schatzsucher‘ Heinrich Schliemann unter Beweis gestellt. Schliemann liebte Homers Poesie und glaubte fest an den ‘wahren Kern’ der teils phantasievollen Schilderungen seines Lieblingspoeten.

Sophia_schliemann

Sophia Schliemann mit einem Gehänge aus dem sogenannten ‘Schatz des Priamos’

Er wurde dafür mit unsterblichem Ruhm belohnt, indem er das sagenumwobene Troja freilegte. Und dennoch tobt um die Geschichtlichkeit sowie die Ausmaße des Trojanischen Krieges bis zum heutigen Tag eine unentschiedene Schlacht unter Historikern, Altphilologen und Archäologen.

Kennen Sie den Schweizer Erich von Däniken? Auch Däniken könnte als Euhemerist bezeichnet werden. Seine bekannte Arbeitshypothese fasste er 2015 in einem Interview mit dem SZ-Magazin zusammen:

„Vor vielen Jahrtausenden landeten Außerirdische auf der Erde. Unsere Vorfahren waren Steinzeitmenschen, die hatten keine Ahnung von Technik. Sie meinten irrtümlich, die Außerirdischen wären Götter. Die sogenannten Götter haben – ähnlich wie die Ethnologen heute – ein paar Stämme studiert, ein paar Sprachen erlernt, ein paar Ratschläge erteilt, dann sind sie wieder verduftet. Allerdings mit dem Versprechen, in einer fernen Zukunft wiederzukehren.“

gizeh-2272008_640

Wie Euhemeros‘ ‚Göttern‘ ist auch den ‚Göttern‘ von Däniken jegliche Transzendenz abhold. Nicht verdienstvollen Menschen, sondern leibhaftigen Außerirdischen seien mehrere längst verwelkte Blüten der Menschheitskultur zu verdanken gewesen.

Während die Euhemeristen der alten Schule die ‚göttlichen‘ Kulturbringer unter der Erde ruhend verorteten, hat Däniken sie weit über das Himmelszelt erhoben. Seine prophetische Ahnung, die Außerirdischen hätten versprochen ‚in einer fernen Zukunft wiederzukehren‘, hat erstaunliche Parallelen mit dem abrahamitischen Weltbild, das auch ein bedeutender Religionsstifter des 19. Jahrhunderts verinnerlicht hatte.

Kennen Sie ihn? Joseph Smith war der erste Prophet der Mormonen und wartete auf die Wiederkehr des Messias. Er sei von einem Engel in mehreren Visionen heimgesucht und darin über den Fundort uralter Tafeln mit kryptischen Zeichen unterrichtet worden. Freundlicherweise assistierte ihm der Engel auch bei der Übersetzung. Heraus kam das Buch Mormon.

The_Hill_Cumorah_by_C.C.A._Christensen

Wie die Bibel ist auch das Buch Mormon eine Kompilation unterschiedlicher Schriften, welche verschiedenen Autoren und Entstehungszeiträumen zugeordnet sind. Die Schriften berichten von einer Landnahme Amerikas in vorchristlicher Zeit und erzählen die verschollene Geschichte der amerikanischen Ureinwohner. Deren Vorfahren seien Israeliten gewesen. Diese seien kurz vor der Babylonischen Gefangenschaft Israels aus dem Gelobten Land in ein anderes gelobtes Land – Amerika – geflohen. So steht es im Buch Mormon geschrieben.

Ein unerschütterter Schöpfungs- und Wunderglaube hat, ebenso wie seinerzeit populäre Spekulationen über den Verbleib der verlorenen Stämme Israels, die geistige Grundlage für die Akzeptanz seines Buches durch Zeitgenossen geboten. Im 20. und 21.  Jahrhundert sind es Science-Fiction-Popkultur, der Glaube an eine Zukunft der Menschheit im Weltall sowie die Evolutionstheorie, welche Dänikens Spekulationen über eine Vergangenheit im All genährt und für seine Anhänger plausibel gemacht haben.

Am Ende dürfen Sie sich selbst fragen: Gehören Sie zu einer dieser Schulen? Sind sie ein sachlicher Euhemeros oder ein unentschiedener Diodoros? Sind sie ein Science-Fiction-Historiker oder glauben Sie an Wunder, wie es einst Joseph Smith getan hat? Haben ‚alte Mythen‘ einen Wert oder war Schliemann nur ein Zufallsfund gelungen? Und finden Sie nicht auch, dass die Geschichte mehr Fragen als Antworten für uns parat hält?

Ich freue mich auf inspirierende Gespräche zu vielen solchen Fragen, wenn wir uns vom 10. bis zum 16. Juni in Chatêau d’Orion kennenlernen!

Von Clemens Zentek

Zur Seite der Denkwoche

13 Feb

Vom unüberbietbaren Wert der Gegenwart

Welche Vision von Europa wollen wir kultivieren?

 

In der aktuellen europäischen Krise folgen auf diese Fragen meist politische Überlegungen, es werden Werte wie Demokratie, Freiheit oder Gleichheit beschworen.

Beim Treffen des Freundeskreises Château d’Orion e.V. Anfang des Monats sprach Rudolf Lüthe dagegen über philosophische Aspekte der „Idee“ Europas und stellte eine Diagnose für die europäische Erkrankung: Das gegenwärtige Europa leidet entweder unter Nostalgismus oder unter Utopismus, unter einem existentiellen Maximalismus oder Minimalismus. Allzu oft sei diese Schizophrenie ursächlich für eine fehlende Wertschätzung der Gegenwart sowie eine selbstzerstörerische und reflexionsfreie Rastlosigkeit.

In seinem Vortrag, den wir erfreulicherweise hier teilen dürfen, skizziert Lüthe daher seine Vision von Europa als die Verwirklichung einer Kultur des rechtes Maßes:

 

05 Feb

Vom Blatt bis zur Wurzel

Angenommen, wir alle sind die Summe unserer Entscheidungen, wie der dänische Philosoph Søren Kierkegaard behauptete, so sagen unsere Vorsätze doch einiges über unser Wesen aus. Über unser Missfallen und unsere Ängste, über unser Sehnen und unsere Wünsche. Das, was wir uns entscheiden zu ändern oder auf den Weg zu bringen, wird auch uns verändern. Mit der Bestimmung Château d’Orions als Ort zum Denken und Sein war der Vorsatz verbunden, das Wesen der Dinge, die uns beschäftigen und umgeben, ganzheitlich zu durchdringen. Ein gehaltvoller Vorsatz, der etwas unkonkret erscheinen mag, denn wo sollen wir beginnen? Doch eben diese Offenheit verringert die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns und bietet zahlreiche kleine Gelegenheiten: Angefangen bei uns selbst, hin zu unserem Gegenüber und unserem Lebensraum.

Kürzlich sind wir auf ein Projekt aufmerksam geworden, welches unser Konsumverhalten in Bezug auf Nutzpflanzen in den Blick nimmt. Mit der Aktion Leaf to Root erinnert die schweizer Foodjournalistin Esther Kern an Pflanzenteile, die normalerweise keine Verwendung mehr in der Küche finden. Während das Bewusstsein für eine ganzheitliche Verwertung von Tieren nach der Schlachtung in den letzten Jahren gestiegen ist, war dies hinsichtlich Obst und Gemüse bislang kaum vorhanden. Es sind die jungen unkonventionellen und experimentierfreudigen Köche, welche die ganze Pflanze auf die Speisekarte bringen und damit Aufsehen erregen. So zum Beispiel Christoph Hauser, Küchenchef des Berliner Herz&Niere, oder René Redzepi, der mit dem Noma in Kopenhagen nicht nur den Preis für das weltbeste Restaurant erhielt, sondern auch eine neue nordische Küche begründete. Über drei Jahre hinweg hat der in Sauveterre-de-Béarn lebende Regisseur Pierre Deschamps die Entwicklungen begleitet und ein eingängiges Porträt des Spitzenkochs gezeichnet, welches Mitte des Monats im Salieser Kino sowie im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Daraus geht hervor, dass es um weit mehr als gutes Essen oder ehrenvolle Titel geht. Vielmehr haben wir es mit einer neuen KochKunst zutun, wie einst mit der Molekularküche, nur dass dieses Mal Ursprünglichkeit und Authentizität statt Verfremdung im Fokus stehen.

Leaf to Root ist heute nicht mehr eine Folge des Mangels, sondern eine Reaktion auf den Überfluss. Erst das macht die Bewegung zu einem Trend, weil sie nicht der Not gehorcht, sondern eine bewusste Antwort auf unsere Bedürfnisse als Konsumenten ist und zugleich einen Lösungsansatz für bestimmte, nicht zuletzt ökologische Probleme unseres Ernährungssystems“, so die Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler. Obwohl Nutzpflanzen länger frisch bleiben, wenn sie samt Wurzeln und Blättern eingelagert werden, bekommt der Endverbraucher diese Teile im Supermarkt nie zu Gesicht. Umso wichtiger wird der Kontakt zum Bauern des Vertrauens, unser herkömmliches Konsumverhalten taugt dem genannten Modell nicht mehr und erscheint regelrecht dekadent.

Vom Blatt bis zur Wurzel. Auf die Frage nach dem Warum gibt es viele Antworten: Zum einen bringt Exotisches aus der Region Abwechslung auf den Teller – unsere Gärtnerin Mélanie, die den Brokkoli geduldig und sorgsam aufgezogen hat, mag einen anderen Grund vorbringen. Der amerikanische Philosoph und Naturalist Henry David Thoreau sagte einmal: „Es ist nicht wichtig, was Du betrachtest, sondern was Du siehst.“ Leaf to Root funktioniert nach dem Prinzip des Sich-Interessierens für die ganze Geschichte, des Kennenlernens aller Aspekte. Sehen wir in einem Blumenkohlstrunk, Spinatwurzeln, Radieschenblättern oder Maishaar also etwas Essbares, so produzieren wir nicht nur weniger Abfall, sondern begeben uns gleichsam auf eine Entdeckungsreise.

Inspiriert von Esther Kerns Projekt, wollen wir das Prinzip Leaf to Root während der Wildpflanzen-Woche vom 22.-28. April 2018 mit Steffen Fleischhauer und Claudia Gassner ganz wörtlich nehmen. Und auch im übertragenen Sinne knüpfen wir daran an mit Denkwochen, in denen sowohl nach Ursachen als auch nach Konsequenzen gefragt wird, wie beispielsweise in der Woche zum Thema „Geschichte – Was macht sie mit uns, was machen wir mit ihr?“ mit Friedemann Scriba (10.-16. Juni 2018). Es wird nach Erkenntnissen gerungen und Denk- und Handlungsmuster werden spielerisch gelockert, um den Horizont zu erweitern. Schon Hegel wusste, „Das Wahre ist das Ganze“. Wird sich dem nicht wenigstens genähert, ist es ein bisschen so, als würde man eine Geschichte ohne Anfang erzählen und direkt mit dem Höhepunkt, der Pointe einsteigen.

Im Februar wird in Château d’Orion ein Gewächshaus als Erweiterung unseres Gartens entstehen, um künftig noch mehr Keime heranziehen und vollwertige Pflanzen verarbeiten zu können. Und wie lauten Ihre Vorsätze für 2018?

29 Jan

Ohne Herkunft keine Zukunft? oder Heute ist morgen bereits gestern

Eine Denkwoche über den Umgang mit Geschichte und ihren Wert

Es war kurz nach dem Abitur, als ich in Köln die Aufnahmeprüfung für die Journalistenschule absolvierte. Es wurden eine Menge Fragen zur Allgemeinbildung gestellt. Unter anderem sollten wir entscheiden, wie Geschichte zu betrachten sei – wertend oder neutral. Damals mit 18 und gerade aus der Schule, in der ich Geschichte so gut wie nicht beachtet hatte, war ich völlig überfordert mit dieser Frage. Bisher hatte ich dieses Fach eher ignoriert und mich durch kurzfristiges Auswendiglernen bis zum Abschluss gehangelt.

Wir interessierten uns damals mehr für das aktuelle Geschehen, die endlos weiten Schlaghosen, die beginnende Revolte der Studenten, Woodstock, und «Make love not war». Gut, das hatte auch etwas mit dem Vietnamkrieg zu tun und wir brüllten leidenschaftlich auf Demos gegen die USA. Aber haben wir auch verstanden, was wir da skandierten und warum?

Heute ist das alles längst bereits Geschichte, und wir blicken zurück, mit Wehmut und dem Wunsch zu begreifen. Trotz der täglichen Flut von Informationen bleiben viele Fragen. Es ist nicht zu leugnen, wir leben nach vorne und verstehen nur nach hinten.

Neulich wurde der Film «Hiroshima – wie Truman lernte die Bombe zu lieben», den ich vor 25 Jahren gedreht habe, noch einmal gezeigt. Erstaunlich wie aktuell das heute wirkt, wenn die Geschichte zweier Männer erzählt wird, die für den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima im Jahr 1945 verantwortlich waren: Der amerikanische Präsident und sein Außenminister.

Das Mitglied des Berliner Kollegs Kalter Krieg, der Historiker Prof. Dr. Bernd Greiner (https://www.berlinerkolleg.com/), spannte nach der Vorstellung klug den Bogen von damals bis heute. Er erklärte, unzählige – inzwischen weltweit – aufgestellte Sprengköpfe später, wie wir das aktuelle Geschehen bedenken sollen. Zudem berichtete der Wissenschaftler überraschend von Konzepten zur Konfliktmoderation aus Zeiten des Kalten Krieges, die nie zum Tragen kamen. Wohin sind sie verschwunden?

Offen gesagt, weiß ich nicht mehr, wie ich damals 1971 bei der Prüfung auf die Frage nach der Einschätzung von Geschichte geantwortet habe. Später jedoch habe ich mich vielfach gefragt, warum wir eigentlich nicht aus den Fehlern der Geschichte lernen. Es gibt dazu zahlreiche Antworten, aber sind sie auch befriedigend?

«Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt». Wenn Mahatma Ghandi das wirklich so gesagt hat, kann er nicht irren? Vielleicht reden wir schlicht nicht von einem unauslöschlichen Paradox, sondern von einer normativen Kraft des Faktischen, die von Menschen geschaffen wurde. Was von Menschen gemacht, kann von Menschen geändert werden.

Eine interessante Interpretation des Ghandi-Zitats, habe ich im Netz gefunden. Es ist ein Paul, der schreibt:

«Ihr habt Ghandi falsch verstanden. Was er meint ist: Jede historische Situation ist neu und einzigartig. Man kann aus der Geschichte nicht lernen, weil sie sich eben nicht wiederholt. Zu sagen, Geschichte wiederholt sich, weil Krieg und Frieden aufeinander folgen ist, als wenn man sagt dass alle Tage gleich sind, weil unweigerlich auf die Dunkelheit der Nacht die Helligkeit des Tages folgt. Man kann aus einem historischen Ereignis keine Lehre ableiten, wie man sich in dieser oder jener Situation Verhalten soll, weil jede Situation neu und einzigartig ist und man nur Fehler machen kann wenn man die Lehre aus einer anderen Situation auf die aktuelle anwendet, die zwangsläufig anders liegt.»

Warum also eine Denkwoche zum Thema «Was machen wir mit Geschichte und Geschichte mit uns?» Weil es uns nicht genug ist, rückwärts Geschehnisse zu bestaunen, weil wir Konstellationen entwirren wollen, um zu sehen, wer und was welche Rolle spielt, weil es die Veränderbarkeit von Mustern gibt und Momente der Wachsamkeit. Und vor allem, weil wir nie nur verantwortlich sind für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir lassen.

Deshalb folgen wir Friedemann Scriba, dem Referenten der Denkwoche (10.-16. Juni 2018), wenn er meint: «Wir brauchen Geschichte für die Zukunft – um Risiken rechtzeitig zu sehen und, um noch unerfüllte Hoffnungen wachzuhalten».

von Elke Jeanrond-Premauer