06 Mai

„Komm, erzähl mir Deine Geschichte!“

Lea Ransbach war im Sommer/Herbst 2018 Praktikantin in Château d'Orion. Sie hat an der Justus-Liebig-Universität Gießen Französisch und Philosophie studiert und bereitet derzeit ihre Promotion vor. Für ihre PhiLea-Kolumne auf unserem Blog setzt sie sich regelmäßig mit bedeutenden philosophischen Fragestellungen, Perspektiven und Persönlichkeiten auseinander. 

Vom 12. - 18. Mai 2019 findet im Château d'Orion eine Denkwoche zum Thema Storytelling - Kommunikation über Geschichten mit Ivan Engler statt.

Für eine Ethik der Narrativität mit Hannah Arendt

In drei Schritten

Wir alle werden im Laufe unseres Lebens mit der Frage „Wer bist du?“ konfrontiert – sei es, dass wir uns diese Frage selbst stellen, sei es, dass wir von einem Gegenüber dazu aufgefordert werden, auf diese Frage zu antworten. Wir sind geneigt, dann bestimmte Charaktereigenschaften aufzuzählen. „Ich bin jemand, der mutig, fleißig, vielseitig interessiert, zu streng mit sich selbst ist.“ Dabei listen wir sowohl Stärken als auch Schwächen auf, von denen wir glauben, dass sie auf unsere Persönlichkeit zutreffen. Vielleicht gehen wir dann noch so weit, dass wir uns über unseren Beruf, private Interessen, Familie und bestimmte soziale Gruppen definieren. Laut Hannah Arendt ist jedoch die einzige Antwort, die wir auf die Frage danach, wer wir sind, geben können, eine Geschichte, die wir über uns erzählen. Sie versteht Identität damit als narrative Identität, d.h. Identität konstituiert sich dadurch, dass wir eine Geschichte über uns erzählen. Diese ist nicht statisch, sondern entwickelt sich jederzeit weiter, kann sich darüber hinaus sogar ändern. Unter „Narrativität“ versteht Hannah Arendt das Erzählen von Lebensgeschichten. Ich vertrete die These, dass das Erzählen von Lebensgeschichten bei Hannah Arendt normativ verstanden wird. Das bedeutet, dass wir uns nicht einfach nur Geschichten über uns und andere erzählen – das scheint mir unbestreitbar, denn wir tun es täglich – sondern, dass es gewissermaßen eine Notwendigkeit dafür gibt, dass wir mit dem Geschichtenerzählen über uns und andere niemals aufhören sollten. Letztendlich, so meine Argumentation, handelt es sich um eine ethische Pflicht. In einem dreiteiligen Beitrag möchte ich für eine Ethik der Narrativität mit Hannah Arendt plädieren und diese anhand von drei erzählten Geschichten in Bezug auf die Identität von Flüchtlingen damals und heute beziehen.

In einem ersten Schritt gehe ich näher darauf ein, was das Geschichtenerzählen in Bezug auf unsere Identität leistet. Zweitens rekonstruiere ich Arendts Begründung für die ethische Pflicht des Geschichtenerzählens über uns und andere und in einem dritten und letzten Schritt plädiere ich für eine Ethik der Narrativität mit Hannah Arendt und zeige, warum eine solche Ethik für die Politische Philosophie, letztendlich aber auch für unser alltägliches Zusammenleben von großer Bedeutung ist.

Heute also, nehme ich mir den Begriff der narrativen Identität vor und möchte mich auf eine erste Erzählung, „Wir Flüchtlinge“, von Hannah Arendt beziehen. Das Erzählen von Geschichten hat viele Funktionen. Um nur einige zu nennen, die für die folgenden drei Beiträge von Bedeutung sind: Es dient uns dazu, Ereignisse über Generationen hinweg zu tradieren und zu erinnern. Es dient dazu, Dinge im Nachhinein besser zu verstehen und vergangene Geschehnisse zu bewältigen, möglicherweise sogar dazu, uns von ihnen zu erlösen. Das Erzählen von Geschichten stiftet Gemeinschaft und leistet einen wesentlichen Beitrag zu kollektiver Identität. Aber nicht nur das: Es konstituiert auch unsere jeweils einzigartige individuelle Identität.

Eine Auflistung von Eigenschaften ist für Hannah Arendt der verzweifelte Versuch, unser Wesen zu fassen, an dem wir immer scheitern werden. Das liegt vor allem daran, dass Hannah Arendt den Menschen in erster Linie als ein handelndes Wesen begreift. Der Mensch ist Mensch, in dem er handelt und indem er handelt, offenbart er, wer er ist. Dem Handeln aber wohnt ein Moment des Unvorhersehbaren inne. So gut ich eine Person auch kennen mag, letztendlich gelingt es mir niemals vollständig ihr Handeln vorauszusagen. Pluralität existiert nicht nur unter den Menschen, sondern auch innerhalb ein und desselben Menschen, weshalb eine Liste niemals vollständig sein kann.

Die Bedeutung des Geschichtenerzählens für die eigene Identität lässt sich besonders eindrücklich an folgendem Moment in unserem Leben aufzeigen: unser Tod. Mit Blick auf unseren eigenen Tod werden wir uns nämlich vermutlich fast alle folgende Frage stellen: Welche Geschichte(n) werden sich die Menschen über mich erzählen? An diesem Punkt in unserem Leben scheinen uns reine Eigenschaften nun auch nicht mehr auszureichen. Wir wollen mehr als das sein. Wir wollen, dass man sich an uns erinnert und zwar in Form von Geschichten – sowohl die großen als auch die kleinen. Und ich behaupte, dass diese eine Frage, die auch Hannah Arendt umtreibt, uns eigentlich unser ganzes Leben hindurch begleitet, sodass es in einigen Fällen sogar so weit kommen mag, dass Menschen ihr ganzes Leben nach einer bestimmten Geschichte ausrichten. Einige Menschen versuchen also ihre Geschichte genauso zu leben, wie sie hinterher erzählt werden soll. Das aber wiederum ist laut Hannah Arendt kaum möglich. Eine Geschichte lässt sich erst im Nachhinein erzählen, dann also wenn eine Handlung oder gar ein ganzes Leben zum Abschluss gekommen ist. Erst dann erschließt sich der Sinn und er ist für Außenstehende oft besser ersichtlich als für die Betroffenen selbst. Vielleicht liegt eine besondere Leidenschaft Arendts deswegen also darin, Lebensgeschichten anderer Menschen zu erzählen. Sie enthüllen, wer jemand war, halten einen Menschen in Erinnerung und können ihm in einigen Fällen möglicherweise sogar seine Würde zurückgeben, dann nämlich, wenn einem Menschen das wichtigste auf der Welt genommen wurde: sein Gesicht, seine Stimme und seine eigene Geschichte.

Eine Gruppe von Menschen, auf die dieses Schicksal zugetroffen und mit denen sich Hannah Arendt viel auseinandergesetzt hat waren die verfolgten Juden des 20. Jahrhunderts und die geflüchteten Menschen während des Zweiten Weltkriegs. Sie wurden nicht nur in politischer, juristischer und moralischer Hinsicht entrechtet und waren damit auf die nackte Tatsache des Menschseins zurückgeworfen, sondern ihnen wurde darüber hinaus das Einzige genommen, was ihnen noch geblieben war: ihre Individualität. Sie wurden von einer einzigartigen Person zu demJuden oder dem Flüchtling gemacht, der nur noch darüber definiert wurde, dass er Teil einer bestimmten Gruppe war. In „Wir Flüchtlinge“ schreibt Arendt: „Im Unterschied zu anderen Selbstmördern lassen unsere Freunde keine Erklärung ihrer Tat zurück, keine Beschuldigung, keine Anklage gegen eine Welt, die einen verzweifelten Menschen gezwungen hatte, in Wort und Tat bis zuletzt guter Laune zu sein. Sie lassen ganz gewöhnliche Abschiedsbriefe zurück, bedeutungslose Dokumente. Folglich sind auch unsere Grabreden kurz, verlegen und voller Hoffnung. Niemand schert sich um die Motive, denn die scheinen uns alle eindeutig zu sein.“ (S. 16 f.).

Das also war damals die eine Möglichkeit: Akzeptanz der eigenen Unsichtbarkeit und ein endgültiges Verwischen der eigenen Spur. Die andere Möglichkeit, die Hannah Arendt in ihrem Essay „Wir Flüchtlinge“ beschreibt, ist das Erfinden einer neuen Geschichte, in der Flüchtlingseinoder Judeseinkeine Rolle mehr spielte. Und Hannah Arendt? In ihrer Lessing-Rede schreibt Arendt, dass die einzig korrekte Antwort auf die Frage „Wer bist du?“ „Ein Jude.“ gewesen wäre – jedoch nicht, weil dies das Einzige war, was sie auszeichnete, sondern weil es eine politische Aussage gewesen wäre. Und so selbstbewusst dieser Ausspruch auch klingen mag, zählt sie sich doch auch zu dieser Gruppe von Flüchtlingen, die allzu gern als geduckte Dackel durch die Straßen schlichen und manchmal von ihrem damaligen Leben als Bernhardiner träumten. Was den Text „Wir Flüchtlinge“ so interessant macht ist, dass er ein erster Schritt dahingehend ist, den damaligen Flüchtlingen ihr wahres Gesicht wieder zu geben. Sie waren weder Unsichtbare oder „Niemande“ noch Patrioten ihres neuen Landes, die niemals etwas mit Deutschland am Hut hatten. Sie waren Juden oder Flüchtlinge, ja, aber was genau verbarg sich dahinter? „Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. Wir haben unsere Verwandten in den polnischen Ghettos zurückgelassen, unsere besten Freunde sind in den Konzentrationslagern umgebracht worden, und das bedeutete den Zusammenbruch unserer privaten Welt.“ ( S. 10 f.)

All das und noch viel mehr verbarg sich hinter der Unsichtbarkeit dieser Menschen oder der Fassade, die viele zu errichten versuchten. Hinter der politischen Antwort Hannah Arendts „Ein Jude.“ oder auch „Ein Flüchtling.“ verbarg sich somit eine ganze Erfahrungswelt, die weit bis in das persönliche Leben eines jeden eindrang. Hannah Arendt deckt in ihrem Text „Wir Flüchtlinge“ die Fassade auf und zeigt das wahre Gesicht dieser Menschen, auch wenn sie hier noch immer „nur“ als Teil einer Gruppe von bestimmten Menschen gesehen werden. Das spezifische Potential dieser Geschichte über ein Kollektiv besteht darin, dass sie Mut macht, zu seiner eigenen Geschichte zu stehen. Hannah Arendt setzt diesen Impuls, indem sie sich bewusst als Teil dieser „Wir-Gruppe“ zählt und in diesem Zuge sowohl ihre eigene Stimme und Geschichte durchdringen lässt als auch anderen eine Stimme leiht, die entweder bereits verstummt sind oder es gezwungenermaßen verlernt haben, von ihrer eigenen Stimme Gebrauch zu machen.

Nächste Woche möchte ich daher auf eine weitere, aktuelle Erzählung eingehen, die genau auf diesen Impuls reagiert.

 

Arendt, Hannah: Wir Flüchtlinge, Ditzingen: Reclam Verlag, 2016, 6. Auflage

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