04 Feb

Kann die Philosophie Europa heilen? Oder: Warum wir zu bescheidenen Träumern werden sollten

Andreas Kuhnlein, Sisyphos, 2015
© Andreas Kuhnlein

 

Ein Kommentar zu Prof. Dr. Rudolf Lüthes Plädoyer für eine Kultur des rechten Maßes

Lea Ransbach war im Sommer/Herbst 2018 Praktikantin in Château d'Orion. Sie hat an der Justus-Liebig-Universität Gießen Französisch und Philosophie studiert und bereitet derzeit ihre Promotion vor. Für ihre PhiLea-Kolumne auf unserem Blog setzt sie sich regelmäßig mit bedeutenden philosophischen Fragestellungen, Perspektiven und Persönlichkeiten auseinander. 

Wir freuen uns über diesen Diskussionsanstoß zum Thema der vom 22.-28. September 2019 stattfindenden Denkwoche mit Prof. Dr. Rudolf Lüthe und laden herzlich ein zum gemeinsamen, weiterführenden Nachsinnen in Orion.

Europa ist krank, so die Diagnose. Was wir dagegen tun können? Uns der (griechischen) Philosophie zuwenden, so der Vorschlag. Was Europa laut Prof. Dr. Rudolf Lüthe auszeichnet, ist nicht nur die Idee von Demokratie, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, sondern auch die Idee einer Kultur des rechten Maßes. Insbesondere diese letzte Idee ist in Europa zunehmend in Vergessenheit geraten. Europa ist nun gespalten zwischen denjenigen, die Lüthe Nostalgiker nennt, und denjenigen, die er als Utopisten bezeichnet. Sie sind entweder in einen existentiellen Minimalismus oder in einen existentiellen Maximalismus verfallen. Die einen sehnen sich nach alten Zeiten zurück, die anderen sehnen sich nach dem „ganz großen Ziel“: vollkommene Gerechtigkeit, totale Freiheit, absolute Gleichheit, die ideale Demokratie. Die einen geben sich mit dem zufrieden, was sie haben und wollen bloß nichts riskieren. Die anderen bekommen nie genug. Beiden scheint gemeinsam zu sein, dass sie an einer Sehnsucht erkrankt sind – einer Sehnsucht nach etwas, was sie nie erreichen werden. Nun schlägt uns Rudolf Lüthe vor, dass wir unsere Sehnsucht zwar nicht begraben, aber dennoch etwas dämpfen sollten. Unsere Sehnsucht sollte realistischer werden, indem wir sie auf etwas richten, was wir tatsächlich erreichen können – eine Kultur des rechten Maßes. Aber ist das überhaupt möglich? Schließen sich Sehnsucht und Mäßigung nicht von vorne herein gegenseitig aus? Kann Sehnsucht realistisch sein? Ich vertrete die These, dass sie es nicht kann und halte doch in Teilen an dem fest, was Rudolf Lüthe sagt.

Um uns darauf zurück zu besinnen, was es überhaupt bedeutet, eine Kultur des rechten Maßes anzustreben, wendet sich Lüthe der griechischen Mythodologie zu. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: die Figur des Sisyphos, die auch in Camus‘ Konzeption des Absurden eine illustrierende Rolle spielt. Sisyphos, der dazu verdammt ist, bis zum Ende seines Lebens einen Stein einen Abhang nach oben zu rollen, der jedes Mal aufs Neue wieder herunter rollen wird, gibt weder auf, noch denkt er mit jedem Mal, dass es ihm dieses Mal gelingen wird, denn dieser Wunsch und die damit einhergehende Enttäuschung würden ihn vermutlich spätestens nach dem zehnten Mal rücklings den Abhang herunterfallen lassen. Er gibt sich seinem Schicksal einfach hin und macht weiter.

Insbesondere dieses Beispiel scheint mir nicht gut gewählt zu sein, um eine Kultur des rechten Maßes zu veranschaulichen. Genauer betrachtet ist für mich Sisyphos nämlich einer der größten Utopisten überhaupt. Zum einen gerade weil er einfach weiter macht und damit die Absurdität hinnimmt – wem gelingt das schon? Und zum anderen, weil er vermutlich nicht jedes Mal denkt, dass es jetzt endlich so weit ist und der Stein oben liegen bleibt, aber doch, weil er irgendwo die große Sehnsucht hegt, dass es ihm eines Tages vielleicht eben doch gelingen wird. Und es ist in seinem Fall gerade der Utopismus, der ihn am Leben hält.

Mir persönlich ist beim Lesen von Lüthes Plädoyer ein anderer Philosoph eingefallen, der nur ganz kurz und nicht explizit genannt wird. Auch er steht in der Tradition des griechischen Denkens. Aristoteles ist in der Philosophie der Denker des rechten Maßes. Auf ihn geht die bekannte Mesoteslehre (mesotes = Mitte) zurück. Laut Aristoteles lebt derjenige gut, der im Laufe seines Lebens bestimmte Tugenden ausbildet. Tugenden sind ihm zufolge eine Mitte in Bezug auf Handlungen und Affekte. Die Tugend der Tapferkeit ist das rechte Maß zwischen Tollkühnheit und Feigheit. Die Tugend der Freigiebigkeit ist das rechte Maß zwischen Verschwendung und Geiz. Derjenige lebt demnach gut, der ein Gespür für das rechte Maß hat. Nun scheint die Sache mit dem Gespür leider nicht so einfach zu sein. Auch von Aristoteles wünschen sich die meisten eine genaue Anleitung derjenigen Tugenden, die es zu erwerben gilt und einen Beipackzettel, wie sie zu erwerben sind. Aristoteles Tugenden gedankenlos für das eigene Leben zu übernehmen wäre jedoch auch gefährlich. Tapferkeit ist eben gerade nicht immer das rechte Maß, genauso wenig wie Freigiebigkeit. Hinzu kommt die rechte Zeit, die richtige Situation, die eigene Verfasstheit und vieles mehr zu bestimmen. Nur derjenige ist tapfer, der seine eigene Verfasstheit und die Situation, in der er sich befindet, richtig einschätzen kann. Und das, so sagt auch Aristoteles, kann letztendlich nur jeder selbst.

Ist somit nicht auch Aristoteles, der Denker der Mitte, schließlich ein Utopist? Können wir von jedem einzelnen Menschen verlangen, dass er sich all diese Gedanken macht? Und noch mehr: Lüthe schlägt vor, dass wir eine mögliche Heilung von Europa in einer philosophischen Reflexion auf die gemeinsamen philosophischen Traditionen Europas finden können. Aber können wir erwarten, dass alle, sowohl Nostalgiker als auch Utopisten, an dieser Reflexion Anteil nehmen? Leider nein.

Die Sache mit dem rechten Maß scheint ins Leere zu laufen. Das rechte Maß kommt nicht ohne etwas Utopie aus. Auch wenn wir vollkommene Gerechtigkeit, totale Freiheit, absolute Gleichheit und die ideale Demokratie vielleicht nie erreichen werden, so helfen uns diese möglicherweise utopischen Vorstellungen doch, uns vor Augen zu führen, wo wir hinwollen. Genauso hilft der utopische Wunsch Sisyphos, dass er jeden Tag weitermacht und Aristoteles‘ Tugenden geben uns Anhaltspunkte dafür, wie wir gerne sein möchten. Sehnsucht kann nicht realistisch sein, sondern muss, und wenn auch nur ein bisschen, über das hinausgehen, von dem wir sowieso wissen, dass wir es erreichen können. Sehnsucht wäre witzlos, wenn sie maßvoll wäre.

Und doch scheint mir an der Idee einer Kultur des rechten Maßes etwas dran zu sein. Weder die Nostalgiker noch die Utopisten werden Europa vorantreiben, wenn sie unter sich bleiben und sich darin in ihrem Zuwenig oder Zuviel bestärken. Ich möchte Rudolf Lüthes Plädoyer für eine Kultur des rechten Maßes daher ergänzen: Vielleicht stimmt es, dass uns die Philosophie eine Rückbesinnung auf das rechte Maß ermöglicht. Aber die philosophischen Ideen erhalten ihre leuchtende Kraft erst dann, wenn sie von den Philosophen nach außen getragen werden und auch die Nicht-Philosophen beginnen, sich dafür zu interessieren. Genau darin scheint mir die eigentliche Kunst und vielleicht ein Heilmittel für Europa zu liegen: Philosophen und Nicht-Philosophen, Politiker und Ökonomen, Nostalgiker und Utopisten müssen miteinander sprechen. Vielleicht gelingt uns dann wieder eine Kultur des rechten Maßes, wenn diese unterschiedlichen Lager sich in der Mitte treffen und damit anfangen, sich untereinander auszutauschen.

Leider gilt auch hier: es mutet utopisch an. Aber was wären wir ohne unsere (bescheidenen) Träume?