17 Dez

Geschichte – und was sie mit uns macht

Zu sozialistischen Zeiten gab es einen Witz: „Was ist im Sozialismus am wenigsten vorhersagbar? – Antwort: Die Vergangenheit.“

Auch wenn dieser Witz auf die absichtsvolle politische Instrumentalisierung von Geschichte in sozialistischen Regimen anspielt, sagt er etwas über den Umgang mit Geschichte überhaupt aus: Die Sicht auf die Vergangenheit ist immer daran gebunden, wie Rückblickende ihre Gegenwart erleben und dann auf Vergangenes zurückblicken. Wohlbefinden oder Verletzung bestimmt das Interesse mit dem wir z.B. auf Familiengeschichte zurückblicken und Erzählungen sowie Auslassungen unserer Vorfahren sortieren. Wir wollen uns in unserer Haut wohlfühlen. Größere Kollektive machen es ähnlich und definieren sich auch durch gemeinsam geteilte Erzählungen. Nicht selten entstehen diese gemeinsamen Erzählungen durch Streit und Diskussion, wie Debatten über den Stellenwert von NS-Vergangenheit oder DDR-Vergangenheit im öffentlichen Bewusstsein der Bundesrepublik zeigen.

Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert, als in Europa die uns heute vertraute Geschichtswissenschaft mit Quellenorientierung und Objektivitätsgebot entstand, versuchen sich die oft neuen Nationalstaaten über Geschichte zu definieren: So verstand sich z.B. das 1918 wieder erstandene Polen als notwendige Erfüllung einer durch die Geschichte, die frühere Existenz Polens zwischen Mittelalter und den Teilungen im Gefolge der Französischen Revolution gestellten Aufgabe. Auch Helmut Kohl hängte sich nach eigener Aussage an den Mantel der Geschichte, als er 1989/90 die weltpolitische Situation für seine Politik der „Wiedervereinigung“ Deutschlands nutzte. Kurzum: Die Ergebnisse wissenschaftlich erforschter Geschichte stehen immer in einer Wechselbeziehung zu uns Menschen mit ihren Interessen, Passionen, Ängsten und Identitäten.
Mit Blick auf Familiengeschichte, auf Darstellung in Museum und Gedenkstätten, auf Literarisierung in Autobiographien, aber auch auf den mehrfach historisch geprägten Ort Château d’Orion selbst spürt die Denkwoche solcherlei Fragen nach – und klärt unser Verhältnis zu Geschichte und Geschichtskultur. So weit, so vorhersehbar….

Diese Denkwoche war außergewöhnlich – nicht nur, weil die Vergangenheit nicht vorhersagbar war, sondern der Verlauf der Denkwoche. Die Wasserfluten der langwierigen Starkregen Mitte Juni ließen nicht nur die Köchin auf dem Heimweg im Auto fast ersaufen (sie musste die Nacht auf einer überschwemmten Straße im Auto verbringen und konnte sich erst am Morgen danach befreien), sondern stellten das Ideal des idyllischen Denkens im epikureischen Garten (alias Schlossterrasse mit Pyrenäenblick) massiv in Frage – auch wenn die Höhenlage des Schlosses das Risiko der Überflutung für uns gering hielt. Doch die Nachbarorte, z.B. das Städtchen Salies de Béarn, litten unter den Fluten, die sich mit 1,80 m durch die Straßen schoben und alles, was sich in Kellern und Erdgeschossen befand, unbrauchbar machten; der mit dem Château vertraute Gemüsehändler konnte seinen wenige Monate zuvor eröffneten Laden komplett abschreiben. Statt zu denken, hat die Denkwoche am Tag nach den Fluten geholfen, den Laden leerzuräumen. Die Wirklichkeit holte das Denken ein – zumal es in der örtlichen Presse hieß, die letzte Flut dieser Größenordnung habe es in den frühen 1950er Jahren gegeben. Wiederum: Geschichte als Bezugspunkt, um die Dimensionen eines gegenwärtigen Naturereignisses zu bemessen. Wenn wir alles von der Denkwoche vergessen haben werden – dieses Ereignis wird in Erinnerung bleiben….

Außergewöhnlich war es auch zu erleben, mit welcher Mentalität die Aufräumarbeiten betrieben wurden. In die schweigende, bedrückte und langsame Geschäftigkeit der Bewohner und Helfer beim Ausräumen ihrer Habseligkeiten mischte sich um 12.15 der Herold des Bürgermeisters mit der Aufforderung, sich nun auf Einladung der Kommune in die Mehrzweckhalle zum Essen zu begeben. Technisches Hilfswerk und Feuerwehr parkten dort, Einwohner und Helfer gesellten sich zu Hähnchen, Baguette und Wein aus 5-Liter-Schläuchen. Wir kamen zu spät – und harrten eine Weile auf die versprochene nächste Lieferung, um dann mit teutonischer Ungeduld ein hochgelegenes Restaurant mit Vorgarten anzusteuern: Man reichte Baguettes mit feinsten Käse-, Chèvre- und Salami-Belägen, bald erschienen die Karaffen roten Weines, auch der Espresso nach dem Mittagessen durfte nicht fehlen. Entspannte Kontakte zwischen Einheimischen und Teutonen auf den Bänken vor dem Lokal. Was macht la France profonde in der Katastrophe? Essen und Trinken wie eh und je…. Mentalitäten entstehen langfristig, und stabilisieren in unvorhergesehenen Situationen. Auch das ist Geschichte…. Doch die Überraschung am Schluss der Mittagspause, als man zur Begleichung der Rechnung die Kreditkarte zückte: C’est gratuit….

Merci beaucoup – innerhalb einer Denkwoche, die sich veranlasst sah, die Welt vor Ort in unvorhergesehener Weise tätig in Augenschein zu nehmen.
Ein Rückblick von Friedemann Scriba.