01 Okt

Ist Kunst politisch?

„Ich mag es nicht, wenn Leute sagen, Künstler machen mit ihren Werken eine politische Aussage“, sagte Marie-Hélène eines Abends während eines gemeinsamen Essens. „Und was sagst du zu Dadaismus?“, war die Gegenreaktion. „Natürlich sind Künstler politische Menschen, so wie wir alle. Aber Künstler und ihre Werke müssen getrennt voneinander betrachtet werden.“ So nah liegen Kunst, Politik und Philosophie also beieinander und so vielfältig waren die Erlebnisse und Gespräche während der Malwoche und Kunstreise mit Marie-Hélène, Künstlerin und Kunstpädagogin in Karlsruhe.

Marie-Hélène hat unsere Teilnehmerinnen zunächst für eine Woche praktisch-künstlerisch begleitet. „Wege zum Bild, von der Skizze zum Großformat“ war das Thema und so haben sich die acht Frauen langsam vorgetastet: Angefangen bei kleineren Ausschnitten wie einem Stück Rinde eines Baumes oder einem Teil des Blätterwerks hin zu größeren Bildern auf Leinwänden, auf denen jede ihre eigenen Eindrücke des Ortes festhielt. Für einige war dies der Ausblick auf die Berge, der sich jeden Tag je nach Sonne, Wolken und Nebel verändert hat. Für andere war es die Grange mit ihren roten Fensterläden. Für eine Teilnehmerin war es eine weiße Kuh und eine andere malte, beinahe in mysteriöser Voraussicht, den rot-lila-gelb schimmernden Himmel, den wir am letzten Abend der Malwoche nach der Vernissage zu sehen bekamen. Château d’Orion war in dieser Woche die reinste Wonne für Künstler. Mitten im Indian Summer erstrahlten Haus und Umgebung jeden Tag aufs Neue in ganz unterschiedlichen herrlichen Farben, die sich auf eine Weise vermischten, wie sie es nur einmal im Jahr tun. Für Menschen, deren leidenschaftlichstes Handwerk der Umgang mit Farben ist, also die besten Voraussetzungen.

Die acht Frauen arbeiteten teils drinnen teils draußen, gingen ihren eigenen Projekten nach, taten sich jedoch in dieser Woche auch für ein gemeinsames Projekt zusammen. Neben Kunst, Politik und Philosophie spielte nämlich auch die Musik in dieser Woche eine wichtige Rolle. Am späteren Nachmittag wurden die Künstlerinnen gerne vom einzigen Mann in der Runde auf dem Flügel begleitet. Ein anderes, in die Jahre gekommenes Klavier, das in Château d’Orion seit Langem ruht, erstrahlte wiederrum in ganz neuem Glanz. Es entstand die Idee, dieses alte Klavier gemeinsam zu bemalen. Es wurde dem Kontext der Musik also für eine Weile beraubt und der Kunst einverleibt. Dekontextualisierung – wenn das nicht moderne Kunst ist. Jede der Teilnehmerinnen griff sich eine Farbe und malte drauf los. Um das Klavier herum tanzen nun schwarze Schemen auf buntem Untergrund. „Na das ist doch fast schon eine politische Aussage!“, sagte Elke also an besagtem Abend und so sind wir wieder bei der Frage nach Kunst und Politik angekommen.

Das Verhältnis zwischen Kunst und Politik hat uns auch während der anschließenden Kunstreise beschäftigt. An den drei darauffolgenden Tagen ging es nicht mehr darum, selbst künstlerisch tätig zu werden, sondern sich auf die Suche nach Kunst in der Region zu begeben. Der Ausgangspunkt dieser Reise war das Béret, die allseits bekannte Baskenmütze. Geschichte und Geschichten ranken sich um die Entstehung und Herkunft der tellerartigen Kopfbedeckung mit dem Nippel. Marie-Hélène hat ihre Diplomarbeit über das Béret geschrieben und uns im Gespräch mit Jean-Marc Terrasse einen Überblick über Mythos und Wahrheit der französischen Legende gegeben. Mir persönlich sind insbesondere drei Fakten bezüglich des Bérets im Gedächtnis geblieben. Erstens, die Art und Weise, wie ein Béret getragen wird, z.B. schräg, über beide Ohren gezogen oder platt am Hinterkopf, verrät etwas über den Charakter einer Person. Zweitens, obwohl das so ist, ist das Béret im Grunde unpolitisch, denn es wurde über die Geschichte hinweg sowohl von Vertretern rechter als auch linker Lager als Markenzeichen getragen. Drittens, die runde Form des Béret ist eine Form, die sich im Baskenland sowie in verschiedenen Kontexten oft wiederfindet. Am darauffolgenden Tag wurde in diesem Sinne das Béret-Museum in Nay sowie eine der letzten Béret-Manufakturen in Oloron-Sainte-Marie besucht.

Die runde Form und das Politische haben sich schließlich am letzten Tag im baskischenMuseum in Bayonne wiedergefunden. Wir haben dort die sehr empfehlenswerte Sonderausstellung „1966, GAUR. L’art basque sous le franquisme“ besucht. GAUR war eine Gruppe von acht baskischen Künstlern, darunter auch Eduardo Chillida, die 1966 ihre erste Ausstellung hatte und sich nach nur vier Jahren der Zusammenarbeit wieder trennte. Zu dieser Zeit herrschte Franco, der Spanien zu seinem alten herrschaftlichen, traditionellen und katholischen Glanz verhelfen wollte und die baskische Tradition unterdrückte. Diese Gruppe hingegen wollte die baskische Kultur wieder stark machen. Sie verfolgten zwei Ziele: zum einen wollten sie die Kunst modernisieren und zum anderen wollten sie eine baskische Künstlerschule errichten. Die runde Form tauchte bei dem ein oder anderen wieder auf, war sie doch eines derjenigen Motive, die Bestandteil der baskischen Kultur waren. Eine Zeit lang hatten z.B. auch die Grabsteine eine runde Form mit Sockel, die die Sonne repräsentieren sollte.

Es gelang diesen Künstlern leider nicht, eine eigene baskische Schule zu errichten. Wie so oft, kamen persönliche Konflikte innerhalb der Gruppe dazwischen. Dennoch finden wir ihre Werke auch heute noch in unterschiedlichen Kontexten wieder und nach dem Tod von Franco wurden manche ihrer Motive genutzt, um den Sieg zu feiern. Einige der großen Skulpturen finden sich heute in San Sebastian, aber auch in verschiedenen deutschen Städten wieder.

Und nun zurück zur Ausgangsfrage: Hat die Künstlergruppe GAUR politisch gehandelt? Sie haben sich mit ihrer Kunst nicht unmittelbar an Franco gerichtet. Sie gingen einfach ihren Zielen nach und wurden dabei glücklicherweise wenig von Franco gestört, da dieser sich mehr für Architektur, denn für Kunst interessierte. Trotzdem waren ihre Ziele, in diesem historischen Kontext, politische Ziele. Nicht die Rückkehr zu den Traditionen, die Franco forderte, sondern Modernismus. Nicht die Unterdrückung der baskischen Kultur, sondern deren Förderung. Hier musste auch Marie-Hélène einlenken: „Wenn Kunst eine Reaktion auf derartige Ereignisse ist, dann mag sie politisch motiviert sein. Was ich nicht mag ist, wenn Künstler sich hinsetzen, sich ein Thema überlegen und sich dann fragen, was male ich denn jetzt, um über dieses Thema etwas aussagen zu können? Es geht nicht immer um die Aussage, sondern meist nur um das Kunstwerk selbst.“

Für die Frage, ob Kunst politisch sei, lässt sich also sowohl positiv als auch negativ argumentieren. Es war weder meine Absicht, hier eine Antwort darauf zu geben, noch war es das Ziel unserer Malwoche und Kunstreise. Aber zweifelsfrei fasst diese Frage die rund zehn wundervollen, anregenden und spannenden Tage sehr gut zusammen, denn so oft es um die Kunst ging, so oft ging es auch um Politik, wenn wir abends an dem großen Tisch zum Essen zusammenkamen. So hat Marie-Hélène vielleicht recht, wenn sie sagt, natürlichseien auch Künstler politische Menschen wie wir alle. Aber manchmal malen sie eben auch einfach nur die Rinde eines Baumes oder das grüne Blätterwerk und der Beobachter begnügt sich lediglich damit, darüber zu staunen, wie unterschiedlich jeder Künstler Rinde und Blätter wahrnimmt.

 

Von Lea Ransbach

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