31 Aug

Was hat Montaigne uns heute noch zu sagen?

Lea Ransbach absolviert zurzeit ein Praktikum in Château d'Orion und hat an der letzten Denkwoche teilgenommen. Sie hat Französisch und Philosophie studiert und ihren Schwerpunkt dabei auf die praktische Philosophie gelegt. Ihre Sicht auf Michel de Montaigne, den die meisten Philosophen lieber als Schriftsteller denn als ihresgleichen bezeichnen würden, schildert sie im folgenden Beitrag. Viel Spaß beim Lesen!

 

„So bin ich selber, Leser, der einzige Inhalt meines Buches.“, schreibt Montaigne im Vorwort seiner Essais. Mutig? Innovativ? Provokativ? Oder vielmehr selbstverliebt und überheblich? Mit dieser Frage und damit mit der Frage danach, wer dieser Montaigne eigentlich war, sind wir in unsere Lesewoche mit Michel de Montaignes Essais eingestiegen. Gleich zu Beginn waren die Meinungen über diesen Montaigne also zwiegespalten. Die einen hielten ihn für überaus mutig und modern, die anderen waren skeptisch und ließen sich auch über die Woche hinweg nur schwer von ihm überzeugen.

Auch wenn Montaignes Versuch, sich selbst darzustellen, etwas narzisstisch anmuten mag, so lässt sich doch nicht leugnen, dass ein derartiges Unterfangen im 16. Jahrhundert durchaus etwas Neues darstellte. Modern ist es auch insofern, als der Rückbesinnung auf uns selbst heute wieder verstärkt ein positiver Wert beigemessen wird. Mehr noch: wer sich in seinem Leben nicht hin und wieder auf sich selbst besinnt, sei es durch eine Reise auf dem Jakobsweg, eine Reise allein durch Südost-Asien, einen Meditations- oder Achtsamkeitskurs, eine Entschlackungskur oder durch sonstige vielfältige Angebote, geht eigentlich nicht mit der Zeit, sprich: ist eigentlich unmodern. Die Angebote zur Besinnung auf das eigene Ich in unserer heutigen Zeit lassen sich natürlich durchaus kritisch hinterfragen. Dienen all diese Angebote wirklich einer Rückbesinnung auf uns selbst oder sind sie vielmehr weitere Freizeit-Angebote, die wir schnell hintereinander konsumieren. Schlimmer noch: die Meisten müssen sich vermutlich sogar noch dazu zwingen, für eine Schweige-Woche ins Kloster zu gehen. Aber was tun wir nicht alles, um von anderen bewundernde Blicke zugeworfen zu bekommen? „Eine Woche Schweigen im Kloster? Wirklich? Ich glaube, ich würde das nie schaffen…“ Und wir senken schmunzelnd den Blick: „Ja, leicht war es nicht. Aber ich habe es ausgehalten und so viele neue Dinge über mich gelernt.“Aushalten. Das trifft es vielleicht heute viel besser. Wir gehen den Jakobsweg häufig nicht mehr, um zu uns selbst zu finden, sondern um sagen zu können: „Ich habe es geschafft. Ich bin ganz alleine den Jakobsweg gelaufen.“ Sollten wir unsere Zeit nicht lieber mit spaßigeren Dingen zubringen?

Heutzutage strebt also alles danach, sich selbst zu entdecken und gleichzeitig scheinen alle verlernt zu haben, wie das eigentlich geht oder was das eigentlich bedeutet. Ja, was bedeutet es denn, sich selbst zu finden? Für Montaigne bedeutet Rückzug zunächst einmal tatsächlich räumlichen Rückzug von allen öffentlichen Angelegenheiten. Immer wieder tauchte in unseren Gesprächen das Bild des Turms auf, in den sich Montaigne für lange Zeit zurückgezogen hatte, allein umgeben von Büchern. Der „Elfenbeinturm“ sagen wir heute und meinen damit eigentlich immer etwas Negatives. Jemand, der für sich alleine forscht und scheinbar glaubt, er habe alleine, ohne den Einfluss anderer Menschen, die größten Einfälle und erschaffe alleine die größten Werke. Die Anderen sind ein Störfaktor und er schaut hoch erhoben von seinem Turm herab. Gilt das auch für Montaigne? Auch hier teilten sich die Meinungen. Immerhin, das muss man Montaigne lassen, hat er auch eine lange Zeit seines Lebens dem öffentlichen Leben und der Politik gewidmet. Man könnte also durchaus vermuten, so sagten einige, dass er einfach mal seine Ruhe haben wollte und weit weg vom Trubel seines Alltags über sich und das Leben nachdenken wollte. Aber was genau meint Montaigne nun, wenn er sagt, er möchte sich selbst darstellen, sich selbst finden und entblößen? Was finden wir denn, wenn wir eine Schicht nach der anderen lösen und schließlich splitternackt dastehen? Nun, Montaigne jedenfalls scheut sich nicht davor, auch seine Darmbeschwerden öffentlich darzustellen.

Trotz aller Bedenken lässt sich auch hier wieder sagen, dass Montaignes Gedanken einen Funken Wahrheit enthalten und insbesondere für unsere heutige Zeit ihre Berechtigung haben. Der Trubel des Alltags, der Montaigne möglicherweise in die Einsamkeit trieb, hat sich heute noch mindestens verdreifacht. Nicht nur, dass wir in der Politik Schwierigkeiten haben, bei all dem Trubel überhaupt noch durchzublicken. Wir werden zusätzlich von allen Seiten mit allen möglichen Informationen regelrecht zugeschüttet. Und was tun wir, wenn wir dann mal einen Moment der Ruhe genießen könnten? Wir scrollen ein wenig auf unseren Smartphones. Ruhige Momente werden also heute als nerviges Warten empfunden, das man irgendwie „rumkriegen“ muss. Es ist also durchaus interessant, sich mit Montaigne die Frage zu stellen, wie wir uns wieder auf uns selbst besinnen können und ob wir aus dieser Einsamkeit – oder doch eher Verlassenheit? – nicht wieder neue Kraft ziehen können.

Montaignes Essais erinnern an ein buntes Kaleidoskop. Er sammelt Eindrücke und schildert diese – oft zu Ungunsten des Lesers – zusammenhanglos. Bereits ein Ausschnitt aus seinem Reisetagebuch führte uns dies in aller Deutlichkeit vor Augen. Er springt von der Beschreibung technischer Installationen über die Beschreibung der zu seinem Leidwesen angeblich unschönen Frauen in Augsburg hin zur Beschreibung der Reinlichkeit der Deutschen. Diese Eindrücke werden vermischt und manchmal findet sich ein einzelner Satz über Augsburger Frauen inmitten eines Absatzes über die Beschreibung der Einrichtung einer Herberge. So schwer seine Essais oft zugänglich sind, desto mehr verraten sie uns jedoch bereits etwas über seine Vorstellung von der Wirklichkeit. Sie ist kein kohärentes Gebilde, das sich für jeden von uns auf gleiche Weise offenbart. Wir nehmen ausschnittsweise wahr, reihen in unserer je eigenen Logik assoziativ aneinander und erleben häufig Widersprüche. Insbesondere das Erleben von Widersprüchen und die Betonung der Natürlichkeit und Wichtigkeit von Widersprüchen, haben uns die ganze Woche über begleitet. Es gibt nicht Einsamkeit bzw. Alleinsein auf der einen und Geselligkeit auf der anderen Seite. Es gibt nicht die Stärken einer Person auf der einen und die Schwächen auf der anderen Seite. Es gibt nicht Wahrheit auf der einen und Lüge auf der anderen Seite. Montaigne hat diese Widersprüche offenbar in aller Deutlichkeit erlebt. Man könnte sagen, er hat uns über die Woche hinweg Mut gemacht, offen mit diesen Widersprüchen umzugehen und sie – wie wir heute so gerne sagen- auszuhalten. Das aber scheint in der Tat eine Fähigkeit zu sein, die wir in unserer heutigen Gesellschaft mehr und mehr erlernen müssen. Denn sie ist nicht einfach nur weiß, oder schwarz oder weiß auf der einen und schwarz auf der anderen Seite, sondern bunt gemischt.

Nach einem Sprung zum Thema Sexualität – denn auch dazu hatte Montaigne bereits viel zu sagen, ohne dabei in Verlegenheit zu geraten – haben wir uns dem wahrhaft letzten Thema angenähert. Das Thema, was uns am Ende unseres Lebens alle beschäftigen wird, ist der Tod. Und für Montaigne schließt sich hier der Kreis. Einsamkeit bzw. Verlassenheit ist mitunter deshalb so wichtig, weil wir diesen letzten Schritt in unserem Leben alleine gehen müssen. Das aber ist schwer und erfordert ungemein viel Kraft und Mut. Um diesen Mut aufbringen zu können, muss Einsamkeit gut gelernt sein. In diesem letzten Schritt findet sich der vielleicht größte Widerspruch unseres Lebens wieder: niemand möchte unendlich leben und doch möchte keiner endlich sein.

Einige Widersprüche konnten wir hier auf durchaus genussvolle Weise erleben: die Berge und das Meer, Abgeschiedenheit vom Alltag und intimer Austausch mit zu Beginn fremden Menschen, Diskussionen zu Themen, die schwer im Magen liegen und leckeres Essen, das den Magen angenehm füllte. Rainer Moritz hat uns auf sympathische Weise durch diese Themen geführt, stets mit einem Lachen und offenen Ohr für alle TeilnehmerInnen. Begleitet wurden wir in dieser Woche außerdem von zwei wundervollen jungen Köchen, die uns mit größter Freude und Lockerheit alle Spezialitäten aus der Region um Südfrankreich und Nordspanien haben kosten lassen.

Festhalten lässt sich vielleicht Folgendes: das Leben ist ein Versuch. Der Versuch, mit all den Themen, an denen wir nicht vorbeikommen, umzugehen. Der Versuch, sich der Wirklichkeit auf die je eigene Weise anzunähern. Der Versuch, uns selbst zu verstehen. Der Versuch, Widersprüche auszuhalten. Letztendlich der Versuch, dem Tod eines Tages gegenüberzutreten. Montaigne hat all dies versucht und in seinen Essais festgehalten.

 

Von Lea Ransbach