06 Aug

Reden wir über Sprache

Einst wanderte ein Tausendfüßler durch eine Wiese, da begegnete er einem Frosch. Erstaunt und fasziniert schaute der Frosch ihn an und bewunderte den exakt aufeinander abgestimmten Bewegungsablauf der unzähligen Beinchen. „Wie machst Du das?“, fragte der Frosch, „Wie bewegst Du all Deine Beine im richtigen Augenblick, wo ich doch schon mit meinen Vieren genug zu tun habe? Es scheint mir ein Ding der Unmöglichkeit.“ Der Tausendfüßler hielt verwundert inne und überlegte. Und während er darüber nachdachte, versuchte er sich noch einmal in Bewegung zu setzten, geriet ins Straucheln und fiel über seine eigenen Füße. Entsetzt stellte er fest, dass er nicht mehr imstande war zu gehen. Erst nachdem er sich von dem Schrecken erholt hatte, stand er wieder auf, lief vorsichtig weiter und verließ sich fortan auf sein Gefühl.

Vielleicht kennen Sie diese Fabel von Äsop, die uns die Diskrepanz von Geist und Gefühl vor Augen führt sowie die Schwierigkeit, beiden im Alltag Raum zu geben. Sie zeigt auch, wie das Leben aus dem Gleichgewicht geraten kann, wenn wir uns von festen Vorstellungen leiten lassen oder die Kriterien und Konstrukte anderer anwenden, um zu bestimmen, was wahr und was nicht wahr ist. Nicht zuletzt illustriert die Fabel, wie abwegig es ist, einen Anfang und ein Ende auszumachen von dem, worin wir sind.

 

 

Diese Geschichte verweist auf vieles, was in der Denkwoche zum Thema Sprache vom 15.-21. Juli mit dem Schriftsteller Senthuran Varatharajah durchdrungen wurde. Wir haben nachgedacht über den Anfang und das Ende von Sprache, den Raum, den sie einnimmt und persönliche Sprache. Wir haben nach Worten gerungen, der 163. Autorenlesung von »Vor der Zunahme der Zeichen« gelauscht und sind wortwörtlich zur Sprache gekommen. Konstantin Schönfelder und Holm-Uwe Burgemann  von Prä|Position haben die Woche klug und scharfsinnig begleitet und sowohl in einem eindrucksvollen Film als auch in diesem Erinnerungsprotokoll festgehalten.

Nach Kant ist der Raum die transzendentale Bedingung der Erkennbarkeit aller Dinge, er ist das strukturgebende Element unserer Wahrnehmung und Erfahrung sowie gleichsam ihre Voraussetzung, ähnlich wie der rohe Stein für die Kunst des Bildhauers. Ist Materie mit Substanz gefüllter Raum, so ließe sich die Sprache als mit Bedeutung erfüllter Raum verstehen. Letzterer bedeutet gemäß Derrida gleichzeitig unsere Welt als Summe alles Vorstellbaren, da wir keinen außersprachlichen Zugriff auf außersprachliche Phänomene besitzen. Alles, was uns umgibt, sind diskursive Konstrukte.

Dieser Logik zufolge ahmen wir stets mimetisch nach und machen uns zu Eigen, was keinen Zugang zu absoluten, wahrhaften Entitäten darstellt, sondern selbst nur immer verweisenden Charakter hat: Begriffe. Sie sind konstruiert von anderen, von Menschen vor unserer Zeit, Menschen mit unbekanntem Horizont, einem uns fremden Herz und Verstand. Wie also kommen wir auf die Idee unser Innerstes ausdrücken zu können mit Worten, die nicht wir hervorgebracht haben haben? Eine Sprache als die unsere zu bezeichnen, obwohl die Worte nur eines über Jahrhunderte gewachsenen Kodexes entliehen sind?

 

 

Aus aktuellem politischen Anlass stellt sich die Frage, was das Zusprechen einer Identität bezweckt, was sie beweisen und was damit gewonnen sein soll. Wer bin ich, wer sind Sie? Ist es nicht paradox, im Wandel begriffene, individuelle Wesen absolut und authentisch bezeichnen zu wollen mit einzelnen, allgemein gebräuchlichen Worthüllen, die nie die Entität in ihrer Gesamtheit erfassen, geschweige denn ihr gerecht werden könnten?

Vielleicht ist es einen Versuch wert, das Konzept der Identität durch die Erzählung zu ersetzen, um uns einander verständlich zu machen und näher zu bringen. Denn: „Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen“, so Gabriel García Márquez. Erzählungen geben der experimentellen Vernunft Raum, darin ist Platz für so etwas wie eine persönliche Sprache, für Färbungen und Nuancen, für Rede-Wendungen im wahrsten Sinne.

Der inflationäre Gebrauch des Ausrufungszeichens, der auch die sogenannten Qualitätszeitungen erreicht hat, ist laut Varatharajah ein Zeichen für ein mangelndes Vertrauen in die Kraft der Sprache. Wenn der Schriftsteller redet, senkt er häufig den Blick und lässt ihn verweilen in der Leere vor sich. Nur selten richtet er ihn auf und sieht seinem Gesprächspartner in die Augen. Warum? Weil er auf diese Weise die Sprache für sich wirken lassen möchte und seinen Worten dadurch mehr Bedeutung verleiht, als wenn er sie mit Gestik oder Mimik unterstreichen würde. Unsere Körper sind begrenzt, wodurch auch der physischen Berührung Grenzen gesetzt sind. Die Sprache aber vermag es, diese Grenzen zu überwinden und tief zu berühren, dessen ist er sich sicher.

 

 

Im Oktober steht als weiteres Erkenntnis- und Kommunikationsmedium die Kunst im Mittelpunkt einer Denkwoche. Auch sie macht sichtbar, was zuvor unsichtbar war. Der französische Romanist Joseph Joubert bemerkte einst, dass Sprache Malerei für das Ohr ist und „Zeichnen ist Sprache für die Augen“. Angeleitet von Louis und Ilana Lewitan wollen wir mit kreativen Techniken dem gelingenden Leben auf die Spur kommen und dabei der artificial intelligence die artistic intelligence entgegnen. Die künstlerische Intelligenz nutzbar machen für Veränderungsprozesse im Privaten oder im Beruf sowie schöpferisch tätig werden, um Blockaden zu lösen und den Kopf zu befreien – das ist das Ziel. Mehr Informationen und Anmeldung unter https://bit.ly/2FZs5jW. Es gibt noch freie Plätze.

Schließlich möchten wir mit den Worten Georges Perecs an Folgendes erinnern:

Die Welt breitet sich vor uns aus „nicht als eine immer wieder neu zurückzulegende Strecke, nicht als ein endloser Lauf, eine unaufhörliche Herausforderung, nicht als der einzige Vorwand für eine trostlose Anhäufung, auch nicht als Illusion einer Eroberung, sondern als Wiederbegegnung mit dem Sinn, die Wahrnehmung einer Handschrift der Erde, einer Geographie, von der wir vergessen haben, dass wir ihre Schöpfer sind.“

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