17 Aug

Doktor Faustus und die Musik

Vom 14. – 20. April 2019 findet unter Anleitung von Hans-Joachim Mattke eine Denkwoche mit Musik und Lesungen rund um Thomas Manns Epochen-Roman “Doktor Faustus” statt. In diesem Beitrag erzählt der Denkwochenreferent, was die Teilnehmer erwartet:

 

“Unsere Denkwoche thematisiert auf verschiedenen Ebenen Thomas Manns Roman „Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde“. In diesem Werk ist die Hauptfigur die nicht nur europäisch legendär gewordene und vielfach bearbeitete Gestalt: Faust. Bei Thomas Mann ist Faust kein Denker, forschend Strebender in Goethes Sinne oder, wie in anderen Werken, gewissenloser Verführer. Faust ist „Tonsetzer“, Komponist. Er ist Künstler. Musiker.

Es ist Manns letztes vollendetes Alterswerk. Er schrieb es zwischen 1943 und 1947 im kalifornischen Exil.

Vordergründig handelt es sich um einen an den Faust-Stoff anknüpfenden Künstlerroman. Diese Romanart stellt die menschliche und kreative Entwicklung eines Künstlers dar, insbesondere die Entwicklung seines Künstlertums und die Stellung sich und der Gesellschaft gegenüber.

Thomas Manns eigene Worte können als Schlüssel dienen:

„ Ich möchte gerne wieder etwas schreiben und verfolge einen sehr alten Plan (…): Eine Künstler-(Musiker-)und moderne Teufelsverschreibungsgeschichte aus der Schicksalsgegend Maupassant, Nietzsche, Hugo Wolf etc. , kurzum das Thema der schlimmen Inspiration, und Genialisierung, die mit dem Vom Teufel geholt Werden, d. h. mit der Paralyse endet. Es ist aber die Idee des Rausches überhaupt und der Anti-Vernunft damit verquickt, dadurch auch das Politische, Faschistische und damit das traurige Schicksal Deutschlands.“

Der Plan zu einem solchen Roman zeigt unglaubliche Kühnheit. Geht es doch darum, ein individuelles Künstlerschicksal als Spiegel der geistig politischen Entwicklung in Deutschland, „das in dieser Zeit buchstäblich vom Teufel geholt wurde“ (Mann) von vor dem ersten Weltkrieg bis hinein in die Katastrophe von 1939 bis 1945 zu schaffen.

Der Roman berührt viele Ebenen:

Die Musik spielt eine zentrale Rolle, insbesondere die Zwölftonmusik, die Adrian Leverkühn (im Roman) begründet. Musik ist hier ein Paradigma für die Kunst insgesamt.

Und wie Mann sagt, es ist die deutscheste aller Künste, so wie der Fauststoff ein typisch deutscher Stoff ist.

Im Falle des Doktor Faustus alias Adrian Leverkühn wird wie in keinem anderen Roman die Entwicklung der Musik von Beethoven bis Schönberg diskutiert und im verzweifelten kompositorischen Schaffen von Adrian dargestellt.

Unter dem Einfluss der beginnenden entzündlichen Gehirnzerstörung, der Syphilis, erfindet Leverkühn die Zwölftonmusik. In seinen Selbstkommentaren nennt Thomas Mann die Reihentechnik ‚Teufelswerk’ und befürchtet: «Schönberg wird mir die Freundschaft kündigen». Was wirklich geschah. In Adrian Leverkühns (Faustus’) musiktheoretischen Gedanken (die grösstenteils von Theodor Adorno stammen) tauchen vor allem die Reihentechnik und die Klaviersonate Op.111 von L. v. Beethoven immer wieder auf. Geradezu mythischen Charakter nimmt für Adrian Leverkühn diese letzte Klaviersonate Nr. 32, Opus 111 ein.

Gleichzeitig ist Manns Roman ein „Epochen-Roman“ über die Zeit von den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bis zum Zusammenbruch Deutschlands und aller bisheriger europäischer, ja abendländischer Werte am Ende des 2. Weltkriegs.

Immer wieder wird das romantisch-irrationale Denken, das ‚Gemüt’ dargestellt, das nach Thomas Mann einer der Nährböden für den Nationalsozialismus geworden ist. In den von Wandervogel-Romantik geprägten Gesprächen des zunächst die Theologie studierenden Adrian Leverkühn mit seinen Kommilitonen, in den reaktionären und zivilisationsfeindlichen Reden des Breisacher und in den „erzfaschistischen“ (so Thomas Mann) Gesprächsrunden bei Kridwiß. Vor diesem Hintergrund wird das Lebensschicksal des hochbegabten, aber menschlich kalten Adrian Leverkühn geschildert. Leverkühns persönliche Tragödie wird in Beziehung gesetzt zu der Tragödie des deutschen Volkes, der Pakt mit seinem inneren Teufel wird parallelisiert mit dem Bündnis des Bösen, das Deutschland eingegangen ist.

Leverkühn ringt um Objektivität und Ordnung, um das Paradoxon einer kognitiven Kreativität. Angesichts der Abdankung bürgerlicher Normen und der Absurdität der modernen Welt ist die bisherige Musik für ihn endgültig überholt.

Leverkühn hat trotz kühler Intellektualität den Drang zur Kreativität. Doch bei seiner Kälte braucht er Enthemmung, höllisches Feuer, so Thomas Mann, um künstlerisch produktiv zu werden.

Der teuflische Pakt, der ihm verbietet lieben zu dürfen, ist der Preis für die Intellektualisierung der Kunst und führt zu völliger Einsamkeit und zu seiner Unfähigkeit zu echter Freundschaft und wahrer Liebe. Selbst seine aufopferungsvolle Zuneigung zum kleinen Knaben endet tragisch: trotz, ja gerade wegen Adrians Obhut erleidet dieser eine tödliche Meningitis, vergleichbar der syphilitisch bedingten, zerebralen Zersetzung von Leverkühns Geist.

In unserer einwöchigen Denkwoche im Château d’Orion werden die Teilnehmer am ersten Tag am Vormittag in die europäische Tradition des Faust eingeführt, von der Urquelle des Faustmythos, dem Volksbuch(1587) über Christopher Marlowe zu Lessing und Goethe bis hin zu Claudel und Bulgakow im 20. Jh. Wir erarbeiten uns dann in 5 Tagen dieses faszinierende vielschichtige Werk von Thomas Mann, seine literarisch-philosophischen, politisch-sozialen Ideen, vor allem aber sein Verständnis von Kunst, Musik und Künstlertum im zeitgeschichtlichen Kontext.

Währen des Tagesablaufs werde wir Textstellen laut lesen, wenn gewünscht und möglich, schauspielerische Sprech-und Spiel-Versuche unternehmen, sozusagen spielend-lesend. Irgendwelche Vorkenntnisse für solche Unterfangen sind nicht notwendig. Diese Form des literarischen Kennenlernens macht einfach Spaß.

Diese Denkwoche bekommt ein ganz besonderes Gepräge durch die Zusammenarbeit mit der Pianistin Mélina Burlaud. Madame Burlaud ist Professorin für Klavier an der Hochschule für Musik in Pau. Sie wird uns am Flügel Beethovens Opus 111 und Werke von Schönberg zu Gehör bringen und wir werden hörend verstehen und den Bezug zu Adrian Leverkühn nachempfinden lernen.

Am Freitag findet ein festlicher Abschlussabend für die Teilnehmer mit Musik und Lesungen statt.

Weitere Blogs werden monatlich folgen.”