08 Jul

Fébus und sein internationaler Klassiker

Das nahe Orthez ist nicht allein als Austragungsort von Stierkämpfen, sondern auch als Residenzstadt des berühmtesten aller Fürsten der Vizegrafschaft Béarn bekannt. Dieser Herr trug den landesüblichen Namen Gaston und in Anlehnung an Phoebus Apollon den Beinamen ‘Fébus’. Mit Apollon soll Gaston III., Graf von Foix (1331-1391) Statur und Erscheinungsbild geteilt haben.

Neben seinem aristokratischen Äußeren pflegte er auch eine aristokratische Leidenschaft. Seine Nachwelt kennt den Grafen von Foix vor allem als Jäger und Verfasser eines reich bebilderten Buches über die Jagd. Als Vorläufer von Fébus kann Friedrich II. (1194-1250), römisch-deutscher Kaiser aus dem Haus Hohenstaufen genannt werden. Friedrich hatte seinem Hobby der Falkenjagd ein eigenes Werk gewidmet und damit unter Beweis gestellt, dass sich seine Kompetenz nicht auf dem Gebiet der Königsherrschaft erschöpfte.

Friedrich II. in einer Abschrift von De arte venandi cum avibus

Sein Buch, schon der Titel De arte venandi cum avibus verrät es, ist auf Lateinisch veröffentlicht worden . Damit folgte er der ungeschriebenen Regel und bediente einen kleinen und exklusiven internationalen ‘Buchmarkt’. Gaston hingegen, wie seine italienischen Zeitgenossen Dante Alighieri, Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio, folgte einem Trend und zog mit dem Französischen der lingua franca des Lateinischen eine Volkssprache vor.

Bemerkenswert ist, dass auch Gastons Schriftsprache nicht seiner Landessprache entsprochen hat. Im Herrschaftsgebiet des Grafen wurden vor allem gaskognische Dialekte wie das regionale Béarnaisisch gesprochen. Jean Froissart, berühmter Chronist des ‘Hundertjährigen Krieges’, lobt deswegen Gastons gutes Französisch: “comme [Gaston] me vit, me fist bonne chere et me dist en riant en bon françois que bien il me congnoissoit, et si ne m’avoit oncques mais veü.” (Paris mss. fr. 2670-2671, Folio 10 v)

46 Handschriften seines ‘Livre de Chasse’sind über Jahrhunderte bewahrt worden. Eine davon befindet sich heute in der Morgan Library.  Ihr vormaliger Besitzer war ein berühmt-berüchtigtes Königspaar. Philipp II. und Isabella von Spanien haben im wertvollen Manuskript ihr Familienwappen in prächtigen Farben hinterlassen und bezeugen damit, welche Wertschätzung dem Buch des Fürsten lange nach seinem Lebensende entgegengebracht worden ist.

Als ich meinen Eltern den Bergfried der Burg von Orthez zeigte und erwähnte, “hier soll der berühmte Gaston Fébus geboren worden sein”, ergänzte mein Vater nur trocken: “Ah, der Verfasser des livre de chasse“. Ich war verblüfft und nicht weniger, als er erklärte, er habe ein Faksimile dieses Buches in Hannover von seinem Doktorvater geschenkt bekommen.

Hiermit ist also bewiesen: Gaston III. von Foix hat im 14. Jahrhundert in Orthez und Umgebung einen internationalen Klassiker verfasst. Ein Grund für die erstaunliche Langlebigkeit seines Werkes mögen die detailreichen, teils informativen Miniaturen gewesen sein, mit denen seine Bücher illustriert worden sind.

Eine weitere Handschrift (Ms. 27) befindet sich in der Getty Collection.  In ihr finden wir schöne Beispiele der spätmittelalterlichen Bauchmalerei:

Folio 50v: zwei Jäger beim Fährtenlesen, Gaston Senior und Junior?

Folio 97: die Jäger und ihre Hunde haben eine Wildkatze umkreist

Folio 82: Nicht nur die Wildkatze, auch der Bock ist riesenhaft dargestellt worden. Kein Wunder, dass ein Jäger mit Felsbrocken nach ihm wirft!

Folio 61v: Eine Jagdgesellschaft hat den Hirsch mit Hilfe von Treibern gestellt.

Folio 46: Wussten Sie schon, dass Hundehütten im Mittelalter noch mit eigenen Kaminen ausgestattet waren?

Folio 60v: “Un pique-nique (pluriel pique-niques) ou piquenique est un repas champêtre, pris en plein air.” (Wikipedia)

 

Folio 3: Eigentlich am Anfang des Buches, in diesem Beitrag am Ende – Gaston Fébus diktiert seinem Schreiber das livre de chasse. Die übergroßen Brillengläser des Gelehrten geben dem Bild die Dimension einer Karikatur.

Von Clemens Zentek

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