15 Jul

Arabische Weindichtung

Anton Welp ist Stipendiat während der letzten Denkwoche gewesen. Er hat seine Masterarbeit über mamlukische Weindichtung geschrieben. Ein Thema, das nicht nur zur vergangenen Denkwoche zur Geschichte (Was macht sie mit uns, was machen wir mit ihr?), sondern auch zur anstehenden Begegnungswoche zur Sprache (Begegnung mit Senthuran Varatharajah) passt. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!

 

بذلت عقلي صداقاً حين بت به

أزوّج ابن سحاب بابنة العنب

Ich habe meinen Verstand als Brautgabe gegeben, als ich beschloss,

den Sohn der Wolken mit der Tochter der Trauben zu vermählen.

Ṣafī ad-Dīn al-Ḥillī (~1340 A.D.)

 

Es sind Gedichte voller Lebensfreude. Bisweilen klingen sie euphorisch, manche sind derb, andere hintergründig und subtil. Viele bestechen durch ihre sprachliche Finesse, bedienen sich komplexer Stilmittel, die sich so manches Mal nur mit großer Mühe erschließen lassen. Die Weindichtung der Mamlūken, einer Dynastie in den Gebieten des heutigen Ägypten und Syrien, ist eine Freude für alljene, die etwas für Lyrik und guten Wein übrig haben.

Die Beschäftigung mit dieser Art Dichtung aus dem 13.-16. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung ist auch deshalb so kurzweilig, da sich die beschriebenen Situationen häufig gut nachempfinden lassen. Es wird schlicht jedes Detail beschrieben. Was der Trinkende empfindet, was er sieht und was er tut. Vieles hat sich offensichtlich nicht geändert und ist über Kulturräume hinweg vielen Menschen gleich. So mag es verwundern oder auch belustigen, dass das gepflegte Betrinken auf speziell dafür vorgesehenen Schiffen, die sich langsam den Nil hinauf und hinab bewegten, eine überaus beliebte Freizeitbeschäftigung war.

Vieles erinnert stark an das ritualisierte Zusammenkommen im griechischen Symposion. Das Lagern im Kreis, das Herumreichen des Trinkbechers, die Unterhaltung durch Musikanten oder durch Tanz. Auch ein Schenk gehörte zum Inventar eines anständigen „Maǧlis aš-Šurb“ (gesprochen Madschlis asch-schurb) der Trinkerrunde.

In einer Gesellschaft honoriger Personen, die sich zum ausdauernden Trinken trafen – es wird von Gelagen über mehrere Tage hinweg geprahlt – war es Usus, in regelmäßigen Abständen zur anspruchsvollen Unterhaltung beizutragen. Beliebt war das Rezitieren von Gedichten, launigen Anekdoten oder Scherzen. Um auch zu weiteren Zusammenkünften eingeladen zu werden, war also eine gründliche Vorbereitung auf diese Treffen nötig – es sei denn, man besaß hohe Bildung und Schlagfertigkeit.

Neben aller Unterhaltsamkeit ist die Weindichtung auch ein wertvolles Genre für sozio-historische Erkenntnisse über das Alltagsleben der Menschen dieser Zeit. Das ist bei der mamlūkischen Dichtung aus dem Grunde der Fall, da sich das Literaturschaffen in dieser Ära gewandelt hatte.

War die Literatur zuvor nahezu ausschließlich als Herrscher- oder Prophetenlob das Produkt elitärer Kreise, die von professionellen Autoren verfasst wurde, verbreitete sich das literarische Schaffen von nun an unter dem Volk und wurde ein beliebtes Kommunikationsmittel. Es wurde zur Mode, über Alltägliches zu schreiben und die eigenen Gedichte an Gleichgestellte zu richten – ein völlig neues Phänomen.

Auf diese Weise erfahren wir aus erster Hand Authentisches über die damaligen Lebensumstände, da nun auch der Metzger über seinen Berufsalltag sinnierte und seinen Freund, den Tischler in einen literarischen Wettstreit verwickelte. Thematisch gab es hierbei kaum Grenzen – Naturbeschreibungen, Kindertotenlieder, Liebesgedichte (hetero- wie homosexuelle) und eben auch jene Weingedichte.

Der oben vorangestellte Vers stammt aus einem Weingedicht des verehrten Literaten Ṣafī ad-Dīn al-Ḥillī und ist ein schönes Beispiel für den „klassischen“ Aufbau arabischer Lyrik, der für alle Genres gleichermaßen gilt. Einige Merkmale bleiben mit Blick auf den arabischen Text nämlich immer gleich.

Jeder Vers ist aufgeteilt in zwei Halbverse, durch die das Gedicht strukturiert wird, was hier durch den Absatz dargestellt wird. Dazu kommt auch noch ein Reim. Wie im Deutschen – pauschaliert – wird der Reim durch die Schlusssilbe des letzten Wortes im zweiten Halbvers kreiert.

Als drittes und letztes Merkmal wird der Tonus des Gedichts durch ein Metrum bestimmt. Diese Metren sind zum Teil komplex und ihre Identifizierung stellt häufig eine große Herausforderung dar.

Diese drei Charakteristika bilden also das Gerüst – alles andere ist variabel. Zu Anschauungszwecken eignet sich der Folgende Vers. Wie im Schriftarabisch üblich, in der Dichtung jedoch keineswegs selbstverständlich, beginnen beide Sätze respektive Halbverse mit dem Verb. Obacht, wir beginnen von rechts!

 

بذلت عقلي صداقاً حين بت به

أزوّج ابن سحاب بابنة العنب

Ich habe meinen Verstand als Brautgabe gegeben, als ich beschloss,

den Sohn der Wolken mit der Tochter der Trauben zu vermählen.

 

In den rot markierten Verben wird die Person und die Zeitform festgelegt. Neben diesem grammatischen Detail erfahren wir aber noch etwas Entscheidendes zur Trinkpraxis des Weines. Durch die Metapher der Vermählung des Wassers („Sohn der Wolken“) mit dem Wein („Tochter der Traube“) wird deutlich, dass der Wein, wie in der römischen Antike auch, mit Wasser verdünnt getrunken wurde.

Zudem erleben wir eine Gefühlsregung des lyrischen Erzählers, die sich häufig ablesen lässt. Es macht sich ein schlechtes Gewissen breit, überhaupt zum Wein gegriffen zu haben. Natürlich steht dem Alkoholgenuss das koranische Verbot entgegen, dennoch ist die Begeisterung ob der Freuden des Weintrinkens zu groß für die Abstinenz.

Diesen inneren Zwiespalt aufzuspüren ist nur einer von vielen guten Gründen, sich mit der Kultur des Weintrinkens in der arabischen Welt des Mittelalters zu beschäftigen. Wem dieser kurze Beitrag eine Anregung zu weiterführender Lektüre zu diesem Thema ist, dem sei an dieser Stelle das wunderbare Buch „Weinstudien“ von Peter Heine aus dem Jahr 1982 ans Herz gelegt. Ein Buch voller interessanter Randgeschichten und amüsanter Räuberpistolen.

Von Anton Welp