20 Apr

Was machen wir mit der Geschichte?

Vom 10. bis zum 16. Juni 2018 wird in Chatêau d’Orion erstmals eine eigenständige Denkwoche zur Geschichte stattfinden. Zimmer sind noch frei und wir freuen uns auf Ihre Anmeldung!

In der Auseinandersetzung mit dem Referenten Friedemann Scriba von der HU Berlin werden wir uns an zwei Leitfragen orientieren: Was macht Geschichte mit uns? Und was machen wir mit ihr? Anhand von Beispielen älterer und jüngerer Geschichtsinterpretationen möchte ich in diesem Text verschiedene Anschauungen von Geschichte vorstellen.

Es ist nicht einfach, genau zu sagen, seit wann in Europa Geschichte aufgeschrieben worden ist. Häufig wird, um eine eindeutige Bestimmung des Überlieferten vornehmen zu können, zunächst eine Unterscheidung in mythographische und historiographische Texte getroffen.

Mythographisch sind z. B. die Texte von all jenen ‚Göttern‘, die uns Menschen zum Erschrecken ähnlich sind. Hierzu zählen auch die berühmten Schriften der griechischen Poeten Homer und Hesiod.

Historiographisch wären dann allein diejenigen Texte, welche ohne übernatürliche Wesenheiten und Ereignisse ausgekommen sind und deren Wirklichkeitsanspruch demnach wenig angezweifelt wird.

Nicht jeder, der sich mit mythographischen Texten auseinandergesetzt hat, hat sie sogleich als wertlose Fiktion von der Hand gewiesen. Als Beispiele aus der Antike möchte ich die beiden Sizilianer Diodoros und Euhemeros vorstellen.

Nach letzterem ist eine eigenständige Denktradition bezeichnet: Als ‚Euhemeristen‘ werden jene Autoren zusammengefasst, die in ‚den Göttern‘ keine transzendenten Entitäten (zu vergleichen mit dem Gott Abrahams), sondern lediglich verdienstvolle Menschen wiedererkennen wollen. Solche hervorragenden Menschen seien posthum, aus Dankbarkeit oder als Respekterweis, auf den Olymp erhoben und darüber hinaus mit übernatürlichen Kräften in Verbindung gebracht worden.

Diodoros schrieb seine ‚Historische Bibliothek‘ Jahrhunderte nach Euhemeros‘ Tod. In seinen Schriften stellte er verschiedene Versionen derselben Ereignisse und unterschiedliche Lebensbeschreibungen derselben Persönlichkeiten nebeneinander. Einige davon sind als mythographisch, andere eindeutig als historiographisch klassifizierbar. Unbenommen davon bleibt, dass sehr viele Texte der Antike sowohl mythographische, als auch historiographische Elemente aufweisen.

Allein auf Grundlage vorhandener mythographischer Elemente auf den ‚fiktionalen‘ Charakter eines vollständigen Textes zu schließen, verspricht also keinen Zugewinn. Dieses Vorgehen führt nur dazu, einen beträchtlichen Teil der Überlieferung a priori für jegliche historische Untersuchung auszuschließen.

Wie gewinnbringend das Gegenteil sein kann, hat der ‚Schatzsucher‘ Heinrich Schliemann unter Beweis gestellt. Schliemann liebte Homers Poesie und glaubte fest an den ‘wahren Kern’ der teils phantasievollen Schilderungen seines Lieblingspoeten.

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Sophia Schliemann mit einem Gehänge aus dem sogenannten ‘Schatz des Priamos’

Er wurde dafür mit unsterblichem Ruhm belohnt, indem er das sagenumwobene Troja freilegte. Und dennoch tobt um die Geschichtlichkeit sowie die Ausmaße des Trojanischen Krieges bis zum heutigen Tag eine unentschiedene Schlacht unter Historikern, Altphilologen und Archäologen.

Kennen Sie den Schweizer Erich von Däniken? Auch Däniken könnte als Euhemerist bezeichnet werden. Seine bekannte Arbeitshypothese fasste er 2015 in einem Interview mit dem SZ-Magazin zusammen:

„Vor vielen Jahrtausenden landeten Außerirdische auf der Erde. Unsere Vorfahren waren Steinzeitmenschen, die hatten keine Ahnung von Technik. Sie meinten irrtümlich, die Außerirdischen wären Götter. Die sogenannten Götter haben – ähnlich wie die Ethnologen heute – ein paar Stämme studiert, ein paar Sprachen erlernt, ein paar Ratschläge erteilt, dann sind sie wieder verduftet. Allerdings mit dem Versprechen, in einer fernen Zukunft wiederzukehren.“

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Wie Euhemeros‘ ‚Göttern‘ ist auch den ‚Göttern‘ von Däniken jegliche Transzendenz abhold. Nicht verdienstvollen Menschen, sondern leibhaftigen Außerirdischen seien mehrere längst verwelkte Blüten der Menschheitskultur zu verdanken gewesen.

Während die Euhemeristen der alten Schule die ‚göttlichen‘ Kulturbringer unter der Erde ruhend verorteten, hat Däniken sie weit über das Himmelszelt erhoben. Seine prophetische Ahnung, die Außerirdischen hätten versprochen ‚in einer fernen Zukunft wiederzukehren‘, hat erstaunliche Parallelen mit dem abrahamitischen Weltbild, das auch ein bedeutender Religionsstifter des 19. Jahrhunderts verinnerlicht hatte.

Kennen Sie ihn? Joseph Smith war der erste Prophet der Mormonen und wartete auf die Wiederkehr des Messias. Er sei von einem Engel in mehreren Visionen heimgesucht und darin über den Fundort uralter Tafeln mit kryptischen Zeichen unterrichtet worden. Freundlicherweise assistierte ihm der Engel auch bei der Übersetzung. Heraus kam das Buch Mormon.

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Wie die Bibel ist auch das Buch Mormon eine Kompilation unterschiedlicher Schriften, welche verschiedenen Autoren und Entstehungszeiträumen zugeordnet sind. Die Schriften berichten von einer Landnahme Amerikas in vorchristlicher Zeit und erzählen die verschollene Geschichte der amerikanischen Ureinwohner. Deren Vorfahren seien Israeliten gewesen. Diese seien kurz vor der Babylonischen Gefangenschaft Israels aus dem Gelobten Land in ein anderes gelobtes Land – Amerika – geflohen. So steht es im Buch Mormon geschrieben.

Ein unerschütterter Schöpfungs- und Wunderglaube hat, ebenso wie seinerzeit populäre Spekulationen über den Verbleib der verlorenen Stämme Israels, die geistige Grundlage für die Akzeptanz seines Buches durch Zeitgenossen geboten. Im 20. und 21.  Jahrhundert sind es Science-Fiction-Popkultur, der Glaube an eine Zukunft der Menschheit im Weltall sowie die Evolutionstheorie, welche Dänikens Spekulationen über eine Vergangenheit im All genährt und für seine Anhänger plausibel gemacht haben.

Am Ende dürfen Sie sich selbst fragen: Gehören Sie zu einer dieser Schulen? Sind sie ein sachlicher Euhemeros oder ein unentschiedener Diodoros? Sind sie ein Science-Fiction-Historiker oder glauben Sie an Wunder, wie es einst Joseph Smith getan hat? Haben ‚alte Mythen‘ einen Wert oder war Schliemann nur ein Zufallsfund gelungen? Und finden Sie nicht auch, dass die Geschichte mehr Fragen als Antworten für uns parat hält?

Ich freue mich auf inspirierende Gespräche zu vielen solchen Fragen, wenn wir uns vom 10. bis zum 16. Juni in Chatêau d’Orion kennenlernen!

Von Clemens Zentek

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