29 Jan

Ohne Herkunft keine Zukunft? oder Heute ist morgen bereits gestern

Eine Denkwoche über den Umgang mit Geschichte und ihren Wert

Es war kurz nach dem Abitur, als ich in Köln die Aufnahmeprüfung für die Journalistenschule absolvierte. Es wurden eine Menge Fragen zur Allgemeinbildung gestellt. Unter anderem sollten wir entscheiden, wie Geschichte zu betrachten sei – wertend oder neutral. Damals mit 18 und gerade aus der Schule, in der ich Geschichte so gut wie nicht beachtet hatte, war ich völlig überfordert mit dieser Frage. Bisher hatte ich dieses Fach eher ignoriert und mich durch kurzfristiges Auswendiglernen bis zum Abschluss gehangelt.

Wir interessierten uns damals mehr für das aktuelle Geschehen, die endlos weiten Schlaghosen, die beginnende Revolte der Studenten, Woodstock, und «Make love not war». Gut, das hatte auch etwas mit dem Vietnamkrieg zu tun und wir brüllten leidenschaftlich auf Demos gegen die USA. Aber haben wir auch verstanden, was wir da skandierten und warum?

Heute ist das alles längst bereits Geschichte, und wir blicken zurück, mit Wehmut und dem Wunsch zu begreifen. Trotz der täglichen Flut von Informationen bleiben viele Fragen. Es ist nicht zu leugnen, wir leben nach vorne und verstehen nur nach hinten.

Neulich wurde der Film «Hiroshima – wie Truman lernte die Bombe zu lieben», den ich vor 25 Jahren gedreht habe, noch einmal gezeigt. Erstaunlich wie aktuell das heute wirkt, wenn die Geschichte zweier Männer erzählt wird, die für den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima im Jahr 1945 verantwortlich waren: Der amerikanische Präsident und sein Außenminister.

Das Mitglied des Berliner Kollegs Kalter Krieg, der Historiker Prof. Dr. Bernd Greiner (https://www.berlinerkolleg.com/), spannte nach der Vorstellung klug den Bogen von damals bis heute. Er erklärte, unzählige – inzwischen weltweit – aufgestellte Sprengköpfe später, wie wir das aktuelle Geschehen bedenken sollen. Zudem berichtete der Wissenschaftler überraschend von Konzepten zur Konfliktmoderation aus Zeiten des Kalten Krieges, die nie zum Tragen kamen. Wohin sind sie verschwunden?

Offen gesagt, weiß ich nicht mehr, wie ich damals 1971 bei der Prüfung auf die Frage nach der Einschätzung von Geschichte geantwortet habe. Später jedoch habe ich mich vielfach gefragt, warum wir eigentlich nicht aus den Fehlern der Geschichte lernen. Es gibt dazu zahlreiche Antworten, aber sind sie auch befriedigend?

«Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt». Wenn Mahatma Ghandi das wirklich so gesagt hat, kann er nicht irren? Vielleicht reden wir schlicht nicht von einem unauslöschlichen Paradox, sondern von einer normativen Kraft des Faktischen, die von Menschen geschaffen wurde. Was von Menschen gemacht, kann von Menschen geändert werden.

Eine interessante Interpretation des Ghandi-Zitats, habe ich im Netz gefunden. Es ist ein Paul, der schreibt:

«Ihr habt Ghandi falsch verstanden. Was er meint ist: Jede historische Situation ist neu und einzigartig. Man kann aus der Geschichte nicht lernen, weil sie sich eben nicht wiederholt. Zu sagen, Geschichte wiederholt sich, weil Krieg und Frieden aufeinander folgen ist, als wenn man sagt dass alle Tage gleich sind, weil unweigerlich auf die Dunkelheit der Nacht die Helligkeit des Tages folgt. Man kann aus einem historischen Ereignis keine Lehre ableiten, wie man sich in dieser oder jener Situation Verhalten soll, weil jede Situation neu und einzigartig ist und man nur Fehler machen kann wenn man die Lehre aus einer anderen Situation auf die aktuelle anwendet, die zwangsläufig anders liegt.»

Warum also eine Denkwoche zum Thema «Was machen wir mit Geschichte und Geschichte mit uns?» Weil es uns nicht genug ist, rückwärts Geschehnisse zu bestaunen, weil wir Konstellationen entwirren wollen, um zu sehen, wer und was welche Rolle spielt, weil es die Veränderbarkeit von Mustern gibt und Momente der Wachsamkeit. Und vor allem, weil wir nie nur verantwortlich sind für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir lassen.

Deshalb folgen wir Friedemann Scriba, dem Referenten der Denkwoche (10.-16. Juni 2018), wenn er meint: «Wir brauchen Geschichte für die Zukunft – um Risiken rechtzeitig zu sehen und, um noch unerfüllte Hoffnungen wachzuhalten».

von Elke Jeanrond-Premauer