04 Dez

Pilger der Postmoderne

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Noch immer ist die Natur _MG_6648des Béarn und des benachbarten Baskenlandes üppig und menschenfreundlich, noch immer leuchten die Bäume im Tal vor uns in prächtigen Rot- und Orangetönen. Während man sich in Deutschland längst in den Wintermantel gehüllt und vielleicht sogar schon über den ersten Schnee gefreut hat, sonnen wir uns dieser Tage noch bei 20°C in den Liegestühlen mit Blick auf die weißen Pyrenäengipfel – ab und zu einen verdächtigen Wind um die Nase, der wie so oft hier den bevorstehenden Wetterwechsel ankündigt. Einen Wechsel hin zu einer stilleren, langsameren Zeit, in der wir alle Jahre wieder dazu angehalten werden – ob durch religiöse Feste oder die kürzer werdenden Tage – selbst einen Gang runterzuschalten und zu entschleunigen.

Im Hinblick auf die Zunahme des Lebenstempos ist eine derartige Erinnerung ans Innehalten und Durchatmen bisweilen wichtig, um den eigenen Standpunkt neu zu justieren und die Ressourcenspeicher wieder aufzufüllen. Laut dem Soziologen Hartmut Rosa bewirkt die Beschleunigung nämlich einerseits, dass Prozesse aufgrund verbesserter Technik schneller ablaufen und dadurch Zeit gewonnen wird, andererseits ermöglicht dies eine Verdichtung von Handlungen, wodurch die ‚übrige’ Zeit wieder ausgefüllt wird.

_MG_6853_kleinWomit aber füllen wir die Zeit und mit welchem Ziel? In einem Essay über den Wandel von Identität und Lebensformen beschreibt der Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman das Leben in der Moderne als eine Pilgerreise – eine langwierige Suche nach einer spezifischen Identität unter vielen anderen möglichen Identitäten und Lebensweisen. In der durch raschen Wandel gekennzeichneten Postmoderne kann diese Lebensform nicht bestehen – „The world is not hospitable to the pilgrims any more“. Die postmoderne Herausforderung bestehe darin, sich von einer stabilen Identität zu lösen und beruflich wie privat flexibel zu bleiben, meint Bauman. Eine prototypische Lebensstrategie der Postmoderne stelle der Tourist dar, der immer unterwegs ist – getrieben von ästhetischen Kriterien und mit der Absicht, Erlebnisse zu sammeln. Nicht das Neue, Fremde beängstige ihn, sondern Beständigkeit und dennoch sei das Wissen um ein Zuhause als Zufluchtsort unerlässlich.

Viele von uns verbringen die Tage „zwischen den Jahren“ in der Heimat oder mit Menschen, bei denen sie sich zuhause fühlen, bei denen sie „sie selbst sein“ können. Möglicherweise muss dieses Zuhause aber gar kein Ort oder eine soziale Gemeinschaft sein. Vielleicht ist es eher als unsere ganz eigene Persönlichkeit, unsere Leidenschaft unser Standpunkt zu verstehen, zu dem es sich lohnt zurückzukehren, bevor wir in ein neues Jahr, neue Herausforderungen, neue Projekte, neue Reisen aufbrechen.

Tourismus ist ein Phänomen, _MG_6911_kleindas ähnlich der Kunst oder der Religion auf gesellschaftliche Sehnsüchte verweist. So vielfältig die Gesellschaft ist, so vielfältig sind auch die Reisemotive. Häufig geht es nicht mehr nur um die Alltagsflucht oder das Abhaken von Sehenswürdigkeiten auf einer Liste, sondern um eine erfüllte Zeit. Der Inbegriff dieser Entwicklung ist wohl der sogenannte „Slow Tourism“, der die Sinnfindung, Intensivierung und Entschleunigung von Erlebnissen zum Ziel hat.

Die einst als Unfähigkeit wahrgenommene Langsamkeit hat einen Bedeutungswandel erfahren und gilt heute vielmehr als Metapher für Selbstbestimmung und Infragestellung von kapitalistischen Versprechen. Mit einer solchen Befreiung von beschleunigten Lebensformen zugunsten einer alternativen Zeitlichkeit und mit Idealen wie Nachhaltigkeit oder Genuss werden wir erneut zu Pilgern.

Château d’Orion ist ein Ort für die Pilger der Postmoderne, die sich zeitweise auf die Suche nach Ruhe, Tiefgang oder Zeitgenuss fernab ihres beschleunigten, flüchtigen Alltags begeben. Ob im Liegestuhl vor dem Haus, im Rahmen einer Denkwoche oder auf dem Jakobsweg, der von Orion durch Wiesen und Wälder nach Spanien führt. Solche Erlebnisse zu ermöglichen ist unsere Leidenschaft und so gewinnen auch wir daraus Antrieb für künftiges Handeln. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen ein entschleunigtes, kraftspendendes Jahresende!

 

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Die Fotos in diesem Beitrag stammen von Teresa Pistorius, einer jungen Fotografin aus Hamburg, die kürzlich für ein Projekt über die Beziehung zwischen Mensch und Natur die Vegetation um Orion vor die Linse genommen hat.

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