18 Dez

Philosophie als Heimweh

Dieser Tage machen sich viele Menschen auf den Weg nach Hause, in die Heimat. Eine Reise in eine scheinbar heile Welt, die der Sehnsucht nach Vertrautheit und Heimatgefühl folgt – fast zu schön, um wahr zu sein. Mit Blick auf das bevorstehende Fest erörtert unser Denktage-Referent (09. bis 11. Februar 2018, Gut Sonnenhausen) Ludger Pfeil, wie die Philosophie das Heimweh lindern und dazu verhelfen kann, sich überall zuhause zu fühlen. Es folgen in Kürze philosophische Denkanstösse der Referentin Karin Petrovic und des Referenten Johannes Bucej, die ebenfalls in Gut Sonnenhausen dabei sein werden.

 

Heimatlos und unbehaust

“Manchmal genügt schon ein grauer Novembertag, um sich nicht in der Welt zu Hause zu fühlen. Nässe, Dunkelheit, Kälte erwecken den Eindruck allgemeiner Tristesse und schlagen uns atmosphärisch aufs Gemüt. Da wächst der Wunsch, alle Schotten dicht zu machen und sich aus der Welt zurückzuziehen. Wenn es der Terminkalender erlaubt, kann man in den eigenen vier Wänden bleiben, und es sich heimelig machen. Eine Kanne Wohlfühltee, die kuschelige Decke und die Lieblingsserie im Fernsehen versprechen mollige innere und äußere Wärme und angenehme Ablenkung. “Cocooning” heißt der Zeitgeistbegriff dazu. Wir spinnen uns in einen Kokon, eine Schutzhülle ein, die uns vom ungemütlichen Draußen abschotten soll. Diese Methode des Einigelns kann kurzzeitig Linderung verschaffen, wenn einem mal wieder alles zu viel wird.

Allerdings wächst gerade in der Adventszeit – tatkräftig unterstützt durch allgegenwärtige gefühlige Werbung – die Neigung, diese Notfall-Strategie zur allgemeinen Leitlinie zu erheben. Die seelenwärmenden Bilder der Kerzenbäume und der dazu passenden staunenden Kinderaugen, untermalt mit glöckchenklingenden Weihnachtsliedern, sollen uns glauben machen, dass solch ein Paradies mit den nötigen Accessoires leicht zu beschaffen sei. Gleichzeitig entsteht die Vorstellung, diese heile Welt bewahren zu können, in dem wir sie und uns gegen dabei störende Einflüsse von außen abgrenzen und verteidigen.

Heimelig und heimisch sind jedoch zwei verschiedene Paar Hüttenschuhe. Die friedliche weihnachtliche Stimmung erweist sich leicht als unwirkliche Simulation. Nie sind Familien so streitgefährdet wie über die Weihnachtsfeiertage, denn schon zu zweit haben lange nur mühsam unterdrückte Konflikte nun endlich Zeit, sich zu entfalten. Besucher importieren alte offene Rechnungen mitten in die perfekt inszenierte Wohlfühloase hinein. Und auch wer alleine bleibt, wird mit dem Frösteln seiner Einsamkeit konfrontiert, das die aufgebaute Kulisse noch unpassender erscheinen lässt.

Das Unbehagen, im Kreise des Gewohnten nicht vollkommen daheim zu sein, beschleicht viele bereits in ihrer Jugend, denn der vertraute Zungenschlag, die bekannte Landschaft, alte Freunde und eine mehr oder weniger stabile Familienstruktur garantieren nicht, dass man sich heimisch fühlt. Zu disparat sind die eigenen erwachenden Bedürfnisse und die daraus erwachsenden Lebensentwürfe, in denen jeder ein für sich funktionierendes Arrangement sucht, um mit sich und der Welt zurecht zu kommen. Andere erwischt es in der Midlife Crisis oder nach schweren Schicksalsschlägen. Manche sind sich im Berufsleben über die Jahre selbst fremd geworden. Und einige entdecken erst im Ruhestand, dass sie gar nicht mehr so richtig in der Welt zu Hause sind.

Angemessener als Lichterglanz und Geschenkepyramiden scheint daher die Herbergssuche das geeignete Bild für unsere Grundbefindlichkeit in der modernen Welt. Heimatlos und unbehaust sind nicht nur Flüchtlinge und Obdachlose. Auch vermeintlich besser Situierten erscheint die Welt oft abstoßend oder zumindest kalt und gleichgültig. Dieses tiefere Gefühl der Heimatlosigkeit löst sich ganz und gar nicht auf, wenn man die schöngefärbte Scheinwelt mit Zimtsternduft einbalsamieren und gegen alles Äußere verschließen will – im Gegenteil, der Unmut wächst, weil sich unvorhergesehene Einflüsse und an den Grundfesten rüttelnde Veränderungen nicht wirklich aufhalten lassen. Mit dem dämmernden Bewusstsein dieser Lage verschwindet jedoch keineswegs der drängende Wunsch, sich heimisch fühlen zu wollen, sich auszukennen, mit allem vertraut zu sein, die Fremdheit aufzuheben.

Friedrich von Hardenberg, der als naturwissenschaftlich ausgebildeter Salinenverwalter wohl auch über die prosaische Karriere und das Familienleben hinausreichende Sehnsüchte in sich trug und sich als Poet Novalis nannte, entdeckte: “Philosophie ist eigentlich Heimweh – Trieb, überall zu Hause zu sein.” Und wäre das nicht in der Tat eine nahezu genial anmutende Lösung, könnte man sich überall zu Hause fühlen, sich das Fremde ein Stück zu eigen machen, oder es wenigstens nutzen, um das Eigene besser zu erkennen und damit mehr bei sich zu sein? Die Sentenz mag zunächst wie überschwängliche romantische Träumerei klingen, doch das Problem ist gerade für die ganz unromantische Sachlichkeit der Gegenwart greifbar. Auch die aktuellste Soziologie benennt mit Hartmut Rosa die Resonanz als ein für viele zunehmend schwieriger erfüllbares Grundbedürfnis, die Welt für uns zum Sprechen, Klingen, Singen zu bringen.

Warum also nicht Novalis folgen und es mit Hilfe der Philosophie – dem Nachdenken über die Welt – versuchen, dem unstillbaren Heimweh nachzugehen? Der Weg, auf dem wir nach Hause kommen und uns heimisch fühlen können, begänne dann mit der gedanklichen Öffnung für das Andere, führte über das allmähliche Kennenlernen dazu, auch mit anfänglich Fremdem und Verstörendem in Beziehung und Austausch zu treten. Schließlich gälte es zu spüren, was es in uns anspricht und zu erforschen, wo und warum wir anders denken. Auf diese Weise könnten wir uns Unvertrautes vertraut machen und es uns womöglich ein Stück weit anverwandeln. Philosophie ist seit jeher der Versuch, zu verstehen, sich mit der Welt und dem Leben im Denken bekannt zu machen, in der Selbstreflexion und im Austausch und in der Auseinandersetzung mit anderen. Sie kann uns helfen, Veränderungen nicht zu leugnen, sondern bewusst wahrzunehmen und uns einen Reim darauf zu machen – in Begegnungen mit Gedanken, die eine Beziehung zur Welt und zu anderen schaffen. So kann durch philosophisches Denken die Freiheit wachsen, mehr und mehr unverdrängt ansehen und bedenken zu können, ohne sich fremd zu fühlen.

Heimweh und der Trieb, überall zu Hause zu sein, beinhalten keine Erfolgsgarantie. Eine Sehnsucht kann unstillbar sein und ein Trieb unbefriedigt bleiben. Aber einen Versuch ist es wert. Ein philosophisches Buch zur Hand zu nehmen, könnte ein Anfang sein. Und das kann man schließlich auch an einem unfreundlichen Tag auf der Couch.”

 

Zur Person

Ludger Pfeil, geb.1960, studierte Philosophie mit den Abschlüssen Magister artium und Promotion in Bochum und erfüllte diverse Lehraufträge an Universitäten. Keineswegs ein Philosoph im Elfenbeinturm kennt er die Arbeitswelt eines global agierenden Großunternehmens aus Mitarbeiter-, Führungs- und Beraterperspektive ebenso wie die Lebenswelt eines aktiv eingebundenen Familienvaters aus langer und reichhaltiger Erfahrung. Er lebt in Unterhaching bei München und arbeitet seit 1996 als Philosophischer Praktiker mit Seminaren, Cafés, Workshops und Vorträgen sowie Einzelberatungen. Ludger Pfeil hat zur analytischen Ethik, zur Führungsethik und zur Philosophie im Alltag veröffentlicht. 2015 ist bei Rowohlt sein Buch „Du lebst, was Du denkst“ erschienen.

Näheres unter: www.philosophie-im-leben.de

04 Dez

Pilger der Postmoderne

 

Noch immer ist die Natur _MG_6648des Béarn und des benachbarten Baskenlandes üppig und menschenfreundlich, noch immer leuchten die Bäume im Tal vor uns in prächtigen Rot- und Orangetönen. Während man sich in Deutschland längst in den Wintermantel gehüllt und vielleicht sogar schon über den ersten Schnee gefreut hat, sonnen wir uns dieser Tage noch bei 20°C in den Liegestühlen mit Blick auf die weißen Pyrenäengipfel – ab und zu einen verdächtigen Wind um die Nase, der wie so oft hier den bevorstehenden Wetterwechsel ankündigt. Einen Wechsel hin zu einer stilleren, langsameren Zeit, in der wir alle Jahre wieder dazu angehalten werden – ob durch religiöse Feste oder die kürzer werdenden Tage – selbst einen Gang runterzuschalten und zu entschleunigen.

Im Hinblick auf die Zunahme des Lebenstempos ist eine derartige Erinnerung ans Innehalten und Durchatmen bisweilen wichtig, um den eigenen Standpunkt neu zu justieren und die Ressourcenspeicher wieder aufzufüllen. Laut dem Soziologen Hartmut Rosa bewirkt die Beschleunigung nämlich einerseits, dass Prozesse aufgrund verbesserter Technik schneller ablaufen und dadurch Zeit gewonnen wird, andererseits ermöglicht dies eine Verdichtung von Handlungen, wodurch die ‚übrige’ Zeit wieder ausgefüllt wird.

_MG_6853_kleinWomit aber füllen wir die Zeit und mit welchem Ziel? In einem Essay über den Wandel von Identität und Lebensformen beschreibt der Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman das Leben in der Moderne als eine Pilgerreise – eine langwierige Suche nach einer spezifischen Identität unter vielen anderen möglichen Identitäten und Lebensweisen. In der durch raschen Wandel gekennzeichneten Postmoderne kann diese Lebensform nicht bestehen – „The world is not hospitable to the pilgrims any more“. Die postmoderne Herausforderung bestehe darin, sich von einer stabilen Identität zu lösen und beruflich wie privat flexibel zu bleiben, meint Bauman. Eine prototypische Lebensstrategie der Postmoderne stelle der Tourist dar, der immer unterwegs ist – getrieben von ästhetischen Kriterien und mit der Absicht, Erlebnisse zu sammeln. Nicht das Neue, Fremde beängstige ihn, sondern Beständigkeit und dennoch sei das Wissen um ein Zuhause als Zufluchtsort unerlässlich.

Viele von uns verbringen die Tage „zwischen den Jahren“ in der Heimat oder mit Menschen, bei denen sie sich zuhause fühlen, bei denen sie „sie selbst sein“ können. Möglicherweise muss dieses Zuhause aber gar kein Ort oder eine soziale Gemeinschaft sein. Vielleicht ist es eher als unsere ganz eigene Persönlichkeit, unsere Leidenschaft unser Standpunkt zu verstehen, zu dem es sich lohnt zurückzukehren, bevor wir in ein neues Jahr, neue Herausforderungen, neue Projekte, neue Reisen aufbrechen.

Tourismus ist ein Phänomen, _MG_6911_kleindas ähnlich der Kunst oder der Religion auf gesellschaftliche Sehnsüchte verweist. So vielfältig die Gesellschaft ist, so vielfältig sind auch die Reisemotive. Häufig geht es nicht mehr nur um die Alltagsflucht oder das Abhaken von Sehenswürdigkeiten auf einer Liste, sondern um eine erfüllte Zeit. Der Inbegriff dieser Entwicklung ist wohl der sogenannte „Slow Tourism“, der die Sinnfindung, Intensivierung und Entschleunigung von Erlebnissen zum Ziel hat.

Die einst als Unfähigkeit wahrgenommene Langsamkeit hat einen Bedeutungswandel erfahren und gilt heute vielmehr als Metapher für Selbstbestimmung und Infragestellung von kapitalistischen Versprechen. Mit einer solchen Befreiung von beschleunigten Lebensformen zugunsten einer alternativen Zeitlichkeit und mit Idealen wie Nachhaltigkeit oder Genuss werden wir erneut zu Pilgern.

Château d’Orion ist ein Ort für die Pilger der Postmoderne, die sich zeitweise auf die Suche nach Ruhe, Tiefgang oder Zeitgenuss fernab ihres beschleunigten, flüchtigen Alltags begeben. Ob im Liegestuhl vor dem Haus, im Rahmen einer Denkwoche oder auf dem Jakobsweg, der von Orion durch Wiesen und Wälder nach Spanien führt. Solche Erlebnisse zu ermöglichen ist unsere Leidenschaft und so gewinnen auch wir daraus Antrieb für künftiges Handeln. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen ein entschleunigtes, kraftspendendes Jahresende!

 

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Die Fotos in diesem Beitrag stammen von Teresa Pistorius, einer jungen Fotografin aus Hamburg, die kürzlich für ein Projekt über die Beziehung zwischen Mensch und Natur die Vegetation um Orion vor die Linse genommen hat.