11 Mai

Die fünfte Station: Ulysses.

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Die Irrfahrt als Selbstentfremdung?

Der Roman „Ulysses“ beschäftigt sich neben der komplexen und problematischen Beziehung der Iren mit dem Britischen Königreich, dem Nationalismus und der römisch-katholischen Kirche vor allem mit der Suche der beiden männlichen Protagonisten nach Vaterschaft und Vaterersatz – klarer Hinweis auf die Suche des Telemachos nach dem Vater, der die Familie vor 20 Jahren verlassen hat und dem eigenen Erwachsenwerden und damit der Emanzipation vom Vater. Als Stephen Dedalus in Bloom eine Art geistigen Vater findet und sich dadurch von der Vatersuche befreit, kann er davonziehen und zum Künstler werden. Das ist eine Art Fortsetzung des Fadens, den James Joyce mit Stephen Dedalus in “Portrait of an Artist as a young man“ begonnen hat.

Mit den Erfahrungen, die Stephen Dedalus und Leopold Bloom im Laufe der Handlung durchleben, ändern sich die Erzählperspektiven in jeder neuen Episode des Romans. Neben der Verwendung unterschiedlichster Sprachstile und Dialekte, ja sogar des Altenglischen (dem embryonalen Zustand des Englischen) bedient sich James Joyce auch verschiedenster Stilelemente aus Literaturgattungen wie direkte Rede, Dialoge, Drama, personale oder auktoriale Erzählperspektive, Reportage, Wortcollage, Montage oder Liebesroman und integriert Passagen ohne Satzzeichen sowie Bezüge auf unterschiedliche Themen, um die realistischen Gedankenschemen seiner Charaktere zu verdeutlichen. Dabei nimmt er Lautmalerisches, die Welt der Geräusche mit hinzu und auch Gesänge, Gedichte, Klänge.

Wo bleibt die Irrfahrt? Sie fragen nach unserem Thema der Selbstbestimmung. Ist es wirklich die Großstadt, in der er herumirrt? Ist er Produkt dieser Umwelt? Teilweise, ja, die vielen Parallel- und Simultanhandlungen und zeitlichen Be- und Entgrenzungen spiegeln das Großstadterleben wider, die Dynamik und Schnelligkeit und Ubiquität so wie die Pluralität der Perspektiven, die sich künstlerisch wiederum in der Vielheit der Erzählperspektiven niederschlagen. Die Figuren sind ständig in Bewegung, wie das Epos der Mobilität, die Odyssee. Die Orte, die sie realiter oder in ihren Reflexionen und assoziativen Erinnerungen aufsuchen, sind genauestens beschrieben und dadurch im realen Dublin jener Zeit verortbar.  Die Idee der Irrfahrt wird mit dem modernen Stadterlerlebnis und seiner Fülle an zufälligen Begebenheiten und fragmentarischen Wahrnehmungen verknüpft, das antike Epos somit transponiert und aktualisiert. Das weist in die Richtung des Großstadtmenschen, der von der Dynamik getrieben, bestimmt, rhythmisiert wird. Und was der Ort andeutet, wird durch den stream of consciousness noch stärker betont. Ihn betrachtend könnte man denken, der Roman selbst, in seiner sprachlichen Rätselhaftigkeit, sei das Labyrinth, die Irrfahrt, indem Form und Inhalt, Erzählstile und sprachliche Uneinheitlichkeit zum Schauplatz des Geschehens werden. Die Wahrnehmungen der Lebenswelt und das Innenleben der Figuren werden ungefiltert dargestellt, die menschliche Psyche und ihre irrende Unbehaustheit werden selbst zum Text.

Während Odysseus sich die Selbstbestimmtheit erkämpft, lebt Ulysses kampflos seinem Unterbewusstsein ausgeliefert, sein Unterbewusstes wird ihm nicht als duale Welt bewusst. Reales und Subjektives fallen zusammen, Außenwelt und Innenwelt blenden ineinander über, weitestgehend ununterscheidbar in ihrem Realitätsgehalt. Beide haben den gleichen Realitätsgrad. Er ist der Seiltänzer über dem Abgrund der Alltäglichkeit. Antiheld, Anti-Zarathustra der Normalität, des Banalen.

Odysseus wird ständig konfrontiert mit der Welt der Oberen, der Götter. Mit ihnen und zu ihnen lebt er in einem dialektischen Verhältnis. Leopold Bloom begegnet, könnte man sagen, ständig der Welt, die von unten, von seinem Unterbewusstsein nach oben schlägt und sich in die reale Welt hinein realisiert. Wir haben es erwähnt: der Roman ist auch aus einer intensiven Beschäftigung mit Freud erwachsen. Man kann Bloom tatenlos nennen. C. G. Jung formuliert das in seinem Aufsatz Ulysses – ein Monolog von 1932 so:

Der Joycesche Ulysses ist im strengsten Gegensatz zu seinem antiken Namensvetter ein tatenloses, bloss wahrnehmendes Bewusstsein, ja, ein blosses Auge, ein Ohr, eine Nase, Mund, ein Tastnerv, wahl- und hemmungslos dem brausenden chaotischen irrsinnigen Katarakt seelischer und physischer Gegebenheiten ausgesetzt und diese – beinah – photographisch registrierend.

Ist es verwegen zu sagen, dass der Homerische Odysseus näher an der modernen Individuation ist als Bloom, der Ulysses des 20. Jahrhunderts?

Die entgöttlichte Welt des Joyce – C. G. Jung nennt sie gar metaphysischen Nihilismus – beschreibt die Menschen und ihre Irrfahrt als eine Selbstentfremdung. Die Unterdrückung, so würde der Philosoph unserer Tage, Byung-Chul Han sagen, geschieht durch den Menschen selbst. Noch Foucault, in der Nachfolge von Sartre, schildert das Panoptikum allgegenwärtiger nahezu kafkaesker Überwachung durch totalitäre Strukturen im Staat wie in der Psyche. Die Irrfahrt, so könnte man denken, wird heute akzeleriert, die Selbstbestimmung durch scheinbare Freiheit bzw. durch ein Überangebot an Freiheit und Toleranz unmöglich gemacht, der Druck von Außen verinnerlicht und angenommen und in Selbstausbeutung verwandelt – und schließlich das Ich dem Ich durch das Ich entzogen.

Das neoliberale Diktum der Freiheit äußert sich in Wahrheit als paradoxer Imperativ „Sei frei“. Es stürzt das Leistungssubjekt in die Depression und in die Erschöpfung. Michel Foucaults Ethik des Selbst opponiert gegen die repressive politische Macht, ja gegen die Fremdausbeutung, aber sie ist blind gegenüber jener Gewalt der Freiheit, die der Selbstausbeutung zugrunde liegt.

„Du kannst“ übt mehr Zwang aus als „Du sollst“, der Selbstzwang ist fataler als der Fremdzwang, weil kein Widerstand gegen sich selbst möglich ist. Das neoliberale Regime verbirgt seine Zwangsstruktur hinter der scheinbaren Freiheit des einzelnen Individuums, das sich nicht mehr als unterworfenes Subjekt, sondern als entwerfendes Projekt begreift.

James Joyce zeigt den einsamen ‚Mann ohne Eigenschaften’ (Musil), den Nullachtfünzehntyp, den Polytropos im Dschungel des eigenen ihn selbst verschlingenden Unterbewusstseins wie im Dschungel der Stadt.

Homer zeigt den rationalen ‚homo oeconomicus’, der sein Ziel vor Augen hat, ein vor-, oder post- oder gar außermoralisches Management by objectives führt und der durch ein dialektisches Miteinander oder auch Gegeneinander von Fremd- und Selbstbestimmung sein Ziel erreicht.

Zwingend ist aber zum Schluss die Frage: Was ist das Einende aller Irrfahrt-Darstellungen?Was liegt ihnen sozusagen archetypisch zugrunde? Die drei Stationen Aufbruch – Initiation – Rückkehr ist zweifellos die Großform. Unter der ersten Station ‚Aufbruch’ könnte man differenzieren: Berufung, Weigerung, übernatürliche Hilfe, Überschreiten der ersten Schwelle. Die letzte dieser Stationen nennt die Forschung „Rückkehr über die Schwelle“. Der Begriff Schwelle kann vieles bedeuten, von der Türschwelle des heimatlichen Hauses bis zur Todesschwelle.

Diese Schritte werden in den von uns vorgestellten Werken in verschiedenster Form nachvollzogen. Dass das menschliche Leben diesen Schritten als Metapher zugrunde liegt, ist sinnfällig. Wunderbar hat das Joseph Campbell in seinen epochemachenden Büchern über den Mythos nachgewiesen. Leider ist nur eins davon ins Deutsche übersetzt.

Zum Schluss: Es ist sicher nicht abwegig eine literarischen Großtat zu erhoffen: den Roman über die gnadenlose Unbehaustheit dieser Tage, über die neue Völkerwanderung, gegenüber der, die Wanderungen des frühen Mittelalters sich harmlos ausnehmen, ein Nibelungenlied ein Kindermärchen ist. Eine Odyssee des 21. Jh. zu entwerfen, in deren Welt die Frage nach dem menschlichen Ich und seiner Versehrtheit die Hauptrolle spielt.

Ob unsere heutigen Begriffe der Selbstbestimmung und Fremdbestimmung noch tauglich sind, kann man ernstlich in Frage stellen. Schon länger kann man sich des Eindrucks nicht mehr erwehren, dass die nationalen Sprachen oft nicht mehr ausreichen, die Unvorstellbarkeiten moderner Kriegsszenarien, sozialer und ökologischer Katastrophen und deren Folgen auszudrücken. Daran gilt es zu arbeiten. Das Château d’Orion ist einer der vielen Orte, wo so etwas versucht wird.

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IMG_2908Vom 24.-30. September 2017 führt Hans-Joachim Mattke durch die Denkwoche “Homer: Odyssee – James Joyce: Ulysses“. Mehr Informationen und Anmeldung unter: http://denkagentur-chateau-orion.de/denkwochen/24-30-september-2017-homer-odyssee-james-joyce-ulysses/