04 Apr

Die dritte Station

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Hans-Jaochim Mattkes Vortrag bei der Mitgliederversammlung des Freundeskreises von Château d’Orion

“Wir alle, seit Plato über Kant und Fichte und dann auch moderne Philosophen wie zum Beispiel Byung-Chul Han oder Slavoi Zizek stellen immer wieder die Frage: wo und wann sind wir Bestimmte und wo und wann Bestimmer?

Selbstbestimmung – ein sperriges Wortding – man kann sie wohl am besten übersetzen mit Autonomie. Ernst Bloch hätte sie den „aufrechten Gang“ genannt. Heutzutage wird Autonomie mehr fürs autonome Autofahren benutzt, für die Übernahme der Verantwortung durch Elektronik, also dafür, dass wir nicht mehr gebraucht werden. (Immerhin: Stanley Kubrik hätte den Roboter HAL in seinem Film „2001 Odyssee im Weltraum“ beinah Athena, die Göttin der Weisheit, genannt).

Autonomie war einst ein philosophischer Begriff. Der Gegensatz zu Autonomie ist Heteronomie. Herrscht sie, dann kommt das „ Fressen vor der Moral“ (Brecht), dann handelt man fremd-, wenn man so will ‚triebgesteuert’, ohne Eigenverantwortung. Ohne aufrechten Gang. Ein anderer in uns oder außer uns.

Homers Odyssee und James Joyces Ulysses sollen uns weiterhelfen, den philosophischen Nebel zu lichten.

Die europäische Literatur setzt ein mit einem Paukenschlag. Nicht nur, dass Homers Odyssee ein erzählerisch ziemlich raffiniert gebautes Gebilde ist. In Homers zweitem Epos kann das heutige Europa in den Spiegel gucken und sich wiederfinden. Ein Europa, an dem Hunderttausende anlanden, die ohne unsere Hilfe kaum mehr eine Chance haben, ihr Leben selbst zu gestalten.
Die Odyssee jagt seinen Helden übers Meer, zerbricht seine Schiffe und wirft den Nackten und Mittellosen an die Strände des Mittelmeers, den Raum der Irrfahrten damals und heute. Dieser Raum ist, so der Historiker George Duby „die innerste Quelle der Kultur, aus der unsere Zivilisation sich speist“.

Aber mal ernst: Die Odyssee bringt einen Menschentypus hervor, der den Gefahren trotzt und sein Schicksal herausfordert. Vielleicht ist es sogar der Typus des Europäers, der sich in Odysseus zum ersten Mal vorstellt: der Wandlungsreiche, erfinderisch  und unersättlich in seinem Drang die Welt zu erfahren und zu verstehen. Sozusagen ein alter Ego, ein zweites Gesicht der grüblerischen Weltschmerznatur eines Hamlet oder Faust …

Die Ilias, das erste Homerische Epos, handelt vom Auszug nach Troja, dem Krieg und schließlich der Einnahme mittels einer List von Odysseus.

Der Kosmos der Ilias ist eine duale Welt. Den Menschen stehen gleichberechtigt oder sogar übergeordnet die Götter gegenüber: ihre Parteinahme, ja ihre Parteilichkeit, ihre Teilnahme am Kampf, ihr Eingreifen in konkrete Kampfhandlungen entscheiden über Wohl und Weh. Klar: sie sind unsterblich. Das unterscheidet sie vom Menschen! Das ist ihre Macht! Die komfortable Lage, dass man Recht hat und das auch weiss, macht jede Hierarchie skandalös. Auf der Basis der Unsterblichkeit und Infallibilität lässt sich trefflich leichtlebig, ja willkürlich Macht gebrauchen. Ja, man hat diese Götter gar ‚amoralisch’ genannt, da sie aus persönlichen Motiven, z.B. aus zorniger Rache handeln.

Plato meinte, die Ilias sei moralisch schädlich und dürfe der Jugend nicht nahegebracht werden, weil die Götter in ihr vermenschlicht würden. Richtig: Athene verwandelt sich verschiedentlich in Menschengestalt, um den Menschen zu helfen. Die Vermenschlichung der Götter ist allerdings seit dem Hinduismus und der Antike eine gängige Vorstellung und im Christentum die theologische Basis überhaupt. “Und der Logos war Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater.“ So heißt es im Johannes-Evangelium. Plato zweifelt grundsätzlich an solcher Zusammenführung von Materie und Geist.

Die olympischen Götter in der Ilias sind widersprüchlich. Sie sind weise und brutal, göttlich und Irdisch verzeihend und nachtragend. Androgyn und geschlechtlich. Ja, sie sind erotisch und erotisierend. Das ließe sich anekdotisch farbig untermauern. Und sie sind mit ziemlich menschlichen Bedürfnissen ausgestattet. Auf jeden Fall nicht verlässlich.

Aber auch ihre Macht hat Grenzen. Über ihnen stehen die Moiren, lateinisch die Parzen, das Urwort des Menschheitsschicksals, das Los, eine Weissagung in die selbst Zeus nicht eingreifen kann ohne nicht die ‚Ordnung der Dinge’ und des Kosmos zu zerstören.

Die Moiren spinnen für die Sterblichen bei der Geburt einen Faden, in den das Schicksal bereits hineingesponnen wird. Achilles muss alles ertragen, was ihm das Schicksal bereitet hat, „wenn seine Zeit gekommen ist“. Aber wirklich erst „wenn seine Zeit gekommen ist“ und sogar Hera ihn nicht mehr beschützen kann.

In Homers zweitem Epos, der Odyssee sind die Götter weniger mächtig, die Welt wird jetzt menschenzentrierter. Die seelisch wie körperlich anthropomorphen, das heißt menschenähnlichen olympischen Götter benehmen sich weniger launisch, sondern bewahren das unbedingte, verbindliche Recht.

Man sprach von einer „fortgeschrittenen Moral“ der Götter. Nur in zwei Versammlungen werden in der Odyssee von den Göttern die großen Linien der Handlung angelegt. Ansonsten kümmern sich nur Poseidon und Athene um die Menschen. Poseidon verfolgt Odysseus mit unversöhnlichem Zorn und Groll und weiß dessen Heimkehr immer wieder hinauszuzögern. Homer nutzt das kompositorisch für einen dramaturgischen Spannungsbogen und eine kunstreiche Retardation.

Athene dagegen lenkt den Klugen durch alle Gefahren, fällt die nötigen Entscheidungen und verfolgt mit Beharrlichkeit ihr Ziel, Odysseus nach Hause zu bringen. Die Göttin der Weisheit erfüllt sozusagen eine paradoxe Doppelaufgabe. Sie handelt für ihn, macht ihn durch ihre Hilfe unselbstständig. Aber ihr Ziel ist, ihm zur Selbstbestimmung, zur Autonomie zu verhelfen – und sie sorgt dadurch für ihre eigene Entmachtung. Eine nette Metapher für Erziehung: Zieht man’s groß, werden’s frech.

Die Handlung der Odyssee ist uns Europäern bekannt, über die Jahrhunderte in Fleisch und Blut übergegangen, beinahe konstitutionelles Kulturgut geworden. Manch eine/r erinnert sich freudig oder auch schmerzlich an seine/ihre Schulzeit…

Das Epos umfasst ca. 40 Tage und spielt sich im 10. Jahr nach dem Fall Trojas ab. Zunächst erzählt Homer zwei Parallelhandlungen: Athene schickt den Sohn Telemachos auf die Suche nach dem Vater (Telemachie Buch 1-4) dann folgen die Fahrten und Abenteuer des Odysseus, des Königs von Ithaka (Buch 5-12). Beide Stränge werden im 13. Buch zusammengeführt zur Kernhandlung, den eigentlichen Irrfahrten. Angefügt wird noch die Rache an den Freiern.

Einigkeit besteht unter Forschern in der Annahme, dass das Epos drei große Stoff- und Motivkreise in sich aufgenommen hat: die Heimkehrergeschichte vom herumirrenden Seefahrer, die Geschichte vom totgeglaubten, wieder auftauchenden König und die Geschichte vom Sohn, der in die Welt zieht, um den verschwundenen Vater zu suchen. Hinzu kommen unzählige Kriegs-, Kampf- und Heldenlegenden sowie Olymp- und Hadesmythen.

Die Figur des Homerischen Odysseus steht im Spannungsfeld zwischen Selbst – und Fremdbestimmung. Die Fremdbestimmung: die Götter beschließen seine Rückkehr, Calypso muss ihn gehen lassen. Athene schickt ihn zur Erfüllung seines Schicksals weiter, ist eifrige Fürsprecherin für Odysseus, beeinflusst die Entscheidungen der Götter, verändert das Äußere des Odysseus, damit er unerkannt bleibt von den Freiern, lenkt die Speere der Freier ab, damit sie ihn nicht treffen. Das sind alles nicht seine Leistungen. Poseidon aber hindert seine direkte Heimfahrt und macht ihm das Leben zur lebensgefährlichen Hölle. Im 5. Gesang handelt Poseidon so brutal, dass es sogar heißt: „Jetzt wäre der Dulder wider sein Schicksal gestorben…“, das heißt, dass sogar die Moiren außer Kraft gesetzt worden wären und Poseidon sich gegen die Urweisheit und gegen den Ratschluss der Olympier vergangen hätte – hätte Athene nicht eingegriffen.

Und doch wissen wir: Odysseus wird der ‚Listenreiche’, der ‚Erfindungsreiche’ genannt. Als schlauer Fuchs ersinnt er Strategien, List und Lügen, um zielbewusst und pragmatisch mit klug und effizient gesetztem Instrumentarium sein Ziel, zum Beispiel die Eroberung Trojas oder jetzt seine Heimkehr zu erreichen oder wenigstens seine Haut zu retten.

Sagen wir’s doch kurz und klar: Er ist der erste rationale Held der Weltliteratur, Gegenpol zum starken und „göttergleichen“ Helden Achill. Denker Odysseus und Täter Achill. Shakespeares Hamlet sagt es am besten: Der angebornen Farbe der Entschließung wird des Gedankens Blässe angekränkelt. Welch ein grandiose Metapher für das Verhältnis von Tat und Gedanke!

Odysseus ist der mit dem analytischen Geist Ausgestattete, der seine Handlungen so anlegt, dass die Erwartungsauszahlung sich einstellt, hohe bewusste Zielorientiertheit, zeichnet ihn aus – während seine Freunde, seine Gefährten und Begleiter eher triebgesteuerte Männer darstellen, die nach Prinzipien der Emotion, der Gier, der Lust und des Instinktes handeln – und untergehen.

Für Nietzsche ist Odysseus das Muster eines ‚großen Menschen’. Zu unserer Verblüffung versteht er unter ‚großen Menschen’ Leute, die über die Fähigkeit zu lügen und zu täuschen verfügen. Nietzsche meint, dass die Zunahme an Täuschungsfähigkeit auf eine höhere Entwicklungsstufe der Menschen hinweise. In seiner Schrift: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn zeigt Nietzsche auf, dass Odysseus mit seinen Täuschungsmanövern und Lügen eine außerordentliche ‚moderne’ Fähigkeit hat. Ich würde das die Fähigkeit der ‚Metaphorisierung’ , ja der ‚Fiktionalisierung’ der Welt nennen, die frei ist von konventioneller Moral – und Ethikbindung und dergestalt einen schöpferischen Geist andeutet.

Und in der Tat: Homer hat seine mythenhafte Kunstgestalt – denn das ist sie, erdachte
Figur eines nahezu legendenhaften und nur teilweise historischen Vorgangs – Homer hat seinen Odysseus mit der modernen Fähigkeit der Selbsterfindung ausgestattet, ja sogar mit derjenigen der strategischen Selbstauslöschung mit dem Ziel der Selbsterhaltung: Nichts anderes ist seine Idee, sich dem menschenfressenden Polyphem, mit dem Namen Niemand vorzustellen. Dadurch überlebt er den Hilfeschrei des Polyphem, der, geblendet von Odysseus, seine Brüder zusammenruft mit dem Schrei: „Niemand hat mich geblendet“, worauf niemand zu Hilfe eilt.

Die Odyssee wird von vielen als archetypisches Einweihungsgeschehen interpretiert. Dieses Geschehen zeigt den Menschen auf dem hindernisreichen Weg der Individuation, das heißt zur Initiation, durch viele Seelen-Prüfungen, durch Schwellen- und Grenzerfahrungen zu seinem eigenen Zuhause, zu seinem Ich – vergleichbar der späteren griechisch-attischen Tragödie mit ihrer kathartischen Wirkung – aber ohne tragisches Ende.

Diese Deutung könnte erklären, warum das Werk auch heute noch gelesen, gespielt, getanzt, interpretiert und erst 2003 wieder neu übersetzt wurde. Kurt Steinmann gelang die grandiose und vielgerühmte Neuübersetzung in Hexametern.

Die Aktualität der Odyssee würde sich erklären aus der tiefen Sehnsucht des Menschen nach Individualität, nach Selbstbestimmung, Autonomie, dem spirituellen Ziel, sein freies Selbst zu werden.”