31 Jan

Das Unvollendete, das Bruchstück

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Eine Malreise wie aus dem Bilderbuch: in unserem traditionsreichen, schönen alten Schloss umgeben von malerischen Ortschaften lädt Marie-Hélène Desrue auch in diesem Jahr zum Spiel mit Pinsel und Farbe ein. Ausgebildet an der Hochschule der Künste in Berlin, lebt sie heute als bildende Künstlerin und Kunstpädagogin in Karlsruhe und ist dort unter anderem Lehrbeauftragte am Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft für Zeichnung und Skizze. Seit vielen Jahren bietet sie zudem Malreisen an. Ihr Malseminar in Orion (10.-17. September) ist gedacht für Leute, die das Zeichnen und Malen trainieren wollen, ohne dabei jedoch den Spaß am Leben zu vergessen. Das gilt für Anfänger wie für Fortgeschrittene. Mit sichererer Hand führt die Künstlerin Marie-Hélène Desrue ihre Gäste durch Motive und Techniken. Die herrliche Landschaft um Château d’Orion, der Blick auf die Pyrenäen lädt ein zu aquarellieren. Aber auch die Gouachen Malerei findet hier faszinierende Motive. Marie-Hélène trainiert die Wahrnehmung, übt das Erfassen von Situationen, bietet geduldig Lösungsmöglichkeiten und leitet gekonnt zum selbstständigen Arbeiten an.

Nachdem in unserem letztjährigen Malseminar der Schwerpunkt auf Fleck und Linie gesetzt wurde – wobei hier daran zu erinnern sei, dass mit Flecken alles möglich ist – soll 2017 das Thema des  Fragmentarischen, des Unvollendeten im Mittelpunkt stehen.

Der im Freien malende Künstler kann den Landschaftsraum nur im zeitlichen Ablauf seines Blickes als Raumkontinuum erfahren. Er tastet die Landschaft ab, setzt Prioritäten und lässt das Material zu seinem Recht kommen. In der Romantik wird das Fragment als bewusst unvollendet aufgefasst, als Mikrokosmos eines nicht realisierbaren Ganzen oder als „Methode, Wegstück, um das Universelle zu erreichen“ (Tina Grütter). In der Mitte des 19. Jahrhunderts reagierten die Malerinnen und Maler auf die Erkenntnisse der Optik und reflektierten in ihren Werken ihre persönliche Aneignung der Wirklichkeit.

Die zeichnerische bzw. malerische Auseinandersetzung mit diesen zwei Begriffen bringt uns einer authentischen Aussage näher als das Festhalten an der heute viel zu präsenten sogenannten glatten „Perfektion“, beispielsweise der Photoshop-Wiedergabe. Im Atelier und im Freien wird die Umgebung mit verschiedenen Techniken –  Öl- oder Pastellkreiden, Aquarell, Gouache oder Acryl – in kleinen Studien, atmosphärischen Fragmenten und hingeworfenen Skizzen mit immer neuen Ansätzen festgehalten.

„Ein Bild zu vollenden heißt ihm den Gnadenstoß zu geben“. Diese Behauptung von Picasso ist richtungsweisend!