06 Jun

Wo bleibt der Mensch?

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Zwischen Algorithmisierung von Arbeit, Digitalisierung von Kontrollsystemen und künstlicher Intelligenz

 

Die Diskussion der künstlichen Intelligenz, welche sich zwischen Apokalypse und Erlösung bewegt, erfährt aktuell eine Renaissance. Mit Bitcoins und Blockchains entstehen neue Währungen, Vertrags- und Kontrollsysteme, welche vollständig digitalisiert ablaufen. Und die Algorithmisierung von Arbeit und Führung schreitet immer mehr voran. „Ehemalige Studenten erfinden Unternehmen, die das erledigen, was ihre Mama nicht mehr tut – anstatt Dinge zu tun, die Mama stolz machen“, so Andrew Yang. Wir teilen und digitalisieren, um sofort mehr Zugänge zu haben: Bücher, Musik, Autos, Unterkünfte, Mobilität, Gesundheit, Sicherheit, Energie. Die Geschäftsmodelle verändern sich schneller als Ökosysteme sich evolutiv umstellen können.

Was aber bleibt übrig und wo bleibt der Mensch? Welchen Einfluss haben diese Entwicklungen auf das Individuum, unsere Gemeinschaften und unsere Organisationen? Wie können wir eine menschenfreundliche Zukunft gestalten und welche Rolle kann Bildung dabei spielen? Ist unsere Freiheit, d.h. die Nicht-Einhaltung und Reflexion von Regeln, am Ende künstliche Dummheit?

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen stellt sich für uns als Individuen zwangsläufig die Frage, was uns von den Maschinen unterscheidet. Damit stehen wir vor der Herausforderung, die Zukunft der Arbeit im Zuge der Digitalisierung und Algorithmisierung sowie die Zukunft unserer sinnlichen Überlegenheit gegenüber den Maschinen neu zu denken. Unsere sinnliche Intelligenz ist es, die eine Reflexion der Veränderungen ermöglicht und, die wir nutzen können, um Erfindungen klug einzusetzen.

Big Data soll alles kleinmachen und neue Technologien ersetzen ganze Berufsgruppen. Wie von der OECD prognostiziert, ist weltweit jeder zehnte Arbeitsplatz gefährdet, in Deutschland sind es sogar noch mehr. Was wäre, wenn Albert Einstein recht hat und große Daten noch größere Theorien zur Interpretation bedürfen?

Aber nicht nur Formen des Arbeitens, nicht nur Organisationen und die Ökonomie sind betroffen – auch Staats- und Regierungsformen müssen im Zuge der genannten Entwicklungen neu gedacht werden. Was passiert mit dem Kollektiv, wenn alles immer individualisierbarer wird? Was ist und wozu ist die Demokratie, welche der Philosoph Jacques Rancière als „die Herrschaft der unbegrenzten individuellen Begierden in der modernen Massengesellschaft“ bezeichnet, heute wie künftig imstande? Wird der geschlossene, ausgrenzende Populismus als Gewinner der Zeit nach den Demokratien und Kapitalismen hervorgehen?

Ein Plädoyer für sinnliche Bildung

Bildung ist Befreiung – in der Absichtslosigkeit zur Ermöglichung. Bildung ist Sinnesbildung, keine Informationslogistik. Sinnesbildung braucht sinnliche Bildung. Sinnliche Bildung schafft die Voraussetzungen zur Empfindsamkeit und zum Bewusstsein im Nicht-Wissen, u.a. durch entritualisierte Rollenkonzepte und sinnlichere Anregungsarenen.

Im Rahmen der Denkwoche mit Stephan A. Jansen vom 24. bis 30. Juli 2016 werden Kontextualisierungen, Ent-Sorgungen und Neu-Orientierungen von Phänomenen gewagt, von denen unsere Zukunft abhängt. Es ist unser Ziel, über die Bildung der nächsten Bildung im Zeitalter der scheinbaren Allgemeinzugänglichkeit von Wissen nachzudenken. Fällt uns noch ein nicht-robotisierbares und nicht-algorithmisierbares Berufsfeld ein oder einfach ein anderes Verständnis von wirksamer Arbeit?

Wenn wir nur Zuschauer des Umbruchs bleiben, so können wir ihn laut Ranciére nicht verstehen. Es gilt also darüber nachzudenken, wie es uns gelingen kann, den Gemeinschaftssinn zu bewahren und sicherzustellen, dass niemand auf der Strecke bleibt.