04 Apr

Kein Ende dem Staunen

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Wie Forschung und Erkenntnis Zugänge zu den Geheimnissen der Welt schaffen

 

Die in der Epoche der Aufklärung herbeigeführte wissenschaftliche Revolution hat das allgemeine Verständnis der Naturwissenschaften bis heute geprägt. Bedient sich der Mensch seines eigenen Verstandes, wird er der bedrohlichen Natur habhaft und lernt sie zu entzaubern, so die allgemeine Auffassung. Der Heidelberger Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer hält dagegen: In seinem 2014 erschienenen Buch “Die Verzauberung der Welt” zeichnet er ein Bild der Naturwissenschaften, in dem Erkenntnis und Geheimnis Hand in Hand gehen und erst das Forschen den wahren Zauber zu enthüllen vermag. Von welcher Tragweite diese Theorie ist, warum sie Hoffnung schenkt, was den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften gemein ist und was die Besucher der im Juni stattfindenden Denkwoche mit Ernst Peter Fischer erwartet, beschreiben unsere Rezensenten Dr. Gerhard F. Schneider und Traute Fischer im Folgenden.

 

“Die Naturwissenschaften haben mit Beginn der Neuzeit vor rund 500 Jahren Fahrt aufgenommen und boomen geradezu exponentiell seit Beginn der Moderne vor rund 250 Jahren. Die neuen Erkenntnisse lösten Paradigmenwechsel und kulturelle Revolutionen aus, sie veränderten Weltbilder. Ein Leben, wie wir es heute führen, wäre ohne die Entdeckungen des letzten halben Jahrtausends nicht möglich. Und trotzdem scheinen viele Menschen anders als im Falle der Produkte der Kunst gegenüber den Produkten der Naturwissenschaften ein eher distanziertes Verhältnis zu hegen. Das mag sicherlich daran liegen, dass die naturwissenschaftlichen Entdeckungen oft schwer verständlich sind, aber auch daran, dass die Risiken und Nebenwirkungen darauf basierender Erfindungen zunehmend eine abschreckende Wirkung haben. Ganz bestimmt aber auch daran, dass viele Menschen – und hier gerade die Romantiker unter ihnen – glauben, die Welt würde, je tiefer man in die Geheimnisse der Natur vordringt, zunehmend entzaubert werden.

Während der bevorstehenden Denkwoche in Château d’Orion wird es Ernst Peter Fischer sicher gelingen, jene Pessimisten vom Gegenteil zu überzeugen. Von Kopernikus bis Heisenberg gelingt es ihm, denen, welche keine, oder nur wenige naturwissenschaftliche Vorkenntnisse haben, wesentliche Entdeckungen der Naturwissenschaften verständlich zu machen. Er vermag es aufzuzeigen, welcher Zauber in diesen Entdeckungen und dem Weg dorthin liegt, welche Faszination von deren Entdeckern ausgeht und wie sie um und mit ihren Werken gerungen haben. Ernst Peter Fischer wird die Teilnehmer der Denkwoche mit der Erkenntnis entlassen, dass in der Natur und in Kunstwerken vergleichbare Gesetzmäßigkeiten von enormer Bedeutung verborgen sind. Nach dieser Woche werden sie erahnen können, dass der durch den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik beschriebene „Wärmetod“ für das gesamte Universum und uns Menschen von weit höherer Tragweite ist als der in „Tristan und Isolde“ besungene „Liebestod“ zweier tragischer Figuren. Sie werden ein Gespür dafür bekommen haben, dass die durch die Allgemeine Relativitätstheorie entworfene, das Universum durchziehende und die Planeten umwallende, elastische Raumzeit im Großen und Ganzen das darstellt, was hier auf unserer Erde Umhüllungskünstler mit Tüchern zu vollziehen versuchen. Vor allem Kunstbeflissene werden erkannt haben, welch großartige Kunstwerke in der Natur verborgen sind und von jetzt an Rudolf Clausius und Albert Einstein sowie ihren Entdeckungen die gleiche Würdigung und Aufmerksamkeit entgegenbringen, wie sie dies im Falle von Richard Wagner oder Christo und Jeanne-Claude und deren Werken zu tun pflegen.

Auch wenn die Naturwissenschaft sich weiter am Baum der Erkenntnis ergötzt – sie ist weit, sehr weit von der göttlichen Omniszienz entfernt. Der Raum des Wissens ist unendlich groß. Wer auch immer darin eine weitere Türe öffnet, wird in der Unendlichkeit dahinter wieder neue Türen finden, welche geöffnet werden wollen. Wenn wir mit der uns seit dem Sündenfall angeborenen Gier nach Wissen vernünftig umgehen, wird uns die Natur ohne entzaubert zu werden weiterhin mit ihren Kunstwerken verzaubern.

Unser Staunen wird so nie ein Ende finden.”

 

CdO_Scene_ouvert_2013_44Dr. Gerhard F. Schneider ist als ehemaliger Vertriebsmanager in der Pharmaindustrie nach eigener Aussage naturwissenschaftlich vorbelastet und hat seinen Horizont im Ruhestand kulturwissenschaftlich erweitert.

 

 

 

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Traute GartzkeTraute Gartzke ist ehemalige Lehrerin für Geschichte und Französisch. Ihr Philosophicum hat sie bei Carl Friedrich von Weizsäcker gemacht.