14 Apr

Denkend genießen

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Ganzheitliche Bildung gegen innere Verarmung

 

Wer konstatiert sie nicht, die Suche nach Gedankenaustausch über den fachlichen Horizont hinaus? Wer wüsste nicht aus eigener Erfahrung, dass speziell hart arbeitende Menschen in vielen Branchen geistig Gefangene ihres Systems sind. André Gide nennt dies die Gefahr der „inneren Verarmung”.

Als Spezialisten hervorragend qualifiziert, spüren viele eine Sehnsucht, sich dem universellen humanistischen Erbe zu widmen. Wirtschaftsunternehmen begreifen, dass ethische Sichtweisen notwendig sind, gesellschaftspolitisch Verantwortliche klagen, dass nach dem „Wirtschaftswunder” dringend ein „Bildungswunder” fehlt. Bildung ist das Kapital der Zukunft. Erst, wenn es uns gelingt, das richtige Mischungsverhältnis an ganzheitlicher Menschenbildung und pragmatischer Ertüchtigung zu finden, sind wir gerüstet für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts.

Dr. Eberhard von Kuenheim, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Bayerischen Motorenwerke, analysiert Paradoxien gegenwärtiger Anforderungsprofile so: Wir müssen weltweit präsent sein und gleichzeitig lokal, wir müssen uns zentral organisieren und gleichzeitig dezentral, wir müssen exakt planen und dennoch dabei äußerst beweglich agieren. Er sieht den Schlüssel gegenwärtiger und künftiger Anforderungen in der Orientierung durch umfassende Bildung:

„Die Wirtschaft braucht den gesamthaft geformten, den gebildeten Menschen; und der geht aus unseren Betrieben nicht hervor. Dazu sind die Regeln zu einseitig, und sie setzen zu spät ein. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr.

Unsere konkrete Aufgabenstellung führt zur Spezialisierung. Aber Spezialisten allein werden die Fragen der Zukunft nicht lösen. Denn die Herausforderungen für das nächste Jahrhundert werden uns vor Veränderungen stellen, die wir mit der industriellen Revolution des letzten Jahrhunderts zumindest gleichsetzen müssen. Alles wird ständig und gleichzeitig in Bewegung sein.”

Viele sehen wohl, dass sie sich in immer schmaleren Segmenten hervorragend auskennen, dafür die Komplexität, das gesamte Muster nicht mehr erkennen. Leider scheitern die meisten beim Versuch etwas zu ändern, an mangelnder Zeit, Gelegenheit oder vielleicht auch an der Inspiration, wie denn dem Leben noch eine vertiefende Variante abzugewinnen sei. Die Denkwochen in Château d’Orion sind diese Anstiftung zum Entdecken und Staunen.

Ferien und Urlaub, besagen Untersuchungen, bilden inzwischen keine Antiwelt mehr zum Alltag. Erholung ist geprägt vom vermittelten Inhalt. Die Seele baumeln lassen, ist eine Sache; die geistigen Kräfte zu mobilisieren, damit sie den Wert des Gelebten erkennen, eine andere. Inmitten einer so schnelllebigen, fordernden Welt fällt es zunehmend schwer, innezuhalten und eine Pause im klassischen Sinne einzulegen. Die Zeit läuft und wir können sie nicht aufhalten. Wir können sie aber verdichten, das wusste auch Roger Willemsen.

Nicht Zeitvertreib, sondern Zeitgenuss ist das Stichwort. Daher ist die Denkagentur der Schritt in eine neue Erholungsdimension und Château d’Orion der richtige Ort. Untermauert wird das Konzept der Denkwochen durch die wissenschaftliche Erkenntnis, der Mensch fühle sich dann am besten erholt, wenn er sowohl geistige als auch körperliche Anregung findet.

Leib und Seele in Gleichklang zu bringen, heißt Erfahrung mit Szenerien und Szenarien zu sammeln, die man bisher noch nicht berührt oder lange vernachlässigt hat. Die Universität Witten-Herdecke bietet ihren Studenten ein Studium Fundamentale an, das die jungen Leute mit Begeisterung absolvieren, ermöglicht es ihnen doch, nicht nur in den gewählten Studienfächern, Kenntnisse zu erwerben. Philosophie ergänzt das Fach Betriebswirtschaft, Mediziner belegen Videokunst oder Komposition. Erst die interdisziplinäre Einordnung von Wissen, das Verknüpfen von erworbenen Details, macht den ganzen Menschen aus. Nach diesem Prinzip denkt und handelt auch Stephan A. Jansen, der an der Universität Witten-Herdecke promoviert hat, Gründungspräsident der Zeppelin Universität war, als Beirat einer Flüchtlingsuniversität (KIRON University) tätig ist und sich – auch im Rahmen einer Denkwoche im Juli dieses Jahres – mit sinnlicher Bildung beschäftigt.

Für Erwachsene jenseits des Studiums, die im Arbeitsprozess stehen, gibt es wenig Möglichkeiten der Vertiefung von Sujets außerhalb des Berufsfeldes über einen längeren Zeitraum. Dabei wissen wir aus Erfahrung, es gibt einen guten Grund, dies zu ändern: Erkenntnisse zu gewinnen, kann ein Abenteuer sein; den Geist zu bewegen, bringt Segen.

Die Chance, die aus der Begegnung von Wirtschaft, Politik, Geistes- und Naturwissenschaft entsteht, haben amerikanische „think tanks” längst erkannt. In Deutschland, so wird dagegen beklagt, tauschen sich die einzelnen Fachdisziplinen noch viel zu wenig aus. Die Denkagentur Château d’Orion ermöglicht Begegnungen von Menschen, die sich sonst kaum kennen lernen würden. Spielerische Begleiterscheinung der Idee: Systemgrenzen werden überschritten und der Horizont erweitert. Auf indirektem Wege werden so die vom täglichen „Metro-boulot-dodot”, dem alltäglichen Trott, verschlossenen Denkgemächer wieder zugänglich gemacht. Um über den Tellerrand hinaus zu sehen, brauchen wir Erkenntnisse und Erfahrungen. Kenntnisse aus Literatur, Naturwissenschaft, Kultur, Geschichte können Quereinstiege sein, um gedankliche Sackgassen zu öffnen. Diese Fähigkeit wiederum stellt laut Stephan Gutzeit eine Schlüsselqualifikation gegenwärtiger Verantwortungsträger aus Wirtschaft und Politik dar.

Im lebendigen Diskurs sieht auch der Philosophieprofessor Odo Marquard die Chance, der Informationsflut Herr zu werden. In der Mitteilung an einen anderen und durch dessen Ergänzung setzt sich Wissen zusammen. Es wird gleichsam nicht aufeinander gestapelt, sondern hin und her bewegt und ergibt damit eine Gesamtansicht. „Modernität braucht Langsamkeit, braucht Menschen, die innehalten können, auch in einer beschleunigten Welt”, sagt Odo Marquard. Und er weiß auch: „Wir ertrinken in Information und hungern nach Wissen.“ Vor lauter Wissbegierde dürfen wir jedoch nicht versäumen, die zahlreichen Informationen zu durchdringen, zu reflektieren und sie in größere Zusammenhänge einzuordnen.