29 Mrz

Denkgeschichte

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Ein Blick zurück mit gemischten Gefühlen

08.04 041 Wenn ich meine Tochter in dem schäbigen, windigen Küchenabteil lachend das Geschirr abspülen sehe oder die kerzenbeschienene kleine Tafel im Schatten der Baustelle, dann wird mir warm ums Herz. Aber auch ein wenig flau. Denn es ist alles andere als selbstverständlich, dass wir heute im eleganten Salon sitzen und dort staunend die Fragen der Welt betrachten und den offenen Diskurs wagen, der in unserer Zeit so dringend gebraucht wird.

Ein hartes Stück Arbeit liegt hinter uns und heute ein kleines Wunder vor uns, das nur durch viel Wohlwollen der Familie, der Freunde und der Begleiter, die daran geglaubt haben, Wirklichkeit wurde. Am Anfang standen wir nicht nur in Ruinen, sondern auch vor der Frage: Kann man wirklich Denkwochen in die Welt bringen, wo die Menschen doch täglich am Schreibtisch schon mit so viel „Denkzeug“ konfrontiert werden?

2001 hatte ich begonnen, die Familie behutsam an meinen Denkplan zu gewöhnen. Ein Manager, eine Psychologiestudentin und ein angehender Industriedesigner wurden von mir vertraut gemacht mit einem Konzept, das so gar nicht in die Zeit zu passen schien. Waren doch um uns herum alle rastlos unterwegs, immer auf der Überholspur und wollten, wenn überhaupt, Freizeit anstatt nur die Seele baumeln lassen. Wie das so schön hieß.

Zunehmend tauchten schließlich Argumente auf, die die „Akademie zur Gewinnung und Vertiefung von Erkenntnissen“, etwas später Denkwochen genannt, nährten. Beispielsweise verkündete der Vorstandsvorsitzende der BMW AG Eberhard von Kuehnheim, nur der ganzheitlich gebildete Manager könne die Probleme der Gegenwart überhaupt erkennen, geschweige denn lösen. Oder Stephan Gutzeit, der damals das European College of Liberal Arts in Berlin gegründet hatte:

„Was gewinnt ein Manager, der Goethe liest – auch Dante, Shakespeare, Rousseau und Tolstoi?

Wer diese Texte liest, begreift und sich mit ihnen auseinandersetzt, dem ist nichts Menschliches mehr fremd, der versteht andere besser und sich selbst. Das ist nicht wenig für einen Menschen, dem die Führung anderer obliegt. Wer darüber hinaus Literatur regelrecht studiert, sie also mit Disziplin und Einfühlungsvermögen analysiert, mit Gleichgesinnten bespricht und dann selbst Schriften verfasst, lernt gut und klar zu schreiben, zu reden und zu denken, keine unbedeutende Schlüsselqualifikation auch das. Nicht zuletzt gewinnt er eine neue Auffassung von Gewinn, indem er versteht, daß neben Zahlen und Fakten auch anspruchsvolle Inhalte, ein guter Stil, nachhaltige Lebensqualität und andere ‚weiche Faktoren‘ wichtig sind – woraus folgt, daß er diese Momente verstehen muß, durchaus auch im Interesse der Bilanz seines Unternehmens, des Gewinns im engeren Sinn.“

Zweifel an der Akkumulation von Wissen wurden laut, das verknüpfende Denken versprach Orientierung, Sinnsucher machten sich auf den Weg, stellten neue Fragen.

Ein Blick zurück in erste Denkzeiten sei gestattet. Mit der Frage „ Ist das Ich eine Illusion?“ und einem philosophischen Blick auf neurobiologische Erkenntnisse sind wir damals gestartet. Der Wissenschaftsphilosoph Prof. Thomas Metzinger war es, der uns anleitete, darüber nachzudenken, ob wir tun was wir wollen oder wollen was wir tun.

Biarritz en 1900 - Page 8 308Die Küche hat sich seither verändert, unser Denken auch. Was bleibt ist die Vision, durch gedankliche Bewegung Perspektiven zu öffnen. Wie gut, dass es dazu immer neues Futter gibt. Deshalb hier noch ein Buch-Tipp: Mit Platon in Palästina – vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt. Von dem kanadischen Philosophen Carlos Fraenkel.

Im Klappentext heißt es: „Die Philosophie kann die Gegensätze zwischen Religionen und Kulturen nicht aufheben. Aber sie zeigt uns, wie wir Positionen begründen und Argumente austauschen können – was in einer Welt der Sprachlosigkeit und Gewalt viel bedeutet.“

Dem schließen wir uns gerne an. Oder nehmen wir Goethes Worte:

„Seht, …, was wäre ich denn, wenn ich nicht immer mit klugen Leuten umgegangen wäre und von ihnen gelernt hätte? Nicht aus Büchern, sondern durch lebendigen Ideenaustausch, durch heitere Geselligkeit müsst ihr lernen.“

Chateau von FerneAuch dem schließen wir uns gerne an und preisen beides, Buch und Gespräch, Geist und Genuss im Château d’Orion.