01 Feb

Vom Zauber der Naturwissenschaft

20151004_orion_5180

Auch eine Geisteswissenschaftlerin lässt sich verzaubern

Ernst Peter FischerErnst Peter Fischer ist der Wissenschaftshistoriker, der sich schon 1999 heftig wehrte gegen die Feststellung des Bestsellerautors von „Die Bildung“, Dietrich Schwanitz: “Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht.” Offen gesagt, gehörte ich zu den Menschen, die gerne mal ein Gedicht von Rilke zitieren oder ins Theater gehen, wenn es aber darum ging, die Quantenmechanik zu erläutern, dann war ich gerne bereit, abzuwinken und dies für eine Geisteswissenschaftlerin als weniger relevant zu betrachten. Wenn einer es geschafft hat, mich davon zu überzeugen, dass die Dinge zusammengehören, dann ist es Ernst Peter Fischer. Bildungskultur ist eben nicht teilbar in entweder Poesie oder Physik. Und werde ich ihm auch noch „Durch die Nacht” folgen, denn er hat in seinem gleichnamigen Buch auf berauschende Weise die Naturgeschichte der Dunkelheit beschrieben. Ernst Peter Fischer ist und bleibt der Erzähler, der sich mutig dem Wechselspiel des kulturellen Erbes stellt.

Dazu habe ich ihm drei Fragen gestellt:

Was ärgert Dich daran, wenn Menschen Mozart und Rilke kennen und das für Bildung halten, während sie es keineswegs für notwendig erachten, von Nils Bohr gehört zu haben?

Fischer: Ich bin sicher, dass viele Leute die Namen Mozart und Rilke, nicht aber deren Werke oder Künstlertum kennen. Warum dann nicht auch Bohr und Heisenberg? Beide haben die Welt erklärt, in der wir Menschen leben. Das lohnt sich zu wissen.

Bei Bohr mag ich besonders die Anekdote mit dem Hufeisen. Wenn ich mich recht erinnere, geht das so: Er hat ein Hufeisen am Eingangstor. Darüber wundern sich die Studenten des Naturwissenschaftlers. Worauf er antwortet: „Es kann ja nicht schaden!“ Was ist an dieser Geschichte das Besondere?

Fischer: Die Anekdote geht so, dass Bohr am Ende sagt: „Ich glaube nicht an Hufeisen, aber ich habe gehört, sie wirken auch dann, wenn man nicht daran glaubt“. Es geht Bohr um das Spiel mit der Sprache, das auch beim Erkennen gespielt wird. Du weißt doch, liebe Elke, keine Katze hat zwei Schwänze. Eine Katze hat einen Schwanz. Keine Katze und eine Katze sind eine Katze. Also hat eine Katze drei Schwänze! Oder was?

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind Meilensteine unserer Geschichte, aber nun behauptest Du, sie können uns verzaubern?

Fischer: Naturwissenschaftliche Erklärungen vertiefen das Geheimnisvolle und verzaubern dadurch die Dinge. Denn das Schönste, was ein Mensch erleben kann, ist das Gefühl für das Geheimnisvolle.

20151004_orion_5223Liebe Leser, dem kann nicht widersprechen und freue mich, während einer Juni-Denkwoche an unserem inspirierenden Ort  noch über vieles mehr mit Ernst Peter Fischer denken und austauschen zu können. Seien Sie dabei – „Die Verzauberung der Welt“ wird uns alle berauschen!

4 Gedanken zu „Vom Zauber der Naturwissenschaft

  1. Liebe Elke, da springe ich gleich als “Followerin” rein! Mir ist sofort ein Zitat von Einstein eingefallen:
    „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht wundern und nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“
    Albert Einstein (aus Alice Calaprice, „Einstein sagt“

    • Liebe Marie-Hélène, genau darum geht es ja in der Denkwoche mit Ernst-Peter Fischer. Die Kreativität zu erkennen, die uns die Naturwissenschaft erklärt. Und das nicht simpel sondern einfach klug. Vielen Dank für das schöne Zitat, es passt wunderbar!

  2. Mir fällt dazu die Englisch-Lehrerin meiner Tochter ein: Die sagte unlängst, sie würde sich nun kurz vor der Pensionierung nicht mehr mit Handys beschäftigen und auch nicht mehr mit diesem neumodischen Kram mit den CDs, die man brennen könne, um Unterrichtsmaterial und Bilder zur Verfügung zu stellen. Das war ihre Reaktion, als die Elternschaft ihr anlässlich einer Klassenfahrt anbot, kostenfrei ein Handy zu beschaffen, um erreichbar für Kinder (und Eltern) zu sein.

    Und auch andernorts ist mir schon eine gewisse “Arroganz der Kulturbeflissenheit” entgegengeweht. Rilke und Schönberg, ja, Feynman oder Maturana aber nein.

    Das finde ich sehr bedauerlich. Denn Zivilisationsgeschichte ist ja nicht nur Musik- und Literaturgeschichte, sondern immer auch Technologiegeschichte. Ohne Technologie, ohne Physik, Chemie, Materialwissenschaft keine Mittel, um Kultur zu schaffen. Kopf und Herz brauchen Ausdrucks- und Manifestationsmöglichkeiten. Dazu kommen dann noch Kommunikation und Mobilität. Von einer warmen Studierstube ganz zu schweigen.

    “Universalgelehrte” können wir nicht mehr sein. Doch eine allgemeine Horizonterweiterung in Richtung Naturwissenschaften würde ich mir schon wünschen. Fortschritt in jeder Hinsicht braucht ja das Querdenken und die Befruchtung. Neu und anders wird es, wenn wir über den Tellerrand schauen. Da mag hinter der Oper der Obertongesang liegen, aber eben auch das Reich der Computerspiele. Und nach Lyrik kommt nicht nur Poetry Slam, sondern auch Nanotechnologie.

    Insofern freue ich mich, dass es sogar eine Denkwoche gibt, die den Horizont in die Bewegung und ins Östliche erweitert.

    -Ralf Westphal, Hamburg

  3. Vielen Dank für Diesen Kommentar, den ich sehr hilfreich finde und den Kern der Idee trifft. Die Aufhebung der Trennung zwischen den Wissenschaften und dem Ost-Westdenken kann uns auf spielerische Weise voranbringen. Es ist schon so, dass wir auch ohne Meisterschaft in den einzelnen Disziplinen Erfolgerlebnisse verspüren können.

Kommentare sind geschlossen.