18 Feb

Steht das Lehren Kopf?

BRIGITTE WIRStoff zum Nachdenken findet sich überall, heute z.B. am Zeitungskiosk. Dort habe ich nämlich auf dem Cover von BRIGITTE WIR gelesen:

“Früher waren die Alten unsere Lehrer, heute sind es die Jungen”

Darüber habe ich einen Moment kleinen Moment lang versonnen den Kopf genickt – aber dann doch recht vehement geschüttelt. Nein, so einfach ist das nicht.

Zwar fühle ich (52) mich recht fit, was Computer, Internet, Social Media angeht – immerhin betreibe ich einige Websites und Blogs –, doch neulich konnte ich von meiner Tochter (15) etwas lernen. Sie zeigte mir, wie ich mittels Hashtags bei Instagram die Reichweite meiner Bilder vergrößern kann.

Ich denke, das ist es, worauf die Aussage hinaus will. Es gibt eine Menge Dinge in der Welt, die vor allem oder zunächst eher junge Menschen interessieren und auch noch mit dem Einsatz von moderner Technologie verbunden sind, von denen ältere Menschen keine Ahnung haben. Das heißt nicht, dass sie nicht von diesen Dingen profitieren könnten, doch es gibt Hürden, die ihnen den Kontakt erschweren. Mit der Hilfe junger Menschen können sie aber lernen, diese Hürden zu überwinden. Und dann gibt es kein Halten mehr: 68jährige lassen ihre Lieben daheim via Instagram an ihrer Weltreise teilhaben, 83jährige lesen Bücher auf dem iPad in extra großer Schrift, 75jährige basteln nach DIY-Anleitung bei Youtube, 56jährige drucken sich Ersatzteile auf dem 3D-Drucker aus – und selbst die Denkagentur fängt an zu twittern.

Das ist wunderbar. Wer würde nicht gern von jungen Menschen lernen wollen?

Früher war natürlich alles anders

Anscheinend war es aber wohl früher anders. Sonst lohnte sich diese Aussage auf dem Titel nicht für BRIGITTE WIR.

Gab es früher nicht so viel zu lernen für ältere Menschen? Oder haben sie sich nur geweigert, von Jüngeren etwas anzunehmen?

Mir scheint tatsächlich, dass sich da etwas verändert hat. Ich gehe dabei einmal der Einfachheit halber von “Leittechnologien” aus:

  • Vor 100 Jahren war eine Leittechnologie die Dampfkraft bzw. etwas später der Kraftstoffmotor: Eisenbahn, Dampfschiff, Automobil.
  • Vor 50 Jahren war es die Elektronik: Radio, Fernsehen.
  • Vor 30 Jahren war es der Computer.
  • Seit 15 Jahren ist es das Internet.
  • Seit 5 Jahren sind es Anwendungen auf Computern und Smartphones mit dem Internet als Rückgrat.

Leittechnologien haben die Menschen immer (auch ganz buchstäblich) bewegt. Kompetenz in dieser Hinsicht zu haben, war nützlich. Ein Blick in die Kinderstuben belegt das: dort tauchten vor 100 Jahren Dampfmaschinen als Spielzeug auf und hielten sich lange. Später waren es Elektronikbaukästen, danach Heimcomputer.

Erwachsene fanden die Beschäftigung damit pädagogisch wertvoll, Kinder wünschten sich interessantes Spielzeug. Fühlen Sie das Lehrgefälle? Kompetenz oder zumindest der Wunsch danach floss von den Älteren zu den Jüngeren.

Das war ganz natürlich, weil die Leittechnologien vergleichsweise teuer und unhandlich waren. Deshalb kam es zu ernsthaften Anwendungen erst im Beruf. Damit hatten die, die sich tiefergehend damit beschäftigen konnten, ein Mindestalter. Es waren nicht mehr die Jungen.

Umkehrung der Beschäftigungsverhältnisse

Das änderte sich allerdings schrittweise. Mein Vater konnte Ende der 1940er schon ernsthaft als Jugendlicher daheim mit Elektronik basteln, danach wurde es nur einfacher.

Ende der 1970er brauchten Computer schließlich die Möglichkeit der Herstellung von ernsthaften “Softwaremaschinen” in jedes Heim, das sich einen Apple oder später C64 leisten konnte. Spätestens jetzt konnten sich mit einer Leittechnologie diejenigen beschäftigen, die viel Zeit hatten: junge Menschen. Sie begannen, ihre Eltern zu überflügeln.

Dieser Trend hat sich mit Internet und den darauf aufsetzenden Anwendungen fortgesetzt. Zwar ist der Bastelcharakter der Beschäftigung damit in den Hintergrund gerutscht, dafür ist die Relevanz und der Umfang dessen, was jungen Menschen verfügbar ist, rasant gestiegen.

Das, was unsere Gesellschaft antreibt ist nicht mehr teuer und auf ein spätes Berufsleben begrenzt, sondern jedem von frühesten Kindesbeinen an zugänglich. Achten Sie auf das nächste Kleinkind mit iPad! Damit eigenen es sich diejenigen an, die viel Freiraum und Neugierde haben: die jungen und jüngsten Menschen. Das wiederum beschleunigt die Entwicklung der Leittechnologie.

Während also früher noch die Älteren qua Beruf die Wissens- und Erfahrungsmehrheit hatten bei einer Leittechnologie, hat sich das Verhältnis in dem Tempo umgekehrt, da die Leittechnologien at your fingertips und tiefer in den Alltag gewandert sind.

So weit, so verständlich. Es hat sich also etwas verändert. Und das wird wohl auch noch weitergehen. Die Zukunft der Nahrungsmittelproduktion wird von jungen Menschen ausprobiert, Beispiel Infarming. Oder die Zukunft der Produktion, Beispiel 3D-Druck. Oder die Zukunft der Reiseunterkunft, Beispiel Airbnb. Oder die Zukunft der Lehre, Beispiel Khan Academy. Oder die Zukunft der Geldbeschaffung, Beispiel Crowdfunding.

Veränderung ist keine Sache mehr der Großen oder von Gremien bestehend aus “alten Herren”. Veränderung, Innovation findet dank allseits verfügbarer Technologien dort statt, wo die Neugierde, die Beweglichkeit, der Trotz am größten ist: bei den Jungen.

Und deshalb titelt BRIGITTE WIR ganz richtig. Die Älteren können von den Jüngeren eine ganze Menge lernen.

Das fehlende Gegengewicht

Bei aller Verständlichkeit der Entwicklung empfinde ich das, was da aus dieser Titelaussage spricht, aber auch bedauerlich einseitig.

Gut, dass das Pendel von “Die Alten lehren die Jungen” in die andere Richtung schwingt. “Die Jungen lehren die Alten” ist lange überfällig. Nicht, dass es an Versuchen gefehlt hätte. Die Jungen haben immer wieder den Alten Angebote gemacht, doch mal etwas von ihnen anzunehmen. Doch die Alten haben abgelehnt. Weil sie konnten.

Das hat sich nun geändert. Das, was die Jungen lehren können, ist heute weniger ideologisch und kulturell, so scheint es. Vor allem ist es nämlich praktischer Art. Was sie können, macht das Alltagsleben leichter. Zwischen “Hört euch doch mal meine Musik an, die hat etwas zu sagen” und “Versucht doch auch mal, eine günstige Ferienunterkunft bei Airbnb zu bekommen” liegen Welten der Akzeptabilität für die Älteren.

Doch wie es mit den Pendeln so ist, sie schwingen gern auch zunächst zu weit. Das scheint mir der Fall. Denn zumindest der Titel bei BRIGITTE WIR lässt keinen Raum dafür, dass die Jungen weiterhin auch etwas von den Alten lernen könnten und sogar sollten.

Denn daran glaube ich: dass die Einseitigkeit kaum je bekömmlich ist. Weder war es besonders bekömmlich, dass nur die Alten die Jungen gelehrt haben. Noch wird es bekömmlich, wenn die Verhältnisse jetzt umgekehrt werden.

Komplementarität ist gesucht. Ich vermisse das sowohl-als-auch.

Wir Älteren und Alten sollten uns nicht ins Bockshorn jagen lassen. Nur weil es jetzt und eigentlich immer schon etwas von den Jungen zu lernen gibt und gab, bedeutet das nicht, dass viele Lebensjahre keine Erkenntnis mehr zu vermitteln haben.

Ich halte es sogar für eine große Gefahr, wenn wir uns einem “Jugendwahn der Lehre” hingäben.

Sich modisch kaum zu unterscheiden, ist eine Sache. Ich denke nicht, dass die sprichwörtliche beige Renterbekleidung eine schützenswerte kulturelle Errungenschaft darstellt.

Doch was ist mit der “Weisheit des Alters”? Gibt es die nicht oder nicht mehr? Früher war Erfahrung ein Wert. Hat der ausgedient? Ist heute nur noch junge Schnelligkeit und Flexibilität nützlich?

Ist alt nur noch spießig, konservativ, gar reaktionär und damit kontraprogressiv?

Im vegetativen Nervensystem gibt es den Sympathikus und den Parasympathikus. Sie arbeiten komplementär, als Gegenspieler. Beide sind für den komplexen Organismus wichtig. Erregung und Dämpfung gehören beide zum Leben.

Das scheint mir auch günstig für unsere Gesellschaft: neu + alt, unbeleckt + erfahren, mutig + vorsichtig, forsch + rücksichtsvoll und was der Komplemente mehr sind, das ist weiterhin beides nützlich.

Es wäre also zu schade, wenn die neue Tugend hieße “Lehre nicht die Jungen, sondern lerne von ihnen!”

Schöner hätte ich es daher gefunden, hätte BRIGITTE WIR so getitelt:

“Endlich lernen wir alle von einander: die Alten von den Jungen und die Jungen von den Alten”

Ralf WestphalDieser Text stammt von Gastblogger Ralf Westphal (ralfw.de, Twitter: @ralfw). Er ist Autor, Referent und Coach für nachhaltige Softwareproduktion und unterstützt als Accountability Partner Menschen bei Veränderungen (accountability-partner.de).