17 Feb

Denken schenken

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Es ist an der Zeit, auf fast 13 Jahre Denkwochen zurückzublicken…

Naturgemäß ist nicht mehr alles erinnerbar, aber einige Momente des gemeinsamen Sinnierens sind unvergesslich und füllen unsere Gästebücher sowie unsere Denkspeicher.

11Selbstredend ist nicht aus dem Gedächtnis zu löschen, wie die erste Denkwoche im Château d’Orion, sozusagen im Rohbau, abgehalten wurde. Die Wände mit alten Leinentüchern bespannt, Krepppapier an der Decke, um die aufgerissenen Mauern zu kaschieren. Das alles unter dem sagenhaften Titel: „Tradition und Innovation in Moderne und Postmoderne“. Professor Rudolf Lüthe war es, der sich traute, völlig im Ungewissen mit uns zu philosophieren. Aber das ist noch mal eine ganz eigene Geschichte wert, bald hier auf einer anderen Blogseite.

 

Auch die Begleiterscheinungen der Denkwochen sind alles andere als marginal. Wenn Rüdiger Safranski bis spät in die Nacht Gottfried-Benn-Gedichte rezitiert oder wir schon mal gemeinsam ein Lied singen, ohne Zögern auch österreichische Schlager, wenn’s beliebt, dann prägt es uns und es prägt sich ein. Ohne peinlich zu werden.

Oder wenn die ehemalige Lehrerin sich entzückt ihrem Gegenüber zuwendet und flüstert: „Helmut, Du hast mir den Glauben an die Manager wiedergegeben!“ Besagter Helmut hatte zuvor seine Miniatur-Gedichte vorgetragen, kleine Stücke voller Ironie und Nachdenklichkeit. Hatte sich Helmut Cordes damals bei der Denkwoche „Die Kunst des Schreibens“ mit Nathalie Weidenfeld sozusagen noch Mut angeschrieben, so ist er heute als veritabler Schwabenpoet mit kürzesten, pointierten Texten und selbstironischen Gedanken erfolgreich. Beispielsweise mit Titeln wie „Feingeister“ oder „Ausblicke Einsichten“.

Und so trug es sich zu, dass Helmut Cordes bei einer Reise nach Wien ein solches kleines Gedicht von einer Platane vortrug und Mitreisende erstaunt ausriefen: „Ist das nicht die Platane von Château d’Orion?“. Und siehe da, sie war es und alle kannten sie von den Denkwochen daselbst.

Helmut Cordes

Einige Beispiele Cordes’ kleiner Gedichte sollen auch diesen Blog zieren:

 „Blinde Kuh

Für ein Leben wie die Kinder, spielend im Glück, wiegend sich,
so manch einer selbstvergessen verträumt den Spatenstich.“

„Strahlkraft

Die zärtlichste Weise, jemanden zu schmeicheln,
mit den Wimpern leuchtender Augen streicheln.“

 „Zauber der Empathie

Ein Augenzwinkern einen Felsbrocken von der Seele kann heben,
der Kraftprotz mit einem Sandkörnchen am Meeresstrand sein Waterloo erleben.“

„Sinnlichkeit

Das berührendste Glück darin besteht,
das Rauschen des Windes spüren, der nicht weht.“

Es läßt sich leicht feststellen: Heute, viele Denkjahre nach unserer Gründung, ist die Sehnsucht, das Wesentliche zu berühren, noch gewachsen. Inzwischen gibt es vielfältig Futter dazu. Philosophische Magazine, Sendungen in Hörfunk und Fernsehen, es gibt Denkfeste, landauf – landab, Denkzirkel und Festivals zum Thema.

Die zunehmende Irritation hat einen Weg gefunden, vom Sammeln zum Sichten zu finden. Wir brauchen eben nicht immer mehr Informationen, sondern eine Verknüpfung zum besseren Verständnis. Genau das bildet die Basis der Denkwochen im Château d’Orion und nun auch im Gut Sonnenhausen. Gemeinsam, abwägend, eben nicht grübelnd, sondern im guten Austausch, im Zuhören.

08.04So ist es an der Zeit, all den Gästen, Mitdenkern und Denkerinnen zu danken, die seither um den Tisch unter der Platane sitzen und gemeinsam um eine Erkenntnis ringen. Jedes Fest ist so gut wie seine Gäste, und die haben von Anbeginn die Denkwochen im Château d’Orion bereichert – mit fragen, staunen, zweifeln und ihrem Wissen. Sie haben viele Denkgeschenke an diesem Ort der Begegnung hinterlassen und mit uns Denkgeschichte geschrieben.