29 Feb

Achtsamkeit

Achtsamkeit_Beitragsbild

oder: Mit dem Leben im Kontakt sein

 Zur Definition findet sich im Netz u.a. folgendes: 

Achtsamkeit (engl. mindfulness) kann als Form der Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit einem besonderen Wahrnehmungs- und Bewusstseinszustand verstanden werden, als spezielle Persönlichkeitseigenschaft sowie als Methode zur Verminderung von Leiden (im weitesten Sinne). Historisch betrachtet ist Achtsamkeit vor allem in der buddhistischen Lehre und Meditationspraxis zu finden. Im westlichen Kulturkreis ist das Üben von Achtsamkeit insbesondere durch den Einsatz im Rahmen verschiedener Psychotherapiemethoden bekannt geworden.

Ein Thema, dass mir schon lange am Herzen liegt – vor allem wohl, da ich in einer Familie groß geworden bin, die sehr achtsam mit sich, anderen, der Umwelt, überhaupt mit allem, umgeht. Wir haben Realitäten nie verleugnet oder uns schwierigen Situationen entzogen – ganz im Gegenteil. Das Wohl anderer liegt uns sehr am Herzen. Natürlich gehört dazu, mit sich selbst ebenfalls achtsam umzugehen.

Professioneller ausgedrückt: Achtsamkeit heißt, wach und mit allen Sinnen ganz im Augenblick zu sein und einverstanden mit dem Moment, wie er gerade ist.

Solche Momente kennen alle Menschen, und doch sind wir die meiste Zeit gefangen in (meist kritischen) Gedanken oder inneren Auseinandersetzungen mit Gefühlen, wir hängen in der Vergangenheit fest oder planen bereits das Übermorgen. Wir sind gerade nicht ganz anwesend.

In Alltagssituationen erlebe ich es fast täglich, diese Unachtsamkeit. Es fängt schon damit an, dass man dem Nachfolgenden die Tür nicht aufhält. Für so viele Menschen ist es leider heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr, einfach beim Betreten eines Hauses zum Beispiel, kurz hinter sich zu schauen, bevor die Tür dem Nächsten entgegenschlägt. Oder jemandem die Tür aufzuhalten, weil der die Hände voll hat und erst seine Taschen abstellen müsste.Kaufhaustür

Achtsamkeit heißt für mich, auf sich und seine Umwelt achten, aufmerksam sein, was um mich herum passiert, wer ist wie in meiner Nähe. Meiner festen Überzeugung nach für das Leben in einer zivilisierten, modernen Gesellschaft unabdingbar. Würden mehr Menschen auf andere achten, aufmerksamer sein, wie diese durchs Leben gehen, sich diese fühlen, ihre feinen Antennen danach ausrichten, es würde weniger Konflikte, Unglück, Kriege geben.

Leider beschäftigt sich kaum einer mit dieser so klaren, wenn auch einfachen Betrachtung der Achtsamkeit. Nein, es wird eine psychologische Wissenschaft daraus gemacht, Betrachtungsweisen anderer Kulturen und Religionen herangezogen, statt sich auf die so einfache Bedeutung und Umsetzbarkeit dieses Begriffs zu konzentrieren. Achtsamkeit in der modernen Wissenschaft zielt fast ausschließlich darauf ab, sich auf sich selbst zu konzentrieren, auf sich zu achten, damit die Auswirkungen des Alltagsstresses gemindert werden oder man sein eigenes körperliches sowie psychisches Wohlbefinden verbessern kann. Also wieder eine weitere Form der Ich-Stärkung, des Egoismus…dabei wäre es doch für jeden im Alltag so viel einfacher – ganz ohne diese „Verwissenschaftlichung“…

Stellen Sie sich mal einen Alltag vor, in dem jeder achtsam mit den anderen umgeht. Was würde sich wohl alles (ver)ändern?
Morgens knallt mir nicht die Eingangstür beim Bäcker ins Gesicht, die Mutter mit ihrem Kinderwagen kann sich vor Hilfsangeboten an der steilen U-Bahntreppe gar nicht genug bedanken, die Kollegin freut sich über ein herzliches „Guten Morgen“, obwohl sie am vorigen Tag beim Teammeeting nicht besonders mit ihrer Leistung glänzte, die Chefin bzw. der Chef spürt Unstimmigkeiten im Team und provoziert nicht mit Kritik oder Zusatzaufgaben für den Moment, zum Mittagessen wird der neue Kollege mit eingeladen, „Außenseiter“ werden mit an den Tisch gebeten, die Schüchternen werden in Gespräche feinfühlig mit einbezogen, die benutzten Kaffee- und Teebecher werden von jedem in der Gemeinschaftsküche in den Geschirrspüler gestellt, ohne Aufforderung räumt jeder das saubere Geschirr in die Schränke (ohne Gedanken daran, dass ich es „ja schon so oft getan habe“). Und genau da setzt Achtsamkeit für mich ebenfalls an: Feinfühligkeit – die übrigens jeder entwickeln, noch erlernen kann!

Die Fähigkeit, das Leben oder eine Situation genau so anzuerkennen, wie es gerade ist, und sich dem zu stellen – ohne sie verleugnen oder nicht beachten zu wollen – kann durch verschiedene Achtsamkeitsübungen entfaltet werden. Dazu aber in einem anderen Blogartikel hier.

Achtsamkeit ist etwas, in dem man sich übt, und es braucht Entwicklungszeit sowie die Bereitschaft zur Übung und Veränderung. Geduld und Milde mit sich selbst sind dabei wachsende Qualitäten. So wie wir beispielsweise das Radfahren Tritt für Tritt erlernen, so entwickelt sich auch mit zunehmender Übung der Achtsamkeit die Fähigkeit, sich bewusster und ruhiger zu bewegen und bei unerwarteten Hindernissen nicht aus der Balance zu geraten. Wir können Anforderungen, Stress und Belastungen in unserem Leben nicht verhindern, aber wer aufmerksam sein Umfeld wahrnimmt, kann entscheiden, wie er sich in unvorhersehbaren oder schwierigen Momenten verhält.

Im Sinne der Gemeinschaft handeln, ohne sich selbst zu verlieren oder aufzugeben!

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Unsere Gastbloggerin: Ulrike Gagel-Petereit.
Bereits 2008 hat sie sich auf die Strategieberatung und operative Begleitung von Marketing- und Kommunikationsprozessen spezialisiert. Ihre Leidenschaft für das Schreiben und Texten setzt sie mit TextforYou auch für kleine und mittelständische Unternehmen um. Mit ihren Beiträgen unterstützt sie unser Château d’Orion genauso wie die Denkagentur. Die diplomierte Volkswirtin war über 15 Jahre in Marketing-Leitungspositionen tätig und lebt mit Ihrer Familie in Hamburg.

Ein Gedanke zu „Achtsamkeit

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag. Er hat die Erinnerung an ein hölzernes Schild in mir geweckt, dem ich im Garten eines buddhistischen Tempels auf einer Reise durch den Isan begegnet bin. Darauf stand geschrieben: „Abandoning the unwholesome – it’s more important than doing good“. Ich denke, damit ist nicht gemeint, dass Wohltätigkeit einen geringeren Stellenwert verdient. Das Unzuträgliche in der Welt und in der Beziehung zu anderen Menschen sowie uns selbst aufzuspüren erfordert einen wachen Geist. Darin liegt die Chance zu verstehen, zu lernen, zu verbessern – der nachhaltigere Weg Gutes zu tun.

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