20. – 26. Oktober 2019: Was berührt uns?
Eine Denkwoche auf der Suche nach einem knappen Gut

“Die Gegenwart einer jeden Würde weist den anderen auf sich selbst zurück.” – Johann Wolfgang von Goethe

 

Liebe Denkerin, lieber Denker,

wer auf der Suche nach Inspiration und Erholung ist und der Kunst des gelingenden Lebens auf die Spur kommen möchte, der ist im Château d’Orion, dem Gäste- und Kulturhaus am Fuße der Pyrenäen, genau richtig. Wo könnte man besser über Wesentliches nachdenken als unter der alten Platane mit Blick auf Wiesen, Weiden und Wälder oder vereint um das prasselnde Lagerfeuer?

 

Menschen brauchen Berührungen, um zu gedeihen. Doch indem sie sich für andere öffnen, sind sie auch verwundbar. Berührung kann elektrisieren und wohltuend sein. Aber sie kann auch bedrohen, sie kann verwunden. Die Denkwoche mit Elisabeth von Thadden möchte in Texten der Philosophie und Soziologie, der Medizin, Geschichtswissenschaft und Literatur erkunden, was Nähe in unserer Gegenwart bedeutet und das Dilemma des spätmodernen Menschen beschreiben: Er sehnt sich nach Berührung und will doch vor Verletzungen geschützt sein. Dass ungewollte Berührung und Körperverletzung heute endlich geahndet werden, ist eine große Errungenschaft. Doch wo früher erzwungene Nähe war, droht heute die selbstbestimmte Einsamkeit, in der digitale Welten den direkten Kontakt ersetzen. Wie gehen wir mit diesem Dilemma um? Wie vermeiden wir einen Verlust der Nähe? Und wie kann die Selbstbestimmung über den eigenen Körper endlich für alle Wirklichkeit werden?

 

Referentin

Dr. Elisabeth von Thadden, geboren 1961, ist über Goethe, den revolutionären Herbst 1989 und die Ökologie in den Journalismus gelangt, und sie versucht, ob durch ihre Texte, in Seminaren per Büchern, die Frage lebendig zu halten, was der Mensch braucht: In der ZEIT verantwortet die promovierte Literaturwissenschaftlerin und Mutter zweier Kinder das Politische Buch, sie war für Lehraufträge und als Fellow in Witten/Herdecke und am Center for European Studies der Harvard University, sie gehört dem Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags an, und in Jena verbringt sie einen Monat im Jahr an der Friedrich-Schiller-Universität als Fellow am DFG-Kolleg „Postwachstumsgesellschaften“.

 

Wochenplan

Wochentag Tagesprogramm
Sonntag, 20. Oktober Anreisetag mit Abendprogramm: Begrüßung, Vorstellung der Équipe und Ausblick auf die anstehende Begegnungswoche, gemeinsames Dîner
Montag, 21. Oktober Antastbar
Wir erkunden, was Tastsinnforschung und Sexualwissenschaft heute über Lust und Leid durch Berührungen wissen: Menschen bedürfen des Hautkontakts, um sich sicher zu sein, dass sie existieren und keine Angst haben müssen. Der andere Mensch ist als lebendiges Gegenüber unersetzbar, ob in der Freundschaft, der Pflege, der Familie, beim Sex. Heute versteht man: die unfreiwillige Nähe und Berührung hat allzu lange die sexuellen Beziehungen bestimmt, zumeist auf Kosten der Frauen. Jetzt könnte endlich Freiwilligkeit und Selbstbestimmtheit einkehren. Gleichzeitig verlagert sich aber das sexuelle leben ins Netz (Texte von Martin Grunwald, Volkmar Sigusch).
Dienstag, 22. Oktober Unantastbar
Wir überlegen, wie die Menschenrechte heute die körperliche Unversehrheit schützen sollen und wie moderne Gesellschaften die Macht des Menschen einhegen, andere zu verletzen: Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts spricht es sich herum, dass man anderen Menschen keine Schmerzen zufügen sollte, und das historisch neue Mitgefühl mit einem jeden Menschen beginnt seinen Siegeszug. Gleichzeitig geht das Töten in Sklaverei, Krieg und Vernichtung stetig weiter, die Menschenrechte auf Unversehrtheit entstehen und zeigen sich immer mehr als kostbare Illusion (Texte von Lynn Hunt, Martha Nussbaum, Heinrich Opitz, Didier Fassin).
Mittwoch, 23. Oktober Komm mir nicht zu nah

Wir erkunden, wie die Soziologie erkennt, dass der Mensch räumlichen Abstand zum Nächsten braucht und wie so auch die Einsamkeit entsteht: Während die Wohnungsnot in den Städten um 1900 einen schrecklichen Höhepunkt erreicht, entdeckt in Berlin der Gelehrte Georg Simmel das Gefühl der leisen Aversion, das moderne Menschen dazu bringt, unbedingt Abstand zu wünschen, um selbstbestimmt leben zu können. Bis heute erreicht der Wohnraum pro Kopf einen historisch einmaligen Höchststand. Doch gleichzeitig wächst die Einsamkeit: in fast der Hälfte aller Haushalte lebt nur noch ein Mensch. Die leibliche Nähe wird selten. In der digitalen Sphäre aber wird nach Nähe gesucht. (Texte von Georg Simmel, Norbert Elias, Helmuth Plessner, Sherry Turkle).

Dieser vierte Tag der Denkwoche kann – je nach den Wünschen der Teilnehmenden – nur einen morgendlichen oder abendlichen Vortrag von Elisabeth von Thadden umfassen. Der Rest des Tages wäre so für einen Ausflug oder eine Wanderung frei.

Donnerstag, 24. Oktober Nichts berührt mich
Wir überlegen, was die moderne Literatur und die Medizin vom Schmerz und von der Angst zu versteinern verstehen. Besonders die psychosomatische Medizin begreift den Menschen als Beziehungswesen, das in Berührungen lebt, selbst im Schmerz. In der Folter hingegen erfährt er das totale Gegenteil der Lebendigkeit, und auch in anderen Erfahrungen von Gewalt versteinert der Mensch. Die Angst vor der seelischen Versteinerung, also davor, von nichts mehr berührt zu werden, durchzieht die moderne Literatur (Texte von Georg Büchner, John Green, Ingeborg Bachmann, Pink Floyd, Thomas Fuchs, Jean Améry).
Freitag, 25. Oktober Verletzbar heißt nahbar
Wir denken darüber nach, wie freiwillige Nähe eine Offenheit füreinander und die Welt schaffen kann. In der jüngsten Gegenwart mehren sich Stimmen und Kunstwerke, die sich für eine solche Offenheit des Menschen eintreten, als verletzbare Kreatur berührbar zu sein. In den Blick kommen so neue Formen der Freundschaft, der Menschrechtsidee, der Weltbeziehung. Zugleich aber ist die Frage nicht abzuweisen: Könne wir uns Verletzbarkeit leisten, wenn wir doch optimal funktionieren müssen?   (Texte von Philippe Pozzo die Borgo, Martha Nussbaum, Hartmut Rosa, Andreas Kruse)
Samstag, 26. Oktober Verabschiedung nach dem Frühstück
Frühstück täglich um 9h, Mittagessen um 13h, Abendessen um 19h30. Denkzeiten vormittags von 10:30h bis 12:30h, nachmittags von 15:00h bis 18:00h.

Änderungen je nach Wünschen der Gruppe vorbehalten.

 

Preis

Denkwochencode: 1219EVT

1.890€ im Einzelzimmer (1.680€ p.P. im Doppelzimmer) inklusive Vollpension und aller nicht-alkoholischen Getränke, Seminargebühr sowie 6 Übernachtungen im Château d‘Orion, Aquitanien, Frankreich. Alle Preise inkl. Mehrwertsteuer.

In Zusammenarbeit mit ZEIT Reisen.

Für Ihr Wohlbefinden fühlt sich die gesamte Équipe d’Orion zuständig. Sprechen Sie uns gerne schon vor Ihrer Buchung an!

Bergkette der Pyrenäen_Foto Daniel Berkmann Hausfront_Foto Janna-Marie Schwanemann (1) Salon_Foto Janna-Marie Schwanemann

Näher beschreibt eine eigene Seite den komfortablen wie stilvollen Aufenthalt und auf der Seite des Château d’Orion finden Sie Hinweise zur Anreise. Es ist leichter als gedacht.

[Zur Anmeldung…]